Bluray

IQ – Scrape Across The Sky (2017)

IQ - Scrape Across The Sky

IQ – Scrape Across The Sky
Label: Giant Electric Pea, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Neoprog

Der Schritt ist geschafft, die neuste Technologie wird genutzt. Obwohl es sich bei IQ um eine Band handelt, die Progressive Rock spielt, dauerte es bis 2017 für ihre erste Liveaufnahme als Bluray. Allerdings muss auch gesagt werden, dass ihr Neoprog an Konzerten weniger wegen fulminanten Showeffekten überzeugt, sondern dank dem tollen Songwriting und den Darbietungen der talentierten Musiker. Somit erwarten den Fan auf „Scrape Across The Sky“ ein visuell eher reduziertes Bild, dafür starke Lieder und auch Humor.

Die Gruppe aus Southampton arbeitet sich seit 1981 durch die Welt und verkauft Klangkonstruktionen, die vor allem aus Keyboardspuren und marschierenden Takten bestehen. Ihr melodischer Neoprog setzt auf Emotionen und düstere Atmosphäre – über allem der stilsichere und ausdrucksstarke Sänger Peter Nicholls. Seine Texte verleihen Momenten wie „The Road Of Bones“ eine eindringliche Note, und die Sichtung des Konzertes aus Holland ist dank seinen Einlagen auch in der Stube unterhaltsam. IQ setzen bei „Scrape Across The Sky“ auf eine Mischung aus neuen Liedern wie dem Kracher „Without Walls“, alten Epen wie „Awake And Nervous“ oder Lieblingen wie „Leap Of Faith“.

Die Livekonserve richtet sich darum nicht nur an Fans der ersten Stunde, sondern auch neue Freunde, die sich einen Überblick von IQ verschaffen wollen. Die Band zeigt hier nicht nur, wie sauber und genau sie spielen kann, sondern dass ihre Musik unverkennbar und unkaputtbar bleibt. Wer den typischen Kitsch des Neoprog mit Achtziger-Schräglage mag, der findet mit „Scrape Across The Sky“ eine wunderbare Beschäftigung für die langen Nächte vor dem TV. Nur schade, lässt der Schnitt zu wenige Blicke auf die Leinwände und Visuals erhaschen. Dafür erhält man bei „Ten Million Demons“ die Möglichkeit, Gitarrist Mike Holmes mit Engelsflügeln zu sehen. Ist doch auch was, oder?

Anspieltipps:
The Road Of Bones, Frequency, Without Walls

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

U2 – iNNOCENCE + eXPERIENCE – Live In Paris (2016)

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U2 – iNNOCENCE + eXPERIENCE – Live In Paris
Label: Universal, 2016
Format: Box mit Bluray, DVD, USB-Stick, Buch
Links: Discogs, Band
Genre: Stadion-Rock, Pop

Die Welt ist gespalten, die Meinungen gehen auseinander und die irische Band – welche schon immer polarisierte – teilte auf ihrer letzten Tour sogar eigenmächtig das Publikum und ihre Show. U2 nahmen vielen negativen Stimmen mit ihrer „iNNOCENCE + eXPERIENCE“-Weltreise bald die Worte aus dem Mund und liessen so manchen staunen: Denn was die vier Iren in Paris ablieferten war grosse Klasse und versetzte die Kunst der Arena-Shows in eine neue Dimension. Wie gewohnt mit starkem Bezug zum Weltgeschehen und vielen Hits, neu aber auch mit Konzept und rotem Faden, welche die Songs verbindet. Dank der kernigen Regie von Hamish Hamilton lässt sich der Abend nun immer wieder durchleben.

Fast wäre es nicht zu diesem Konzert in Frankreich gekommen, denn am eigentlichen Datum wurden in Paris mehrere Terroranschläge verübt und die Krisen, welche Europa auseinanderzureissen scheinen, waren nicht mehr nur ein Gedanke hinter Projektionen und Liedern. Doch U2 hielten ihr versprechen und brachten den Zirkus, die Hoffnung und die musikalische Liebe in die Stadt zurück. Topmodern, filigran und doch effektiver als jemals zuvor – mit einem riesigen, begehbaren Screen in der Hallenmitte, zwei verbundenen Bühnen und einer Show, die zuerst die Vergangenheit beschwor und somit die Zukunft gestaltete. Obwohl die Musik von ihrem neusten Album gegenüber den alten Hits viel an Qualität missen lässt, als Aufarbeitung von U2s Herkunft erhielten „Cedarwood Road“ oder „Raised By Wolves“ neue Energie.

Verknüpft mit Klassikern wie „Until The End Of The World“, „Bullet The Blues Sky“, „Pride“ oder „I Will Follow“ erschufen U2 eine Erzählung, welche politische Kritik, Rückbesinnung auf die eigene Herkunft, die Widersprüche des Rockstarlebens und zwischenmenschliche Liebe als Gesamtheit in der Rockmusik platziert. Bono versuchte nicht den Zuschauern seine Ideologie aufzuzwingen sondern zeigt, wie schön es hier auf der Welt doch sein könnte – wie wir alle zusammenhalten und uns gegen die inneren und äusseren Zwänge stellen müssen. „Love Over Fear“,  besonders in schwierigen Zeiten wie diesen.

