Blues

Bonosera – Feedback (2018)

Auf der einen Seite haben wir die Bühne, die rohe Energie, die spielerische Lust. Auf der anderen Seite das Album, die genaue Arbeit und die tausend Möglichkeiten einer Produktion. Was passiert, wenn diese beiden Extrem nun aufeinanderprallen, wie geht ein Rock-Duo damit um? Kurz gesagt reicht „Feedback“ aus, länger ausformuliert landen wir beim ersten Album von Bonosera, der Band von Aaron Wegmann und Seraphim von Werra aus Zürich. Die beiden jungen Musiker haben ihre, seit 2015 auf den Bühnen erprobten Songs ohne Schnick-Schnack nun im Studio aufgezeichnet.

Und glücklicherweise ist in dieser einfachen Produktionsweise ohne Overdubs und Tricks die rohe Eigenheit ihrer Musik beibehalten worden. Ob instrumental und mit dreckigen Gitarren wie bei „Northern Lights“ oder gemütlich und leicht romantisch bei „Mary Mary“, die staubige Luft der Wüste ist nie weit entfernt. Desert Trance Blues nennen Bonosera ihre Musik und treffen den Kern ihrer Lieder sehr gut. „Bright Side“ bringt mit viel Verzerrung und Lärm den Stoner Rock zu „Feedback“, „Wreck Me“ zeigt sich wild und ungezähmt. Nicht immer geht die Rechnung gleich gut auf, so zerfällt „How Long“ in seiner Ausführung leider etwas, aber dieses kurze Stolpern fängt das Duo schnell auf.

Spätestens beim langen und abschliessenden „Ain’t Gonna Change“ ist dann klar, hier geht es um authentischen Ausdruck, um raue Gefühle und klangliche Versuche, die nicht immer perfekt aufgehen müssen. Bonosera gehen ganz nach Rick Rubin und spielen genau die Musik, die sie lieben und in ihrem Blut spüren. Das ist genau richtig so und bringt in Liedern wie „Bright Side“ den hart gespielten Blues-Rock auf den Punkt und öffnet sich immer wieder für laute Eruptionen. Vermengung von Bühne und Album geglückt, das kann man mit viel Fuzz sagen.

Anspieltipps:
Wreck Me, Mary Mary, Ain’t Gonna Change

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Open Air Gränichen, Moortal Gränichen, 17-08-25

Open Air Gränichen
Bands: New Model Army, Phil Campbell & The Bastard Sons, Cellar Darling, Crystal Ball, XII Gallon Overdose, Pascal Geiser, Bob Spring & The Calling Sirens
Freitag 25. August 2017
Moortal, Gränichen
Website: openairgraenichen.ch

Wer sich in das Moortal nach Gränichen verirrt, der wird sich bestimmt über das jährlich stattfindende Festival wundern. Wieso sollten solch bekannte Künstler und Bands die Reise in dieses abgelegene Dorf antreten? Die Antwort ist, wie meist bei musikalischen Veranstaltungen, eine ganz einfache: Weil sich hier viele Leute freiwillig zusammenschliessen, um ein liebevoll gestaltetes und immer angenehmes Fest der härteren Musik auf die Beine zu stellen – und dies zum bereits 23. Mal!

So haben es die Veranstalter auch 2017 wieder geschafft, auf gleich bleibendem Gelände ein noch abwechslungsreicheres Programm zu zusammenzustellen, dem es weder an Kulinarik, Attraktionen noch Klangereignissen mangelt. Kein Wunder, durfte man am Eröffnungsabend bereits Namen wie Cellar Darling, Phil Campbell und natürlich New Model Army auf den Bühnen bejubeln. Die legendäre Gruppe aus England war denn auch der klare Headliner.

