Heavy Metal

Bruce Dickinson – What Does This Button Do? (2018)

Was für ein Tausendsassa der werte Herr Bruce Dickinson doch ist! Er hat als ausdrucksstarker Sänger nicht nur die Heavy-Metal-Band Iron Maiden zu einem Luxusdampfer der harten Rockmusik gemacht und mehrere Soloalben veröffentlicht, nein er ist auch Pilot, Autor, Moderator und ehemaliger Weltklassefechter. Ein Leben, das für ein Buch wie gemacht ist und oft sogar ein wenig erfunden klingt. In „What Does This Button Do?“ nimmt sich der Engländer der Aufgabe des Erzählens auch gleich selbst an und präsentiert seine Autobiografie, die weit über das gewohnte Schema eines Buches über Musiker hinausgeht.

Das zeigt sich nämlich nicht nur um flotten und kumpelhaften Umgangston und der lockeren Schreibform, sondern auch beim Fokus des Inhalts. Das repetitive Leben zwischen Albumproduktion, Konzertreise und kurzen Erholungspausen wird meist in kurzen Sätzen und wenigen Abschnitten zusammengefasst. Sicher, auch Bruce Dickinson hat einige abstruse und leicht skandalöse Geschichten auf Lager und schämt sich auch nicht, diese hier Schwarz auf Weiss zu offenbaren. Schön dabei ist aber, dass diesen Eskapaden weder viel Gewicht gegeben, noch seine eigene Naivität und Dummheit ausgespart wird. Dieses Buch dient niemals dazu, andere Leute schlecht zu machen und alte Fehden wieder aufleben zu lassen.

Viel spannender wird „What Does This Button Do?“ immer dann, wenn sich die Erzählung weg vom typischen Metal-Alltag hin zu Dickinsons anderen Leidenschaften wendet. Sei es sein jahrelanger Versuch, einen Film über Aleister Crowley auf die Beine zu stellen, seine nicht ganz ernst gemeinten Übungen Romane zu schreiben oder die haarsträubenden Vorfälle in seiner Pilotenkarriere – alles wird leicht verständlich und mit genügend Selbstironie angegangen. Diese Autobiografie ist immerzu unterhaltsam und positiv, sogar die schwere Zeit der Krebserkrankung löscht den Optimismus nicht aus dem Mann und dem Buch. Nur sein persönliches Privatleben bleibt für grosse Teile im Dunkeln – was so ganz gut passt.

„What Does This Button Do?“ ist nämlich keine Glorifizierung und Erklärung der Person Bruce Dickinson, sondern seiner Taten und Errungenschaften. Man muss sich mit dem Autor nicht über Politik streiten, keine seitenlange Sinnierungen über einzelne Tonlagen und Gitarrenriffs ertragen, man wird alleine zum Staunen eingeladen. Und dies passt eigentlich perfekt zu der Bühnenfigur Dickinson, die man seit vielen Jahren zwischen riesigem Eddie und gewaltigen Songs kennt. Ein Buch, das also nicht nur Iron Maiden Fans unterhalten wird.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Ghost, Volkshaus Zürich, 17-04-18

Ghost
Support: Zombi
Dienstag 18. April 2017
Volkshaus, Zürich

Es nahm mich schon immer wunder, wie die Musik und das Auftreten von Alice Cooper und ähnlichen Bands damals gewirkt haben müssen. Für mich war diese Art von Songs nie sonderlich spannend und die Schockeffekte verloren sich in der heutigen, extremen Zeit. Eine ziemlich logische, wenn leider auch nicht durchwegs überzeugende Antwort auf diese Überlegungen lieferte das Konzert einer schwedischen Melodic Hard Rock Gruppe im Volkshaus in Zürich. Und die Schatten der Truppe warfen sich weit vorraus, bereits beim Anstehen musste man Schneefall und christliche Plakate überstehen. Erzürnte sich hier ein gewisser Gott aufgrund von Ghost?

