EP

Wheel – The Path EP (2017)

Wheel – The Path EP
Label: Umbrella Artist Productions, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Progressive Metal

Finnland ist in der Entwicklung des Modern Prog Metal kein heller Stern, doch dieser Umstand könnte sich bald ändern – denn mit „The Path“ erscheint eine wunderbare erste EP einer vielversprechenden Band. Wheel spielen seit 2015 fleissig Konzerte und halten nun endliche ihre erste Veröffentlichung bereit – drei Songs, die beweisen: Hier lauert viel Talent. Die Gruppe setzt sich aus dem Engländer James Lascelles und den Finnen Saku Mattila, Mikko Määttä und Santeri Saksala zusammen und klingt genauso weltoffen.

Stücke wie „Farewell“ oder „The Path“ brüsten sich mit technischen Feinheiten und emotionalen Ausbrüchen. Eine Verbindung, die in der momentan Entwicklung des Genres von Gruppen wie Leprous, Vola oder Haken gross geschrieben wird. Und auch Wheel müssen sich vor ihren Vorbildern nicht verstecken, wirken die Tracks auf dieser EP doch riesengross und sind fantastisch aufgenommen. Der Stil der Band erinnerte mich immer wieder positiv an A Perfect Circle, schon alleine wegen des Umgangs mit den Takten und Gitarren.

Doch inmitten all dieser Vergleiche schaffen es Wheel trotzdem, die eigene Identität zu wahren. Mit tollen Klangstrukturen und mitreissenden Effekten ist die Musik druckvoll und klar – und nach den drei Liedern lechzt man nach mehr. Glücklicherweise ist die Band bereits daran, neues Material zu schreiben und aufzunehmen. Ein Nachfolger zu „The Path“ darf man bereits Ende 2017 erwarten – ein toller Grund zu hoffen, dass die Monate schnell vorbei gehen werden.

Anspieltipps:
Farewell, The Path

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

KnoR – Planet (2016)

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KnoR – Planet
Label: Rave U R, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Electronica, Pop

Wenn man gewissen Zeichen Glauben schenken mag, dann befinden wir uns langsam in einem gesellschaftlichen Wandel. Das System kann nicht mehr funktionieren und die Leute merken es auch. Georg Bleikolm, gebürtiger Lausanner aber seit zwölf Jahren in Zürich tätiger Künstler, hat dies auch verstanden und verarbeitet unter dem Namen KnoR seine Impulse. Nach Antikapitalismus und Antinationalismus folgt mit dem Abschluss seiner EP-Trilogie nun „Planet“, ein Angriff auf das Etablissement – ohne alles sprengen zu müssen.

Denn im Gegensatz zu den lauten Widerständen in anderen Stilrichtungen bietet KnoR seine Gedanken und Aussagen mit durchdachter elektronischer Musik an. Ob die Lieder dabei wie in den harten Techno-Clubs auf düstere Synths bauen oder sich der Polyrhythmik hingeben, hier sitzt alles an seinem richtigen Platz und ist von Meisterhand aufgereiht. „Lucius Black“ eröffnet mit Glocken und Bläser, der Gesang von Bleikolm wechselt im Verlauf von „Planet“ von Englisch über Französisch zu Deutsch – und lässt damit Momente wie „Hurry Bunny“ sogar beim Pop landen.

Wenn ich Musik wie diese immer wandelbare Reise von „Planet“ höre, dann kann ich schier nicht glauben, dass nur eine Person dahintersteht. Doch KnoR kennt sich dank vielen Liveprojekten und Auftritten im In- und Ausland mit seinen Instrumenten mehr als gut aus und zaubert in nur sechs neuen Stücken viele magische Momente herbei. „Schlager Blues“ lässt an verrauchte Blues-Keller denken, das Titellied lässt die Glieder zappeln und „You’re Donald Trump“ bietet noch einmal einen Rundumschlag gegen alle politischen Übeltäter. Was will man mehr, ausser Gerechtigkeit für alle?

