Rap

Oppressed by Privilege / Privileged by Oppression – Oppressed by Privilege Privileged by Oppression (2018)

„I’m So F*cking Privileged / It Makes Me Wanna Cry“. Als in der Schweiz lebende Person gerät man schnell in einen moralischen Zwist. Wie weit geht die eigene Verantwortung bezüglich unserem Besitz und Wohlstand? Was dürfen wir uns erlauben, was sollen wir in diesen Umständen verbessern? Daniela Brugger und Vera Bruggmann haben zu diesem Thema ein Kunstprojekt gestartet, dass aus 16 Künstlerinnen und Künstler zwei Bands geformt und anhand eingereichter Texte zu den Namen Oppressed by Privilege und Privileged by Oppression Lieder komponiert hat. Jetzt gibt es diese sechs Songs als Platte zu kaufen.

Die Musik auf „Oppressed by Privilege Privileged by Oppression“ klingt dabei genau so divers, wie es bei einer solchen grossen Anzahl von Mitwirkenden zu erwarten war. Oppressed by Privilege bieten psychedelisch angehauchten Alternative Rock, Sprechgesang und einen deutschen Text, Privileged by Oppression tauchen fast in den Post-Punk und nehmen danach in Mundart den Rap auseinander. Alles zu einem grossen Ganzen zu formen ist hier nicht immer einfach, aber diese Musik soll auch gar nicht allen gefallen. Diese Kunst ist ein Angriff auf unser Verhalten im neoliberalen Kapitalismus und regt zu Diskussionen an.

Irgendwo zwischen der nachdenklichen Jugend von I Made You A Tape und einem dystopischen Auftritt im Club von nebenan ist die Musik von  Oppressed by Privilege und Privileged by Oppression ein grosses Experiment, dass sich als geschlossener Kreislauf präsentiert und erstaunlich kohärent als Platte funktioniert. Ob man sich danach im Leben anders positioniert, das ist aber jedem selber überlassen. Live gibt es dieses Projekt am Freitag 16. Februar 2018 in der Kunsthalle Basel zu geniessen, inklusive Plattentaufe.

Anspieltipps:
Chicken Shop, Elite, Kei Gäld kei Wält

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Ghostpoet – Dark Days + Canapés (2017)

Ghostpoet – Dark Days + Canapés
Label: PIAS, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Trip Hop, Electronica, Alternative

Manche Nächte zerfliessen nach ein paar Stunden, wie das Schriftbild auf dem Cover des neusten Albums von Ghostpoet. Der britische Künstler begleitet auf seinem vierten Werk „Dark Days + Canapés“ nämlich blaue und schwarze Stunden zugleich und fängt das schwebende und losgelöste Gefühl dieser Momente perfekt ein. Die musikalische Mischung aus Rap, Trip Hop und alternativem Rock gibt sich dazu aufregend und zurückhaltend zugleich, die Texte sind persönliche und emotionale Überlegungen und soziale Anprangerungen. Ein typisches Produkt aus dem modernen England also.

Da passt es auch mehr als gut, holt sich Obaro Ejimiwe Unterstützung von weiteren Namen wie Daddy G, bekannt durch seine Arbeit bei Massive Attack. „Woe Is Meee“ ist mit seiner Blues-Note und den schwingenden Gitarren auch gleich eines der grossen Highlights auf „Dark Days + Canapés“ – und erinnert perfekt an die nächtliche Stimmung von David Lynchs Kunst. Allgemein erreicht Ghostpoet mit vielen seiner Songs eine Stimmung, die klar den Beton durchzogenen Strassen Londoner Vororte zuzuordnen ist. „(We’re) Dominoes“ hadert mit diesen Zuständen, gleitet dabei leicht in die Welt eines Jamie XX.

Spannend bei Ghostpoet ist zu hören, wie sich gesprochene Texte, sanfte Beats und Rockbesetzung gegenseitig stützen und die Musik sich dadurch vielen Vorurteilen gleich entzieht. „Dark Days + Canapés“ findet damit Freunde bei Hip Hopper, düsteren Indie-Grübler und vor allem Tricky-Fans. „Freakshow“ könnte von diesem stammen, strahlt auch etwa die gleiche Melancholie und Sexiness aus. Ein Album voller Geschichte die erzählt werden mussten, verpackt in Musik, die geheimnisvoll packt.

