Kapitän Platte

Monophona – Girls On Bikes Boys Who Sing (2017)

Band: Monophona
Album: Girls On Bikes Boys Who Sing
Genre: Trip Hop / Alternative Rock

Label/Vertrieb: Kapitän Platte
VÖ: 20. Oktober 2017
Webseite: monophona.com

Nein, der Titel steht hier nicht für verklärte Popmusik aus den Achtzigern, er steht für Empörung und Protest. Als Zeile im Song “Hospitals For Freedom” ist er, zusammen mit den restlichen Sätzen, eine erstaunlich direkte und zielgerichtete Aussage gegen den Krieg in Syrien. Wovor sich andere Bands wohl eher fürchten würden und die Wut in Metaphern verallgemeinern, dient beim Luxemburger Trio Monophona für Musikverstärkung und politische Neupositionierung. Zurück mit dem dritten Album “Girls On Bikes, Boys Who Sing” ist die Band nämlich düsterer und wütender als je zuvor.

Sängerin Claudine Muno bringt bei vielen Songs ihre Stimme an die Grenzen, schreit und verliert sich in der Verständnislosigkeit. Monophona weiten auf ihrem dritten Studioalbum den Klangkosmos zwar nicht direkt aus, stellen sich aber aktuellen politischen und humanitären Fragen und verlegen ihre Melodien noch weiter in die Dunkelheit. Schwere Beats, tiefe Bässe und einzelne Westerngitarren findet man immer noch zuhauf, auch legt das Trio seinen gewichtigen Trip Hop bei Stücken wie dem herzlichen “Lada” beiseite. Trotzdem, die grosse Wucht erfährt man bei Krachern wie “Tick Of A Clock” oder dem tanzbaren “I Will Be Wrong”. Und dieser starke Ausdruck steht der Band extrem gut.

Ob sich Monophona mit “Folsom Prison Blues” bei Johnny Cash bedienen und auch damit in den Untergrund steigen oder bei “Hospitals For Freedom”, wie eingangs erwähnt, die Brutalität der aktuellen Kriege verurteilen – eindringlich und treffend sind ihre Melodien und Hooks immer. Da tut es fast mehr als gut, wurde der letzte Song mit “We’ll Be Alright” betitelt, ist die Musik auf  “Girls On Bikes, Boys Who Sing” nämlich gerne tonnenschwer, aber nie ohne Schönheit. Zusammen mit solch talentierten und toleranten Künstlern gehen wir gerne weiter, auch wenn die Zeiten teilweise etwas ausweglos erscheinen.

Anspieltipps:
Tick Of A Clock, Lada, Hospitals For Freedom

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Husten – Husten (2017)

Husten – Husten
Label: Kapitän Platte, 2017
Format: Vinyl
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative Rock, Indie

Wenn der Kapitän sein Horn rufen lässt, dann kommen nicht nur Neugierige, sondern auch alte Bekannte. Gisbert zu Knyphausen war nämlich bereits auf einer Veröffentlichung des Bielefelder Vinyl-Labels Kapitän Platte vertreten, warum also nicht mit seinem neuen Projekt wieder da anlegen? Zusammen mit Moses Schneider schrieb er nämlich rumpelige und angenehme Lo-Fi-Stücke für einen Film, den es bis heute doch nicht gibt. Dafür Husten und ihre erste EP – ein Mittelweg, da man weder live auftreten noch ein gesamtes Album veröffentlichen wollte.

„Husten“ bietet somit fünf knackige Songs mit deutschen und wunderbar frechen Texten, gerne etwas krumm gespielte Gitarren und eine Attitüde, die irgendwo zwischen Indie, Alternative Punk oder Grunge-Rock fällt. „Liebe kaputt“ ist das auf keinen Fall, eher der Beginn einer neuen Romanze. Denn bereits mit „Bis einer heult“ starten die Musiker so unbefangen und frisch in die Scheibe, dass man die Lieder sofort für immer auf seiner neusten Freunde-Playlist festhält. Da passt auch wunderbar das tiefrote Vinyl dazu.

Und da nicht nur das Zuhören sondern auch das Musizieren selber so spassig ist, werden Husten im Mai 2018 bereits die zweite, und noch ein Jahr weiter dann die dritte EP veröffentlichen. Bis dahin singen wir ungehalten mit und halten uns in den Armen – denn selten waren Lieder unter drei Minuten so viel grösser als ihre Sekundenzahl.