Anspieltipps:
Hurry Bunny, Planet, You’re Donald Trump

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Blondage – EP (2016)

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Blondage – EP
Label: Tambourhinoceros, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Synth-Pop

Es war schon etwas hart, nach zwei vorzüglichen Alben und mehreren Begegnungen zu hören, dass Rangleklods bereits ihr Ende gefunden haben. Aber wie bei Schrödinger konnte man diese Neuigkeit auf schlechte und gute Weise aufnehmen. Denn wo der Weg einer Band aufhört, da beginnt die Reise einer neuen – Blondage wurde geboren. Weiterhin als Duo unterwegs, verschrieben sich Esben Andersen und Pernille Smith-Sivertsen nun aber komplett dem Synth-Pop.

Die erste EP zeigt mit fünf Liedern zwar viel zu wenig Material für hungrige Mäuler, präsentiert Blondage aber in ihren schillerndsten Kleidern und in den besten Farben. Gleich mit „Lucky Black Skirt“ wird man voller Glück auf die Tanzfläche gezogen, man sieht sich selbst durch drehende Kameras und wird zum Hauptdarsteller im pulsierenden Remake von „The Breakfast Club“. Die beiden Stimmen federn auf den Beats ab und schlürfen Synth-Melodien mit langen Strohhalmen. „Dive“ springt förmlich in einen Pool am heissesten Sommertag und lockt mit wunderbarem Groove.

Wenn danach der Vocoder das Zepter übernimmt, kann man nicht anders, als an den Herrn von Westen zu denken, doch Blondage gehen mit den technischen Mitteln geschickter um. Ihr elektronischer Pop bleibt stets abwechslungsreich und geschickt ausgeführt. Dank bester Produktion und ihrem wunderbaren Gefühl für schräge, aber angenehme Takte und Klänge, ist diese erste EP ein tolles neues Lebenszeichen. Mögen Blondage lange leben und unsere Welt mit Fröhlichkeit füllen.

Anspieltipps:
Lucky Black Skirt, Dive, FLF

Blanck Mass – The Great Confuso EP (2016)

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Blanck Mass – The Great Confuso EP
Label: Sacred Bones, 2016
Format: RSD Vinyl
Links: Discogs, Künstler
Genre: Techno, Electronica, Minimal

Der Kauf einer Veröffentlichung von Blanck Mass bietet immer wieder Überraschungen. So war sein Debütalbum wunderschöner Ambient, der Nachfolger dann verstörender und gerne auch sehr harter Techno. Dazwischen erblickte mit „The Great Confuso“ eine EP das Licht der Welt, die beide Pole etwas näher zusammenführte. 2016 erhielt man dank dem Record Store Day nun die Gelegenheit, die Musik auf orangem Vinyl zu kaufen, farblich passend zum Cover.

Wie es der Name schon sagt, dreht sich hier alles um das 18 Minuten lange Stück „The Great Confuso“. Unterteilt in drei Abschnitte bietet der klangliche Erguss nicht nur die harten und queren Beats, ausgefallenen Sprachsamples und düsteren Melodien, sondern aus Frequenzüberlastungen und wunderbare Melodien. Blanck Mass zieht hier alle Register seines Könnens und formt die Musik zu einem immer stärker werdenden Strom, zu einer Reise, zu einem Ritt. Nie werden Ideen zu oft repetiert, immer fliessen alle Gegensätze als neue Farbkreation gemeinsam über den Rand des Malkastens. Aber Achtung: Hinter den lustigen Tönen lauern aggressive Sequencer.

Auf der B-Seite erhält man mit „The Great Confuso“ noch drei Remixe zu „Dead Format“, „No Lite“ und „Detritus“ – die Sammlung und Familie um Blanck Mass wächst also in bester Verfassung weiter. Und somit macht man auch mit dieser Scheibe nichts falsch, denn hier erwarten einen viele Minuten voller hartem Techno, träumerischem Electronica und sogar Ambient-Ausschweifungen. So genial wie bei Blanck Mass fügen sich diese farbigen Vögel selten zusammen.