Anspieltipps:
Many Moods At Midnight, Freakshow, Woe Is Meee

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The One Hundred – Chaos & Bliss (2017)

The One Hundred – Chaos & Bliss
Label: Spinefarm Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Crossover, Metal, Rap

Wenn schon ältere Recken wie Body Count noch einmal die Fahne des Crossover hochhalten dürfen, dann erst Recht die neue Generation. Bei dem ersten Album von The One Hundred geht es aber nicht um dreckig gespielten Metal mit bissig gebellten Texten eines Rappers, sondern um die moderne Kombination von Metal, Grime, Electro und Rap. „Chaos & Bliss“ macht darum auch gleich mit seinem Namen klar, hier kämpfen schier unzählige Komponenten um die Vorherrschaft – glücklicherweise versinken die Songs dabei aber nicht im undifferenzierten Brei.

Vielmehr wird hier die moderne Technik in der Produktion perfekt ausgelotet, glasklare Beats umringen zornige Gitarren und freche Synthie-Spuren – alles kumuliert sich zu einem lauten und immer mit Spannung geladenen Album. The One Hundred haben nach ihrer ersten EP den Sound etwas entgrümpelt, die Lieder wie „Monster“ oder „Hand Of Science“ schielen sogar in Richtung Pop und präsentieren Mitsing-Refrains. Allgemein, verloren wirkt an der Musik auf „Chaos & Bliss“ selten etwas, trotz Blasts und Hardcore-Einsprengsel, vielmehr gleicht sich dies durch eine kleine Prise R&B und Dance aus.

Natürlich, dieser etwas zu sexuell aufgeladene Gesang wie in „Boomtown“ und die manchmal doch etwas zu breit gestreute Mischung machen es The One Hundred etwas schwieriger, als sie es eigentlich hätten. Obwohl das Album immer laut knallt und manchmal sogar etwas übermutig neue Mixturen für ein verstaubtes Genre erfindet, werden für viele genau diese Klangerweiterung auch der Grund sein, wieso man die Platte doch wieder weglegt. Dass einem nach dem Genuss des extrem energetischen „Chaos & Bliss“ aber die Mundecken nach oben gleiten und man plötzlich auch wieder auf Rage Against The Machine Lust kriegt, dass ist ja auch nicht zu verachten.

Anspieltipps:
Monster, Hand Of Science, Chaos & Bliss

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

24Dias – Planet Paradise (2017)

24Dias - Planet Paradise

24Dias – Planet Paradise 
Label: Eigenveröffentlichung, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Rap

„I ha en Cheque vo de Bank aber no kei Money / Tusigernote hani / Falte Origami / Payday sali!“ Genau solche, mit viel Herzblut intonierte und sich spitzbübisch reimende Sätze machen die erste Veröffentlichung von 24Dias aus. Benji Häberli, der junge Künstler aus Zofingen, weiss genau, dass er damit alle harten Herze für sich gewinnt. Eine Woche nach dem Erscheinen von „Planet Paradise“ – und ein paar Tage mehr seit dem Kometeneinschlag beim Cypher von SRF Virus – ist es nun allen klar: An diesem Talent kommt keiner vorbei, die Worte stapeln sich einfach zu hoch in der Gegend.

24Dias hat sich, wie schon vor dem Start dieses neuen Projektes, dem Rap verschworen. Clever mischt er dabei die Gangster-Attitüde mit dem Alltagsleben einer Kleinstadt in der sauberen Schweiz. Wobei, clean sind hier wohl nur die Nasenlöcher vor dem Koksen. Wie Benji in seinen wunderbar fliessenden Texten aufdeckt, sind wir doch alle die gleichen Verbrecher. Wenn auch die einen ihre Taten mit viel Geld und Scheinheiligkeit tarnen – aber auf „Planet Paradise“ geht es um dich und ihn. Dazu werden Sätze herausgepresst, es wird geknurrt und verschmitzt gelacht. Und welcher Rapper in der Schweiz webt schon Begriffe wie Ratrac über einen fetten Beat? Eben.

