Kranky

Dedekind Cut – Tahoe (2018)

Der amerikanische Soundtüftler Fred Welton Warmsley III war als Dedekind Cut schon immer dafür bekannt, dass er seine Musik nie gleichförmig behandelte. Viel eher suchte der Künstler immer wieder neue Formen und Evolutionsstufen, landete mit seinem anfänglich kühlen und industriellen Weltbild immer mehr im organischen Ambient. Mit dem zweiten vollwertigen Album „Tahoe“ gibt es vor allem dies: Lange dahinfliessende Flächen, angenehme Verzerrungen und Akkorde, die erst in der Ewigkeit enden. Mit gleich zehn Minuten ist „Crossing Guard“ das beste Beispiel für diese Entspannung.

Allerdings hat Dedekind Cut nicht nur die Füsse hochgelagert, sondern Synthie-Geschichten mit Field Recordings und Drones zu einer ureigenen Welt kombinieret. Ob das exotisch anmutende „MMXIX“ aus der Zukunft stammt, kann niemand genau sagen, es zeugt auf jedem Fall von grosser Weitsicht und Toleranz. Wie auch das wunderschöne und emotionale Titelstück, in das man für immer eintauchen und die Zeit vergessen möchte. Allgemein ist die vierte Dimension ein wichtiger Faktor auf „Tahoe“, ob man sie nun vergisst oder als Leitfaden benutzt.

„De-Civilization“ und „Spiral“ wirken gegenübergestellt nämlich wie aus verschiedenen Epochen geborgen, als ob Dedekind Cut der Verwalter eines temporalen Archivs wäre. So ist dieses Album nie bestimmt zu verorten und passt sich scheinbar der Umgebung an, hat aber immerzu eine eigene Wirkung auf den Hörer. Und bevor man mit „Hollow Earth“ in die lärmenden Gesteinsschichten herabsteigt, ist es ganz nützlich, wenn man konzentriert Energie gesammelt hat. Denn so vernimmt man auch in den grössten Schatten auf diesem Werk die funkelnde Schönheit der elektronischen Musik.

Anspieltipps:
Tahoe, MMXIX, Hollow Earth

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Deaf Autumn – The Shape (2018)

Irgendwie erinnert die Musik an etwas bestimmtes, und spätestens als der Refrain von „Getting Worse“ seinen Platz einnimmt ist klar: Hier drücken immer wieder Thursday durch. Melodisch melancholischer Gesang, harte Riffs vor nachdenklichen Melodien und eine stete und dynamische Wand voller Klang – Deaf Autumn machen auf ihrem zweiten Album vieles gleich wie die Amerikaner. Der Post-Hardcore auf „The Shape“ erlaubt sich aber genügend Eigenheiten, um nicht als billige Kopie dazustehen.

Seit 2013 musizieren die drei Italiener als Deaf Autumn und brachten 2015 ihr Debüt raus. Seither hat sich an der Mischung zwar nicht viel geändert, weiterhin wird der Hardcore mit viel Rock und etwas Metal aufgepeppt, aber die Band klingt nun noch selbstbewusster. „Till The End“ erlaubt sich elektronisches Drumming und feinen Gesang, „Love Pretender“ vergisst alle Brutalität und geniesst eingängige, akustische Gitarren – und all dies funktioniert wunderbar neben Krachern wie „A Thousand Broken Hearts“.

Deaf Autumn legen grossen Wert darauf, dass ihre Lieder nie zu einer blossen Kraftschau werden, viel mehr sind die Emotionen immer die wichtigsten Bestandteile von „The Shape“. Da kann die Double-Bass noch so wild poltern, man fühlt sich immer verstanden und gut aufgehoben auf diesem Album. Wunderbare Gitarrenspuren verzieren die Takte wie eine hübsche Malerei, abwechselnd gesungene und geschriene Zeilen bieten eine grosse Bandbreite. Für alle Freunde des zugänglichen Post-Hardcore lohnt sich das Reinhören also auf jeden Fall.

Anspieltipps:
A Thousand Broken Hearts, Love Pretender

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.