Anspieltipps:
The Great Confuso (Parts I, II, and III), No Lite (Genesis Breyer P-Orridge Dreamachine Remix)

Fovea Hex – The Salt Garden 1 (2016)

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Fovea Hex – The Salt Garden 1
Label: Headphone Dust, 2016
Format: 10inch Vinyl mit 2 CDs
Links: Discogs, Band
Genre: Folk, Art-Pop, Ambient

Wenn ein Gott plötzlich Personen in sein Reich lässt, diese grossherzig willkommen heisst und sie wohl behütet bleiben lässt, dann müssen diese Menschen etwas sehr besonderes sein. Fovea Hex mussten sich somit sofort mit grossen Erwartungshaltungen konfrontiert sehen, denn als erste Band wurden sie auf dem Label von Steven Wilson ins Portfolio aufgenommen. Doch geschickt umgeht die Band all diese Vorurteile und Gefahren und präsentiert mit „The Salt Garden 1“ eine EP, die musikalisch wohl niemand erwartet hatte. Feenstaub hallo!

Clodagh Simonds sammelt unter dem Namen Fovea Hex nicht nur sanfte Stimmungsbilder auf EPs, sondern auch hochkarätige Mitspieler. So unterstützten sie nicht nur Herr Wilson selber, sondern auch Brian Eno oder Roger Fripp. Diese Musiker formten für Simonds Stimme immer passende Lieder und gaben ihr ein verzauberndes Umfeld. „The Salt Garden 1“ ist nicht nur ein Neustart, sondern eine Fortführung bekannter Tugenden. Mit vier andächtigen Liedern voller sakraler Melodien und schönem Gesang versinkt die Künstlerin in einem Nebel aus Folk, Pop und Ambient. Sanfte Instrumentenspuren umfliessen ihre Knöchel, Chorgesang erhebt sich zwischen den Polen. Gemächlichkeit und bedachtes Handeln stehen an vorderster Stelle, so wird bei „The Golden Sun Rises Upon The World Again“ genau dieser Satz zu einem kompletten Lied ausgedehnt. Allgemein verlässt sich Fovea Hex eher auf Wirkung als auf Worte, bei „Solace“ werden diese nämlich komplett weggelassen. Durch diese Wendung erstarkt das Lied in seiner Form und ist das Highlight. Den Eindruck hatte wohl auch Steven Wilson, der aus den kurzen Minuten auf einer zusätzlichen CD ein über 20 Minuten langes Ambientschauspiel kreierte.

Ganz klar der irischen Heimat huldigend, gleichzeitig aber auch komplett eigenständig auftretend ist „The Salt Garden 1“ eine wunderschöne Begegnung mit Clodagh Simonds. Ohne sich an den typischen Klischees zu vergreifen, erschuf die Künstlerin einen schwelgerischen Auftakt zur neuen Trilogie. Wilsons Wahl, Fovea Hex als erste Labelkollegen zu präsentieren, ist erstaunlich frei und gelungen. Eine wundervolle EP für genussvolle Minuten.

Anspieltipps:
The Golden Sun Rises Upon The World Again, Solace

Daughter – 4AD Session (2014)

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Daughter – 4AD Session
Label: 4AD, 2014
Format: Vinyl
Links: Discogs, Band
Genre: Indie, Pop

Erfolg zu haben kann schon nervend sein, denn damit folgen viele Erwartungshaltungen und Ungeduld. Das grossartige Debüt „If You Leave“ von Daughter war 2013 einer der grössten Hits, bei Kritikern und Hörern gleichauf. Doch leider hiess es dann: Warten und auf neues Material hoffen. Um die Fans nicht ganz im Trockenen sitzen zu lassen, nahm die Band 2014 für 4AD eine Live-EP auf und bewies auch da Talent und Können.