Lieder wie „Ground Zero“ oder „Money Bars“ sind stark produziert und locken mit voluminösem Sound, tollen Melodien und passenden Samples. Und im Gegensatz zu all diesen Möchtegernpropheten im Schweizer Hip-Hop gibt es hier Spass und viele Freude über Wortspiele und schnittige Flows. Mit „Garden Eden“ erhält die EP sogar einen Ruhepol zwischen den tighten Angriffen – doch ganz tröstet dies nicht darüber hinweg, dass nach vier Tracks bereits alles wieder vorbei ist. Egal, Life’s A Bitch And Then You Die!

Anspieltipps:
Ondergang, Ground Zero, Money Bars

King MCH, effelav & Saruco – Hous der ond fegg di (H.D.O.F.D.) (2016)

King MCH - Hous der ond fegg di

King MCH, effelav & Saruco – Hous der ond fegg di (H.D.O.F.D.)
Label: iGroove, 2016
Format: Download
Links: Facebook, King MCH
Genre: Rap, Hip Hop

„Eusi Gsellschaft zerstört so mänge Buebetroum – well alles langsam aber sicher usem Rueder louft.“ Das neuste Album von Marc Hofer, der auch hier wieder unter seinem Pseudonym King MCH zuerst die Gassen von Zofingen und danach die ganze Welt beschreitet, ist ehrlich und direkt. „Hous der ond fegg di“ lässt schon mit seinem Titel klare Worte gelten – hier geht es nicht um die typischen Rap-Klischees und grossgekotztes Gehabe. Das direkte Leben und die persönlichen Empfindungen stehen an erster Stelle und machen aus diesem Hip-Hop-Werk aus dem Aargau ein Meisterstück.

Zusammen mit effeLAV und Saruco hat uns King MCH eine Scheibe vor die Füsse gepfeffert, die auch seltene Geniesser des Rap nach ein paar Durchgängen plötzlich in den Schlund ziehen. Wer mitdenkt, findet sich plötzlich in einer neuen Welt wieder, verspürt dank einzelnen Zeilen Gänsehaut und will mit King MCH für seine Aussagen trinken gehen. Wir leben in der Schweiz nicht in einem schlechten Gebiet, trotzdem zerstört uns die Geldgier der Konzerne und Politiker sukzessive die Moral und Lebensgrundlagen. Aber sich damit abfinden geht nicht. Conscious Rap direkt aus deiner Heimat, „HDOFD“ äussert natürliche Bedürfnisse und Ängste.

Was zuerst noch ohne grossen Zusammenhang scheint, wird von King MCH und seinen Freunden auf „HDOFD“ immer stärker zu einem undurchdringlichen Netz gedichtet. Wir sind Menschen mit Bedürfnissen – pack deine scheiss Arroganz weg. Mit dem Titeltrack folgt der resignierte Abschluss: Gib bloss nicht diesen Texten die Schuld für deine Misere, den Jungs hier ist egal was du tust. Alle konsumieren und vernichten somit die anderen – da will auch King MCH nicht dafür gerade stehen. Hous der ond fegg di! Es ist nicht einfach – aber simpel ist diese Aussage: Wenn du ein Schweizer Rap-Album in diesem Jahr brauchst, dann dieses!

Anspieltipps:
Schwarze Schnee, Nacht & Näbel, Stärnestroub, Hous der ond fegg di!

Live: Open Air Basel, Kaserne Basel, 16-08-12-13

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Open Air Basel
Freitag 12. August 2016
Battles, The Cinematic Orchestra, Serafyn
Samstag 13. August 2016
Beginner, Talib Kweli, The Benjamin Keys Show
Kasernenplatz, Basel

Der Aargau trinkt sich durch das Heitere Open Air, in Zürich ravt man durch die Strassen und Bern feiert die Strassenmusik. Basel hingegen beweist einen Sinn für guten Geschmack und zeigt während zwei Tagen auf dem Kasernenplatz spannende Bands und Momente voller Glück. Das Basel Open Air blieb auch 2016 ein Fest in kleinem Rahmen und mit viel Stil, dieses Jahr thematisch in Rock und Hip-Hop aufgeteilt. Und wer auch ohne live gespielte Lieder auskommt, der konnte sich am Nachmittag am kostenlosen NomiDance in die Freiheit tanzen.

