Bella Union

Jonathan Wilson – Rare Birds (2018)

Als „Fanfare“ 2013 erschien, da wurde die Welt auf einen Schlag extrem viel schöner. Das Album von Jonathan Wilson war nicht nur eine fantastisch komponierte Verneigung vor jeglichen Rockarten der Sechziger und Siebziger, sondern voller wunderschöner Melodien und beeindruckender Energie. Mit „Rare Birds“ erscheint nun endlich der vollwertige Nachfolger – und macht einiges anders. Denn obwohl der amerikanische Musiker immer noch mit seinen gleichen Markenzeichen spielt, werden hier neue Quelle angezapft. Dass man also nun plötzlich Fleetwood Mac oder viel Bruce Springsteen aus den Songs heraushört, sollte nicht verwundern.

Jonathan Wilson hat hier nicht nur eine Platte geschaffen, die extrem gefühlsvoll, empathisch und in den richtigen Momenten abdriftend daherkommt, es ist ein Wundertopf voller Folk, Singer-Songwriter, verzerrtem Hard Rock und schwelgerischem Pop. Das Klangbild orientiert sich in Songs wie „Over The Midnight“ zwar eher bei klinischen Taten der Achtziger als dem Staub von Kalifornien, verliert aber nichts vom Reiz. Gerade Stücke wie „There’s A Light“, dass mit Orgel, Chorgesang und Klavier direkt im Tempel vom Boss landet, oder der Titelsong, der sich relativ reduziert in den Nachthimmel schraubt, beweisen die perfekte Mutation des Sounds. Alles was Wilson anfasst wird zu Gold, auch hier.

So ist auch das lange und sehr schwelgerische „Loving You“ einfach nur zu Tränen rührend schön, „Hard To Get Over“ direkt und im richtigen Moment wild, „Sunset Blvd“ hinreissend verträumt – „Rare Birds“ ist genauso vielfältig wie genial. Jonathan Wilson ist zur Zeit also nicht nur als Gitarrist bei der Us + Them-Tour von Roger Waters zu loben, sondern als Solokünstler eine fast unerreichbare Klasse. Und diese Platte sollte in jedem Haushalt stehen, in dem immer wieder gerne mal eine Rock-Scheibe aufgelegt wird.

Anspieltipps:
Me, Loving You, Hard To Get Over

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Philip Selway – Let Me Go (2017)

Band: Philip Selway
Album: Let Me Go
Genre: Soundtrack / Indie

Label/Vertrieb: Bella Union
VÖ: 27. Oktober 2017
Webseite: philipselway.com

Er war ja noch nie einer, der sich mit extremen Trommelwirbeln und unbarmherzigen Doublebass-Attacken bekannt gemacht hatte. Dies bewies Philip Selway, die meiste Zeit Schlagzeuger bei Radiohead, bereits auf seinen vorherigen Soloalben. Für “Let Me Go” geht der Künstler aber noch einen Schritt weiter und zaubert praktisch im Alleingang einen Soundtrack auf das Parkett, bei dem sich Familien und Geister gemeinsam einfinden. Und auch wenn der Film harte Themen wie Weltkriegsverbrechen und Verlust behandelt, in der Musik findet man immer wieder die aufkeimende Schönheit.

Dass es sich hier nicht um eine rein perkussive Darbietung von Songs handelt, ist dem Einfallsreichtum und Talent von Philip Selway zu verdanken. So klemmte sich der Musiker hinter das Klavier, die Gitarre und sogar das Glockenspiel, um den kurzen, aber gefühlvollen Liedern die richtige Atmosphäre zu verleihen. Mit der Verwendung der singenden Säge erhalten die oft knappen Insturmentaltracks eine unheimliche Komponente und schweben durch die alten Räume. Allgemein lebt “Let Me Go” stark von einzelnen und oft schwermütigen Melodien, nur wenige Stücke setzen auf Gesang (“Walk” oder “Let Me Go”).

Das Schöne an diesem Soundtrack ist aber, dass dieses Album auch ohne den Film hervorragend funktioniert. Philip Selway bleibt mit seiner ruhigen Mischung aus alternativem Pop und experimentellen Instrumentaltracks auf dem Pfad von “Weatherhouse”, erweitert das Bild aber um dunklere Farben und noch mehr Einfühlungsvermögen. Somit ist dieses Werk ein in sich gekehrtes Spiel mit Stimmungen und Erinnerungen an Menschen, die man zu schnell vermisst. Vibraphon und schwere Vergangenheiten inklusive.