Mit nur fünf Liedern ist der Auftritt leider sehr knapp ausgefallen, lässt aber durch die grossartige Präsentation und Produktion alle entzückt seufzen. Die Band liess sich durch klassische Instrumente begleiten und erschuf damit eine grössere und voluminösere Variante von Daughter. Epischer und eleganter als gewohnt, steckten die Musiker ihre Zurückhaltung nach hinten und liessen Wärme und Völle regieren. Da in diesem Schritt die elektronischen Elemente der Stücke entfernt wurden, sind lieder wie „Youth“ oder „Amsterdam“ nun erdiger und ehrlicher. Elena Tonra wirkt als Sängerin in dieser Umgebung noch etwas verletzlicher, strahlt im gleichen Atemzug aber viel Selbstbewusstsein aus. Und obwohl alle Stücke live aufgenommen wurden, herrscht auf „4AD Session“ ein wunderbares Zusammenspiel der Band und ihrer Gäste. Die Lieder tragen Melancholie und Glück in sich und schmiegen sich an alle Hörer.

Eine Band wie Daughter begeisterte schon immer mit ihrer Intelligenz und dem geschickten Umgang mit Indie und Pop. Dieser Studioauftritt fügte den Stilrichtungen noch eine Extraportion Klasse bei und liess die Formation aus London etwas unsterblicher werden. Für Liebhaber ist auch diese Veröffentlichung ein Muss, sie stellt eine der gelungensten Neuaufarbeitungen von bekannten Stücken der letzten Jahre dar.

Anspieltipps:
Tomorrow, Amsterdam, Shallows

BirdPen – Alls Well That Ends (2014)

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BirdPen – BirdPen – Alls Well That Ends
Label: Eigenveröffentlichung, 2014
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative, Rock

Moment mal, hier soll also alles gut sein, wenn es endlich endet? Dabei haben die Musiker doch noch gar nicht richtig begonnen. Vor ihnen liegen eine spannende Karriere, tolle Platten und mitreissende Konzerte. Aber da der Name glücklicherweise selten Programm ist, haben auch Dave Pen und Mike Bird nach ihrer ersten EP das Handtuch nicht hingeworfen, sondern voller Elan weitere Lieder und Alben geschrieben und produziert. Somit stehen BirdPen heute für intelligenten und spannenden Art-Rock, der sich auch neben Grössen wir Archive nicht zu verstecken braucht.

Um noch einmal zu den Anfängen zurückkehren zu können, gab es 2014 eine kleine Neuauflage ihrer ersten Veröffentlichung. Mit „Alls Well That Ends“ erblickte die Band zum ersten Mal das Licht der Öffentlichkeit und zeigte schon damals alle Merkmale kommender Meisterwerke. Der Gesang ist verträumt und hält sich gerne im Mittelfeld, die Gitarren werden sanft gezupft und dann mit Effekten unendlich lange auseinander gezogen. Dahinter lauern immer wunderbare Harmonien und Melodien, die ganze Lieder tragen. Natürlich passiert hier noch vieles im Lo-Fi-Bereich, der EP haftet der gesunde Charme einer Demo an. Aber das stört zu keiner Sekunde, denn Stücke wie „Spin“ oder „Alls Well“ sind wunderbar. Schade nur, dass die Band heute leider meist auf eine Darbietung eines solchen vergessenen Momentes verzichtet.

Wer BirdPen mag und gerne die Anfänge von Bands erforscht, der macht mit „Alls Well That Ends“ nichts falsch. Fünf Lieder, die sich bis heute behaupten können und die gruppeneigene Mischung aus Indie, Rock und Kunst schon damals in mehrere Richtungen vorantrieben. Alles schwebt durch Nebelfelder und berührt uns mit blinkenden Lichtern. Also nicht lange zögern, sondern melancholisch zu „Up To My Neck“ mitsummen und den Tag geniessen.

