2016

Owls are not – isnot (2016)

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Owls Are Not – isnot
Label: Atypeek Music, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Experimental, Electronica

Was bist du eigentlich alles nicht? Nebst all deinen Stärken und Schwächen, wo beginnt eigentlich die Leere und das Nichts? Warum bist du ein Mensch und kein Hund – warum bist du doch keine Person? Fragen über Fragen, die wohl eher nach einem Leben voller Sinnierungen schreien, als nach dem Genuss von Musik – darum kehren Owls Are Not mit ihrem neusten Werk „isnot“ den Spiess auch komplett um und kehren ihn in sich selber. Nach zwei EPs gibt es nun ein Album voller Experimente und klanglicher Masse. Hier ist eindeutig sehr viel.

Das Duo aus Polen tüftelt gerne mit Samples, Soundfiles und Klangspuren herum und mischt alles mit ihren eigenen Kompositionen. Stücke, oder besser gesagt Flickwerke, wie „isnot a dog“ sind wie ein Hörspiel, dessen CDs alle zerbrochen und willkürlich neu zusammengeklebt wurden. Piotr Cichocki wird mit Synthies und Gerätschaften zum Collagenmeister, Schlagzeuger Marcin Suliński zum Zauberer des Drum’n’Bass. Überall surrt und blubbert es, die Takte und Schläge drücken sich auf die Stimmen und Geräusche. Wer gerne rastlos dem Experiment nachjagt, der wird hier zum erregten Spürhund.

Und was sich am Anfang von „isnot“ noch eher angenehm anhört, führen Owls Are Not spätestens ab „Kepler 452-B“ in die Tiefen der dantischen Höllenfantasie. Die Umwelt wird schwarz, das Ende ist nicht nah, sondern da. Diese Electronica hört man nicht fröhlich vor dem Barbesuch, sondern untermalt damit seine eigenen traurigen und aufgebrachten Gedanken zum Weltgeschehen. Und wer ein Ventil für seine Wut sucht, der findet bei „arc de triomphe“ genügend Gründe, um an den Wänden hochzusteigen und tanzend die Welt zu verfluchen. Wild, aber immer spannend.

Anspieltipps:
isnot a dog, arc de triomphe, isnot a human

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Visions In Clouds – Masquerade (2016)

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Visions In Clouds – Masquerade
Label: igroove, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: New Wave, Post-Punk

Die Zeit verläuft nicht linear, alle Momente und Augenblicke geschehen gleichzeitig und sind immer vorhanden. Kreative Energien und Geschehnisse können somit in jeder Minute angezapft und beeinflusst werden – soweit zumindest gewisse Theorien. Wenn man das Debütalbum „Masquerade“ der Luzerner Band Visions In Clouds anhört, scheinen diese Gedankenspiele aber weit mehr als nur Worte auf dem Papier zu sein. Denn die vier Mannen greifen mit ihren Liedern weit in den typischen New Wave hinein – in Klanggebiete, in denen damals Joy Division Herrscher waren.

Lieder wie „Bodies“ und „Time“ (Ha!) sind aber nicht dazu da, um die alten Zeiten zu glorifizieren. Viel mehr nehmen Visions In Clouds die Traditionen auf und erweitern die Musik, welche damals düstere Gemüter zum Leuchten brachte. Schliesslich hätte es damals noch keinen polyphonen Synthie in den Songs gegeben, aber hier gehört dieses Instrument zu der Umgebung wie der tiefstimmige Gesang und die Gitarrenwände. So wird meist zuerst von der Rhythmusfraktion ein trockenes Rohgerüst gezimmert, das sich nach und nach mit Leben und Melodie ausfüllt. Die elektronischen Klänge regieren vor allem zu Beginn der Platte, geben sich dann aber doch mehr und mehr den Saiten geschlagen.

Wer sich „Masquerade“ anhört, der wird wohl einige Male das Gefühl haben, in einem kahlen Betonraum zu sitzen. Kein Wunder, wurde das Album doch in Berlin aufgenommen und verströmt somit den kühlen Charme der Grossstadt. Man lässt sich durch die Strassen treiben, spürt den leichten Regen auf den Wangen und vernimmt im Ohr die treibenden Songs dieser Scheibe. Luzern ist nicht nur ein Stück urbaner geworden, man hat auch wieder eine grössere Zuneigung zur Melancholie. Nur maskieren muss sich hier niemand.

