Jazz

Ausstellung: Montreux Jazz im Landesmuseum (2018)

© Schweizerisches Nationalmuseum

Montreux Jazz seit 1967
19. Januar bis 21. Mai 2018
Landesmuseum, Zürich

Ist es frech zu behaupten, wer sich auch nur ein wenig für Musik, Bands und Konzerte interessiert, der müsse mindestens einmal im Leben in Montreux am Jazz Festival gewesen sein? Ich denke nicht, denn die Veranstaltung existiert nicht nur seit 1967, sondern gilt auch weltweit als wichtig und ist jedes Jahr wieder ein Garant für fantastische Bands, grossartige Stimmung und viele Neuentdeckungen. Höchste Zeit also, gibt es nach 50 Jahren Erfolgsgeschichte nun eine rückschauende Ausstellung im Zürcher Landesmuseum, in der man nicht nur die Magie erspüren darf, sondern auch hinter die Kulissen blicken kann.

Denn das Herzstück der noch bis Ende Mai laufenden Schau sind die Auszüge der Sammlung des 2013 verstorbenen Festvialgründers und Lebemanns Claude Nobs. Er war nicht nur ein Unternehmergeist mit viel menschlicher Nähe, ein Musiknarr mit unendlicher Anzahl von Kontakten und gelernter Koch – er war auch Sammler von allen möglichen Dingen, Geniesser seiner Modelleisenbahn und Chronist der Musikgeschichte. So findet man zwischen persönlichen Fotografien, Briefen und Gadgets, Lokomotiven und ausgeflippten Kleidungsstücken auch ein paar Film- und Audiobänder, die das Archiv des Montreux Jazz Festivals repräsentieren.

Seit der ersten Ausgabe wird an diesem Festival jedes Konzert in Bild und Ton ausgezeichnet und für die Nachwelt konserviert. Das hat nicht nur die UNESCO bewogen, dieses Archiv 2013 ins Dokumentenerbe aufzunehmen; auch im Landesmuseum erhält man die Chance, zwischen Genres und Zeiten hin und her zu wechseln. Ob auf grosser Leinwand inmitten der Ausstellung oder an kleinen Terminals mit Kopfhörern – hier gibt es Perlen und Klassiker zum Nachholen oder erneuten Geniessen. Da fällt es auch nicht weiter ins Gewicht, ist der geschichtliche Abriss der Ausstellung eher knapp gehalten.

Viel eher geht es bei „Montreux Jazz seit 1967“ um das Gefühl, die Stimmung und Herrn Nobs. Es ist die Präsentation eines wahren Musiktempels, eine Einladung für alle Liebhaber und Interessierten und eine wunderbare Möglichkeit, eines der bedeutendsten Schweizer Kulturereignisse aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Die Anekdote zu „Smoke On The Water“ von Deep Purple muss in diesem Bericht nicht mehr als Lockmittel erwähnt werden, oder?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Joan As Police Woman – Damned Devotion (2018)

Die Alben von Joan Wasser haben bisher nicht nur viele Bestenlisten angeführt, sondern auch massig Auszeichnungen für Pop- und Rock-Meisterwerke gewonnen. Das ist natürlich mehr als verdient, lässt aber auch etwas stutzig werden, ist die Musik von Joan As Police Woman schliesslich nie auf solch simple Genres reduzierbar. Das zeigt auch „Damned Devotion“, ein zugleich verletzliches und zartes Werk, wie dunkle und intensive Erfahrung.   Irgendwo zwischen alternativem Rock, schwarz gekleidetem Jazz und sehnsüchtigen Pop landet die Musik und betört.

Man braucht eine gewisse Ader zur Romantik, zu verwunschenen Träumereien und nachdenklichen Stunden – dann funktioniert „Damned Devotion“ perfekt. Joan As Police Woman taucht mit ihren Liedern tief in das Seelenleben ein und bringt die Melodien mit Bläser, Gitarren und Klavier zum Leben. Ob mit gemächlichem Tempo wie bei dem Titelsong oder unscheinbarer Wucht („Rely On“), alles wirkt elegant und formvollendet. Dass Frau Wasser in ihrem Leben viele Tragödien durchmachen musste ist dabei immer greifbar, zugleich stehen ihre Lieder aber auch für eine gewisse Hoffnung.