Schwer vorstellbar – denn obwohl die Band in ihren düsteren Verkleidungen während dem Auftritt immer wieder satanische Verse in ihre Songs einbaute und am Ende sogar ausserehelichen Sex und Selbstbefriedigung propagierte, war das Konzert brav. Ghost bieten nebst ihrer treibenden Musik eine etwas schräge Mischung aus Symbolspiel, Karvenal und Verlockung. Das zeigte besonders in der ersten Konzerthälfte seine volle Wirkung, als Sänger Papa Emeritus in Papstkluft royal über die Bühne glitt und Weihrauch schwenkte. Die jungen Zuschauer liessen sich davon verzaubern und mitreissen – und schnell war klar: Diese etwas härtere Art von Classic Rock würde wohl ohne dieses Brimborium fast keine Person im Saal wirklich interessieren.

Sicherlich, die Musiker wissen, wo die Akzente zu setzen sind, und auch viele Melodien und überlebensgrosse Refrains entfalten die Wirkung wunderbar. Besonders vor dem Backdrop mit Kirchenfenster-Optik erhält man schnell eine sakrale Atmosphäre und auch ich grinste sehr oft während dieser Show. Doch leider halten sich Präsentation und Resultat bei Ghost nicht im Gleichgewicht, und spätestens nach dem Kostümwechsel des Frontmannes war die Luft etwas raus. Denn obwohl die Truppe eigentlich nicht vieles anders macht als zum Beispiel Kiss, fehlten hier ganz klar die Ohrwürmer für die Ewigkeit.

Zombi – welche namentlich perfekt passend als Support gewählt wurden – gingen mit ihrer Musik komplett andere Wege. Das Duo liess mit Synthies und Schlagzeug psychedelische Welten aus Instrumentalspuren entstehen, welche die Besucher in fremde Gedankenwelten lockten. Auf Repetition setzend und mit Loops und stockenden Rhythmen spielend, wurden aus kleinen Momenten schnell weite Reisen. Ein knallhart gespielter Bass verlieh dem Set eine weitere Ebene und die Gruppe bewies, dass gute Musik keine Maskerade für Glücksmomente benötigt. Reduziert aber interessant, und am Tag danach ergiebiger als die umjubelte Hauptband.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Metal is Back!, Ebrietas Zürich, 16-09-24

Bild von Cornelia Hüsser.

Bild von Cornelia Hüsser.

Metal is Back!
Bands: DustInEyes, Headless Project, Tendonitis
Samstag 24. September 2016
Ebrietas, Zürich

Wenn die Schweiz und Italien zusammen Meisterleistungen wie den Bau eines Gotthard-Tunnels vollbringen können, dann sollte es doch ein Leichtes sein, eine Rockband hervozubringen, die allen kräftig in die Eier tritt. Und siehe da, DustInEyes aus Italien fanden mit der neuen Frontfrau Flo endlich ihren Schweizer Käse für die Pizza – und damit auch neues Leben. Die Band existiert zwar seit 1999, nach drei Alben passierte aber länger nichts Neues mehr.

Nun erfährt ihr Raisehell Rock’n’Roll eine Auferstehung – und warum nicht gleich Zürich mit der neu gewonnenen Energie auseinandernehmen? Im Kellerraum der Ebrietas Bar fanden sich somit neugierige und schwarz gekleidete Menschen ein, um sich von der lauten und niemals beugsamen Musik von DustInEyes gepflegt durchkneten zu lassen. Während keiner Sekunde verlangsamte die Band ihr Tempo und zeigte, dass nicht nur die engen Hosen der Sängerin von alten Helden entlehnt waren. Irgendwo zwischen Motörhead (welche auch gecovert wurden), Kiss, schwerem Punk und breitbeinigem Heavy Metal positioniert, waren die Stücke wie Schläge nach dem technischen KO.

