Hard Rock

Starcrawler – Starcrawler (2018)

Arrow de Wilde hat es erfasst: Wenn eine junge Frau eine Rockband leitet, dann geschieht dies am besten mit wildem Ausdruck und sich überschlagender Stimme. Kein Wunder also, unterliegen seit 2015 alle dem Zauber von Starcrawler – der neusten, jungen Hard-Rock-Hoffnung aus Los Angeles. Verehrt in bekanntesten Musikerkreisen, gelobt von vielen Kritikern und Aufgenommen von Ryan Adams – hier ist das erste Album „Starcrawler“ und erfüllt alle Hoffnungen.

Mit zehn Liedern, welche sich zwischen Hochtemporock und destruktiver Lust bewegen und innert wenigen Minuten gleich viele Herzen einfangen wie brechen, lassen Starcrawler alle wissen: Die Zukunft gehört nicht den alten Säcken, es werden die jungen Rebellen herrschen. Ob mit klassischen Riffs und viel Groove („Love’s Gone Again“) oder frechen Texten und unbändiger Wucht („Pussy Tower“), so effektiv war die klassische Bandbesetzung schon lange nicht mehr. Und Gitarre, Bass und Schlagzeug haben schon lange nicht mehr so erfrischend gerumpelt.

Am tollsten sind Starcrawler aber immer dann, wenn sie sich einen Dreck um ihr Aussehen scheren (es heisst schliesslich nicht umsonst Klangbild) und alles aus dem Ruder laufen lassen. „Different Angles“ ist ein solch wilder und treibender Kandidat, das abschliessende „What I Want“ reisst alle aus dem Alltagsschlaf heraus. Hier wird gekreischt, die Riffs werden extrem verzerrt und der Takt verklopft. Erstaunlich, wie lebensfreudig so altbekannte Elemente klingen können und sofort Freunde fürs Leben machen.

Anspieltipps:
I Love LA, Pussy Tower, What I Want

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Ghost – Ceremony And Devotion (2018)

Die ganze Welt sucht immer den neusten Superstar, das neuste Talent – dabei ist es doch schon lange klar: Der Popestar ist hier und bringt Erlösung für uns alle. Und im Gegensatz zu all diesen Möchtegern-Erlösern erhalten wir hier Gitarrenriffs erster Klasse, Ausdruck voller Inbrunst und Heavy Rock, der sich auch in den offensichtlichsten Klischees noch profilieren kann. Bühne frei für Ghost, die schwedische Hard-Rock-Band, die seit einigen Jahren mit ihrer Musik und dem Auftreten für viel Furore sorgt. Nun also auch mit einem Live-Album.

„Ceremony And Devotion“ ist in seiner Form beste Medizin für alle bereits Süchtigen, aber zugleich auch die perfekte Einstiegsdroge für alle Ungläubigen. Denn was Papa Emeritus 0 und seine musikalischen Elemente hier abliefern, ist die perfekte Portion schwerer Riffs und selbstironischer Inszenierung. Kein Wunder, dreht bei dieser Aufzeichnung die Stadt von San Francisco mehrmals komplett durch. Wer die geschickt getarnten Mannen selbst an einem Auftritt erlebt hat, der weiss, diese Band findet in allem die perfekte Mittelwege.

Wobei, Ghost einfach mal live zu hören ohne ihr Gebaren zu erleben, das hat auch seinen Reiz. Plötzlich werden überzeichnete Songs wie „From The Pinnacle To The Pit“ oder „Ghuleh / Zombie Queen“ zu Werken, die wahrlich alte Geister des Heavy Metal und proggy verspielten Rock aufleben lassen und offenbaren eine herrliche Tiefe, die sogar schlecht zitiertes Latein nicht vermindern. Orgel, Rituale und extrem melodischer Gesang – auf „Ceremony And Devotion“ findet man nicht nur Hit an Hit, sondern eine Band, die wahrlich grossen Spass in ihrer Arbeit findet. Teuflisch oder?