Anspieltipps:
Bis einer heult, Diediediedie, Liebe kaputt

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Nihiling – Batteri (2017)

Nihiling – Batteri 
Label: Kapitän Platte, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Post-Rock

Als 2014 das selbstbetitelte Werk der Hamburger Band Nihiling erschien, war ich selber nicht komplett überzeugt. Zwar zeigten die Musikerinnen und Musiker, dass sie kreativ mit dem Post-Rock umzugehen wissen, manche Ideen konnten aber nicht formvollendet ausgeführt werden. Mit dem Nachfolger „Batteri“ steht uns nun aber endlich ein Album bevor, das die Band bestens von ihren beiden Seiten zeigt. Denn hier erhält man nicht nur neue und abenteuerliche Instrumental-Songs, sondern Grenzerfahrungen.

Die erste Seite von „Batteri“ lässt Nihiling mit mehrstimmigem Gesang, surrenden Synthies und effektvollen Melodien die unbekannten Gewässer erforschen. Klassischer Post-Rock kann man hier endlich komplett vergessen, vielmehr wagt die Gruppe ihre eigene Interpretation des Genres. Das wird sogar soweit getrieben, dass man bei Stücken wie „Lungs“ kratzenden Pop erhält. Und das ist wundervoll anzuhören, wie die klangliche Version einer sinnefordernden Bergwanderung. Sobald man „Batteri“ aber wendet, werden auch die bisher Abgestossenen wieder umgarnt.

Denn Nihiling brechen nicht komplett mit den ausufernden und stimmenlos gestalteten Gitarrenliedern – nein, Epen wie „Idiot“ holen den Post-Rock klirrend und vibrierend zurück. Cello und Klavier mischen sich unter die Muster und schnell werden damit nicht nur die Tapeten hinter dem Plattenspieler lebendig. Denn das vierte Studioalbum der Hamburger ist endlich der gewünschte Ausbruch, die Veränderung mit Kanten und die dröhnende Verpuppung. Mit einem wunderbaren DIY-Flair und perfekt für die nächtlichen Raubzüge im Kopf.

Anspieltipps:
Power Rangers, Lungs, Idiot

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Lingua Nada / Paan – Split (2017)

Lingua Nada / Paan – Split
Label: Kapitän Platte, 2017
Format: Vinyl
Links: Discogs, Lingua Nada, Paan
Genre: Experimental, Math-Rock, Noise, Punk

Kaum will man die Platte anschauen oder auflegen, purzelt einem ein handgemalter Flamingo entgegen. Das wunderbare Pink passt sich super der bunten Gestaltung dieser Split-LP aus dem Hause Kapitän Platte an. Und ist erstaunlicherweise eine perfekte Ergänzung zur Musik, offenbaren das Tier wie auch das Vinyl unter dem süsslichen Aussehen einen angriffigen Charakter. Hier gibt es von zwei Bands aus Leipzig Musik zwischen Lärm-Experimenten, Krach-Rock und Antihaltung.

Lingua Nada sind vor allem ungezügelt, laut und komplex. In kurzen Songs zerlegen sie den Indie-Rock des vergangenen Jahrhunderts mit tausenden von Verzerrungen und schneiden die Takte auseinander. Was in der elektronischen Musik seit längerem von Künstlern wie Amon Tobin oder Cristian Vogel gemacht wird, darf nun endlich auch punkig den Math-Rock explodieren lassen. Lieder wie „Franca“ oder „Nom Noms“ sind dabei genau so nervös wie belohnend. Aufdrehen, vor dem Mund schäumen und die Welt erzittern lassen.

Die zweite Seite der bespritzten Platte will nicht immer gleich von Höhepunkt zu Höhepunkt hetzen, Paan geniessen den Aufbau. Dagegen stellen sie keinen Gesang, sondern Geschrei – hier treffen Screamo und Post-Hardcore in engstem Raum aufeinander und schubsen sich gegen dreckige Stützen. Mit Melodien, die von chaotischen Gitarren gespielt werden und einem Schlagzeug, das auf der Überholspur lauert. Auch aus Leipzig stammend, halten sie Lingua Nada die Waage mit drei längeren Songs – und schaben einem das Trommelfell aus den Ohren.

Wer sich also nicht vor der Wildheit fürchtet, der kann sein Plattenregal mit einer rohen und schier nadelschmelzenden Scheibe erweitern. Wie gewohnt ist diese Veröffentlichung des Bielefelder Labels extrem liebevoll aufgemacht und wartet mit Inlay und Beilagen auf. Wer also das Gehör vor lauter Erregung verliert, der findet immer noch genügend Gründe, um die Scheibe mit den Augen zu geniessen.