Unter der Leitung von Justin Sullivan stürzte sich die Band in ein Set voller grossartiger Hymnen des Punk-Rock-Wave und bewies erneut ihre magisch fesselnde Qualität. Egal ob neue oder alte Songs, harte Gitarren oder sanfte Passagen mit Violinistin Shir-Ran Yinon – hier kamen nicht nur Fans von New Model Army auf ihre Kosten. Yinon durfte an diesem Abend sogar gleich zwei Mal auf der Hauptbühne ihr Talent beweisen, war sie schliesslich auch Teil der neuen Band von Anna Murphy.

Das Ex-Mitglied von Eluveitie hat mit Cellar Darling 2016 eine neue Formation gegründet, die auf erzählerische Weise Metal mit Einflüssen des Folk und Gothic packend verbindet. Da funktionierte sogar ein Song auf Mundart, und auch die Wespen hatten keine Chance gegen diesen Druck. Wilder war eigentlich nur noch der ehemalige Motörhead-Gitarrist Phil Campbell, der mit seinen Bastard Sons viele Festivalbesucher mit spezifischen Shirts glücklich machte. Hier gab es den grössten Rock und die meisten Riffs, wenn auch vielleicht nicht ganz so laut wie früher.

Aber auch andere Stilrichtungen und Geschmäcker wurden an diesem Freitag bedient. Egal ob man nun düsteren Country mit Eingängigkeit bei Bob Spring & The Calling Sirens, mitreissenden Blues-Rock mit Musikergastspiel in den Besucherrängen bei Pascal Geiser oder klassischen Hard-Rock mit Spandexschick mit Crystal Ball erleben wollte – das Open Air Gränichen hielt für alle die passenden Bands aus der Schweiz bereit.

Kein Wunder, wurde anschliessend bei XII Gallon Overdose noch einmal richtig gefeiert – denn nicht nur ihr alkoholgetränkter Gitarrenrock liess die Körper wackeln, sondern auch die Vorfreude auf den zweiten Festivaltag. Denn auch der Samstag wird wieder vor Musik bersten und mit Bands wie Anti-Flag, Terror oder Turbonegro das Moortal euphorisch erzittern lassen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Das Pirmin Baumgartner Orchester, Badenfahrt Baden, 17-08-23

Badenfahrt 2017
Bands: Das Pirmin Baumgartner Orchester, Bell Baronets
Mittwoch 23. August 2017
Website: badenfahrt.ch

Versus, Versus, Versus … Das Motto der diesjährigen Badenfahrt lauert konstant überall und schnell sucht man als Besucher bei jedem Element nach dem versteckten Zusammenhang. Für uns Musikredakteure ist dieser Vorlage aber ein gefundenes Fressen, kann man sich so jeden Konzertabend wunderbar in gewisse Anekdoten verpacken. Am sechsten Tag der grossen Feier in Baden lockte wieder die Polygon-Bühne und bewies, dass mehr Musiker auf der Bühne einfach besser sind als wenige. Denn jetzt hiess es: Vorhang auf, für das Pirmin Baumgarnter Orchster.

Angesagt durch die wunderbar reizende und binäre Stimme von Siri begann ein Konzert, das Orchester und Rock-Formation auf beste Weise kombinierte. Unter der musikalischen und gesanglichen Leitung von Till Ostendarp stürzten sich 16 Musiker in Lieder, die auf mehrere Arten gegen Dinge ankämpften. So versuchten drei Perkussionisten die Vorherrschaft zu halten, währenddessen in ihrem Rücken eine Vielzahl an Bläser immer wieder berauschende Wände kreierten. Dazu gesellten sich Gitarren und Synthies, ein Cella und natürlich der Gesang.

Ostendarp prangerte direkt und ohne Scheue Missstände und schlechte Verhaltensweisen der heutigen Zeit an und vermengte die oft dramatische Musik des Pirmin Baumgartner Orchesters mit spannenden und treffenden Aussagen. Ob nun Zürich daran glauben musste oder der materielle Überfluss, dieses Konzert war nebst wuchtiger Rock-Show auch gleich das faszinierende Abbild des Denkbildes eines intelligenten Künstlers. Immer eindringlich, immer voluminös und immer die perfekte Mischung aus Ernst und Unterhaltung.