Anspieltipps:
From The Pinnacle To The Pit, Cirice, Ritual

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Ghostmaker – Aloha From The Dark Shores (2017)

Direkt aus dem Herzen von Berlin, mit Vollgas und viel Lust zum Lärm kommen uns Ghostmaker mit ihrer neuen EP „Aloha From The Dark Shores“ entgegen. „Modern Termination“ groovt und rast schneller dahin als es Queens Of The Stone Age heute jemals könnten, die Gruppe um Frontmann Chris W. Jany bringt den Spass zurück in den noisigen Rock. Dass es sich hier um ihre erste Veröffentlichung und nur um den Vorboten zum im Februar kommenden Album handelt, kann man fast nicht glauben.

Denn mit bluesig angehauchten Tracks wie „Fork Man“ bringen die Mannen Momente auf das Parkett, die nach jahrelanger Erfahrung klingen. „Tiger Hates Pi“ schlittert mit Druck und Power um die Ecke, wie es bei Spidergawd immer passiert und Ghostmaker zelebrieren die Liebe zum kräftig aufgebauten und dargebotenen Heavy Rock. Weit weg von den dreckigen Punk-Strassen der Deutschen Hauptstadt ist „Aloha From The Dark Shores“ eher in den nördlichen Legendengebieten des Rock zuhause.

Schön auch, dass sich Ghostmaker mit dieser EP getraut haben, dreckige Stücke wie „Violence“ auch genauso rau klingen zu lassen. Weder die Produktion noch die Riffs sind glatt, alles wirbelt Staub auf und suhlt sich auch gleich darin. Kleine Samples und viel Verzerrung sorgen für einen krachenden Sound und zeigen, dass auch Lärmorgien ohne klare Melodie perfekt aufgehen können („Foreign Admiral“). Ich würde sagen: Wir sind bereit für die Langspielplatte.

Anspieltipps:
Modern Termination, Fork Man, Violence

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Wasteland Fest, Stadionbrache Hardturm Zürich, 17-06-24

Wasteland Fest
Bands: Dead Lord, The Monsters, Gloria Volt, Giant Sleep, Sexy, King Zebra, Joules, Bruno, The Monofones
Stadionbrache Hardturm, Zürich
Samstag 24. Juni 2017

Was gibt es schöneres, als die Brache von einem ehemalig wichtigen Gebäude dazu zu nutzen, um alternative Kultur aufleben zu lassen? Erstmalig durfte man diesen Juni nämlich auf der Stadionbrache Hardturm in Zürich vergessen, für was diese harten Asphaltböden eigentlich gedacht sind, und ohne Hemmungen Luftgitarre spielen. Das Wasteland Fest öffnete seine Tore und lud ein zu Hard Rock, Pogo, kühlem Bier und leckerem Essen. Für einen Tag eroberten die Headbanger das Areal!

Glücklicherweise schaute die Sonne dem Treiben meist durch kleinere Wolken zu und verschonte alle Besucher einigermassen vor Sonnenbrand – und das schützende Zirkuszelt bei der Bühne tat den Rest. So wagte man sich bereits bei der ersten Band Joules aus Zürich vor die Lautsprecher und schaute der Truppe auf die Finger. Deren Stoner Rock war so staubig wie die Umgebung und endete in psychedelischen Affären. Davon liessen King Zebra lieber die Finger, machten aber sonst alles wie in den guten alten Zeiten des Glam Rock – und ehrten sogar Neil Young.

Ab diesem Punkt übernahm der harte Rock’n’Roll das Fest komplett und sogar der Aargau liess sich dazu hinreissen, alle Rockposen aus dem Lehrbuch perfekt an das Wasteland Fest zu übertragen. Sexy aus Zofingen zeigten nicht nur ihre Oberkörper, sondern auch ihren leidenschaftlichen Umgang mit den Instrumenten – da blieb keiner trocken. Gut, dass man sich bei den wuchtigen und langen Stücken von Giant Sleep etwas erholen konnte. Der Stoner-Post-Rock rüttelte an den Zeltstangen und liess die Steine am Boden erzittern.

Perfekt für Gloria Volt, um alle Überlebenden mit ihrem biergetränkten Hard Rock noch einmal kräftig durchzuschütteln. Die Winterthurer wurden mit jedem Song etwas zügelloser und das Publikum dankte ihnen mit lautem Gesang, wilden Tänzen und Crowdsurfer. Plötzlich vergassen alle, das man eigentlich lieber gemütlich im Schatten liegen möchte. Ein solcher Auftritt weckte bei allen ungeahnte Kräfte. Und das war auch nötig, zeigten die Berner The Monsters mit ihrem Hardcore Punk Trash schliesslich, dass alle anderen Bands doch in den Kindergarten gehören.