Anspieltipps:
Wide Open, Walk, Let Me Go

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Mammút – Kinder Versions (2017)

Mammút – Kinder Versions
Label: Bella Union, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative Rock, Indie

Es gibt wenige Künstler und Bands aus Island, die ohne die Englische Sprache weltweit Erfolge feiern können. Dies haben auch Mammút erkannt und darum auf ihrem vierten Album „Kinder Versions“ nun von Isländisch zur Weltsprache gewechselt. Dass die Truppe damit aber extrem stark an Björk und die Sugarcubes erinnert, war so wohl nicht zu verhindern. Eine Hürde ist dieser Vergleich nicht, wissen die Leute hinter den Instrumenten doch, wie man frische Ideen einbringt.

Wenn Mammút ihre eigene Variante des alternativen Rocks spielen, dann werden munter kräftige Momente voller Trieb und sinnliche Pop-Träume zu ungeraden Indie-Songs zusammengebaut. Bereits mit den zwei ersten langen Liedern auf „Kinder Versions“ wird klar: Hier nimmt ein Song nie den einfachsten Weg. Depressive Gitarren wandeln sich zu elektronisch angemalten Tanzmomenten, Stücke versinken in Post-Rock-artigen Feedbacks. Solche netten Wechsel halten die Spannung hoch – trotzdem fehlt manchmal etwas.

Und zwar die Verrücktheit, Mammúts Öffnung für den Weltmarkt wirkt teilweise etwas zu glatt geschliffen. Gerade die kürzeren Songs vermissen ein wenig den Abenteuergeist. Mit hochemotionalem und gerne auch quietschigem Gesang, Chor und epischen Gitarrenwänden fangen die fünf Mitglieder die Platte aber immer wieder vor dem Aufschlag auf. Die vier Jahre Wartezeit auf neues Material waren also nicht umsonst, hier darf wieder zwischen den Arrangements geträumt werden.

Anspieltipps:
We Tried Love, Kinder Versions, Breathe Into Me

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Flaming Lips – Oczy Mlody (2017)

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The Flaming Lips – Oczy Mlody
Label: Bella Union, 2017
Format: Vinyl
Links: Discogs, Band
Genre: Psychedelic Rock, Electronica

Legalisiert alle Drogen, sofort! Und ja, Einhörner sollte es auch geben. Was Wayne Coyne auf ihrem neusten Erzeugnis für Parolen schwingen, überrascht nicht und ist eine wunderbare Abkehr von den momentanen Politikströmungen. Vielleicht würden diese Dinge doch einiges zum Positiven wenden – auf jeden Fall wäre „Oczy Mlody“ bestimmt ein Album, das in seiner Form plötzlich mehr Sinn ergeben würde. Klar, The Flaming Lips wurden mit verrückter und psychedelischer Musik bekannt, aber ganz nachvollziehbar sind gewisse Entwicklungen dann halt doch nicht. So steht 2017 in der Bandgeschichte zwar für etwas grössere Zurückhaltung, aber auch Verwirrung.

The Flaming Lips haben seit ihrer Gründung 1984 einige Wandlungen durchgemacht. War ihre Musik zu Beginn doch ein lärmendes Ungetüm aus Garagen-Psychedelica, fanden sie mit dem grösseren Popeinfluss die herrlichen Melodien und den Welterfolg. Doch auf jeden Sonnentag folgt Regen, und die Gruppe stürzte sich in den klanglichen Weltraum-Horror – Feedback und Rauschen. „Oczy Mlody“ gibt sich etwas ruhiger und reduziert das Bedrohliche. Dabei bieten Lieder wie „How??“ oder „Nigdy Nie (Never Know)“ verhaltene Melodien und sanfte Keyboardwände. Man findet in all der Träumerei sogar Hits, „The Castle“ und „We A Famly“ sind total eingängig. Vieles will aber nicht so richtig zünden.

Natürlich ist ein Werk wie „Oczy Mlody“ eine Scheibe, die Zeit braucht – wie so manches von The Flaming Lips. Aber Momente wie „The Galaxy I Sink“ sind mir doch etwas zu reduziert um die alte Begeisterung aufflammen zu lassen. Es ist immer schön, von dieser Band neue Musik zu erhalten und auch hier findet man wieder Stellen, die wohl keine anderen Musiker so hinkriegen könnten. In seiner schwebenden Form ist dieses Album aber eher eines für Fortgeschrittene und langjährige Fans – Einsteiger greifen etwas weiter in die Vergangenheit zurück. Oder konsumieren Drogen vor dem Anhören.