Anspieltipps:
Lingua Nada – Franca, Lingua Nada – Nom Noms, Paan – Yamaha

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Monophona – The Spy (2012)

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Monophona – The Spy
Label: Kapitän Platte, 2016
Format: Doppel-Vinyl
Links: Discogs, Band
Genre: Electronica, Trip-Hop

Ein Spion sollte sich meist unauffällig und flink bewegen, seine Deckung nicht verlassen und sich nicht zu erkennen geben. Ein harter Job, der in der Freizeit wohl nach tiefen Momenten der Entspannung schreit – Monophona bieten mit ihrem Debüt-Album genau die richtige Musik dafür. Ursprünglich 2012 veröffentlicht, erhält die Scheibe dank dem Bielefelder Label Kapitän Platte nun ein neues Leben als vorzüglich verarbeitete und herzlich verpackte schwarze Scheibe. Und die Musik von „The Spy“ hat es eindeutig verdient, wieder angehört und verbreitet zu werden.

Monophona, das Trio aus Luxemburg, geht in seinen Songs unscheinbar vor und hat eine komplett eigene Art, Electronica mit Trip-Hop zu verbinden. Da fällt es auch nicht weiter ins Gewicht, dass die meisten Stücke dem gleichen Aufbau folgen – hier finden Liebe zur Ausarbeitung und kompositorisches Talent zusammen. Meist dominieren sanfte Beats, Melodien aus Synth und akustischer Gitarre und über allem der liebliche und verlockungsvolle Gesang von Claudine Muno. Downtempo für Geniesser und Entdecker, zwischen tiefen Bässen und aufregenden Takten.

Monophona lassen ihre Musik nie gehetzt wirken und denken alle Lieder vor der Vollendung genau durch. Dadurch ist „The Spy“ geschlossen und zu keinem Moment unnötig. Jeder Ton, jedes Wort und jedes Riff sitzt perfekt eingebettet im Nest der Electronica und ist perfekt produziert. Die Neuauflage kann sich mit akzentuiertem Klang und hübschem Siebdruck auf der vierten Seite brüsten – die Band mit verträumter und malerischer Musik. Zwar sind Monophona selten fröhlich, aber der Sound auf dieser Platte bietet viele Gründe zur Freude.

Anspieltipps:
Let Me Go, Unfold, Boy

The Low Frequency In Stereo – s/t & Travelling Ants Who Got Eaten By Moskus (2003, 2004)

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The Low Frequency In Stereo – s/t
The Low Frequency In Stereo – Travelling Ants Who Got Eaten By Moskus
Label: Rec90, 2003 / 2004 – Kapitän Platte, 2016 (Repress)
Format: Vinyl im Gatefold, mit Download
Links: Discogs (1), Discogs (2), Band
Genre: Post-Rock, Indie, Lo-Fi

Zu Beginn der Nullerjahre war es im Gebiet des instrumentalen Rock noch etwas einfacher, klare Akzente zu setzen. The Low Frequency In Stereo aus Norwegen wagten aber schon damals den Ansatz der Eigenbrötler und Querdenker – und erschufen mit dieser Einstellung zwei Alben, die auch 13 Jahre später immer noch genau so frisch und überzeugend wirken. Dank dem Vinyl-Label Kapitän Platte aus Bielefeld erhält man endlich die Gelegenheit, das Debüt und den Zweitling „Travelling Ants Who Got Eaten By Moskus“ als wundervoll gemachte Schallplatte zu hören.

Wer sich gerne in die schwelgerischen Welten des Post-Rock begibt, wird von The Low Frequency In Stereo überrascht sein. Die Gruppe hatte ihre Musik auf das Wesentliche reduziert und bewegt sich mit ihren Kompositionen im Bereich des Lo-Fi. Einzelne Gitarrenspuren, ein Schlagzeug, das auch mal scheppert, Staubkörner auf den Bändern – die Imperfektion darf walten und die Band klingt, als würde sie in deinem Wohnzimmer Ideen ausprobieren. Gerne erinnert die Gruppe dabei an Fugazi und ähnliches. Das lässt beide Alben locker und erfrischend erscheinen, die Formatzwänge typischer Post-Rock-Scheiben existieren hier nicht. Dank dieser Stimmung erklingen plötzlich Momente, die so Pate für viele andere Bands gestanden haben könnten. Man hört Amplifier oder sogar Leech heraus; besser gesagt suchten diese Bands wohl hier Inspiration.