Eine solche Energie lässt sich aber auch zu dritt erschaffen, dies bewies ein paar Stunden später das Zofinger Trio Bell Baronets. Die jungen Musiker brachten die Schrottbodenalp mit ihrer knalligen Mischung aus Indie-Fuzz und Blues-Rock zum Tanzen und entzündeten schier die Holzkonstruktion. Denn wer so perfekt Gitarre spielt wie Silvan Gerhard, der entlockt seinen Saiten nicht nur Töne, sondern auch Funken. Aber trotzdem wurden Michael Kühni am Bass und Claudius Ammann am Schlagzeug nicht von diesen Riffs verdrängt, zeigten auch sie nicht nur Ausdauer sondern Feingefühl und Kraft.

Ganz zur Freude der Besucher durfte man somit auch Bass- und Drumsolos lauschen und sich durch Hits des Debüts „The Strong One“ und alte Klassiker tanzen. Und wer danach immer noch nicht genug hatte, der machte sich auf den Weg zum Stadtturm um wunderbare visuelle Projektionen zu begutachten oder ein das ganze Fest für einmal bei Nacht zu bestaunen. Alleine die riesige Lichtinstallation unter der Hochbrücke machen eine späte Anreise nach Baden nämlich auf jeden Fall wett.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Open Air Basel, Kaserne Basel, 17-08-10 bis 12

Open Air Basel
Bands: Archive, Chinese Man, Bilderbuch, Bombino, Allah-Las, Mammut, Fai Baba, Denner Clan
Donnerstag 10. bis Samstag 12. August 2017
Kaserne, Basel

Es muss nicht immer riesig und eng sein, es reichen kleine Momente der Freude und eine liebevolle Gestaltung. Genau darum ist das Open Air Basel auch weiterhin ein Geheimtipp für Freunde der guten Livemusik. Und obwohl das Festival vor der Kaserne dieses Jahr bereits drei Tage andauerte, war von Grössenwahn nie etwas zu spüren. Mit maximal drei Bands pro Abend auf der grossen Bühne gab es keine Hast, und die Musiker konnten ihre Sets etwas ausdehnen. Ebenso war das Drumherum perfekt auf die Feier abgestimmt und man konnte sich lecker verpflegen, Kleider kaufen oder tauschen und für sinnvolle Organisationen spenden.

Wenn auf der Bühne dann mal keine Künstler sich verausgabten und die Lichter aus blieben, dann fand man plötzlich mitten auf dem Kasernenplatz eine Band, die zwischen Ständerlampe und Vogelkäfig ein paar akustische Songs zum Besten gab. Oder hinter der grossen Bar erklang plötzlich Synthie-Pop, wunderbar frech vorgetragen von We Invented Paris – sogar mit einem Cocktail-Mischer. Da war es manchmal schon fast einerlei, aus welchem Grund man eigentlich an diese Freiluftkonzerte gereist war – das Rahmenprogramm rechtfertigte jede Sekunde. Aber natürlich waren auch die Hauptacts mehr als zufriedenstellend.

Allen voran natürlich die abschliessenden Archive aus England, welche das Open Air samstagnachts mit ihrer dröhnenden Show beendeten. Zwar ohne Holly Martin, dafür mit einer fesselnden Mischung aus alten und neuen Songs auf der Bühne, verflog die Show innert kürzester Zeit. Was mit „Driving In Nails“ begann, baute Berge aus „F*ck U“, „Distorted Angels“ und „Bullets“, um dann mit „Controlling Crowds“ und „Numb“ noch wuchtiger zu enden. Ein perfekt gesetzter Schlusspunkt also, wobei auch Chinese Man diese Aufgabe am Freitag mit Bravour übernahmen. Ihre Mischung aus Hip-Hop, World und modernster, elektronischer Musik war ein Multimedia-Spektakel und Basswunder.