Natürlich ist es einfacher, grosse Gedanken mit grosser Technik in die Welt zu tragen. Doch egal wie oft die Band durch den gewaltigen Bildschirm läuft, Lieder via Smartphone direkt in die ganze Welt übertragen werden oder Lichter die Halle und die Menschen in Farben und Schatten tauchen – die Begeisterung der Besucher, die Zugänglichkeit von U2, die emotionalen Bezüge zur aktuellen Weltlage machten aus „iNNOCENCE + eXPERIENCE“ mehr als nur eine Konzertreihe – es ist der Beweis, dass U2 weiterhin die Könige des Stadion-Rock sind. Schneidende Gitarren und kunstvolle Zitate, wunderschöne Animationen und drückende Bässe – Hoffnung, Geborgenheit, Euphorie. Und dann waren plötzlich noch die Eagles Of Death Metal da und trotzten der Gewalt und dem Hass, gemeinsam als Musiker, gemeinsam als Menschen. Wir alle.

Anspieltipps:
Cedarwood Road, Until The End Of The World, Bullet The Blue Sky, Zooropa

Roger Waters – Amused To Death (1992)

“Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben, und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Roger Waters – Amused To Death
Label: Columbia, 1992 / Remaster: Legacy Recordings, 2015
Format: CD und Bluray in Digipak
Links: Discogs, Künstler
Genre: Alternative Rock, Art-Rock

Pink Floyd war mir schon seit vielen Jahren ein Begriff, wirklich verfallen war ich aber vor allem der Musik von Bassist Roger Waters. Mit der Entdeckung seiner Soloalben musste ich zugeben: „The Wall“, „Animals“ und Konsorten gefallen mir besonders dank dem düsteren Unterton von Waters führender Hand. Mit „Amused To Death“ übertrumpfte er diese Alben in gewisser Weise sogar und erschuf eines der wichtigsten und intensivsten Konzeptalben der letzten Jahrzehnte. Das Thema des Konsums, Kapitalismus und Umgang mit Umwelt / Mitmenschen ist nicht nur gross, sondern auch -artig bewältigt. Bis heute spiele ich das Album voller Faszination ab und lasse mich in die düsteren Gedanken und zynischen Aussagen von Herrn Waters entführen.

Musikalisch gesehen ist das Album, etwas böse gesagt, nicht wirklich aufregend oder weltbewegend. Der kunstvolle Rock schmeisst zwar mit viel Effekt und Pathos um sich, wagt aber selten Sprünge in wirklich unbekannte Gewässer. Sicherlich, die Musik ist immer druckvoll und auch gerne mal temporeich, so pocht „What God Wants Part I“ freudig dahin, oder träumerisch sanft (wie „It’s A Miracle“). Wirkliche Intensität erhält sie aber erst mit den Einspielungen, dem Gesang und den Texten. „Amused To Death“ ist ein Album, das an seiner Gesamtwirkung gemessen wird und da nur gewinnt. Waters Texte pendeln zwischen Hasstiraden über unmenschliche Handlungen, Gewalt und Rassismus und geschickt verpacktem Sarkasmus. Bestes Beispiel hierzu ist das zweiteilige „Perfect Sense“: eine Meisterleistung in direkter Textdichtung und intensivem Sounddesign. Mit bildlichen Anleihen an „2001: A Space Odyssey“ und der Kritik am Wettrüsten schrieb Waters hier eine grossartige Zeile nach der anderen. „Can’t you see / It all makes perfect sense / Expressed in dollars and cents / Pounds shillings and pence“. Dazu werden Soundeffekte, Chorgesang und Orchester eingespielt. Es entsteht der Eindruck eines hymnischen Abgesangs auf unser Wirtschaftssystem. Auch bei „The Bravery Of Being Out Of Range“ geht es in dieser Art weiter, hier handelt der Text von der heutigen Weise, Krieg zu führen – weit weg und feige. Dazu passt es wunderbar, dass Schlagzeug und Gitarre lauter werden. Gegen Ende des Albums darf man sich wieder erholen und den interessanten Gedanken mit leiser Musikbegleitung lauschen. Die Platte ist nicht nur ein Auf und Ab der Emotionen, sondern auch der Lautstärke und Instrumentierung. Alle Register werden gezogen und schlussendlich gewinnt der Hörer.

Mit dem Abschluss „It’s A Miracle“ und „Amused To Death“ holt Waters noch einmal zu zwei Geniestreichen aus und walzt die Lieder in über acht Minuten platt. Allgemein, das Werk trägt mit über 70 Minuten dick auf, teilt die Lieder in mehrere Teile und nimmt immer wieder vorangegangene Themen auf. Dabei wird es aber nie langweilig oder überdrüssig, die Spannung kann gehalten werden. Somit ist diese Scheibe dank der kongenialen Verbindung aus Botschaft, Gefäss und Form eine Meisterleistung und wird für immer in meinem Herzen bleiben.

Die Neuauflage bietet nebst der tollen Neugestaltung des Covers und Booklets eine neue Abmischung. Und bevor jetzt alle Puristen aufschreien: Das Remaster / Mix lohnt sich. Die Spuren sind nicht nur klarer, sondern in gewissen Stellen besser aufgeteilt, entschlackt und voluminöser. Überflüssiger Backgroundgesang wurde entfernt, Samples ausgetauscht. Sehr positiv fällt die Verwendung des HAL-Samples in „Perfect Sense“ auf. Dieses war ursprünglich geplant, wurde aber von Kubrick nicht frei gegeben. Alles in allem somit eine gelungene und notwendige Wiederveröffentlichung, die dem Album hoffentlich endlich die verdiente Aufmerksamkeit bringt.

Anspieltipps:
Perfect Sense Part I + II, The Bravery Of Being Out Of Range, It’s A Miracle