„Travelling Ants Who Got Eaten By Moskus“ erweitert das Spektrum mit einzelnen Gesangseinlagen und lässt die Gitarren wie beim Surf-Rock schwingen. The Low Frequency In Stereo ändern die Formel aber nicht gewaltig, immer noch beschränken sie sich auf akzentuierte Melodien und Einfälle, die sich in wenigen Minuten prägnant entfalten dürfen. Ihre ersten beiden Alben sind somit nicht nur erfrischend, sondern auch kurz und immer wieder hörbar. Eine Eigenschaft, die man leider nicht vielen instrumental gehaltenen Rockplatten zuschreiben kann. „The Low Frequency In Stereo“ und „Travelling Ants …“ sind somit zwei Scheiben, die auch Feinschmeckern des handgemachten Indie und des reduzierten Weltenbaus gefallen werden.

Anspieltipps:
All In All, Atreides, Low Frequency
Man Don’t Walk, Element, Hazelwood

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The Hirsch Effekt – Holon: Anamnesis (2012)

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The Hirsch Effekt – Holon: Anamnesis
Label: Kapitän Platte, 2012
Format: Doppelvinyl im Gatefold
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Core, Metal, Indie

Um es gleich vorne weg zu nehmen: „Holon: Anamnesis“ ist ein Jahrhundertalbum – ein Konzeptwerk, das in beeindruckender Weise ein intelligentes Thema mit vielen musikalischen Stilen kombiniert und dabei nie sich selber überfordert. Eine unglaublich grosse Leistung, besonders wenn man genauer hinhört. Zwischen all den Stilwechseln, Genremutationen und akrobatischen Einlagen der Instrumente verbergen sich eine grosse Seele und noch viel mehr Schmerz. The Hirsch Effekt haben mit ihrem zweiten Album eine Platte in die Welt gestellt, die auch vier Jahre nach ihrem Erscheinen immer noch relevant und unerreicht ist. Da kommt die Neuauflage also gerade Recht, um weitere Beziehungen zu zerschlagen und melancholisches Glück über alle zu giessen.

Was das Trio aus Hannover hinter dem Namen der Erinnerung spielt, sucht seinesgleichen. Bereits mit dem ersten Lied „Anamnesis“ mischen die Musiker Gesang und Gitarre immer stärker in Orchesterklänge. Plötzlich kippt die Stimmung und erste Breaks holen den Hardcore hinein. Streicher machen dem knallharten Schlagzeug Platz, elegische Arrangements werden gnadenlos verprügelt. Über allem herrscht die Stimme von Nils Wittrock, der in beeindruckenden Sätzen eine Geschichte voller Angst und Zerbrechlichkeit erzählt. Das Scheitern der Liebe, verpackt in Zeilen wie „Vielleicht fehlt uns auch grad‘ der Mut für eine Lösung / an die noch keiner von uns glaubt“, „Wenn mein Kopf dann aufschlägt / Vielleicht bleibt dann noch Zeit / Irgendwie / In der Nacht zu baden“ oder „Wer sich jetzt noch umdreht ist selber schuld“. Eine simple Sprache, die in Verbindung mit der überbordenden Musik und repetitiver Behandlung eine Sogwirkung entfaltet und emotional alles verschlingt.

Dagegen wirken teilweise sogar die Abenteuerreisen der Strukturen klein, egal ob The Hirsch Effekt nun Math-Core, Prog und Indie ungerade und verkopft neu aufbauen. Bläser und Streicher mischen sich zwischen die Attacken, der Hörer wird komplett vereinnahmt. „Holon: Anamnesis“ reisst nicht nur stark mit, im eigentlich Kern ist das Album viel sanfter als man denkt. Sobald man den Blick hinter den Vorhang wagt, sieht man die Intimität. Wenn am Ende von „Datorie“ eine Sprachaufnahme das Album mit einer genialen Wendung beendet, läuft es einem kalt den Rücken hinunter und die Geschichte erhält eine neue Bedeutung.