Da hielt es Bombino aus Nigeria am Donnerstag noch etwas einfacher und liess seine grossartige Mischung aus Tuareg-Gitarren und Blues-Rock für sich sprechen. Mit ungewohnten Melodien und packenden Rhythmen tanzte man quer über den Platz. Auch Bilderbuch waren alles andere als normal, alleine dank dem Vorhang aus tanzenden Sneakers. Dazu der extrovertierte Indie-Art-Punk, die frechen Texte und perfekt platzierten Ansagen – Österreich hat eine neue Superguppe. In diese Sphären vorzudringen versuchten auch die Allah-Las aus Kalifornien, ihr eher zurückhaltender Blues-Folk vermochte aber leider nicht so zu packen.

Da hielt die Schweizer Fraktion mit Fai Baba und Denner Clan schon wilder dagegen und zeigte bereits in den hellen Stunden am Donnerstag, dass Surf-Rock oder ausufernder Indie immer noch an ein heutiges Festival gehören. Wie auch der Ecken schlagende Rock der Isländer Mammút, die nicht nur Erinnerungen an Björk wach werden liessen, sondern mit tollem Gesang und guten Einfällen mehr als glücklich machten. Wie auch das gesamte Open Air, was erneut bewies, dass Basel einfach stilvoll ist und bei der Musik mehr als guten Geschmack beweist. Das nächste Jahr sind wir auf jeden Fall wieder mit dabei.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Dick Laurent – Hello (2017)

Dick Laurent – Hello
Label: Sixteentimes, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Blues, Instrumental Rock

Ich kenne eine coole, frische Band aus Basel – diesen Satz konnte man in letzter Zeit sehr oft anwenden, und der Nachschub scheint nicht weniger zu werden. „Hello“ sagen Dick Laurent und knallen uns auf ihrer neuen Scheibe fünf instrumentale Rock-Songs vor den Latz – da hilft zur Abkühlung nur noch der Sprung in den Rhein. Doch Achtung: Die drei Herren verfolgen dich weiter.

Lieder wie „Oiled“ oder „Short Story“ sind eigentlich oft kein Grund, dass man vor Freude die Hände verwirft. Was aber Dick Laurent mit den knackigen Stücken machen, das hat grossen Reiz. Seit 2013 haben sich die Musiker nämlich darauf getrimmt, hart hervor preschende Beats und träumerische Melodien zu verbinden. Gekonnt werden hier beide Komponenten mit Gitarre, Bass und Schlagzeug verknüpft und die Langeweile hat zu keiner Sekunde auch nur eine Chance, um vorbeizuschauen.

Vielmehr reist man hier durch den klassischen Blues-Rock, atmet kurz Wüstenstaub ein und ertappt sich beim Stolpern über die schier progressiven Taktwechsel. Und kaum hat man sich so richtig warm gerockt, endet „Hello“ leider auch schon wieder. Doch das Wenden der Platte benötigt schliesslich nicht viel Zeit, und schon bald geht das Fest mit Dick Laurent weiter.

Anspieltipps:
Oiled, Hello

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Mark Lanegan Band – Gargoyle (2017)

Mark Lanegan Band – Gargoyle
Label: Heavenly Records, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Alternative Rock, Blues

Man fühlt sich sofort Zuhause, denn das zehnte Soloalbum des ehemaligen Sängers von Screaming Trees bietet gleich eine bekannte Atmosphäre und Instrumentierung: Sanfte Elektronik vor einer düsteren Songstruktur, die von ihren spitzen Gitarrenriffs und dem schleppenden Rhythmus lebt. Und über allem lauert die tiefe und raue Stimme von Mark Lanegan. Mit „Gargoyle“ hat der Künstler als werde etwas verlernt, noch wirkt der Mann müde. Vielmehr entdeckt er auf dieser Scheibe sogar den Optimismus.