Anspieltipps:
Bodies, Time, Masquerade

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Phil Hayes & The Trees – Blame Everyone (2016)

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Phil Hayes & The Trees – Blame Everyone
Label: DALA Produkte, 2016
Format: Download
Links: DiscogsKünstler
Genre: Alternative Rock

Gewisse Künstler sind rastlos und vielbeschäftigt, die neuen Ideen müssen gleich verarbeitet werden. Denn im Hinterkopf fügen sich bereits im Schaffensprozess neue Visionen zusammen, die man nicht einfach verenden lassen kann. Phil Hayes ist nicht nur Schauspieler, Regisseur und kreativer Freigeist, sondern auch Musiker. Seit 2015 macht er zusammen mit Schlagzeugerin Sarah Palin und Bassist Martin Prader unter dem Namen Phil Hayes & The Trees wunderbar kargen Alternative Rock – schnell aufgenommen und wunderbar ergiebig.

„Blame Everyone“ lebt nicht nur von den reduzierten Songs und der klassischen Trio-Besetzung – sondern strahlt in seinen Live-Aufnahmen die perfekte Imperfektion von Rockmusik aus. Von Phil Hayes & The Trees innert vier Tagen in Winterthur aufgenommen, sind die Stücke nie glatt poliert und dürfen auch vieles offen lassen. Wie bei einem reizvollen Roman mit mehr Fragen als Antworten, sind Momente wie „Money Don’t Lie“ so aufgebaut, dass man sich in die Lieder vernarrt, aber am Ende der Platte immer noch durstig dasteht. Leichte Gitarrenmelodien, eine schnittige Rhythmusfraktion und die Kombination aller Stimmen sorgen für frische Luft im Proberaum.

Man merkt der Musik die Herkunft an, allerdings setzen Phil Hayes & The Trees auf die richtigen Werte der Heimat.  Hier wird es nie zu wild, „Blame Everyone“ fühlt sich wie eine Autofahrt in der Sonne an – mit Vorfreude auf einen tollen Konzertabend. Pop-Appeal und Rock, alternativ gemischt und immer mit leichter Schräglage – diese Scheibe ist einfach perfekt für zwischendurch. Und man wird immer wieder gerne darauf zurückkommen und interessiert hören, ob die Songs in der Zwischenzeit noch weiter gewachsen sind.

Anspieltipps:
Money Don’t Lie, Heavy Load, Undone

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Pamplona Grup – hoi. (2016)

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Pamplona Grup – hoi.
Label: Irascible, 2016
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Gipsy, Folk

Hoi. Ich bin es, das erste Album der bunten Truppe Pamplona Grup. Nein, wir kennen uns noch nicht, aber das wird sich gleich ändern. Hoffentlich störe ich nicht, oder bist du gerade etwas zu beschäftigt? Super, meine Schuhe ziehe ich besser nicht aus, denn ich war sehr lange und weit unterwegs. Von London komm ich her, darum auch das viele Gepäck hier im Korridor. Ich hoffe, du erwartest heute keine Post oder Dienstboten, der findet keine freie Fläche mehr. Aber keine Angst, in den Koffern sind nur Instrumente und etwas Schnaps. Was ich hier mache, fragst du? Lass mich erzählen.

2012 fanden sich in der Region Zürich und Baden acht junge Herren zusammen, die mit ihrem Blech und ihrem Holz an einem Objekt zu arbeiten begannen. Klar, dieses Ding bin schlussendlich ich geworden – doch wer hätte damals schon gedacht, dass ich aus 13 Teilen zusammengesetzt und in der Englischen Grossstadt vollendet werden würde. Und eigentlich passen meine Wurzeln ja genauso wenig dahin, wie in die Städte der Nordschweiz. Meine Ahnen sind verrückt und wild, tanzen gerne ohne Pause und trinken dazu laut johlend ein paar Gläser. Kletzmer, Gispy, Balkan-Brass – nennt es, wie ihr wollt. Pamplona Grup teilen dies mit dem Folk der französischen Region, lustig oder?

Ja, ich bin frech. Die Musiker von Pamplona Grup fanden es nämlich perfekt passend, mir Namen wie „Heissi Marroni, Marroni ganz heiss“ oder „Hafenkran“ zu geben. Überhaupt nicht falsch, stellt dies doch eine Unterstreichung meiner Herkunft und Stilkombination dar. Als würde man an einem Winternachmittag durch die Gassen gehen und seine Impressionen aufschreiben. Instrumentale Lieder brauchen schliesslich verrückte Titel – und somit übernehme ich auch das Feld, das von Traktorkestar mit ihren Gesangsstücken freigegeben wurde. Aber Achtung mein Lieber, ich bleibe hier in der Wohnung – laut, hole mir Freunde dazu und veranstalte eine tolle Party. Hoi oi.