Selten gab es in den letzten Jahren eine Platte, die im Bereich der harten und intelligenten Musikrichtungen so viel gewagt, erreicht und gewonnen hat. The Hirsch Effekt haben sich mit „Holon: Anamnesis“ selber übertroffen, verewigt und für alle Verfechter des Metal, Prog und Emo-Core eine Lieblingsplatte geschrieben. Sicherlich muss man die wilden Hüpfer zwischen dissonantem Riffgewitter mit Gebrüll und sanftem Chorgesang mit wohlklingenden Partituren erst einmal verdauen – wer sich aber darauf einlässt, erlebt eine der mitreissendsten Erfahrungen im Bereich der Musik.

Anspieltipps:
Absenz, Agitation, Ligaphob, Datorie

Kristofer Åström ‎– Mother (2015)

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Kristofer Åström ‎– Mother
Label: Kapitän Platte, 2015
Format: 7inch mit Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Singer-Songwriter, Cover

Wut ergibt sich oft aus Enttäuschung und Trauer, ein Wechsel zwischen den Gefühlen ist schneller passiert als gedacht. Von daher ist es nichts als logisch, dass auf der neusten 7inch von Kapitän Platte harte Lieder zu zerbrechlichen Geschöpfen werden. Kirstofer Åström nahm sich je ein Song von Danzig und Hüsker Dü vor und liess diese als eigene Werke neu entstehen. Der gestandene Musiker zaubert Erstaunliches herbei.

Seit 1998 ist der 41-jährige Schwede musikalisch aktiv und kann bereits über neun Alben und etliche zusätzliche EPs und Singles vorweisen. Ein geeigneter Kandidat für die Cover-Reihe also, auch wenn seine Auswahl dann doch überrascht. „Mother“ von Danzig, ein hartes Lied mit bitterem Text, „Hardly Getting Over It“, eine traurige Betrachtung. Wer sich auf fröhliche Unterhaltungsmusik freut, der ist auch bei den Neuinterpretationen am falschen Ort. Åström zimmert aus Danzigs Leisten ein Stück Musik, das traurig und verloren dasteht, trotzdem den Umständen mutig trotzt. Wunderschön wird zum sanften Gesang die Gitarre gezupft, im Hintergrund melden sich weitere Stimmen. „Hardly Getting Over It“ verleitet zu noch viel tieferen Seufzern, man will den nächstbesten Menschen, den man sieht, gleich in die Arme nehmen. Åströms Stimme zittert, die Gitarre versteckt sich im Schatten. Wie eine junge Plfanze sind die beiden Aufnahmen sanft und wecken den Beschützerinstinkt.

Genau so schön wie die Platte aufgemacht und verpackt ist, so klingen auch die beiden Werke. Kristofer Åström hat eine Stimmung geschaffen, die an Musiker der Revival Tour erinnert und das Gefühl der einsamen Holzhütte ganz unscheinbar aufleben lässt. Für Leute die gerne Platten im ruhigen Rahmen geniessen und sich auf dem warmen Sofa niederlassen, ist diese Scheibe unvermeidbar. Eine wunderbare Single von einem wunderbaren Label.

Anspieltipps:
Mother (Danzig), Hardly getting over it (Hüsker Dü)

We Stood Like Kings – USSR 1926 (2015)

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We Stood Like Kings – USSR 1926
Label: Kapitän Platte, 2015
Format: Doppelvinyl im Gatefold, mit Download
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Rock

Ach, früher war es halt doch einfacher auf dieser Welt. Die Filme zeigten nur Wahrheiten auf und das Leben war im sozialistischen System wunderbar geregelt. So zumindest will es uns auch heute noch der Stummfilm „A Sixth Part Of The World“ von Dziga Vertov weiss machen. Nicht nur führt er uns in die UdSSR der Zwanzigerjahre, nein – er verherrlicht auch die damals herrschenden Zustände. Trotzdem, es ist ein spannendes Zeitdokument, wenn leider auch tonlos. Um diesen Umstand zu beheben, haben sich We Stood Like Kings nach „Berlin 1927“ ein weiteres Mal an die Vertonung eines Stummfilms gemacht. Und dieses Mal hat alles perfekt geklappt.