Da scheinbar Metal zurück ist, war dies ein gutes Beispiel dafür, dass laute und harte Musik immer lebendig klingen wird. Wobei nach diesem biergetränkten und schweinsgallopierenden Start schnell der eher klassische Metal das Ebrietas kaperte. Headless Project aus Basel füllten nicht nur die kleine Bühne mit Musikern und Instrumenten, sondern auch die Luft mit zu viel Klang ihres Metal Rock. Die Soundanlage im kleinen Keller war einer solchen Wucht nicht gewachsen und was schon bei DustInEyes zu einem eher kruden Mix führte, war nun endgültig ein laut schreiender Brei.

Schade, dies verhinderte von meiner Seite auch den kompletten Genuss der Konzerte, so mussten auch Tendonitis ihrem Melodic Thrash Metal an den Steinwänden und niedrigen Decke tausendfach abprallen lassen. Ein solcher Raum ist leider nicht dafür geeignet, von drei sehr lauten und wilden Bands bespielt zu werden. Die Leute liessen sich ihr Bier davon aber nicht verderben und unterstützen die Gruppen stark. Schön zu sehen, dass auch im Untergrund immer noch gefeiert und krachende Musik gemacht wird.

DustinEyes_Ebrietas_Mbohli_1 Headless Project_Ebrietas_Mbohli_1

Baroness – Purple (2015)

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Baroness  – Purple
Label: Abraxan Hymns, 2015
Format: CD in Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Sludge Metal, Alternative, Prog-Rock

Manche Menschen müssen unglaublich viele Rückschläge einstecken und machen trotzdem weiter. Das Leben ist zu schön, um es wegzuwerfen, um aufzugeben. So erging es auch dem Frontmann John Baizley von Baroness, erlitt die Band doch 2012 einen schweren Unfall mit ihrem Bandbus, auf den eine schwierige Zeit der Genesung und Umstrukturierung – Musiker verliessen die Band, Baizley wird bis heute an seinen Verletzungen leiden. Da reibt man sich schon verwundert die Augen, wenn man „Purple“ auflegt. Das Album ist für die Gruppe nicht nur eine Rückkehr zur grossen Form, sondern ein Zeichen für die Lebensfreude und Kraft.

Als Baroness 2012 mit „Yellow & Green“ ihre Musik öffneten und den Sludge und ihre wilden Prog-Sprengsel mit ruhigeren Seiten neu aufbauten, wollte nicht alles super klappen. Irgendwie war der alternative Rock zu zahm aufgezogen, die Scheibe blieb hinter ihren Vorgängern zurück. „Purple“ weiss den Farbkasten nun aber vielfältig zu halten und die einzelnen Töpfe gelungen zu kombinieren. Gleich von Beginn an drescht die Band wild los, um ausgeklügelt die Lieder in unabsehbare Richtungen gleiten zu lassen. Die Stücke haben ein grosses Momentum, Riffs und Drumpattern reissen den Hörer mit und lassen ihn auch bei abenteuerlichen Takt- und Rhythmuswechsel nicht aus der Bahn fallen. Im Hintergrund brodelt dazu seine geschickte Elektronik, die leichtfüssig um die Musiker herum tanzt. So wirken wie Lieder nie erdrückend, auch wenn Baroness sich textlich an schwierige Zeiten wagen. Songs wie „Kerosene“ wirken dabei nie plakativ, sondern ergänzen sich mit instrumental gehaltenen Passagen – ein lockeres Licht stellt dabei „Fugue“ dar.

Die Band hat es somit geschafft, schwere Kost und eingängige Songbauerei ineinander zu verstricken, ohne Fehler zu machen. „Purple“ ist nicht nur eine der besten Scheiben von Baroness, sondern auch ein spätes Highlight des Jahres 2015. Die neuen Musiker fügen sich perfekt ein, Sludge, Prog, Rock und Alternative sind homogen vermengt. Grossartig erdacht und makellos ausgeführt, so geht harte Musik!

Anspieltipps:
Shock Me, Kerosene, If I Have To Wake Up (Would You Stop The Rain?)