Anspieltipps:
Gitane; Heissi Marroni, Marroni ganz heiss; Tsigeztsazki

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Blaudzun – Jupiter (2016)

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Blaudzun – Jupiter
Label: Irascible, 2016
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative, Pop

Es gibt sie noch: Leichtfüssige Alben, die im handgemachten Pop zu Hause sind und ohne grossen Aufwand der Nachbearbeitung aufgenommen werden. „Jupiter“, das fünfte Album von Blaudzun und der erste Teil eines Tryptichon ist ein solcher Kandidat. Johannes Sigmond aus Holland hat sich seine Musiker geschnappt und im Studio eine frische Platte aus Spontanität und diversen Einflüssen erschaffen.

Blaudzun brach somit nicht nur mit seiner Gewohnheit, sondern liess seine Musik auch eine freundlichere und offenere Richtung einschlagen. Die Lieder leben von tanzbaren Rhythmen, gefälligen Melodien und Kopf-Gesang. Beim ersten Lied denkt man noch an die fröhliche Phase von BirdPen – bald merkt man aber, hier wird der alternative Rock nicht gross gefordert. Denn das Cover gibt den Takt gut vor, zeigt es doch einen absolut effekthascherischen und massentauglichen Kuss zwischen zwei Frauen – kunstvoll bearbeitet und dargestellt. Ist das Album also nur eine Farce?

„Jupiter“ wehrt sich heftig gegen diese Behauptung und zeigt, dass Blaudzun mit vielen Ideen und Klangformen umgehen kann. Nur fehlt dem Künstler manchmal etwas das Durchhaltevermögen, um alle Songs in bester Form in Sicherheit zu bringen. Somit entsteht manchmal ein etwas ermüdender Wiederholungseindruck, gewisse Gitarrenläufe fesseln zu wenig. Der Trilogie-Auftakt endet somit im weiten Feld gleicher Werke, nur um selten die meisten Kandidaten zu überstrahlen – dann aber so richtig.

Anspieltipps:
Everything Stops, Jupiter, Alarmalarma

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Roli Frei & The Soulful Desert – Strong Is Not Enough (2016)

Roli Frei & The Soulful Desert - Strong Is Not Enough

Roli Frei & The Soulful Desert – Strong Is Not Enough
Label: Radicalis, 2016
Format: CD in Digipak
Links: Facebook, Band
Genre: Rock, Blues, Soul

Ja liebe Machos, immer nur stark zu sein und die Muskeln spielen zu lassen reicht leider nicht aus – gerade wenn man in einer Welt wie der heutigen lebt. Da kommt es uns doch gerade recht, bieten Roli Frei & The Soulful Desert diesen Herbst wieder neue Musik zwischen angenehmem Rock, souligem Blues und folkigem Pop. „Strong Is Not Enough“ setzt dabei den Weg des Vorgängers „Strong“ aus dem Jahre 2010 fort, wagt aber inhaltlich auch neues.

Bestes Beispiel ist wohl das sanfte Lied „Bataclan“, das sich auf völlig zurückhaltende Weise den Terroranschlägen in Paris annimmt. Roli Frei weiss nach über 40 Jahren im Geschäft, dass man in der Musik auch ohne Holzhammer und Plattitüden seine Aussagen den Hörern präsentieren kann – viel mehr Gewicht erhalten da Klänge aus Gitarre oder Bass. Mit seinem vierten Album mit The Soulful Desert nimmt Frei aktuelles Geschehen und Gedanken zu Handlungen bedächtig auseinander und begeistert erneut mit seiner wunderbaren Stimme.

Sicherlich eignet sich „Strong Is Not Enough“ weniger für die ungeduldigen Nimmersatts da draussen, viel eher lädt Roli Frei hier dazu ein, Musik mit geschlossenen Augen und einem warmen Getränk zu geniessen. Und wenn er wie bei „Danse Macabre“ gar an die frühen Zeiten von Peter Gabriel erinnert, dann ist dieses Album voller passender Stilwechsel sehr mitreissend. Von den Prog-Anfängen des Basler Musikers findet man zwar hier schon lange nichts mehr, dafür Lieder eines wachen und einfühlsamen Zeitgenossen.

Anspieltipps:
Birthnight, Bataclan, Cosmic Storm

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Jean-Michel Jarre – Oxygène 3 (2016)

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Jean-Michel Jarre – Oxygène 3
Label: Columbia, 2016
Format: CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Electronica, Trance

Lange ist es her – die Zeiten, in denen sauerer Regen und das Waldsterben die Schlagzeilen regiert haben. Doch auch heute, in einem neuen Jahrtausend, ist der Mensch immer noch zerstörerisch mit seiner Umwelt und sich selber – der Kampf gegen die Verschmutzung dauert an. Somit verwundert es nicht, dass auch das legendäre Album „Oxygène“ von Jean-Michel Jarre nun einen dritten Teil erhält. Denn solange wir nicht alle saubere Luft atmen und friedlich leben dürfen, besteht Handlungsbedarf.