Denn die Truppe aus Belgien versteht es, mit instrumentalem Rock Emotionen aufleben zu lassen und Szenen in den Köpfen der Hörer anzukurbeln. Was eigentlich als Begleitung gedacht ist, funktioniert auch als reines Audioerlebnis. Die Kälte der Tundra, die Stimmung in der UdSSR und die Atmosphäre des harten Lebens, alles scheint man zwischen den Melodien und Takten zu spüren. Die Instrumente übernehmen die Stellungen der Figuren, die Soundflächen die Kulissen. Erstaunlich, dass Musik, die eine Wirkung von hartem Leben ausstrahlt, gleichzeitig so leicht gespielt wird. Dank dem spielerischen Klavier erhält man eine neue Sichtweise auf den Post-Rock, ohne die Traditionen mit den Füssen zu treten. Die Gitarren setzen Akzente, bleiben aber angenehm im Hintergrund. Somit passt es auch, dass sich die Band auf diesem Album eher kurz hält. Die Lieder sind prägnant und selten ausufernd. Man findet weniger das totgehörte Aufbauen und Abschwellen, die Musiker setzen Wert auf Führung und Lichtpunkte. Songs mit Würze, gerne aber auch mit langen Melodienbögen und Gitarrenteppichen.

We Stood Like Kings haben sich auf „USSR 1926“ stark gesteigert und stehen als gereifte Band da. Orchestral und gekonnt gespielt, oft mit wunderbaren Auflösungen der Musik und abgeschlossenen Themen in den Stücken präsentiert. Ich mag die Platte viel besser als das Debüt, heben sich die Belgier doch nun noch stärker von dem Einheitsbrei im Post-Rock ab. Genau solche Platten vermisst man zu oft in dieser Stilrichtung, besonders so wundervoll gestaltete wie diese Edition von Kapitän Platte.

Anspieltipps:
Downfall, Are You A Master Too?, Samoyedes

Halma – Granular (2015)

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Halma – Granular
Label: Kapitän Platte, 2015
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Instrumental, Psychedelic

Sechs Alben und viele Jahre mehr hat es gebraucht, bis ich endlich auf die Gruppe Halma aus Hamburg aufmerksam wurde. Dank dem kleinen und feinen Label Kapitän Platte aus Bielefeld liegt mir nun das neuste Album „Granular“ der Band vor und besticht bereits beim Cover mit einer tiefen Ruhe und Erdverbundenheit. Ist es ein Meteorit in Herzform? Ein Steinbrocken oder nur ein Sandkorn? Der Titel gibt keine direkten Hinweise, doch genau so funktioniert auch die Musik: Fragen und Schubladen vergessen, Augen schliessen und eintauchen.

„Deep White“ eröffnet die Scheibe mit einem sanft groovenden und dahinrollenden Stück, gestreicheltes Schlagzeug, brummelnder Bass und akzentuierte Gitarren. Vielleicht ist man als Hörer zuerst über diese Gemächlichkeit verwundert und erwartet eine Steigerung bis zur Explosion. Schliesslich hat uns das etwas ausgeleierte Genre Post-Rock diese Abläufe für immer in den Kopf eingebrannt. Halma scheren sich aber nicht um solche Umstände und betrachten die instrumentale Musik aus einem komplett anderen Blickwinkel. Für sie dienen die Instrumente dazu, in Wiederholungen und scheinbar krummen Melodienläufen den Geist des Psychedelic aufleben zu lassen. Hanfkonsumenten würden hier jubeln, liegen aber bereits hypnotisiert in der Ecke. Denn genau dies macht „Granular“: Es nimmt gefangen, betört und lässt einen die Welt um sich herum vergessen. Vor dem geistigen Auge entstehen Bilder und Konstrukte wie Eisberge, das Sonnenlicht flimmert zwischen den Zacken und langsam fliesst das Schmelzwasser durch die Spalten. Wie in einem Film kreist man um diese Orte und Welten, fühlt sich dann plötzlich wie in einer leeren Halle und geniesst die Intimität mit der Band. Am meisten hat mich überrascht, wie einfach Halma diesen Zustand erreichen. Nie wird die Musik nervös, nie das Tempo erhöht. Doch alleine die kurz angeschlagenen Gitarren, die ihre Klänge dank vielen Effekten wiederholen und auseinander ziehen, offenbaren einen starken Sog.

Entschleunigung ist ein grosses und aktuelles Thema in unserer Gesellschaft, da kommt „Granular“ gerade recht. Das Erzeugnis aus Hamburg ist kein Stück Musik für gehetzte Menschen, die nie stillsitzen können. Wer sich aber für 40 Minuten vom Alltag verabschieden und wieder einmal nur geniessen will, der muss sich dieses Album von Halma anhören. Fantastische, instrumentale Mantras mit grosser Wirkung, von einer Band, die bekannter werden muss.

Anspieltipps:
Deep White, Riverbed, Dirt Devils