Punk

Ester Poly – Pique Dame (2017)

„Slutwalk“ räumt gleich einmal auf mit der Doppelmoral und dem überheblichen Getue gewisser männlicher Figuren. Somit ist von Anfang an klar, dass es hier nicht um liebliche Folgsamkeit sondern lärmige Positionsbestimmung geht – egal wie viele Experimente und Explosionen dazu nötig sind. Und Ester Poly wagen echt vieles auf ihrem ersten Album „Pique Dame“, wirklich verorten und definieren lässt sich ihre Musik nämlich nicht. Fest steht aber, dass dieses Duo (Martina Berther am Bass, Béatrice Graf am Schlagzeug) genau so lustvoll die Stilrichtungen mischt, wie frei improvisiert.

Seit 2013 musizieren die beiden Frauen zusammen und haben es nun endlich geschafft, als Ester Poly eine Platte zu veröffentlichen. Und was man darauf hören kann greift von Jazz-Rhythmen über scheppernde Punk-Bässe bis hin zu politisch und gesellschaftlich aktivistischen Texten. „La Vie En Rose“ ist eine perkussive Meditation, „Big Bang“ eine psychedelische Steigerung. Was jedes Lied auf „Pique Dame“ verbindet ist die raue und unverblümte Produktion, alles scheppert und kratzt. Schnell fühlt sich die Musik also so an, wie da Covermotiv daherkommt: Leicht absurd und mit gewisser Verletzungsgefahr.

Es ist nicht so leicht, aus dem Untergrund an die Masse zu gelangen, ohne sich selbst und seine Musik zu verleugnen. Ester Poly habe mit ihrem Debüt aber die Gratwanderung geschafft und zeigen hier Lieder, die wild und verständlich zugleich auftreten. Dank langjähriger Erfahrung und viel Talent gelingt es dem Duo aus Chur und Genf, auch merkwürdigste Anwandlungen greifbar zu machen und in lauten Momenten wie „The Rise Of The Witches“ zu brillieren. Für alle die sich immer wieder gerne überraschen lassen, ist „Pique Dame“ eine schier unendliche Fundgrube.

Anspieltipps:
Slutwalk, La Vie En Rose, The Rise Of The Witches

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

We Are Wolves – Wrong (2017)

Dass Wölfe machen was sie wollen, das sollte eigentlich klar sein. Trotzdem verwundert es immer wieder, mit wie viel Selbstverständlichkeit und Eigensinn We Are Wolves aus Kanada ihre Musik angehen. Seit 2000 schreiben und spielen sie ihre Songs, mit jedem Jahr mit weniger Zurückhaltung und Rücksicht auf gewisse Richtlinien oder Formeln. So ist auch „Wrong“ wieder ein lebhaftes Album zwischen Indie und tanzbarem Punk, immer mit viel Biss.

Lieder wie „In The Land Of The Real“ dürfen dreckig und zähnefletschend durch die kalten Wälder streichen, „I Don’t Mind“ steht hingegen auf der Lichtung und tanzt locker durch die ersten Sonnenstrahlen. We Are Wolves sind ein Unikum, eine Band die sich zwar gerne mit leichtem Indie-Rock vergnügt, aber Experimente und Dance gleich dazu holen und alles mit viel Feedback und Verzerrung wieder ausspucken. Die Single „Unknown Flowers“ hatte uns letztes Jahr bereits überzeugt, dieses Hochgefühl hat sich nun auch mit dem ganzen Album nicht geändert.

Auch wenn das Trio kurze Zeit getrennt war und schon lange im Business überleben muss, geschadet hat dies We Are Wolves auf keinen Fall. Mit „Wrong“ ist wieder ein Welpen auf die Welt gekommen, das herrlich pochende Rhythmen in sich trägt („Cynical“) wie auch schwarz gefärbte Riffergüsse. Ein Werk also, das zarte Gänger der Indie-Disco zwar etwas einschüchtert, aber allen anderen eine wunderbar abwechslungsreiche Nacht bietet. Lasst uns gemeinsam heulen.