Böse Zungen würden jetzt behaupten, der französische Electronica-Meister versuche mit diesem instrumental gehaltenen Album nur sein Vermögen zu vergrössern – warum sollte er es sonst nach seinem Meilenstein benennen? Doch das 19. Studiowerk weiss gelungen die alten Markenzeichen weiterzuspinnen, es mit modernster Technik zu kombinieren und sich dabei nicht auf plumpe Mittel zu verlassen. Jean-Michel Jarre bringt erst mit dem dritten Track die Beats in die Musik und setzt lieber auf Stimmungsbilder als eingängige Melodien.

Somit ist „Part 14“ eine meditative Eröffnung, „Part 18“ erinnert gar an Down-Tempo-Filmmusik wie bei „Sunshine“ und überall gibt es Synthie-Spuren und Aufblitzer zu erhaschen. Jean-Michel Jarre packt dann bei „Part 17“ doch die Hitmaschine aus und landet mitten im Album eine Single. Sicherlich, man vergleicht die Musik immer mit dem Original und findet auch gleiche Tonspuren dank gleichem Equipment. „Oxygène 3“ hält dem Test nicht immer stand und lässt die Zeitlosigkeit etwas vermissen. Trotzdem, die Scheibe ist ein gelungenes Werk im Bereich des sphärischen Trance und der verspielten Electronica.

Anspieltipps:
Oxygène Part 14, Oxygène Part 17, Oxygène Part 18

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Pretty Reckless – Who You Selling For (2016)

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The Pretty Reckless – Who You Selling For
Label: Razor & Tie, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Rock

Ja, dieser Satz wird wohl in jeder Rezension zum neuen Album von The Pretty Reckless stehen – aber ich komme einfach nicht darum herum: Taylor Momsen und ihre Band sind erwachsen geworden. Wurde die Gruppe bisher doch immer ein wenig belächelt und Momsen überzeugte vor allem mit ihrem Aussehen und den knappen Kleidern bei den Auftritten, darf man sich nun auch an dem Rock erfreuen. Das Cover gibt den erdenen Ton an, die Musik und Produktion folgen. Gerade dank Kato Khandwala an den Reglern wurden viele Songs stärker und selbstbewusster – das tut dem Album sehr gut.

Mit „Who You Selling For“ mischen The Pretty Reckless ihre Rock-Musik mit Blues, Hard-Rock und sogar einzelnen Einsprengsel des Soul und Punk. Dabei ist die Retro-Attitüde immer im Vordergrund, das Album wirkt dreckig und macht Laune. Frontfrau Taylor Momsen klingt bei Gesang oft nicht nur viel älter als 23, sie legt ihre Melodienführungen auch klar an die grossen Vorbildern wie Broody Dale heran. Sicherlich gelingt das Vorhaben nicht immer gleich gut, nicht jeder Track ist so eingängig wie „Take Me Down“, nicht alles wirkt so gross wie „Back To The River“ – man erhält aber handgemachte und in Amerika verwurzelte Musik. Mit „Bedroom Window“ schaut sogar der akustisch sinnierende Geist vorbei und das Album endet im Groovemonster „Mad Love“.

Mit „Who You Selling For“ stellen The Pretty Reckless somit klar, dass es sich hier um eine echte Band handelt und nicht irgend ein Marketing- oder Reissbrettdingens. Klar, Gruppen wie Blues Pills oder Black Mountain verwalten das Erbe der grossen Rock-Legenden einiges innovativer, aber auch Taylor und ihre Mannen haben vieles aus dem Songwriting-Lehrbuch gelungen übernommen. Das dritte Album ist somit eindeutig die bisherige Krönung, man darf gespannt auf neue Konzerte und Veröffentlichungen hoffen.

Anspieltipps:
Take Me Down, Back To The River, Mad Love

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Neil Young – Peace Trail (2016)

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Neil Young – Peace Trail
Label: Reprise Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Folk-Rock, Country

In einer fruchtbaren Erde wachsen zärtliche Pflanzen schnell – somit konnte auch Legende und Kanadischer Musiker Neil Young auf dem Boden seines Livealbums „Earth“ bereits die Samen für das unglaublich rasch hingezauberte Album „Peace Trail“ pflanzen. Der Künstler verlässt dabei kurz die Pfade mit seiner Band Promise Of The Real und wagt sich fast akustisch und mit nur zwei Begleitmusiker in reduziert aufgenommene Lieder. Doch etwas komplett Neues gibt es zu vermelden: Der Mann hat den Vocoder für sich entdeckt und lebt diese Aufregung in vielen Stücken stark aus.