Denn mit diesen zehn neuen Lieder wagt sich Mark Lanegan an Momente, die nicht sofortige Selbstzerstörung hervorrufen. Klar, auch hier gibt es „Nocturne“ oder „Beehive“ wieder Musik, die sich als perfekte Begleiter für die geschlichene Spaziergänge durch U-Bahn-Stationen anbieten. Aber über „Gargoyle“ scheint nicht mehr der Nachthimmel, sondern die Dämmerung zu lauern. Alternativer Rock mit einem Einfluss aus Blues und Electronica, hier baut sich jedes Lied kontinuierlich auf und bietet eine wundervolle Soundwand.

Mark Lanegan erweitert seinen Katalog also um passende Musik, allerdings dürfte er hier auch etwas stärker vom etablierten Schema abweichen. Selten hebt sich eine Melodie oder Ähnliches vom Album an, gewisse Lieder haftet sogar noch etwas der Skizzen-Geruch an. Aber es muss auch nicht immer alles weltverändernd gross sein. Denn weiterhin fesselt der Gesang, die mysteriösen Texte und mit Gästen wie Greg Dulli oder Josh Homme gibt es mehr als genug zu entdecken. Und schliesslich tanzt man auch im Frühling gerne durch die Schatten.

Anspieltipps:
Nocturne, Beehive, Old Swan

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: David Brighton’s Space Oddity, Volkshaus Zürich, 17-03-28

David Brighton’s Space Oddity
Dienstag 28. März 2017
Volkshaus, Zürich

Hymnen für die Ewigkeit, unendliche Kreativität, ständiger Fortschritt und unzählige Lobpreisungen – der 2016 verstorbene Musiker und Künstler David Bowie hat wie kein anderer die Menschen in und um die Musikwelt so berührt. Seine Karriere ist unvergleichlich, seine Konzerte unvergesslich – und heute leider nicht mehr erlebbar. Oder etwa doch? Denn David Brighton verkörpert seit 1994 das Chamäleon auf schier perfekte Weise und hatte damals sogar für das „Reality“-Album mit Bowie zusammengearbeitet.

Und endlich stand der Mann mit seiner Band in Zürich auf der Bühne, komplett mit Videobegleitung, Kostümwechsel und dem Flair vergangener Jahrzehnte. Mit seiner Show „Space Oddity“ greift Brighton nicht nur tief in die Vergangenheit von David Bowie ein, sondern fängt dank seinen grossartigen Musikern die Atmosphäre der damaligen Zeit perfekt ein. „Rebel Rebel“, „Young Americans“ oder „Ziggy Stardust“ – dem Publikum schallt es entgegen, als wäre man mit einer Zeitmaschine zurückgereist. Dank toller Solos, einem satten Sound und versierten Talenten werden auch komplexe Stücke wie „Cat People (Putting Out Fire)“ oder „Space Oddity“ zu einem Fest.

Bald konnten sich nicht mehr alle auf den Stühlen halten und suchten im Volkshaus neben den Sitzreihen Platz um zu tanzen, was Brighton erfreute und zu manchen Danksagungen hinreissen liess. Allgemein trat der Imitator mit viel Charisma und einer zum Verwechseln ähnlichen Gestik vor die Leute. Auch stimmlich traf er die Vorlagen von Bowie, und mit geschlossenen Augen verschwanden Begriffe wie Original und Kopie. Und wenn sich Space Oddity zu Covers von Cream und T.Rex hinreissen liessen, passte das perfekt in den Rahmen. Nicht nur die Hosen und Schuhe des Gitarristen glitzerten in diesen Momenten.