Anspieltipps:
Cynical, I Don’t Mind, Unknown Flowers

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Tonight Alive – Underworld (2018)

Ja, verdammt nochmal! Auf solche Songs wie „Temple“ steh ich einfach total: Tonight Alive steigen mit einem düsteren Riff in ihren Alternative Rock ein, drehen beim Refrain dann aber das Vehikel komplett um und landen mitten im Keyboard befeuerten Power Pop. Sängerin Jenna McDougall darf düster vor sich hin singen und dann plötzlich mit ihrer hellen Stimme die gesamte Welt umarmen – das macht Laune und bleibt für lange im Zeit im Kopf hängen. Doch leider ist nicht alles auf „Underworld“ so gelungen und ausgeglichen, oft scheint der Zucker den ehemaligen Pop Punk komplett überzogen zu haben.

Das vierte Album von Tonight Alive ist keine typische Fortsetzung ihres bisherigen Klanges, gibt es doch im Gegensatz zum sehr glatten Vorgänger „Limitless“ wieder mehr Kanten und böse Riffs. Aber trotzdem übertreiben es die Australier in keinem Song, ihre Lieder fügen sich weiterhin den Verlockungen des Schönklangs und bunten Farben. Mit Gästen Lynn Gunn (PVRIS) und Corey Taylor (Stone Sour) holte man sich auch gleich zwei Stimmen ins Boot, die beide Extreme vertreten. Aber auch ohne Verstärkung schlägt sich die Band wacker und zielt immer in die korrekte Richtung. „In My Dreams“ ist wunderbar gross, „Crack My Heart“ verbindet Kampfgeist mit Empathie und „Waiting For The End“ besitzt die nötige Schwere.

Tonight Alive wissen also, wohin mit ihrer Musik – kommen nur selten in guter Form im Ziel an. Man hat das Gefühl, dass „Underworld“ irgendwie oft die Einfälle nicht korrekt bündeln kann und seine wahre Grösse verfehlt. Zu oft landet man im College-Radio, zu oft klingt alles wie böse geschminkter Pop der grossen Stars. So bleiben am Ende ein paar wirklich mitreissende Songs, tolle Riffs und das Charisma von McDougall – aber halt auch eine gewisse Leere. Für die Untermalung eines fröhlichen Fests eignet sich die Scheibe aber sicher gut.

Anspieltipps:
Temple, In My Dreams, Crack My Heart

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS? – Jazzbelle 1984 / 1988 (2018)

Normal ist an dieser Scheibe praktisch Nichts – der Wahnsinn beginnt schon beim Bandnamen. Denn das leicht übergeschnappte Garage-Punk-Trio aus Finnland hat sich zungenbrecherisch Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS? betitelt und zielt damit bereits auf die erste Absurdität ab. Wobei heute noch einiges aus den Achtzigern unverständlich ist, „Jazzbelle 1984 / 1988“ lässt sich davon aber weder irritieren noch stören. Und nach diesen energetischen Songs ist man sowieso fitter als nach einem Training via Kassette.

Denn was Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS? seit 2014 auf die Beine stellen, ist genau so süss wie kaputt, suhlt sich in trashiger Kunst und sprengt gerne jede versnobte Party. Dieses zweite Album gewinnt bereits Punkte mit der Instrumentierung. Ekku Lintunen singt nicht nur, sie hat auch die Gitarre eingemottet und lässt ihre Melodien nur noch von den Keyboards und dem Akkordeon ertönen. Das verleiht Songs wie „The Herman Song“ oder „Hanky Panky“ eine bunt schillernde Ebene und ist immer herrlich laut.

Dass sich die Musik auf „Jazzbelle 1984 / 1988“ überhaupt anhören lässt, ist schon erstaunlich, klingt doch vieles wie Kinderlieder aus der Hölle – mit gewissem Indie- und Alternative-Anspruch. Aber Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS? mögen diese irrwitzigen Mixturen und trumpfen mit einem wirklich runden und fesselnden Songwriting auf. Wer also passende Musik für den Besuch in Pee-Wee’s Playhouse sucht: Hier ist sie. Und keine Angst, die Messer sind aus Gummi.