Wobei am Freitag zu den späteren Stunden die geraden Tanzschritte verunmöglicht wurden. Direkt aus New York eingeflogen boten Battles eine Erleuchtung im Bereich der musikalischen Neuerfindung. Als Trio veränderten sie nicht nur die Klänge ihrer Instrumente bis zur Unkenntlichkeit, sondern fusionierten Art-Rock, Jazz, Pop und experimentelle Electronica zu einer neuen Art von Musik. Komplex, faszinierend und neuartig – ein perfekter Abschluss für den ersten Abend. The Cinematic Orchestra gingen zuvor nicht ganz so weit, begeisterten aber mit wunderbar durcharrangiertem Jazz – gefühlvoll und unaufgeregt.

Der Start in die Konzertnächte gehörte an beiden Abenden einer Gruppe aus Basel – freitags betörten Serafyn mit drei weiblichen Stimmen, Cellos und harmonischem Folk-Pop. Und samstags wurde der Rap mit Soul, Funk und Blues aufgelockert. The Benjamin Keys Show füllten den eher spärlich besuchten Platz mit vielen guten Einfällen. Doch lange blieb es nicht leer, denn als Talib Kweli seine intensiven Sprechattacken über die Kaserne schallen liess, fand man vor der Bühne eine begeisterte Masse. Conscious Rap aus den Staaten, voller Angriffslust und gesampelter Wucht.

Die wahre Party stieg danach aber bei Beginner – der legendären Rapkombo aus Hamburg, welche sich in Basel mit Jan Delay zeigte. Ihre Zeilen wurden von hunderten von Besuchern mitgesungen, ihre Beats trafen punktgenau die Magengrube. Mit einer visuell beeindruckenden Show erhellten sie die Nacht und beendeten das diesjährige Basel Open Air mehr als gelungen. Schön, dass man zwischen den grossen Massenveranstaltungen weiterhin kleine Oasen voller hochkarätiger Musik finden kann.

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Spectateur – Yateveo (2016)

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Spectateur – Yateveo
Label: The French Touch Connection, 2016
Format: Download
Links: FacebookBandcamp
Genre: Hip-Hop, Beats, Electronica

Schon fast lakonisch kündigt das Label The French Touch Connection die neuste Scheibe vom französischen Beat-Bastler Spectateur an: Elf Stücke, davon neun instrumental gehalten und zwei mit Rap. Dabei lauert hinter „Yateveo“ doch so viel mehr als nur diese einschränkenden Prinzipien des Hip-Hop und der Beats. Natürlich geht es hier vordergründig um die Beats, um den Eindruck und die krass verschränkten Arme. Doch Spectateur ist auch ein Verfechter der Melodien und Synths – eine tolle Mischung.

„Hip Hop / It’s Bigger Than You And I“, darum umgibt sich der Musiker aus Angers gerne mit Freunden und Gleichgesinnten. Bei Tracks wie „GMOS“ lässt er seine Klänge dazu gerne etwas in den Hintergrund treten, die Beats bleiben reduziert. Aber auch da kann es der Künstler nicht lassen und lässt immer wieder Synthspuren und Keyboardlaute zwischen die Sätze tropfen. „Yateveo“ ist ein netter Wolf im Schafspelz, besonders dann, wenn sich die Musik alleine austoben darf. Wer dann reine Beats erwartet wird entführt, denn plötzlich gaukelt einem die Platte Trip-Hop und Electronica vor. Man sitz nickend auf dem Sofa und gönnt sich ein Drink zu „Sorry“, besucht den Tron-Club mit Daft Punk mit „Skylus“ und lebt die multikulturellen Aspekte Frankreichs bei „Bipolar Every Days“. Denn die Klänge aus den Computern und Drum-Machines wirken nie wie Roboter, sondern wie nette Leute und lebensfrohe Gestalten. Wenn sich die Takte beim Intervalltraining duellieren, hört man entzückt zu und geniesst die ruhigen sowie die heftigen Momente ohne Gehetze.

Spectateur hat hier Klangwelten geschaffen, die zwar aus einem Genre mit fetten Autos und noch fetteren Wörtern stammen, in ihrer Reinheit aber umso stärker strahlen können. Seine Tracks sind immer spannend und man ist froh, dass die Melodien und Beats nicht durch Sprechgesang verdeckt werden. Für alle, die also wieder einmal mit verschränkten Armen im Wohnzimmer wippen und dabei doch die elektronischen Spielereien grinsend verfolgen möchten, „Yateveo“ ist ein wunderbar passendes Album.