Anspieltipps:
How??, The Castle, We A Famly

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Mercury Rev ‎– The Light In You (2015)

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Mercury Rev ‎– The Light In You
Label: Bella Union, 2015
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Indie, Pop

Seit 1989 sind die Amerikaner Mercury Rev bereits im Geschäft und veröffentlichen nun nach einer Pause von sieben Jahren ihr neuntes Studioalbum. Wer die Gruppe noch von früher kennt, wird allerdings nicht viel von ihrem ursprünglichen Psychedelic oder Alternative Rock hören. „The Light In You“ ist ein schwebendes Indie-Pop-Album mit viel Harmonie und Wohlklang. Interessanterweise erreichen die Musiker aber eine wunderbare Balance zwischen Kitsch im Stil von Disney, musikalisch abenteuerlichen Zitaten und geerdeten Songs.

Gestaltet sich der Albumeinstieg zuerst etwas gar überladen – werden dem Hörer doch gleich Chorgesang, Streicherakkorde und süssliche Melodien zugemutet – schlägt die Platte alsbald einen gemässigteren Weg ein. Mit dem vierten Song „Central Park East“ erschaffen Mercury Rev plötzlich Assoziationen zu Pet Shop Boys, erklingt der Gesang von Jonathan Donahue doch mit Hall und hoher Lage. Im Hintergrund arbeiten unscheinbare Orgelklänge, die gebildeten Wortketten erhalten eine klangliche und sprachliche Wirkung wie bei den Pop-Giganten. Diese Ähnlichkeiten dringen noch ein paar Mal im Albumverlauf durch („Rainy Day Record“), auch wegen der sehr üppigen Instrumentalisierung und Produktion. Hier hat die Band echt ganze Arbeit geleistet, ist „The Light In You“ schliesslich ihr erstes, komplett selbstständig produziertes Album. Oft verlieren sich Bands in solchen Situationen etwas in den Möglichkeiten, die Amerikaner umgehen die Gefahren aber geschickt. Als Grundlage funktioniert die Rockbesetzung auch hier wunderbar, wobei die Akzente selten durch Schlagzeug, Bass oder Gitarre gesetzt werden. An ihrer Seite marschiert konstant eine Armee aus untypischen Instrumenten wie Bläser, Keyboards oder Xylophon und füllt den Boden aus. Dank dieser Eigenheiten driften die Lieder mal stärker in den Pop, flirten mit dem Rock oder wollen aus England stammen. Wer zwischen den Zeilen hört, der entdeckt auch auf diesem Album Anleihen an ihre Vergangenheit. Die Stücke verdrehen gerne ihre Strukturen und schlagen Pfade ein, die man in der gefälligen Musik nicht vernimmt. Somit entsteht eine Wirkung, die den anfänglichen Zuckerguss vergessen lässt. Wohl unbewusst erreichen die Musiker dabei viele Zitatwirkungen, wie auch zu Prefab Sprout bei „Sunflower“. Trotzdem, die eigene Identität ist nie gefährdet.

Mercury Rev könnten viele mit ihrem neusten Album zuerst abschrecken, denn die Band scheut echt nicht vor Kitschanleihen und Geklimper zurück. Wenn man sich aber weiter in das Album vorwagt, entdeckt man schnell die Absichten und versteckten Qualitäten. Somit ist „The Light In You“ ein Werk voller Schönheit geworden, eine Platte für Blumenkinder und Weltumarmer. Wie Anathema für den Indie, nur ohne die Melancholie.

Anspieltipps:
Central Park East, Sunflower, Rainy Day Record

Philip Selway – Weatherhouse (2014)

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Philip Selway – Weatherhouse
Label: Bella Union, 2014
Format: Vinyl mit CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Indie, Pop

Wenn Schlagzeuger aus Bands plötzlich Soloalben veröffentlichen, sollte man meist schnell das Weite suchen. So jedenfalls die Legende in der Musikwelt. Philip Selway, seines Zeichens Drummer von Radiohead, beweist aber nun mit „Weatherhouse“ bereits zum zweiten Mal, dass man nicht jedes geflügelte Wort ernst nehmen kann: Seine träumerische Mischung aus Pop, Indie und eine sanfte Spur Avantgarde ist über alle Zweifel erhaben. Glücklicherweise schlägt er dabei einen komplett anderen Weg ein als seine Hauptband – oder sein Kollege Yorke.