Unter ihrem schönen Kitteln lauerte unbezwingbare Zerstörungswut und zwei Schlagzeuger klopften alles klein. Dass nach einer solchen Darbietung die Leute immer noch nicht genug hatten, sprach eindeutig für die Organisation des Wasteland Fest. Mit viel Leidenschaft und Liebe wurde aus diesem spröden Areal ein Tummelfeld für Fans, Freaks und Familien – und alle versammelten sich friedlich, um die Gitarrenmusik zu zelebrieren. Da war es verdient, gab es mit Dead Lord eine Belohnung aus Schweden, die mit ihrem kraftvollen und gerne auch düsteren Hard Rock alle glückseelig stimmten.

Nun hatte sich auch die Sonne verabschiedet und das Fest liess sich bunt erleuchten und endete mit einem Höhepunkt. Und wieder einmal hat sich gezeigt, dass die besten und schönsten Festivals eben doch die kleinen sind. Falls sich dieses Treffen also einmal wiederholen wird, ich bin bestimmt wieder mit dabei.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Ghost, Volkshaus Zürich, 17-04-18

Ghost
Support: Zombi
Dienstag 18. April 2017
Volkshaus, Zürich

Es nahm mich schon immer wunder, wie die Musik und das Auftreten von Alice Cooper und ähnlichen Bands damals gewirkt haben müssen. Für mich war diese Art von Songs nie sonderlich spannend und die Schockeffekte verloren sich in der heutigen, extremen Zeit. Eine ziemlich logische, wenn leider auch nicht durchwegs überzeugende Antwort auf diese Überlegungen lieferte das Konzert einer schwedischen Melodic Hard Rock Gruppe im Volkshaus in Zürich. Und die Schatten der Truppe warfen sich weit vorraus, bereits beim Anstehen musste man Schneefall und christliche Plakate überstehen. Erzürnte sich hier ein gewisser Gott aufgrund von Ghost?

Schwer vorstellbar – denn obwohl die Band in ihren düsteren Verkleidungen während dem Auftritt immer wieder satanische Verse in ihre Songs einbaute und am Ende sogar ausserehelichen Sex und Selbstbefriedigung propagierte, war das Konzert brav. Ghost bieten nebst ihrer treibenden Musik eine etwas schräge Mischung aus Symbolspiel, Karvenal und Verlockung. Das zeigte besonders in der ersten Konzerthälfte seine volle Wirkung, als Sänger Papa Emeritus in Papstkluft royal über die Bühne glitt und Weihrauch schwenkte. Die jungen Zuschauer liessen sich davon verzaubern und mitreissen – und schnell war klar: Diese etwas härtere Art von Classic Rock würde wohl ohne dieses Brimborium fast keine Person im Saal wirklich interessieren.

Sicherlich, die Musiker wissen, wo die Akzente zu setzen sind, und auch viele Melodien und überlebensgrosse Refrains entfalten die Wirkung wunderbar. Besonders vor dem Backdrop mit Kirchenfenster-Optik erhält man schnell eine sakrale Atmosphäre und auch ich grinste sehr oft während dieser Show. Doch leider halten sich Präsentation und Resultat bei Ghost nicht im Gleichgewicht, und spätestens nach dem Kostümwechsel des Frontmannes war die Luft etwas raus. Denn obwohl die Truppe eigentlich nicht vieles anders macht als zum Beispiel Kiss, fehlten hier ganz klar die Ohrwürmer für die Ewigkeit.

Zombi – welche namentlich perfekt passend als Support gewählt wurden – gingen mit ihrer Musik komplett andere Wege. Das Duo liess mit Synthies und Schlagzeug psychedelische Welten aus Instrumentalspuren entstehen, welche die Besucher in fremde Gedankenwelten lockten. Auf Repetition setzend und mit Loops und stockenden Rhythmen spielend, wurden aus kleinen Momenten schnell weite Reisen. Ein knallhart gespielter Bass verlieh dem Set eine weitere Ebene und die Gruppe bewies, dass gute Musik keine Maskerade für Glücksmomente benötigt. Reduziert aber interessant, und am Tag danach ergiebiger als die umjubelte Hauptband.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Metal is Back!, Ebrietas Zürich, 16-09-24

Bild von Cornelia Hüsser.