Anspieltipps:
GMOS, Bipolar Every Days, Skylus

Jovanotti – Il Quinto Mondo (2002)

“Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben, und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Jovanotti – Lorenzo 2002* Il Quinto Mondo
Label: Soleluna, Mercury, Universal, 2002
Format: CD in Schuber
Links: Discogs, Künstler
Genre: Pop, Rock, Funk, Rap

Alles beginnt mit Flöten und einer handvoll Streicher. Man fühlt sich wie beim Betreten einer Märchenwelt, doch dann eine Gitarre, ein Rhythmus und der Gesang von Jovanotti: Willkommen in der fünften Welt und einem Album voller Erinnerungen, unzähligen Glücksmomenten und einer schier unendlichen Laufzeit. „Il Quinto Mondo“ begleitet mich seit der Schulzeit und ist bis heute eines meiner liebsten Alben. Interessant, dass ich es erst 13 Jahre nach dem Erstkontakt meiner Sammlung hinzugefügt habe. Aber für was sind Reisen nach Italien sonst da?

Der Musiker und Künstler Lorenzo Cherubini besitzt in Italien Kultstatus und veröffentlich seit 1988 Musik in diversen Formen. Egal ob wilder Rock, eingängiger Pop, funkiger Rap oder Singer-Songwriter, kein Stil ist dem Mann fremd. Wie ein Chamäleon passt er sich der Umgebung an und formt seine Stücke den Genreregeln passend. Auch „Il Quinto Mondo“ ist ein funkelnder Diamant mit vielen Seiten. In den 14 Liedern packt Jova so viele Einfälle und Geschehnisse rein, dass man auch nach knapp 80 Minuten Laufzeit immer noch nicht genug hat. Wo andere Bands bereits an der Halbstundengrenze scheitern, da lacht sich der Italiener nur ins Fäustchen und wirft dem Hörer vor Albumschluss noch einen fast 15 Minuten langen Rap vor die Füsse. Aber es funktioniert, denn obwohl ich die Sprache praktisch nicht verstehe, versprüht sein Sprechgesang eine Faszination und einen grossen Reiz. Die Texte behandeln wichtige Themen wie Gleichberechtigung, Globalisierung, Menschenrechte und Politik. Natürlich erhält auch die Liebe ihre Plattform, verfällt aber nie in billige Klischees. Es lohnt sich also, Übersetzungen der Texte zu lesen oder gleich die Sprache zu lernen. Jovanotti macht sich viele Gedanken um die Welt und unser Tun darin, genau so viel Energie steckt er auch in die Musik. Was hier alles an Melodie und Verspieltheit zu hören ist sucht Seinesgleichen. Unzählige Instrumente kommen zum Einsatz, die Lieder verfallen immer wieder in Instrumentalpassagen und der Gesang wechselt zu Rap und zurück. Klavierakkorde verdrängen Streicher, Trompeten überfallen Gitarren und das Schlagzeug begleitet das Banjo. Kein Wunder, waren neun weitere Musiker an der Entstehung des Albums beteiligt und liessen die Fantasien von Jova Realität werden.

2002 lernte ich Jovanotti mit „Il Quinto Mondo“ in der Schule kennen, vertiefte meine Liebe zur Platte dank meiner Mutter und traf immer wieder mal auf einzelne Lieder dieses grossartigen Werkes. Und jetzt endlich steht die CD auch in meinem Regal und läuft seit einer Woche praktisch jeden Tag. Abnutzung gleich Null, Genie von Jova unmessbar. Wer sich schon immer mal mit der italienischen Musikszene oder Herr Cherubini beschäftigen wollte, der muss hier zugreifen. Eine perfekte Scheibe für eine nicht so perfekte Welt.