Obwohl, oft ertappt man sich dabei, Verweise oder Anlehnungen an Radiohead erhaschen zu wollen. Dies ist nicht nur nahe liegend, sonder auch nicht immer komplett daneben. Gewisse Lieder klingen wie unveröffentlichte Stücke aus der „Kid A“ Phase, nur weniger abstrakt. Selway, der hier – nebst diversen Instrumenten – auch den Gesang anstimmt, erinnert manchmal doch etwas an einen wohlklingenden und gut verständlichen Thom Yorke. Ohne diesen Jammereinschlag natürlich. Denn hier ist die Musik froher und bejahender als bei seinen Kumpels. Mit Streichinstrumenten, akustischen Gitarren und Klavier werden hübsche Melodien gebaut, verziert und in Samt gebettet. Ohne zu sehr ins liebliche abzudriften, singt uns Selway tolle Lieder und zeigt sein volles Können als Songschreiber. Und wie es sich für einen Schlagzeugspieler gehört, erhalten die Schlaginstrumente viel Präsenz. Das Gleichgewicht wird immer beibehalten, aber die Perkussion und das Drum dürfen ungewohnte Takte anschlagen, sie füllen die Lücken mit Beckenanschlägen, Wirbel oder spannenden Geräuschen, die man nicht direkt zuordnen kann. Die Musik erhält somit eine tolle Dichte, ergänzt wird es mit dem oft angewandten Halleffekt auf der Stimme oder der ätherisch verzerrten Gitarre. Das Album eignet sich somit vorzüglich für verschlafene Zugfahrten durch graue Welten, Sonntagmorgen-Untermalung oder einen Spaziergang durch Wattefelder.

Erstaunlicherweise empfand ich bei seinem ersten Soloalbum viel Freude, aber die Platte wanderte auch schnell in Vergessenheit. Mit „Weatherhouse“ fühle ich mich nun besser aufgehoben. Die Musik erschliesst sich logisch und das gesamte Album ist eine sichere Angelegenheit. Viel Herzblut floss in die Lieder und das hört man auch. Gerne begleite ich Selway weiterhin auf seinen Solopfaden und vermisse dabei Radiohead in keiner Minute. Genau so soll es auch sein.

Anspieltipps:
Around Again, It Will End In Tears, Drawn To The Light

The Flaming Lips – 7 Skies H3 (2014)

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The Flaming Lips – 7 Skies H3
Label: Bella Union, 2014
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Rock, Post-Punk

Verzerrung, Verzerrung, Rauschen, Schrecken. Die Kult-Band The Flaming Lips und ihr Hausproduzent Dave Friedman bleiben sich auch auf der neusten Scheibe 7 Skies H3 treu. Die Musik kommt direkt aus dem Lautsprecher der Raumfähre, die Übertragung durch das All hat die Klänge verzogen, verbogen und gekrümmt. Alles rauscht, kratzt und klingt wie aus einem Drogentrip in die Hölle. Wie heisst es doch so schön? Im Weltall hört dich niemand schreien.

Geschrien wird auch hier aber wieder oft. Wayne Coneys Gesang driftet gerne in Ausrufe ab und lässt sich dabei genau so stark verzerren wie die Instrumente. Seit „The Terror“ hat die Band sich komplett vom fröhlichen Psychedelic Pop abgwandt und spinnt nun Fäden aus Stacheldraht. Sich diese Stoffe als Hörer anzuziehen kann zuerst erschrecken und weh tun, danach aber gewöhnt man sich an die Schmerzen und geniesst es. Wobei 7 Skies H3 sowieso ein Sonderfall darstellt. Eigentlich als 24 stündigen Song aufgenommen und nur in limitierter Anzahl auf Festplatten in Totenschädel veröffentlicht, ist jetzt mit dem Album eine destillierte Version mit Laufzeit von 50 Minuten erhältlich. Aus jedem Abschnitt wurde eine Sequenz herausgeschnitten und neu abgemischt. Die zehn Lieder stellen aber wiederum ein nahtloses Werk dar. Soweit noch was klar?