Die Single „Warning Bell“ zeigt dies gut mit tragischem Text und mehrschichtigem Klang, „The Silence“ lockt mit grossartigen Akkorden und fesselndem Refrain, „Talk About It Later“ scheint wie aus einem anderen Jahrzehnt gepurzelt zu sein. Joan As Police Woman ist wohl nur zu einem nicht fähig: Einen Song zu schreiben, der nicht fesselnd oder nahe an der Perfektion ist. Für Geniesser und Feinschmecker ist „Damned Devotion“ somit ein wahres Festmahl und erste Sternstunde des Jahres.

Anspieltipps:
Warning Bell, Valid Jagger, Talk About It Later

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Various Artists – Hout Couture (2017)

Wenn man sich schon ein eigenes Kleid schneidert, dann darf dieses auch etwas extravagant sein. Das dachten sich auch diverse Musikerinnen und Musiker in den Städten Berlin und Basel, als sie zusammen mit Radicalis im Jahr 2017 das Sublabel Hout Records gründeten. Ein völlig neues und freies Spielfeld für experimentelle und andersartige Musik, immer leicht im Jazz fischend, aber sich nie unterordnend. Und mit „Hout Couture“ werden alle zur ersten Vorstellung eingeladen.

Mit neun Tracks erhält man nicht nur einen wunderbaren Überblick über die Bandbreite und Möglichkeiten von Hout, sondern auch ebensoviele Bands mit insgesamt 28 Künstlern. Kein Wunder also, klingen die Resultate sehr unterschiedlich, vom schwebenden Einstieg mit „ed lik mil“ über böse Gesichter in dunklen Bars („59 to 1“) bis hin zu Kompositionsherausforderungen am Ende. Man trifft alte Bekannte wie Monoglot oder freut sich über neue Entdeckungen wie Fleeb – ein Duo, das im elektronischen Pop nahe Julia Holter startet, dann aber doch am Claraplatz landet.

Und wenn „Hout Couture“ vorerst ein Ende findet, dann geht die Suche nach mehr Material und genaueren Infos zu den Künstlern erst richtig los. Ja, die hiesige Szene ist am erstarken, nicht nur in den dunklen und harten Gebieten – und mit Hout Records haben alle Freunde des Leftfield und der Avantgarde ein neues Zuhause gefunden. Da benötigt auch ein alter Mann keinen Weckruf mehr.

Anspieltipps:
Fleeb – kamikaze, onhaufen Deluxe – 59 to 1, Monoglot – Wake Up Song

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Monoglot – Wrong Turns and Dead Ends (2017)

Ihr sucht noch einen Weckton, ein Lied, das euch am Morgen garantiert aus den Träumen reisst? Dann würde sich der „Wake Up Song“ von Monoglot bestens anbieten, dürfen hier Saxophone und Gitarren in wunderbaren Sätzen die geraden Rhythmen für immer verknoten und alle Gehirnzellen in Alarmbereitschaft bringen. Mathrock mit einer grossen Prise Jazz, das zweite Album dieser multilateralen Band macht keine Gefangenen.

Wobei man bei Stücken wie „N192“ schon gefesselt dasteht und mit grossen Augen, Ohren und offenem Mund den Musikern aus Deutschland, Island und der Schweiz zuhört. Was früher bei King Crimson brutal und düster erspielt wurde, das darf hier mit Sonnenlicht und Schwung passieren. Monoglot haben für ihr zweites Album nicht nur extrem viel geübt, sondern auch unzählige Einfälle zu packenden Kompositionen zusammengewoben. Die Lieder auf „Wrong Turns And Dead Ends“ wirken dabei aber immer schlüssig und pendeln wunderbar zwischen Avantgarde, hochkomplexem Rock und eindringlichen Melodien.

Ohne Gesang, dafür mit gleich zwei Tenorsaxophonen positionieren sich Monoglot neben vielen anderen Bands und zeigen der verkappten Jazz-Gesellschaft, dass man alte Tugenden sehr wohl mit modernen und rockigen Zutaten erweitern kann. Das darf auch mal sanft schunkelnd erklingen („Swing“) oder in den Fusionhimmel aufsteigen („Mess“), experimentier- und entdeckerfreudig ist es immer. Alle, die beim Konsum also gerne gefordert werden und viel verdauen können, denen ist „Wrong Turns And Dead Ends“ stark ans Herz – oder den Magen – gelegt.