Anspieltipps:
Magic Swimming Pants, Corazone, Hanky Panky

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Donots – Lauter als Bomben (2018)

Ein Zufall wird es bestimmt nicht sein, dass „Lauter als Bomben“ am gleichen Tag erscheint wie „Sturm & Dreck„. Im Gegensatz zum Album von Feine Sahne Fischfilet legen die Donots aber Wert auf eine musikalisch vielfältige Präsentation der politischen Texte. Vom anfänglichen Punk der Gruppe ist nicht mehr so viel übrig, wohl aber noch von der stark aktivistischen Einstellung, die mit „Karacho“ zu grossem Echo und grosser Beliebtheit geführt hat. Somit gibt es auch hier wieder direkte Texte in deutscher Sprache, grosse Gitarren und viel Tempo – aber auch passende Melodien für das Stadion.

Donots waren schon immer für Grösseres bestimmt als die normale Hau-Drauf-Nummer  – darum gibt es mit „Lauter als Bomben“ nun Liedern, die sich neben den Foo Fighters positionieren, Stimmungen der vergangenen Jahrzehnte und verbale Ohrfeigen gegen rechte Idioten. Kein Wunder also heissen Lieder „Apollo Creed“ und verteilen Riffs wie harte Schläge, „Keiner kommt hier lebend raus“. Doch so böse sind die Mannen dann doch nicht, heroische Refrains und Textzeilen mit Ohrwurmqualitäten begleiten das gesamte Album. Wer bei Stücken wie „Rauschen (Auf jeder Frequenz)“ nicht sofort mittanzen und -singen will, dem ist nicht mehr zu helfen.

Bei den Donots ist man also auch in diesem Jahr wieder ein Mitglied einer grossen Rock-Familie und erhält nette Gesten und Denkfutter. Auch wenn sich „Lauter als Bomben“ zu Beginn noch etwas einfach oder glatt anhört, bereits nach kurzer Zeit erkennt man die Reize hinter der Eingängigkeit und die Hits schälen sich heraus. Wobei, ein schlechtes Lied gibt es auf dieser Platte eigentlich nicht und bei „Whatever Forever“ darf es schliesslich auch wieder kratzig, laut und wild werden. Somit kommen bestimmt alle auf ihre Kosten.

Anspieltipps:
Keiner kommt hier lebend raus, Eine letzte letzte Runde, Apollo Creed

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Feine Sahne Fischfilet – Sturm Und Dreck (2018)

So sauber und komplett wie der Zahn auf dem Cover von „Sturm & Dreck“ aussieht, so unrealistisch ist dessen Zustand beim Konsum des neusten Werks der Punkband Feine Sahne Fischfilet. Denn wo die Band aus Mecklenburg-Vorpommern seit 2007 musikalisch altbekannt und in seltensten Fällen wagemutig ist, macht sie das mit ihren direkten Aussagen und politischen Aktionen wett. Auch auf dem fünften Album wird nun also zwischen Trompeten und Gitarre gegen Rechtsradikalismus gesungen und gespielt, gleichzeitig werden aber auch die unscharfen Stunden der Nacht beschworen. Dass dies alles angenehmer die Kehle herunterfliesst als Hopfengetränke, das ist auch Tobi Kuhn zu verdanken.

Der versierte Produzent, der auch schon bei den Toten Hosen die Klangspuren poliert hat, sorgte dafür, dass Riffs und Parolen immer laut und direkt von „Sturm & Dreck“ ertönen. Es ist aber natürlich klar, dass Feine Sahne Fischfilet auch in diesem Jahr nicht auf rohe Kraft und instinktive Leidenschaft verzichten. Sei es nun mit „Zurück in unserer Stadt“ oder „Ich mag kein Alkohol“, die Exzesse und das Leben in den Kleinstädten erhalten Spielraum. Wirklich gross wird die Band aber immer dann, wenn sie moralische Ungerechtigkeiten anprangert und sich ganz klar gegen Nazis und anderes Pack positioniert. „Angst frisst Seele auf“, „Dreck der Zeit“ – bereits mit den Songnamen ist man konkret.