Mit „Peace Trail“ bleibt Neil Young in seinen bekannten Schuhen – er mischt weiterhin seine nölende Stimme mit Protesttexten, knapp ausformulierten Melodien und eine unscheinbar auftretenden Backing-Band. Irgendwo zwischen Folk-Rock, Country und Americana landet er mit Liedern wie „John Oaks“ in staubigem Gras und heisser Sonne. Spannenderweise scheint das Album aber in seiner schier überhasteten Produktion immer wieder halbes auseinander zu fallen. Die Instrumente berühren sich selten, es herrscht viel Leerraum. Oft hatte ich das Gefühl, die weiterhin gelungenen Ideen von Neil Young leiden hier etwas in der ungenauen Ausführung. Das Potential der Songs bleibt zu versteckt, da hilft auch die gesampelte Stimme nicht wirklich.

Es ist beachtlich, dass mit „Peace Trail“ schon wieder ein neues Werk von Neil Young erschienen ist – und der Mann damit weiterhin aktuell und wichtig bleibt. Doch etwas mehr Effort hätte Stücke wie „Can’t Stop Workin'“ noch viel besser machen können. Die Platte ist zwar kein totaler Ausfall, man reiht sie aber auch nicht neben die Klassiker des Musikers ein. Zu vieles versinkt in Gleichförmigkeit, zu merkwürdig sind Übungen wie „My New Robot“. Obwohl, genau dieser krumme Humor und die Angriffigkeit machten den schrägen Kauz Young ja auch immer interessant.

Anspieltipps:
Peace Trail, John Oaks, My New Robot

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Kate Bush – Before The Dawn (2016)

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Kate Bush – Before The Dawn
Label: Fish People, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Art-Rock, Pop

Wenn eine Künstlerin nach 35 Jahren Bühnenabsenz für eine 22 Konzerte lange Residenz in das Hammersmith Apollo in London zurückkehrt, dann kann dies nicht normal ausfallen. So waren die fulminanten, viel zu schnell ausverkauften und bis heute etwas mysteriösen Auftritte von Kate Bush im Jahre 2014 auch das Gegenteil: Theater, Musical, Kunst- und Wunderwerk. Dank der wunderschönen Veröffentlichung „Before The Dawn“ erhalten nun alle ein Ticket für den Eintritt in diese Traumwelten. Eine der grössten Überraschungen ist aber, dass man die Aufnahme ohne visuelle Begleitung erhält. Kann das Konzert auch ohne das Schauspiel funktionieren?

„Before The Dawn“ eröffnet den Abend mit einem Topf voller Hits, der erste Akt gehört ganz klar den bekannten Liedern Kate Bushs wie „Hounds Of Love“ oder „Running Up That Hill“. Dabei wirkt es nie, dass diese fantastischen Kompositionen zu früh dargeboten werden – viel mehr versinkt man sofort in dem wahrlich grossartigen Spiel der Musiker und Kates mitreissender und perfekter Stimme. Und obwohl die Stücke von diversen Nächten zusammengetragen wurden und das Publikum oft nur schwach zu vernehmen ist, wirkt alles fliessend und emotional. Wirklich spannend wird es aber ab dem zweiten Akt, wenn die Band die komplette „The Ninth Wave“ Suite, sowie das gesamte „A Sky Of Honey“ zelebriert. Art-Rock trifft auf perfekten Pop und E-Musik, vermischt mit Theatralik.

Gerade hier fällt zwar auf, dass man gewisse Szenen oder Dialoge ohne die Schauspieler und Bühnenbilder nicht versteht – aber magisch bleibt „Before The Dawn“ sogar in solchen Missgriffen. Und wenn man plötzlich vor Glück eine Träne über „Hello Earth“, „Aerial“ oder das von Kate Bushs Sohn dargebotene „Tawny Moon“ vergiesst, dann wünscht man sich nichts sehnlicher, als die grosse Dame des intelligenten Kunst-Pop selber einmal auf einer Bühne zu sehen. Dieses Livealbum ist somit ein Muss und gehört in jede gut sortierte Sammlung. Und wie auch andere Künstler wird Kate Bush in ihrer langsamen Kreativität scheinbar mit jedem Jahr noch besser.

Anspieltipps:
Hounds Of Love, King Of The Mountain, Hello Earth, Aerial

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.