Anspieltipps:
Un Uomo, Albero Di Mele, Date Al Diavoto Un Bimbo Per Cena

Stromae – Racine Carrée (2013)

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Stromae – Racine Carrée
Label: Mercury, 2013
Format: CD
Links: Discogs, Musiker
Genre: Pop, Rap, Electro

Wie schnell man sich durch Halbwissen oder Vorurteile komplett täuschen kann. Das passiert leider ab und zu auch bei der Musik, aber umso erstaunter und glücklicher ist man nach der Belehrung. Bei Stromae ist mir dies so passiert, kannte ich von ihm nur den Hit „Alors On Danse“ aus dem Radioprogramm. Und da sich meine Französischkenntnisse aufs Minimum beschränken, konnte ich den Text nicht nachvollziehen und hielt das Lied für eine billige Popnummer. Dank Hinweisen von Freunden und dem Genuss eines Konzertes kaufte ich mir sein zweites Album, eine sehr weise Entscheidung.

„Racine Carrée“ klingt auch den ersten und flüchtigen Blick wie ein Dance und Party Album. Gleich von Beginn an pumpt der Beat und die Lieder animieren zur Bewegung. Billige Wiederholungen und simple Strukturen sucht man aber vergebens, denn Stromae weiss, wie man Musik aus Synths und Pattern interessant gestaltet. Die Rhythmen stolpern, die Keyboards knarren und nichts ist wirklich vorhersehbar. Bereits beim ersten Stück „Ta Fête“ übt die Musik einen unwiderstehlichen Reiz aus, man will es auf Repeat hören. In diesem Stil geht es dann auch weiter, wobei manche Lieder einen ruhigeren Ton anschlagen. Passend dazu sind die Texte von Stromae keine sinnfreie Aneinanderreihungen von Floskeln und gut klingenden Worten. Was dem Pop oft das Genick bricht, macht dieses Werk erst interessant. Paul Van Haver, wie der Künstler gebürtig heisst, mischt seinem Französisch viel Slang seiner Belgischen Abstammung bei und macht es darum nicht einfach, die kompletten Botschaften zu verstehen. Sein grösster Verdienst ist aber die Kombination der nachdenklichen und ernsten Momentaufnahmen mit der lockeren Musik. So erzählt er von dem Verlust seines Vaters, den sozialen Problemen im Land und den schwierigen Momenten zwischen den Geschlechtern. Dank seinem markanten Sprechgesang wird aus dem Stil ein fetziger Hip-Hop, der immer durch Melodien bestimmt wird. Stromae ist somit geglückt, untypische und ernste Themen in leichter Verpackung einer grossen Masse zugänglich zu machen. Natürlich gibt sich nicht jeder der Botschaft hin, aber das Album hat sich somit einen wichtigen Platz in der Popkultur erarbeitet.

„Racine Carée“ ist eine Platte mit vielen Ebenen. Ob man nur tanzen will und die Musik geniessen, oder sich mit den Texten beschäftigen und Gedanken zur Welt anstellen, Stromae bietet auf dem Album mehrere Wege, von denen keiner falsch ist. In Verbindung mit dem Musikvideos und den fulminanten Liveshows hat der Künstler ein beeindruckendes Werk erschaffen. Also los, ab hinter die Wörterbücher.

Anspieltipps:
Ta Fête, Formidable, Sommeil

24 Dias – Ondergang

24Dias – Ondergang (Planet Paradise #1)

24Dias ist ein neues Projekt aus dem Aargau. Zofingen, die Kleinstadt mit grossem Ego, bot schon immer fruchtbaren Boden für musikalische Einfälle. Egal ob Indie, Metal oder Hip-Hop, viele gute Lieder und Alben wurden hier geschrieben und aufgenommen. Diese Liste lässt sich nun ergänzen, denn der Rap erobert Kleinstadt zurück. In der Reihe „Planet Paradise“ wurde nun der erste Song dieser Neugründung veröffentlicht, mit tollem Video.

Benji Häberli rappt sich dabei durch mehrere Lokalitäten und wird von einem beschwingten Beat begleitet. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Aufnahmen, empfinde ich die Musik hier als sanfter und melodiöser. Sprechgeschwindigkeit, Wortwahl, Rhymes, Produktion und Aufnahme spricht alles von grossem Talent. Noch lässt sich nicht viel über 24Dias schreiben, aber „Ondergang“ lässt doch auf eine interessante und angriffige Zukunft hoffen. Bleibt dabei, und lässt euch nichts sagen.

Weitere Infos findet ihr auf Facebook.