Sicherlich, eine Tribute-Show ist nicht jedermanns Sache und hat immer den Effekt, dass man alles mit dem Original vergleicht. Doch David Brighton hält dieser Herausforderung stand und traute sich auch an „China Girl“ oder „Under Pressure“. Schade nur, dass gewisse Instrumente wie das Saxophon gesampelt wurden und man die Spätphase von Bowie komplett ausgeklammert hat. Aber einmal „Heroes“ und „Life On Mars?“ live zu erleben, das war schon sehr magisch.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Spidergawd, Gaswerk Winterthur, 17-03-25

Spidergawd
Support: Woodland
Samstag 25. März 2017
Gaswerk, Winterthur

Auf der Hinfahrt wurde im Auto noch fleissig diskutiert, welche andere Band einen solch konstanten und immer noch besser werdenden Output hat, wie die Jungs. Ein Vergleich fiel uns nicht ein, höchstens vielleicht Steven Wilson, spielt aber auch keine Rolle – denn Spidergawd haben sich mit ihrem vierten Album „IV“ langsam von Motorpsycho emanzipiert. Die vier Herren aus Trondheim stehen seit 2013 für gnaden- und schnörkellosen Rock. Und servierten diesen in Winterthur gleich mit der Baggerschaufel.

Von dem ersten Gitarrenklang bis hin zur letzten Schwingung der Becken am Schlagzeug gilt bei Spidergawd nur eines: Schweisstreibende, laute und schnelle Musik. Heavy Rock mit Saxophon, Gitarrensolo mit wilden Drumwirbeln, Bassläufe über psychedelische Instrumentalpassagen. Die Band springt von knackigen und stark groovenden Hits wie „Get Physical“ zu ausufernden Longtracks wie „The Lighthouse“, ohne mit der Wimper zu zucken. Kein Wunder, war das Publikum im Gaswerk völlig aus dem Häuschen und jubelte fast lauter, als die Band spielte.

Haare schwingen, Fäuste recken, Textzeilen mitschreien – Leidenschaft fand man auf beiden Seiten der Bühne. Und bei einer Band, bei der sogar Liebeslieder wie „Is This Love?“ mit 300 Sachen über die Strassen rasen, gibt es schliesslich nur die totale Hingebung. „The Inevitable“ – eigentlich ein passender Titel für eine energiereiche Nacht mit Spidergawd – welche alle von der Klangwucht betrunken aus dem Saal entliess.

Woodland brachten diese Urgewalt nicht ganz hin, was aber auch nicht zu erwarten war. Aber trotzdem, die junge Gruppe aus Norwegen gab alles und stellte ihr erstes Album mit viel Leidenschaft den Besuchern vor. Die kecke Mischung aus Delta Blues und wildem Rock vermengte sich zu wunderbaren Brettern. Nebst den Gitarren durften auch noch ein Keyboard und der Kontrabass Akzente setzen – und Woodland bewiesen, dass der Kosmos um Spidergawd immer grösser wird. Schliesslich stand Bassist Hallvard Gaardløs an diesem Abend gleich zwei Mal auf der Bühne – und half dabei mehr Holz zu verarbeiten, als manches Sägewerk.

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Roli Frei & The Soulful Desert – Strong Is Not Enough (2016)

Roli Frei & The Soulful Desert - Strong Is Not Enough

Roli Frei & The Soulful Desert – Strong Is Not Enough
Label: Radicalis, 2016
Format: CD in Digipak
Links: Facebook, Band
Genre: Rock, Blues, Soul

Ja liebe Machos, immer nur stark zu sein und die Muskeln spielen zu lassen reicht leider nicht aus – gerade wenn man in einer Welt wie der heutigen lebt. Da kommt es uns doch gerade recht, bieten Roli Frei & The Soulful Desert diesen Herbst wieder neue Musik zwischen angenehmem Rock, souligem Blues und folkigem Pop. „Strong Is Not Enough“ setzt dabei den Weg des Vorgängers „Strong“ aus dem Jahre 2010 fort, wagt aber inhaltlich auch neues.

Bestes Beispiel ist wohl das sanfte Lied „Bataclan“, das sich auf völlig zurückhaltende Weise den Terroranschlägen in Paris annimmt. Roli Frei weiss nach über 40 Jahren im Geschäft, dass man in der Musik auch ohne Holzhammer und Plattitüden seine Aussagen den Hörern präsentieren kann – viel mehr Gewicht erhalten da Klänge aus Gitarre oder Bass. Mit seinem vierten Album mit The Soulful Desert nimmt Frei aktuelles Geschehen und Gedanken zu Handlungen bedächtig auseinander und begeistert erneut mit seiner wunderbaren Stimme.