Bild von Cornelia Hüsser.

Metal is Back!
Bands: DustInEyes, Headless Project, Tendonitis
Samstag 24. September 2016
Ebrietas, Zürich

Wenn die Schweiz und Italien zusammen Meisterleistungen wie den Bau eines Gotthard-Tunnels vollbringen können, dann sollte es doch ein Leichtes sein, eine Rockband hervozubringen, die allen kräftig in die Eier tritt. Und siehe da, DustInEyes aus Italien fanden mit der neuen Frontfrau Flo endlich ihren Schweizer Käse für die Pizza – und damit auch neues Leben. Die Band existiert zwar seit 1999, nach drei Alben passierte aber länger nichts Neues mehr.

Nun erfährt ihr Raisehell Rock’n’Roll eine Auferstehung – und warum nicht gleich Zürich mit der neu gewonnenen Energie auseinandernehmen? Im Kellerraum der Ebrietas Bar fanden sich somit neugierige und schwarz gekleidete Menschen ein, um sich von der lauten und niemals beugsamen Musik von DustInEyes gepflegt durchkneten zu lassen. Während keiner Sekunde verlangsamte die Band ihr Tempo und zeigte, dass nicht nur die engen Hosen der Sängerin von alten Helden entlehnt waren. Irgendwo zwischen Motörhead (welche auch gecovert wurden), Kiss, schwerem Punk und breitbeinigem Heavy Metal positioniert, waren die Stücke wie Schläge nach dem technischen KO.

Da scheinbar Metal zurück ist, war dies ein gutes Beispiel dafür, dass laute und harte Musik immer lebendig klingen wird. Wobei nach diesem biergetränkten und schweinsgallopierenden Start schnell der eher klassische Metal das Ebrietas kaperte. Headless Project aus Basel füllten nicht nur die kleine Bühne mit Musikern und Instrumenten, sondern auch die Luft mit zu viel Klang ihres Metal Rock. Die Soundanlage im kleinen Keller war einer solchen Wucht nicht gewachsen und was schon bei DustInEyes zu einem eher kruden Mix führte, war nun endgültig ein laut schreiender Brei.

Schade, dies verhinderte von meiner Seite auch den kompletten Genuss der Konzerte, so mussten auch Tendonitis ihrem Melodic Thrash Metal an den Steinwänden und niedrigen Decke tausendfach abprallen lassen. Ein solcher Raum ist leider nicht dafür geeignet, von drei sehr lauten und wilden Bands bespielt zu werden. Die Leute liessen sich ihr Bier davon aber nicht verderben und unterstützen die Gruppen stark. Schön zu sehen, dass auch im Untergrund immer noch gefeiert und krachende Musik gemacht wird.

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Motorpsycho – Demon Box (1993)

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Motorpsycho – Demon Box
Label: Voices Of Wonder, 1993 / Remastered Edition: Rune Grammofon 2014
Format: Box mit 4 CDs, 1 DVD und Booklet
Links: Discogs, Band
Genre: Psychedelic, Folk, Hard, Space Rock

Wer Motorpsycho wie ich in der aktuellen Prog-Psych-Heavy-Rock-Phase kennen gelernt hat, für den ist das Erforschen der Vorgeschichte eine spannende und oft überraschende Angelegenheit. So hat die Band nicht nur mehrere Stilwechsel vollzogen, sondern gab sich früher auch mit einer sehr bescheidenen Produktion zufrieden. „Demon Box“ war das dritte Album der Norweger und beeindruckt mit seiner Länge. Als wieder veröffentliche Deluxe Version erhält man neu gleich vier CDs voller Musik und eine DVD mit bewegten Bildern. Die definitive Version?

