Cold Wave

Antipole – Northern Flux (2017)

Antipole existiert seit 2013 und ist eigentlich nur ein Mann: Karl Morten Dahl, seine Instrumente und seine Vision. Tief in den Grundlagen des Wave und Post-Punk der Achtziger verankert, ist seine Musik eine Reanimation alter Tugenden und eine weitere Schicht an Fortführungstraditionen und Schliessung des Kreises. Mit dem ersten Album „Northern Flux“ erhält man nun eine 14 Lieder lange Möglichkeit, diese Ideen aufleben zu lassen.

Nach zwei digitalen EPs hat es Antipole nun geschafft, seine kreativen Ergüsse zu bündeln und auf eine CD zu packen. Auffällig ist dabei, dass seine Musik immer brav auf den Pfaden des Cold Wave und geglätteten Punk bleibt. Jedes Lied zieht den linearen Rhythmus weiter, immer stehen die hallende Gitarre und der pochende Bass im Vordergrund. Stimmen und Schlagzeug umgarnen diese Machtstellung, wollen aber gar nicht dagegen ankämpfen. Das lässt Lieder wie „Shadow Lover“ leicht in ihrer Melancholie und Dunkelheit erscheinen.

Kein Wunder also, wird „Northern Flux“ vom Joy Division Cover „Insight“ abgeschlossen – Antipole zielt mit seinen Stücken nämlich in die genau gleiche Richtung. Was hier aber klar wichtiger ist als Verzweiflung, das ist die Eleganz. Mit weiblichem Begleitgesang und lockeren Melodien ist dieser Wave nie endzeitlich und überlebt sogar stoische acht Minuten („Narcissus“) und gönnt sich herrliche Synthiemomente („Dans l’entrée“). Zeitmaschine an!

Anspieltipps:
Shadow Lover, Summer Never Ends, Narcissus

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Sounds From The Heart Festival, Werk21 Zürich, 17-12-16

Sounds From The Heart Festival
Bands: Hanté, Salvation AMP, Sons Of Sounds, Patricia Scheurer
Samstag 16. Dezember 2017
Werk21, Zürich

Gegensätze, Abwechslung, Erbe – das erste Sounds From The Heart Festival bot für eine Nacht im Werk21 in Zürich einen interessanten Querschnitt durch die dunkle Szene. Mit direkt gegenübergestellten Vergleichen und einem intensiven Verbund aus Vergangenheit und Moderne wurde der kalte Samstag im Dezember zu einem eleganten Treffen für Freunde und Neugierige. Und dieses Spiel mit den Zeiten war bereits in der Dekoration sichtbar, wurde der Kellerraum des Dynamos doch von elektrischen Kerzen erhellt und Fledermäusen bewohnt, denen nicht nur Ozzy den Kopf abbeisst – waren sie schliesslich leckere Kekse.

Patricia Scheurer, Autorin aus Zürich und seit langem ein bekanntes Gesicht in der Szene, spannte mit der Lesung aus ihrem Roman „Schwarzes Erbe“ den Bogen dann auch gleich vom heutigen Zürich in das tiefe Mittelalter. Ihr Buch handelt von Sinnsuche, Themen des Gothik-Stils, Musik und viel Romantik. Eine Kombination, die für mich selber eher schwierig ist, in der heutigen Zeit aber gut funktioniert und unter den anwesenden Besuchern viel Anklang fand.

Umso interessanter war es, dass als erste Band dann Sons Of Sound aus Karlsruhe das Banner des Heavy Metal hochhielten und auf diese Burg-Fantasien pfiffen. Die drei Brüder liessen sich von der ungewöhnlich tiefen, weil gesundheitlich angeschlagenen Stimme des Bassisten und Sängers Roman Beselt nicht beirren und lotsten ihre Musik geschickt durch harte Instrumentalpassagen und melodische Refrains. Für diesen Abend näher bei Type O Negative als üblich, dafür weiterhin eine packende Mischung aus Achtziger-Anleihen, Art-Rock und komplexen Rhythmuswechseln. Schade, wollte das Publikum die Energie des Trios nicht ganz willentlich aufnehmen.

Salvation AMP aus Detmold hatten mit ihrem Gothic Rock etwas mehr Glück, forderten ihre Wave-Gitarren, tiefen Gesänge und schweren Takte doch förmlich zum Ausdruckstanz auf. Seit 2010 wiedererstarkt, war dieses, in der Szene schon seit den Neunzigern bekannte Trio eine kraftvolle Aussprache für die Vielfältigkeit an solchen Anlässen. Gerne elegisch, immerzu mysteriös und doch durchdringend liess ihre Musik das Publikum zu einem geschlossenen Ganzen werden. Da störte es auch nicht, dass die Scheinwerfer frech bunte Lichtschwaden über die dunklen Klänge ergossen.