Sicherlich eignet sich „Strong Is Not Enough“ weniger für die ungeduldigen Nimmersatts da draussen, viel eher lädt Roli Frei hier dazu ein, Musik mit geschlossenen Augen und einem warmen Getränk zu geniessen. Und wenn er wie bei „Danse Macabre“ gar an die frühen Zeiten von Peter Gabriel erinnert, dann ist dieses Album voller passender Stilwechsel sehr mitreissend. Von den Prog-Anfängen des Basler Musikers findet man zwar hier schon lange nichts mehr, dafür Lieder eines wachen und einfühlsamen Zeitgenossen.

Anspieltipps:
Birthnight, Bataclan, Cosmic Storm

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: On The Bus, Kleine Bühne Zofingen, 16-12-16

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On The Bus
Support: Muriel Zemp
Freitag 16. Dezember 2016
Kleine Bühne, Zofingen
Bilder: Heinz Schaub

Gewisse Ortschaften brüsten sich damit, kulturell an vorderster Stelle zu stehen. Auch die Kleinstadt Zofingen im Aargau stellt sich gerne mit solchen Aussagen ins Rampenlicht. An diesem Freitagabend fand man im Kellergewölbe des Schulhauses aber Berechtigung für solche Behauptungen. Auf der kleinen Bühne gaben sich Musiker die Klinke in die Hand, welche die Besucher auf leichte Weise kurzerhand in alle Himmelsrichtungen entführten. Weiterbildung und Ausgang in einem, irgendwo zwischen Folk und Traditionen.

Muriel Zemp machte alleine mit ihren technischen Helfern den Anfang und wagte sich an eine Mischung aus Chansons aus der französischen Welt, volkstümlichen Liedern aus den felsigen Winkeln der Schweiz und eigenen Kreationen voller Sprachschichten. Die Künstlerin und Pianistin jonglierte Loop-Aufnahmen ihrer Stimme zu halben Chören und verlieh somit bekannten Stücken neue Aspekte. Schade nur, dass gerade die Momente mit künstlichen Dums und Basslinien etwas zu stark in die Welten der Alleinunterhalter abdrifteten. Muriel Zemp ist talentiert und weiss auf er Bühne auch ihren Charme geschickt einzusetzen, doch diese Aspekte machten den Auftritt etwas unschön. Und ja, wer vor Kleinkunst eine gewisse Berührungsangst hat, der war hier auch am falschen Ort.

Da tat es gut, dass mit On the Bus danach eine lokale Formation den Saal beschallte, die ihre Musik gerne auch ungekämmt stehen lässt. Unter der Leitung von Paul Hoffmann musizierte sich das Quartett von Blues über Singer-Songwriter bis hin zu Pop und Bossa Nova durch alle erdenklichen Einflüsse. Mit viel Witz, Erfahrung und gerne auch amüsanten Texten lebte die Kleine Bühne auf und das Publikum liess sich zu lauten Ovationen hinreissen. Besonders wenn Gitarrist Renato Rizzo seine Finger in unglaublichen Variationen über die Saiten gleiten liess oder Michael Hammer sein Cajón bearbeitete, hellten die Gesichter auf.

Eigentlich wäre die Band lauter und mit Schlagzeug unterwegs, die Herren verstanden es aber wunderbar, ihre Lieder in das sanftere Kleid zu stecken. Jonas Lüscher legte den Teppich mit seinem Kontrabass aus, welcher von Paul Hoffmann nur zu gerne schelmisch betreten wurde. Und ohne es zu merken, haben On The Bus somit dem eher gesetzten Publikum eine freche und spannende Darbietung von Rock untergejubelt. Es lohnt sich manchmal doch, in die Tiefen zu steigen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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