Anspieltipps:
Spin, Up To My Neck, Alls Well

Martin Gore – MG Remix EP (2015)

Martin Gore mg Remix EP

Martin Gore – MG Remix EP
Label: Mute, 2015
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Remix, Electronica, Techno

Depeche Mode und Remixe haben eine lange und ergiebige Tradition, wieso sollte es da also beim Soloabenteuer von Martin Gore anders sein? Der Hauptkomponist der Synth-Pop Legende hat im Frühjahr 2015 mit „MG“ sein zweites Album vorgelegt und bietet nun eine hübsche Erweiterung der Platte unter dem Titel „MG EP“. Und nicht nur der Name wird hier mit Grossbuchstaben geschrieben, auch die Musik zeigt sich extrovertiert und weiterführend.

So hat es Gore geschafft, für diese EP namhafte Produzenten des elektronischen Faches zu verpflichten, die den Geist seiner Musik in neue Flaschen verbannen. Im Gegensatz zur Märchenfigur muss man hier aber nicht lange daran rumfummeln, um das Resultat zu erhalten, denn die Veränderungen sind offensichtlich. Andy Stott tritt wie gewohnt im reduzierten Gewand auf, wie man ihn gerne vernimmt – Virgil Enzinger macht aus „Brink“ ein Erlebnis wie eine Filmspur. Die Electronica nimmt Überhand und verdrängt den Techno etwas in träumerische Sphären. Schlanke Strukturen, trainierte Körper und Ambient – niemand will sich aufdrängen. Somit erhält „MG EP“ eine Tiefe und kräftige Wirkung, die das eigentliche Album sogar in den Schatten stellt. Gore lässt sich dies aber nicht zwei Mal sagen und doppelt mit „De Nada“ und „Gifting“ nach. Hier zeigt der Mann sein Können am Sequenzer und den brodelnden Bassrhythmen.

Remixe können Spass machen und dem Original neue Facetten entlocken. Genau dies ist hier gelungen, den Ausreisser nach unten von Mantra Of Machines vergessen wir einfach frech. „MG EP“ bietet somit während fast 40 Minuten neue elektronische Musik mit Emotion und Druck. Dass es dazu nicht immer ballern muss, sollte jedem klar sein. Jetzt sollte Martin Gore diese Euphorie nur noch auf seine Hauptband übertragen können.

Anspieltipps:
Brink (Virgil Enzinger Remix Vinyl Edit), De Nada, Gifting

Robyn & La Bagatelle Magique – Love Is Free (2015)

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Robyn & La Bagatelle Magique – Love Is Free
Label: Konichiwa Records, 2015
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Synth-Pop

Robyn war für mich immer der eigenständige Paradiesvogel im Popgeschäft. Die Sängerin aus Schweden liess sich nie von den Konventionen unterkriegen und veröffentlichte immer genau die Musik, welche sie wollte. Das führte oft zu sehr überbordenden Verrenkungen und Sonderheiten in ihrer Musik. Gerade die Einflüsse der Achtziger prägten die letzte Veröffentlichung „Body Talk“ und führten zu sehr interessanten Kollaborationen mit Röyksopp. „Love Is Free“ zeigt die Sängerin nun im neuen Gewand mit der Band „La Bagatelle Magique“ und bezirzt wild.

Gleich zu Beginn stellt das Minialbum klar, dass hier kein Kindergeburtstag stattfindet. Sicherlich, der heftige Stilmix ist ein Zugeständnis für die freie Liebe unter elektronischem Pop, zeugt aber von Erfahrung und wertvollem Kunstwissen. Zucker und Girlanden findet man Zuhauf, kann aber mit der Zitatensammlung auch vor den Kopf gestossen werden. Retrohype wird geschrien, wer progressive Musik hören will, der ist bei der falschen Band angelangt. „Love Is Free“ erfindet das Rad nicht neu, ist aber auf eine aberwitzige Art ein Heidenspass. Flächen und Melodien vermischen sich mit Polyrhythmik, psychedelische Wirkungen entstehen. Andere Tracks bringen Clubs zum Tanzen und Schwitzen, transportieren damit die Hörer in neue Sphären. Dann wieder bricht alles zusammen wie bei „Love Is Free“, und reduzierte Beatgerüste und knarrende Bässe untermalen Robyns Stimme. Typisch für die Sängerin ist ihre Präsentation: Eine Mischung aus Fröhlichkeit und energischem Ausspruch, gerne auch Rap. „Got To Work It Out“ lässt sich damit schmücken, schmeisst aber einen Vocoder dazwischen. Beim Cover von „Tell You“ (Arthur Russel) endet man wieder im Marzipan und den Regenbögen.