Anspieltipps:
N192, Swing, Suna Rosa

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

August Rosenbaum – Vista (2017)

Band: August Rosenbaum
Album: Vista
Genre: Jazz / Experimental / Electro

Label/Vertrieb: Tambourhinoceros
VÖ: 24. November 2017
Webseite: augustrosenbaum.com

Dreizehn meist instrumentale Tracks, als Versuch zwischen Jazz und Filmmusik angeordnet, getragen von Klavier und Pop-Gefühl – das kann doch nur etwas für Theoretiker und Verstärkerbastler sein, oder? Weit gefehlt, denn mit seinem vierten Studioalbum „Vista“ lädt uns der dänische Komponist August Rosenbaum dazu ein, unbefangen und ohne störende Egomaniker reizvolle Lieder zwischen ernster und unterhaltender Musik zu entdecken. Ob diese herrlich ausgearbeiteten Ideen nun von der Gitarre, den Streichern oder dem Piano getragen werden, ist dabei einerlei.

Denn ob romantisch verträumt bei „Belmondo“, mit Gaststimme versehen bei „Calling Out“ oder aus einem lange vergessenen Filmabspann gepurzelt bei „Emo“ – August Rosenbaum vollführt im Studio einen Tanz, der aus jedem dieser angenehm kurz gehaltenen Songs die schönsten Bewegungen rauslockt. Immer wieder fesseln einzelne Tonspuren wie das herrlich tropfende Leitmotiv von „Nebula“, oder man fühlt sich um Jahrzehnte in die Romantik und Kammerorchester zurück transportiert. „Vista“ findet immer den spannenden Mittelweg zwischen Nachdenklichkeit, Herzensgüte und Lust.

August Rosenbaum hat hier im eigentlichen Sinne kein Album mit einer Geschichte vorgelegt, sondern mehr ein Bewerbungsschreiben mit Einblick in all seine Interessen. Dass „Vista“ aber trotzdem nicht ein zerfahrenes Ding geworden ist, das ist der pointiert gehaltenen Präsentation zu verdanken. Immer wenn man sich in einen Track verliebt, muss er bereits wieder einem Nachfolger Platz machen. Somit ist der Genuss immer im Wandel und Abnutzungserscheinung ein vergessenes Wort – und das Album wird seinem Titel, übersetzt mit Blick oder Perspektive, mehr als gerecht.

Anspieltipps:
Belmondo, Nebula, Emo

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Melanie De Biasio, Moods Zürich, 17-11-09

Bild: Kathrin Hirzel

Melanie De Biasio
Donnerstag 09. November 2017
Moods, Zürich

„And the band played on / And my heart goes on“ – ganz sanft und leicht wird man wieder in die Realität entlassen. Mit dem abschliessenden Song vom neusten Album „Lilies“ werden auch die Schatten im Moods kleiner und aus Kontur wird feste Form. Doch im Gegensatz zum gesungenen Text spielt diese Band leider nicht mehr weiter, das Konzert von Melanie De Biasio endet und man wird sich plötzlich seiner Umgebung und Person wieder bewusst. Entführt auf schönste Weise, in andere Welten transportiert und nachhaltig gerührt – was ein paar Kleinode in der Musik an einem Donnerstagabend doch bewirken können.

Denn die Belgische Künstlerin brauchte für ihr Konzert in Zürich keine grosse Show und kein riesiges Aufgebot. Drei begleitende Musiker (Pascal Mohy am Klavier, Pascal Paulus an Keyboard und Gitarre, Alberto Malo am Schlagzeug) und Melanie De Biasio selber nahmen Lieder wie „Gold Junkies“ oder „Your Freedom Is The End Of Me“ und liessen sie in ihrer eigentlichen, reduzierten Weise natürlich wachsen. Ob die Band mehrere Takte hinten anhängte, oder die Stücke in der Mitte zu kleinen Improvisationen führten, alles fügte sich zu einer wunderschönen Performance zusammen. Einzelne Klänge schwebten durch den Raum und liessen sich von den glücklichen Zuschauern einatmen.

Noch selten habe ich ein solch fragil leises, aber in dieser Art auch extrem ausdrucksstarkes und intensives Konzert erlebt. Das Gewicht und der Ausdruck von Liedern wie „Let Me Love You“ zeichnete sich in jeder Note und jeder Silbe ab. Melanie De Biasio verwendete ihre Stimme wie ein Instrument und liess einzelne Sätze geflüstert oder laut gesungen auf die Instrumente einwirken. Kombiniert mit ihrem feinfühligen Spiel an der Querflöte und geschmacksvoll vom Licht in Szene gesetzt wurde die Künstlerin ihrem Ruf somit mehr als gerecht.