Das eigentliche Album „Demon Box“ nimmt die ersten beiden CDs in Anspruch und wird erstmals komplett auf den Silberlingen präsentiert. Mehrere Stücke waren bisher der Vinyl-Edition vorbehalten, das wurde nun korrigiert. So darf man sich voller Freude in das Werk voller ausgeflippter Spielarten des Rock werfen. Egal ob psychedelisch, folkig oder einfach nur hart treibend, die Band zieht alle Register und mischt aus den Zutaten eine heisse Brühe. Im Gegensatz zu den folgenden Werken kleiden sich die Lieder aber in verschmutzte Gewänder und sind eher den Hobbyaufnahmen zuzuordnen. Das Schlagzeug klingt etwas blechern und scheppert vor sich hin, die Gitarren sind zwar druckvoll, aber am Volumen mangelt es. Dieser Umstand tut dem Genuss des Meisterwerks aber kein Abbruch, ist es eher ein Zeitzeugnis als ein Verlust. Wie von Motorpsycho gewohnt, liefern sie nichts unter dem Prädikat „genial“ ab. Auch hier glänzen die Musiker in allen Bereichen, egal ob ein Lied volkstümlich schunkelt und dabei den Knüppel hinter dem Rücken versteckt, oder ob es eine volle Breitseite Doom-Rock an die Nase knallt. Wer sich einmal in die Riffs und Melodien eingehört hat, kriegt nicht mehr genug. Auf knapp 90 Minuten wummert und kracht es, die Gitarren türmen sich zum Himmel und überlagern sich. Der Höhepunkt erfolgt klar im epischen „Demon Box“, da werden alle Schleusen geöffnet. Ein masslos gutes und vollgestopftes Werk, irgendwo zwischen all den wilden Köpfen der 90er-Jahre und dem Rock-Olymp.

Und um das Werk auch gebührend neu aufzulegen, gibt es auf der dritten CD die gesammelten EPs „Mountain“ und „Another Ugly“. Sanfter und beruhigter zeigt sich die Band auch hier nicht, man erhält sogar Liveaufnahmen und alternative Versionen. Und wer immer noch nicht genügend Holz zerhackt hat, der darf sich mit der vierten Scheibe in die dunkelsten Ecken der Box wagen. Raritäten, Outtakes und noch mehr Livemomente bescheren dem Fan ein Gefühl wie Weihnachten. Auf der DVD lässt sich ein Konzert von 1993 anschauen, genau in der Qualität, die man erwartet. Fehlt nur noch Bier, Rauch und Schweiss im Wohnzimmer, dann ist das Rockglück perfekt. Motorpsycho waren früher jünger und ungestümer (teilweise sehr nahe an Nirvana), aber nicht weniger grossartig – „Demon Box“ belegt das.

Anspieltipps:
Nothing To Say, Mountain, Demon Box, The One Who Went Away

Spidergawd – Spidergawd (2014)

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Spidergawd – Spidergawd
Label: Crispin Glover Records, 2014
Format: Vinyl mit CD
Links: Discogs, Band
Genre: Retro- / Hard- / Blues-Rock

Die Wahrnehmung von neuen Bands und Musik ist schon etwas Interessantes. Je mehr man kennt, desto öfter kauft man auch blind Alben, von denen man keinen Ton gehört hat, aber die beteiligten Personen kennt. Bei Spidergawd reicht es schon zu wissen, dass Bassist Bent Sæther und Schlagzeuger Kenneth Kapstad von den göttlichen Motorpsycho mitspielen. Zusammen mit Per Borten gründeten sie die Spinnenband und veröffentlichen wilden und heftigen Rock. Was sonst?