Eröffnet wird das Album mit einem sanften Song über die Liebe und wie stark man seine bessere Hälfte vermissen kann. Die Band hält sich noch zurück, obwohl auch hier die Synthies wie Schreie eines Opfers klingen und die Gitarren überall anecken. Sobald Wayne aber mit dem Gesang aufhört stürz die Gruppe in einen Strudel aus Wahnsinn und Tobsucht. Es gibt kein Halten mehr, die Dämme brechen und heraus stürzt Psychedelic-Horror-Art-Rock vom feinsten. Man wird wie in ein schwarzes Loch gesogen und versucht erst gar nicht mehr den Schrecken zu entkommen. Auch ruhige Momente wie Field Records von Regen oder simple Gitarrenstellen haben immer die eine Hand zu einer Kralle gekrümmt. Das doppelte Experiment (zuerst ein ewig langer Song aufzunehmen, danach diesen zu einer normalen Album-Spielzeit zusammen zu schneiden) hat sehr gut funktioniert und die Platte fügt sich perfekt in die Diskographie von The Flaming Lips ein.

Anspieltipps:
7 Skies H3 (Can’t Shut Off My Head), Meepy Morp

Xiu Xiu – Always (2012)

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Xiu Xiu – Always
Label: Bella Union, 2012
Format: LP mit CD und Lyrics-Poster
Links: Discogs, Band
Gerne: Avantgarde, Noise, Experimental

Wenn man konstant Musik hört und dabei immer neues entdecken will, erreicht man irgendwann den Punkt an dem alles gleichförmig oder langweilig erscheint. Die Bands an die man sich dann wendet sind Extreme, sozusagen Geschwüre, die weder schön sind noch Spass machen aber zu dir gehören. Das lässt man eine Zeit lang wuchern bis es platzt oder entfernt werden muss.

Xiu Xiu sind ein solch groteskes Geschwür, ihre Musik ein Bastard aus wirrem Experimental, Art und Psychedelic Rock. „Always“ beginnt mit „Hi“ zwar bekömmlich, verfällt aber bald dem Abstrakten. Gitarren spielen wirre Akkorde und fallen dem Keyboard in den Lauf, das Schlagzeug versucht ein Gerüst zu erschaffen, dies ist aber nur aus Papier und verbrennt alsbald. Beats wollen dabei sein, Balladen werden zerhackt, alles verzerrt und verändert. Dazu immer die in den hohen Stimmenlagen gesungenen Texte von Jamie Stewart, welche spezielle Themen wie Abtreibung, Ausgrenzung von der Gesellschaft oder Ausbeutung der Arbeiter behandeln. Kein einfacher Stoff, die Stimme macht es auch nicht erträglicher. Interessant ist auch, dass manche Songs wie Skizzen wirken und andere mit vielen Elementen und Wechsel überraschen.

Langweilig wird die Musik von Xiu Xiu darum nie, auch wenn jedes Jahr mindestens ein Album veröffentlich wird. Aber wer mit der Band bis jetzt nichts anfangen konnte wird auch mit „Always“ nicht ein Freund, wer dem Abgrund schon verfallen ist tanzt weiter mit gebrochenen Knien. Das Video zu Hi empfehle ich aber schon alleine wegen den Bildern allein.

Anspieltipps:
Hi, I Luv Abortion, The Oldness

Jonathan Wilson – Fanfare (2013)

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Jonathan Wilson – Fanfare
Label: Bella Union, 2013
Format: Doppelvinyl mit CD, Gatefold
Links: Discogs, Künstler
Genre: Alternative, Folk, Country, Americana

Zuerst steht man vor einem Brocken: 13 Songs, 78 Minuten Spielzeit, nur drei Lieder knapp unter fünf Minuten. Wie viele Musiker sind schon an solchen überlangen und voll gestopften Alben gescheitert? Gleich vorneweg: Jonathan Wilson macht alles richtig und keine Minute ist verschwendete Zeit. Der 39-jährige Musiker aus Los Angeles hat ein Album komponiert das wie ein Kaleidoskop schimmert und die Lieder fröhlich zwischen Folk, alternativem Rock, Psychedelic und sogar Blues wechseln. Dabei erreicht Wilson das bestmögliche Ergebnis und alle Teile der Songs wirken homogen und sind perfekt platziert. Melodien greifen ineinander, scheinbar willkürlich platzierte Gitarrenakkorde ergeben mit der Zeit klare Strukturen.