Wie man es von exzentrischen Musikern gewohnt ist, bieten die Damen und Herren auf „Love Is Free“ eine eigensinnige Betrachtung der aktuellen Möglichkeiten im Synthpop. Unterhaltsam, altmodisch frisch und immer ungeduldig. Mit fünf Liedern ist die EP zwar kurz, lässt sich aber regelmässig anhören. Und Robyn beweist weiterhin eine sichere Hand in Klang- und Textwahl. So kann es weitergehen.

Anspieltipps:
Love Is Free, Set Me Free, Tell You (Today)

Egopusher – EP (2015)

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Egopusher – Egopusher EP
Label: Qilin Records, 2015
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Electronica, Experimental

Tagebuch schreiben, was hatte man früher nicht alles für peinliche Gedanken und Wortketten unter einem Buchdeckel versammelt. Auf diese Ausrutscher zurückzublicken war dann meist eine schmerzhafte Angelegenheit – für Musiker kann so etwas allerdings wunderbar zuträglich sein. Tobias Preisig und Alessandro Giannelli nahmen die Möglichkeiten wahr und schöpften für ihre erste Egopusher-EP aus einer Sammlung von Instrumentalskizzen und Beatabfolgen. Und das Resultat kann sich hören lassen – ohne rote Ohren zu generieren.

Alleine die Konstellation der zwei jungen Musiker überrascht: Gianelli als versierter und frecher Drummer, immer eine Hand am Knöpfchen für Effekte und Programming. Ihm gegenüber steht Preisig, der zwischen seiner Geige gerne kleine Synths versteckt und die Saiten auch verzupft zum Schwingen bringt. Und genau diese Klangquelle ist so erfrischend wie ungewohnt. Eine Violine zwischen harten Beats und Keyboardstrahlen ist nicht alltäglich, funktioniert in diesem freundschaftlichen Zweikampf aber prächtig. David Hofmann sorgte mit dem Duo zusammen dafür, dass kein Element überhand nimmt. „Purple Air“ lässt sich somit Zeit für einen Aufbau und hört genau dann auf, wenn es eigentlich wild losdreschen sollte. „Sunbeam Scream“ tippelt auf leisen Perkussionssohlen durch Akkorde und offenbart eine herrliche Dissonanz. Die Musiker finden in ihren Begegnungen immer wieder Momente, die in der Popmusik nicht falsch wären, lassen aber viel Raum für Experimente und Anleihen im Jazzigen. Um sich nicht zu verzetteln, bleiben die sechs Lieder bei kurzen Laufzeiten und machen aus „Egopusher“ eine erste EP, die viel Appetit weckt.

Auch wenn es manchmal spannend wäre zu hören, wie sich die Tracks bei langen Laufzeiten entwickeln würden, mit diesem Debüt ist Egopusher bereits alles geglückt. Elektronische Musik mit handgemachten Zutaten, oder doch experimenteller Instrumentalrock mit elektronischen Federn? Wie auch immer, bei den zwei talentierten Herren spürt man nicht nur Können und Begeisterung, sondern auch Wagemut und Frische. Für alle Leute, die Musik als Spielfeld ohne Grenzen sehen.

(EP erscheint am 27.11.2015 , Plattentaufe am 12.12.2015 im Bogen F in Zürich)

Anspieltipps:
Purple Air, Dirt, Napalm Beach