Das Album beginnt mit dem stark groovenden „Into Tomorrow“ und macht dabei gleich klar, dass die Mannen nicht gekommen sind, um zu kuscheln. Mit Spidergawd geht man ab, oder verschwindet besser wieder. Denn Kompromisse kennt man bei dieser Musik nicht. Egal welche Elemente ein Song verlangt, die Musiker geben alles und verbinden den Retro-Rock mit starkem Blueseinschlag, Sludge, Hard-Rock und Bläsern. Die Gruppe wird mit Saxophon und Trompete ergänzt, damit noch mehr Melodien in die Lieder kommen und Passagen untermalen, in denen sich Borten zurückhält. Obwohl, eigentlich reichen Gitarre und Bass um die Songs voranzutreiben und immer wieder in neue Gebiete eintauchen zu lassen. Plötzlich tauchen Solis auf, dann wird wieder für eine kurze Zeit trocken der Rhythmus angegeben, um zum Abschluss in einem Meer aus Riffs und Licks zu versinken. Kenneth macht dazu was er am besten kann: Er wirbelt wie ein Teufel am Schlagzeug umher. Egal wie gross sein Set ist, egal wie viele Komponenten vor seinen Händen stehen, er spielt mit jedem Snare und Becken. Und in einer Geschwindigkeit, die man zuerst gar nicht glauben kann. Dem Songwriting-Talent von Borten ist es aber zu verdanken, dass die Songs trotzdem nie in einer trüben Suppe untergehen. Jeder Track erhält genau so viel Zeit wie er benötigt, um sich komplett zu entfalten und dann schlüssig ein Ende zu finden. Bei „Empty Rooms“ sind dies halt nun mal 14 Minuten, aber wer Motorspycho kennt lächelt hier nur. So viel psychedelischen Prog wie bei der Mutterband trifft man hier nicht an.

Mit ihrem ersten Album haben Spidergawd gleich mal klar gemacht, wer der neue Boss auf dem Spielplatz des wilden Heavy-Rock ist. Die Songs sind so lebendig, dass sie fast vom Vinyl runterspringen und das Wohnzimmer auf den Kopf stellen. Je öfter man die Scheibe hört, desto geiler wird sie – und ist somit ein Muss für alle Freunde des härteren Rock. Ich frage mich nur auch hier, wo die Mannen immer die Zeit und Musse her nehmen, so viele wahnsinnig gute Alben in so kurzer Zeit aufzunehmen. Magie?

Anspieltipps:
Blauer Jubel, Southeastern Voodoo Lab, Empty Rooms

Live: Spidergawd, Gaswerk Winterthur, 15-03-011

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Spidergawd
Support: Soup, Coogans Bluff
Mittwoch 11.03.2015
Gaswerk, Winterthur

Manchmal ist es nicht so einfach, grossartige Musiker zu würdigen. Als Bewohner der Schweiz hat man zwar den Vorteil, schnell durch das halbe Land reisen zu können nur um eine Band zu sehen, dafür verpasst man teilweise auch einen Auftritt. Da zwischen Zofingen und Winterthur eine Fahrzeit von über 90 Minuten liegt (mit dem Zug), ist es vielleicht nicht die beste Idee, ein Konzert an einem Mittwoch zu besuchen. Aber egal, was macht man nicht alles für die talentierten Herren von Motorspycho? Denn die Rhythmussektion Kenneth Kapstad und Bent Sæther fand sich vor nicht all zu langer Zeit mit Per Borten und Rolf Martin Snustad neu als Spidergawd zusammen. Wie es sich für die Ausnahmetalente gehört, ist auch hier der harte und wilde Stoner-Retro-Heavy-Psychedelic-Rock vorherrschend. Doch Verzögerungen verkürzten leider mein Vergnügen mit der Band auf eine halbe Stunde.

Drei Bands in einen Abend zu pressen war für meine Anwesenheitsspanne doch etwas knapp, aber wie auch immer, Spass hat es gemacht. Denn die Norweger Soup eröffneten den Abend bereits mit variationsreichem Post-Rock. Viel Gitarre und Druck, durchmischt mit Keyboard und Gesang. Und dann plötzlich der Wechsel zu einem treibenden Stück Heavyrock, geil. Glücklicherweise füllte sich auch der Raum während des Konzertes, denn beim ersten Lied schaute die Band etwas verdutzt in nur zirka 10 Gesichter im Zuschauerraum. Leichter hatten es da Coogans Bluff aus Berlin. Denn jetzt waren die Besucher des Gaswerks warm und in guter Laune. Dies transportierte auch die Musik der Band, spielten sie doch einen grossartigen Mix aus 70er Retro-Rock, Blues und Jazz. Erinnerungen an CCR oder Led Zeppelin wurden wach, besonders dank dem grossartigen Sänger / Bassisten, der mit seinen Läufen und tiefer Stimme begeisterte. Auch die Bläser fügten sich gut in die Musik ein und gerne wurde aus einem knackigen Rocker, ein psychedelischer Trip.