Feine Sahne Fischfilet haben das Kunststück geschafft, klassischen Ska-Punk mit etwas repetitivem Klangkostüm weiterhin packend und reizvoll zu gestalten. Texte und Aussagen zu aktuellen Geschehnissen und gegen den immer wieder aufmüpfigen braunen Sumpf machen aus „Sturm & Dreck“ ein wichtiges und aktuelles Album. Da stört es auch nicht weiter, dass weder Riffs noch Melodien wirklich neu sind und sich die Band etwas zu wenig aus dem unzählige Male vernommenen Stil wagt. Aber dies ist schliesslich auch Poesie für die schmutzigen Gassen, nicht den verkommenen Ballsaal.

Anspieltipps:
Angst frisst Seele auf, Dreck der Zeit, Suruc

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Sect – No Cure For Death (2017)

Alles ist eine Frage der Definition – so behaupten Sect mit ihrem zweiten Album nämlich, 17 Minuten Musik reichen aus, um eine Langspielplatte zu verkaufen. Und sie behalten damit recht! Denn was bei anderen Bands knapp zu einer EP reichen würde, wird hier bei dieser Hardcore-Zusammenkunft bekannter Namen zu einer brutalen Momentaufnahme voller Gewalt, jaulenden Gitarren und Übertritte zum Grindcore. Verbale Angriffe auf die korrupten Systeme inklusive.

Sect ist niemand anderes als Chris Colohan (Cursed), James Chang (Catharsis), Scott Crouse (Earth Crisis), Steve Hart (Day Of Suffering) und Andy Hurley (Racetraitor) – eine geballte Ladung an Talent und Erfahrung also, Wut nicht zu vergessen. In zehn kurzen, aber immerzu heftigen und schier explodierenden Portionen servieren uns die Mannen mit „No Cure For Death“ eine klassische Portion Hardcore, die sich von Breakdown zu extremen Blasts hangelt und immerzu wie ein Krawall in dein Gehirn einzieht. Zurückhaltung oder Pausen kennt die Band nicht, hier wird immerzu geknüppelt.

Dieser gnadenlose und rasante Stil macht die Musik von Sect aber schnell zu einer Droge. Kaum hat man sich an das schwarze Hoch gewohnt ist „No Cure For Death“ vorbei, schnell wieder wieder auf den Startknopf gedrückt. Und bald ist nicht nur die Stereoanlage malträtiert, sondern das halbe Wohnzimmer zerlegt und Pläne gegen die Unterdrücker geschmiedet. Die „Least Resistance“ ist hier.

Anspieltipps:
Day For Night, Stripes, Least Resistance

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Speaking With Ghosts – Illuminated (2017)

„Illuminated“ ist an vielen Stellen ein typisches, modernes Metalcore-Album, das es mir etwas schwierig macht. Denn mit diesem Werk spielen Speaking With Ghosts aus Chicago zwar sofort in der Liga der grossen Recken mit, vermögen es aber selten, dem Genre auch neue Impulse zu geben. Der zweite Song „Roadblocks“ zeigt dies perfekt auf: Mit heftigen Breakdowns versehen, Wechsel zwischen Gesang und Geschrei und immerzu hyperaktiven Gitarren macht der Song zwar alles richtig, will aber in all dieser Fülle auch zu wenig.

Es ist somit nicht verwunderlich, werden Fans von Parkway Drive oder August Burns Red hier auf den Zug aufspringen und glücklich für Speaking With Ghosts in den Mosh steigen. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, knallt die Musik doch wunderbar rein, ist dynamisch produziert und wechselt immer wieder zwischen eingängigen und sehr brutalen Stellen. Pop-Metalcore könnte man dies wohl nennen, „Illuminated“ hält es nämlich nie lange im Fleischwolf auf.

Somit haben Speaking With Ghosts ein Album veröffentlicht, dass Liebhaber des Genres auf jeden Fall freuen und begeistern wird – viele andere aber etwas ratlos zurücklässt. Ja, ich verstehe die Anziehung, welche diese fünf Musiker mit ihrer Musik hier ausstrahlen, für mich selber versinkt „Illuminated“ aber etwas zu stark in den Konventionen der Stilrichtung. Und somit ist diese Platte einfach.