Hélène de Thoury umging diese Beleuchtung zum Teil, liess sie ihre Lieder schliesslich von passenden Projektionen begleiten. Die französische Künstlerin nutzte des Festival für ihren ersten Auftritt in der Deutschschweiz unter dem Namen Hanté und beendete diesen Konzertreigen mit ihren pochenden Beats und synthetischen Tanzbefehlen des Cold Wave. Alleine vor einer schieren Armada aus Geräten und Knöpfen behauptete sie sich mit ihrer Stimme gegen eine Armee aus dröhnenden Tönen, tiefen Bässen und düster gefärbten Emotionen.

Wem das Sounds From The Heart Festival bisher zu analog war, der kam hier endgültig auf seine Snythie-Kosten und liess Kleid und Haar durch die Luft gleiten. Und auch mit der After-Party setzten die Verantwortlichen dieses kleinen Fests ein weiteres Ausrufezeichen hinter die Vielfältigkeit und Offenheit der Geister. Ob Gothic, Wave, Metal oder einfach nur romantisch verklärt, das schwarze Vermächtnis hat viele Formen und Körper – der Verbund machte diese Vielseitigkeit noch schöner.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Vlimmer – IIIIIIII / IIIIIIIII (2017)

„Beutenacht“ macht es gleich klar: Auch wenn Vlimmer in seiner 18-teiligen EP-Reihe nun die Mitte erreicht hat, glücklicher und zuversichtlicher ist Alexander Donat deswegen in seiner Musik nicht. Der Gründer des Labels Blackjack Illuminist und grosse Verfechter von grimmigem Wave zieht auch mit „IIIIIIII / IIIIIIIII“ weiterhin um die Betonruinen und verlassenen Baubrachen in Berlin. Dazu nutzt er lärmige Drones genauso wie verrauschten deutschen Gesang und geradlinige Drums unter schneidenden Gitarren.

Lieder wie „Jugendentzug“ scheren sich aber einen Dreck um die drückende Schwerkraft in dunklen Stadtgebieten, sondern krempeln Cold Wave und Noise-Pop zu einer nihilistischen Version von Klängen um, die auch Bands wie The Flaming Lips mit ihrem Album „The Terror“ anzuzapfen versuchten. Im Gegensatz zu den Amerikanern weiss Vlimmer aber jederzeit, dass übersteuerte und verfremdete Melodien kühle Skepsis und Fatalismus benötigen. Sogar wenn der EBM vorbeischaut, bleiben die Tanzschritte verhalten („Schwerelosigkeit“ oder „Strato“).

Schwarz, rau und voller Risse – „IIIIIIII / IIIIIIIII“ ist eine tolle Portion an Musik, die sich irgendwo zwischen Darkgaze und Wave herumtreibt und zu keiner Sekunde positiv sein will. Vlimmer vermengt diverse Stilrichtungen und Ideen zu einem wandelbaren Erzeugnis, entzieht jedem Tag das Sonnenlicht und lässt alles in extremer elektronischer Verzerrung versinken. Da ist es schon fast beruhigend, dass man mit „Betonozean“ doch wieder auf dem sicheren Boden der Post-Punk-Tatsachen landet. Hypnotisierend.

Anspieltipps:
Schwerelosigkeit, Körperkonstante, Strato

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Spleen XXX – Poems Of Charles Baudelaire (2017)

Da fand wieder einmal zusammen, was schon lange so gehörte: Stéphane G. und Isthmaël B. haben nach Tätigkeiten in diversen Bands und Projekten nun all ihre schwarzmagischen Künste zusammengetan und mit Spleen XXX ein neues und schon fast morbides Projekt gestartet. Komplett dem Gothic Wave und trostlosen Post-Punk gewidmet, bietet das erste Album „Poems Of Charles Baudelaire“ viele Takte lang Gründe, um die Welt halt doch ein bisschen länger zu hassen. Dagegen helfen auch die Gedichte nicht.

Denn als Hintergrund zu diesem ersten Album von Spleen XXX dienen die ins Englisch übersetzte Gedichte des wegweisenden Schriftstellers Charles Baudelaire, präsentiert in einer tiefen Gesangsstimme von Isthmaël B., der mit seiner Betonung die Lieder nicht selten in Richtung Type O Negative gleiten lässt. Und wie auch bei der amerikanischen Gruppe, vermag es das französische Duo alle Tugenden des Cold Waves mit Rock und einer bedrückenden Atmosphäre zu versehen. Ob nun schleppend („Beauty“) oder bipolar gefährlich („Carcass“), die Lieder auf diesem Album sind immer suizidaler als eine nächtliche Autofahrt ohne Licht. Und Strasse.