Trippig geht es auch bei Spidergawd zu. Nachdem ihr Slot leider um etwa 30 Minuten nach hinten verschoben wurde, erschienen sie nach erstaunlich kurzer Umbaupause auf der Bühne und legten gleich los wie die Teufel. Der Raum wurde komplett mit Klang und Lärm gefüllt, nicht nur die Ohren, sondern auch der eigene Körper spürte die Wucht. Saxophon, Gitarre, Bass und das gewaltig grosse Schlagzeug von Kenneth liessen nicht nur die knappe Bühne klein aussehen, sondern entluden Eruption um Eruption an Musik. Heftige Wechsel und mitreissende Passagen verflossen mit wilden Soli und Energie zu der majestätischen Musik, die man sich vom Motorpsycho-Umfeld gewohnt ist. Obwohl ich von der Band zuvor nie einen Song gehört hatte, fand ich mich gleich zurecht und war begeistert. Und dann musste ich leider mitten im Set das Gebäude verlassen, aber immerhin nicht ohne den Merchandisestand zuvor besucht zu haben. Die Band ist eine echte Empfehlung.

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Live: The Neal Morse Band, Z7 Pratteln, 15-03-05

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The Neal Morse Band
Support: Beardfish
Donnerstag 05.03.2015
Z7, Pratteln CH

Derselbe Segen, der Neal Morse in den 90er Jahren für den Progressive Rock war, dieser Fluch war er in den Nullerjahren. Mit der Band Spock’s Beard hat er in den USA die Stilrichtung aus der Versenkung geholt, und mit seiner melodischen Musik auf der gesamten Welt Fans gefunden. Danach aber kam die Abkehr vom Prog, die Sinnsuche im Christentum und die damit verbundene inflationäre Behandlung der Musik. Seit einiger Zeit vergeht kein Jahr, ohne dass Herr Morse nicht mindestens ein neues Studio- und Livealbum veröffentlicht. Dass sich die Alben teilweise nicht wirklich unterscheiden, ist jedem Fan mittlerweile aufgefallen. Seine Konzerte aber bleiben toll, denn Live strahlt er ein unglaubliches Charisma aus und weiss immer grossartige Musiker um sich zu scharen. Meine Vorfreude war deswegen gross, doch leider erlebte ich das unglaubliche: Ein belangloser Auftritt von Neal Morse.

Sein neues Album wird unter dem Titel der Neal Morse Band vertrieben, eine Aussage zum gemeinsamen Schaffen. Mike Portnoy, Randy George und Eric Gillette begleiteten ihn darum auch ins Z7 nach Pratteln. Zu fünft drückten sie von Anfang an voll auf die Tube und spielten jeden Song wie ein Hard-Rock Stück. Dies kam leider nie authentisch und immer sehr bemüht rüber. Die Klangqualität war auch schlecht, denn alle Instrumente waren viel zu laut und dröhnten oft. Der Brei stopfte den Zuschauern die Ohren voll und das Prediger-Mikrofon von Neal vermochte seinen Stimmumfang nicht zu übertragen. Von der üblich guten und ausgelassenen Stimmung in der Band war wenig zu spüren. Neal fummelte oft am Mikrofon, die Mitmusiker blieben blass. Sogar Portnoy, den sonst nichts bremsen kann, sass eher verhalten hinter dem Drum. Da half auch nicht, dass die Band „Harm’s Way / Go The Way You Go“ von den Bärten spielten, und bei „Alive Again“ vom neuen Album fleissig die Instrumente tauschten. Der Funke sprang bei mir nie über und ich empfand die gebotene Leistung für Herrn Morse schwach.

Ein besseres Bild boten da Beardfish, denn sie machten aus ihren kurzen 50 Minuten Spielzeit ein Fest für Progheads und Retrorocker. Ihre Musik ist eine wunderbare Mischung aus Genesis, Gentle Giant, King Crimson und was weiss ich alles, und bietet in der neusten Auflage immer mehr Anteile in Richtung Metal. Gitarrenlastige Songs wechselten sich mit epischen Longtracks, viel Melodie, Taktwechsel und Talent. Auch wenn die Truppe zu keiner Zeit innovativ ist, ihre Musik und ihr Auftritt haben Spass gemacht. Und hier war die Lautstärke und Abmischung noch super. Schade Z7, das war doch bis anhin auch immer gut?

Beardfish-live-MBOhli