Anspieltipps:
Woven In Gold, Relapse, Dreamwalker

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Asbest – Interstates (2017)

Vier Lieder, drei Bandmitglieder, zwei Frauen, eine Wucht. Asbest aus Basel suchen seit Ende 2016 in ihrem Proberaum in Basel nach gesundheitsschädlichen Fasern und verwebend die geschickt zu Songs, die aus lautem Noise-Rock, pessimistischem Post-Punk und kratzendem Garage den Alltag umstülpen. Mit „Interstates“ gibt es nun zum ersten Mal eine Veröffentlichung, die Einblick in dieses Geschehen erlaubt. Und damit einen grossen Eindruck hinterlässt.

Bereits mit dem ersten Track „Projection“ wird klar: Dieses Trio schert sich weder um blaue Flecken noch deine ach so schlimmen Sorgen. Frontfrau Robyn Trachsel drückt mit rauen Aussprüchen und extrem verzerrter Gitarre tief in die Wunden und treibt Asbest von Albtraum zu Grotte. Wild rumpelnder Bass und druckvolles Schlagzeugspiel kokettieren mit Trash-Punk oder machen aus Liedern wie „Insanity“ extrem schleppende Monster. Wer ohne Sünde ist, solle den ersten Akkord spielen.

Zwischen eindrücklichen Tonspuren findet man auf „Interstates“ aber auch viele persönliche Verarbeitungen und Ansichten von Asbest. Die Basler positionieren sich somit an vorderster Front, wenn es darum geht, laut und klar eine Meinung zu positionieren – und gewinnen damit. Somit macht diese Musik nicht nur Laune, sie geht auch unter die Haut. Gespannt warte ich somit auf das kommende Album, bereits 2018 soll es soweit sein.

Anspieltipps:
Projection, Insanity, Interstates

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Stick To Your Guns – True View (2017)

Hardcore stand schon immer dafür, sich sehr kritisch mit den politischen und sozialen Begebenheiten auseinanderzusetzen. Für ihr sechstes Album haben die Amerikaner Stick To Your Guns diese Perspektive aber nun verlassen und Sänger Jesse Barnett nimmt sich die Geister in seinem eigenen Körper an. Selbstreflexion ohne Gnade, begleitet von harten Riffs und Breakdowns, Gitarrenwänden und düsteren Grooves. „True View“ bricht dabei aber nicht mit klanglichen Traditionen, sondern ist ein weiterer Schritt in der Erfolgsgeschichte der Band.

Nach einem intro-artigen Song („3 Feet From Peace“) stürzen sich Stick To Your Guns mit „The Sun, The Moon, The Truth: Penance Of Self“ gleich in die Abgründe. Viel emotionales Geschrei, tief gestimmte Gitarren und ein schleppendes Vorankommen, nicht weit vom Doom entfernt – dieser Kampf gegen die mentalen Probleme und Beziehungskrisen ist kein einfacher. Schnell aber zieht das Tempo wieder an und die schmissigen Refrains mit Chor-Gesang kehren zurück. Die Mannen aus Kalifornien schlachten einzelne Ideen aber nie zu lange aus, sondern zeigen auf „True View“ ein gutes Händchen für geschickt platzierte Wechsel, eine eindrucksvolle Dynamik und Gefühle, die dich hart treffen.

Ob also klassisch wie bei „Married To The Noise“ oder gnadenlos und auf den Punkt wie bei „You Are Free“ – diese Mischung aus Hardcore, Punk und modernem Anspruch geht immerzu auf und packt sofort. Epik trifft auf simple Bausteine (siehe „56“), unsere eingerosteten Gedanken treffen auf neue Ansichten und Ausdrücke. Stick To Your Guns haben mit „True View“ ein Album geschrieben, dass im hart umkämpften Gebiet des intensiven Metalcore ohne Probleme besteht und als Sieger vom Platz geht. Und die Wunden werden heilen.

Anspieltipps:
The Sun The Moon The Truth: Penance Of Self, Cave Canem, You Are Free

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.