Wenn sich hallenden Gitarrenspuren mit herrlich federndem Bass und einem stoischen Schlagzeug zur gemeinsamen Herrschaft verbinden, dann wachsen Spleen XXX schnell aus den scheinbaren Angstzustände und Endzeiten heraus und locken in Liedern wie „Her Hair“ mit einer grossen Versuchung. Ob „Poems Of Charles Baudelaire“ nun das Pflaster auf der Seele oder deren sprengender Keil ist, das Leiden mit diesem Album macht immer viel Freude. Und am Ende schreitet man sogar elegant im Mondeschein zu „Harmonie du Soir“ davon.

Anspieltipps:
Spleen, Her Hair, Carcass

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Holygram – Holygram (2017)

Holygram – Holygram
Label: Reptile Music, 2017
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: New Wave, Post-Punk

Eigentlich erschien diese Debüt-EP bereits 2016, doch dank Reptile Music kommen nun endlich auch Hörer mit CD-Spieler in den Genuss dieser wunderbaren Scheibe voller Cold Wave und Post-Punk. Holygram, fünf Musiker aus Köln, die sich 2015 zusammengefunden haben, lassen nämlich mit diesen fünf Liedern die guten Zeiten der Kellerdisco und der Krautrock-Fantasien in den Keyboards neu aufleben. Mit dabei sind dieses Mal sogar noch vier Remixe.

Aber für die wahre Genialität dieser Musik wären solche Neubearbeitungen eigentlich gar nicht nötig, funktionieren die Songs von Holygram doch auch perfekt ohne scharfe Beats und knackige Sequenzer. In Lieder wie „Hideaway“ oder „Daria“ werden nämlich Einflüsse zwischen Neu! und New Order wunderbar aufgeschnitten und nach einer wohl überlegten Operation wieder neu zusammengeschlossen. Da dürfen die stoischen Schlagzeug-Rhythmen auf verhallte Gitarren treffen, der Snythie stellt sich kühn an die Bar und wartet, bis ihn der Sänger mit Popwärme umgarnt.

„Holygram“ will somit nicht nur die missmutigen Denker ansprechen, sondern lockt auch dazu auf, sich drehend auf der Tanzfläche zu bewegen. Dass man dazu ultracool die Zigarette zwischen den Fingern hält und sich der Rauch immer mehr mit dem Nebel der Zeit vermischt, passt umso besser zu heimlichen Hits wie „Still There“. Da Holygram ihre Musik ohne PC-Unterstützung spielen und sehr wohl noch viele Überraschungen im Ärmel halten, ist diese EP nicht nur Einstiegsdroge, sondern auch wundervolle Verheissung in grauen Schattierungen.

Anspieltipps:
Hideaway, Daria, Still There

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Guerre Froide, Moods Zürich, 17-04-21

Guerre Froide
Support: Dear Deer
Freitag 21. April 2017
Moods, Zürich

Sie toben seit den Achtzigerjahren über die Bühnen und bringen mit ihren Auftritten – ganz gemäss dem Namen – auch immer eine kühle Stimmung an den Mann. Die Cold Wave-Truppe Guerre Froide aus Frankreich ist in der Szene seit langem eine feste Grösse, und doch musste man bis 2017 warten, um ihre Musik live in der Deutschschweiz erleben zu dürfen. An diesem Freitag war es endlich soweit, die Themennacht Wave im Moods lud ein.

Bevor aber die Leinwand in passende Bilder getaucht wurde und im Zentrum das rote Hemd stand, gaben Dear Deer ihren Einstand. Ebenfalls aus Lille stammend, betörte das Duo mit ihrer reduzierten Mischung aus No Wave und Post-Punk. Gitarre und Bass durften nebst dem Gesang auf der Bühne das Licht geniessen, die lärmenden Synthie-Spuren stammten vom Band. Doch diese Abstraktheit verströmte eine grosse Leidenschaft und noch mehr Reiz. Besonders Sabatel am Bass zeigte sich versiert und vielseitig, mit Flanger oder himmlischen Melodien.

Guerre Froide agierten als Band dann eher im klassischen Bereich des Cold Wave – hier gab es poetische Texte zu meditativen Klangschichten. Die Bühne wurde in passende Farben getaucht und der Herr der Stunde, Yves Royer, führte mit schier royaler Gestik von sanftem Post-Punk in elektronische Welten voller strenger Geometrie und fremd anmutenden Oberflächen. Man liess sich von der Musik mitreissen, spürte die Beats und Bässe in den Gliedern und flog im Kopf davon. Wenn alle industriellen Betriebe auf der Welt so angenehm klingen würden, dann wäre die Revolution einiges unschädlicher ausgefallen.

Sicherlich, es war eine Zeitreise, in der für mich aber die moderne Seite gewann – Dear Deer waren wirklich faszinierend – aber trotzdem ein Abend, an dem man endlich wieder einmal eine musikalische Seltenheit in Zürich geniessen durfte. Und wer lässt sich ein solches Zuckerstückchen schon entgehen – auch wenn es auf Eis serviert wird?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.