Zu Beginn steht „Fanfare“, eine Ouvertüre mit grossen Gesten und Bläsern. Das Lied breitet sich aus und verändert sich zu einem wunderschönen Lied mit Hippieflair und sogar ein Saxophon darf am Schluss mit rein. Das darauf folgende „Dear Friend“ zeigt das Genie von Wilson. Stimmungswechsel, diverse Rhythmen, toller Gesang und variantenreiche Instrumentierung. Zum Glück ist das Lied sieben Minuten, lang denn vorher dürfte es auf keinen Fall aufhören. Das dazu veröffentlichte Video ist ebenfalls sehr gelungen und man könnte meinen der Song stammt aus den Siebzigern. Allgemein ist die Musik von Jonathan Wilson ein musikalischer Spaziergang durch die Zeit der freien Liebe und Unbeschwertheit. Pink Floyd, Led Zeppelin, CCR, CSN&Y, Bob Dylan, alle schauen vorbei und klatschen dem Musiker auf die Schulter. Unglaublich faszinierend ist dabei dass nicht nur die grossen Momente wie die tobenden Instrumente in Cecil Taylor packen, sondern auch ganz sanft gespielte Gitarren wie in „All The Way Down“.

Doch ein wenig Vorsicht ist geboten. Beim ersten Hördurchgang erschliesst sich nur ein kleiner Anteil sofort, sind die Lieder im Aufbau nicht immer klar zu durchschauen. Die Musik packt aber sofort und lässt nicht mehr los. Bei mir war es extrem; obwohl ich nur zwei Songs gehört hatte musste ich eine Woche lang immer wieder an das Album denken bis ich es mir gekauft hatte. Wenn das Album dann mehrmals auf dem Spieler Platz gefunden hat wird man süchtig und hört nichts Anderes mehr. Aber wieso auch, Jonathan Wilson hat nicht nur alles richtig gemacht sondern auch verpasst der Retromusik einen neuen Glanz und macht sie salonfähig.

Anspieltipps:
Dear Friend, Cecil Taylor, Lovestrong

I Break Horses – Chiaroscuro (2014)

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I Break Horses – Chiaroscuro
Label: Bella Union, 2014
Format: Vinyl mit CD
Links: Discogs, Band
Gerne: Shoegaze, Electronica

Gerne kaufe ich Musik ohne ein Ton davon gehört zu haben. Dies geschieht oft nach der Lektüre von Musikmagazinen oder Empfehlungen anderer Leute. „Chiaroscuro“ ist ein solcher Fall, denn als ich das Album gesehen habe kam mir der Bandname bekannt vor, aber klanglich konnte ich mir nichts darunter vorstellen. Zum Glück habe ich zugegriffen, denn was Maria Lindén und Fredrik Balck aus Schweden komponieren ist sehr gelungen. Das Duo produziert Lieder im Umfeld von Electronica, Shoegaze und Dance und dies auf einem extrem hohen Niveau. Schaffen sie es doch, jeden Song mit neuen Klangwelten auszustatten und trotzdem ein typisches „I Break Horses“ Gefühl zu erhalten.

Das Album startet mit einem gemächlichen Song, nur um mit „Faith“ gleich den verträumten Club zu stürmen. Schon jetzt zeigt sich die Vielfältigkeit ihrer Musik, denn egal ob Shoegaze im Stil von School Of Seven Bells oder stampfende Tracks die euch auch im Ausgang begegnen könnten, die Band kann alles. Ihre Songs leben vor allem von der dichten Atmosphäre. Erreicht wird dies mit wunderbaren Keyboardflächen, leichtfüssigen Melodien und Echogesang. In jedem Lied schrauben sich die Klänge spiralförmig in die Höhe, nur um gleich wieder wie eine Zuckerwatte zu zerfallen. Düster wabernde Tracks explodieren in euphorischen Refrains. Sicherlich kann man dem Duo Richtungslosigkeit vorwerfen, klingen gewisse Liedfolgen doch etwas unbeholfen. Man weiss nie ob die Platte während der laufenden Party oder doch eher als Ausklang auf dem Spieler laufen soll. Mir persönlich gefällt diese Vielfalt auch wenn Tracks wie „Denial“ zu Beginn doch etwas zu überladen daherkommen. Natürlich spielt die Band auch mit typischen 80er Trademarksounds was momentan in diesen Musikrichtungen ja ziemlich Mode ist. Hallende Drums, kitschige Klangfolgen und tonnenweise Effekte.

Diese Wechselwirkung zeigt die Band schon mit dem gewählten Albumtitel und dem Artwork. Chiaroscuro ist italienisch für „hell-dunkel“, eine passende Umschreibung für das Werk. Ebenso die Coverzeichnung mit den in sich greifenden geometrischen Formen. Eine klare Empfehlung ist somit etwas schwierig, dennoch rate ich allen die sich für verträumte, elektronische Musik interessieren reinzuhören. Das Album ist erst die zweite LP der Band, die Zukunft somit noch offen und beinhaltet hoffentlich viele grosse Songs.

Anspieltipps:
Faith, Ascencion, Weigh True Words