Der Herbst ist die Jahreszeit mit der grössten Melancholie, ein perfekter Moment für ein solches Konzert in der spannenden Zwischenwelt von Jazz und Singer-Songwriter. Melanie De Biasio liess uns alle für eine zu kurze aber fesselnde Zeit meditative und berührende Musik erleben und das Moods bewies einmal mehr Geschmackssicherheit und Ausnahmestellung. Ein Abend also, der auch ohne drückende Bässe und blendende Blitze noch lange im Kopf der Zuschauer herumgeistern wird.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bild: Kathrin Hirzel

Live: Gong, Oxil Zofingen, 17-10-16

Gong
Montag 16. Oktober 2017
Oxil, Zofingen

Es tat gut, sich für einmal am Montagabend in das lokale Kulturhaus zu begeben um mit alten Freunden, neuen Gästen und weit angereisten Fans eine Legende der psychedelischen Musik zu erleben. Wie oft erhält man schon eine solch bequeme Gelegenheit, Teil der immer fortlaufenden Musikgeschichte zu werden? Angst vor fliegenden Teekannen und unter Schwarzlicht aufleuchtenden Shirts durfte man im Oxil aber keine haben, denn Gong zückten alle Register der bewusstseinserweiternden Kunst. Auf ihrer langen Tour zum aktuellen Album „Rejoice! I’m Dead!“ machten sie nun auch in der Aargauer Kleinstadt halt und bewiesen, dass ihre Songs nie sterben werden.

Klar, eine Band wie Gong war schon immer mehr ein flüssiges Kollektiv und experimenteller Gedanke als durchdachte Stuktur und Gefüge – so fand man auch an diesem Abend auf der Bühne vor allem die jungen Mitglieder der Truppe an den Instrumenten. Nach dem Tod von Gründer Daevid Allen wäre es auch langsam schwierig, in die Anfänge der Siebziger zurückzugreifen. Unter der Leitung von Fabio Golfetti stürzten sich die Mannen aber dann zu Beginn mit „You Can’t Kill Me“ vom zweiten Studioalbum „Camembert Electrique“ trotzdem in die alten Zeiten und die Fans liessen wild ihre Haare schwingen.

Die folgenden, neuen Stücke wie „Kapital“ oder „You Never Blow Yr Trip Forever“ sorgten im Saal für Jubel, wilde Bewegungen und lachende Gesichter. Gong haben ihre Musik, welche schon immer eine einflussreiche Mischung aus Canterbury, Jazz und Psychedelic Rock war, in das neue Jahrtausend transportiert und bewahrt. Dank wahren Zauberern an Bass, Gitarre und Saxophon wurde der Auftritt zu einem abenteuerlichen Ritt über Takt, Harmonie und Melodie. Wilde Riffs steigerten sich mit tosenden Schlagzeugwirbeln bis zur Stratosphäre, lange und wabernde Passagen liessen die kosmische Strahlung durch Projektionen und Lasermuster in die Köpfe der Gäste eintreten.

Auch wenn man sich mit der Zeit nicht immer in den eigenen Gedankengängen und zwischen den abgefahrenen Klangmuster zurechtfand, Gong spielten sich und das Oxil in ferne Welten. Manchmal überraschend hart, dann wieder sphärisch breit, aber immer unberechenbar und anders – dieses Konzert bewies, dass diese Legende des Space-Rock nie sterben und nie überflüssig sein wird. Vielmehr steht die Band auch heute noch für Erfahrungen, die sonst nirgendwo gemacht werden können und bot mit diesem Abend den perfekten Start in eine mögliche Reihe der „Psychedelic Mondays“. Na Oxil, das wäre doch was?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

King Gizzard And The Lizard Wizard – Sketches of Brunswick East (2017)

Band: King Gizzard & the Lizard Wizard
Album: Sketches of Brunswick East
Genre: Rock / Jazz / Experimental

Label/Vertrieb: PIAS
VÖ: 13. Oktober 2017
Webseite: kinggizzardandthelizardwizard.com

Wenn etwas Beständigkeit zeigt, dann ist es die Neuerfindung, der Wechsel. Die australische Psychedelic Rock-Band King Gizzard & The Lizard Wizard zementieren diesen Grundsatz nun bereits zum dritten Mal in einem Jahr, zwei weitere Beweise sollen bis Ende Dezember noch folgen. Aber zuerst muss man diese neue Portion verarbeiten, stellt es doch einen ziemlichen Bruch zu “Muder Of The Universe” dar. Herrschten auf dem Vorgänger noch die wuchtigen und beschwörerischen Elemente, gibt es nun eine Abkehr zum Licht und der lockeren Spielart des Jazz-orientierten Rock der Marke Miles Davis.

“Sketches of Brunswick East” zeigt sich aber nicht in einzelnen und unausformulierten Versatzstücken, sondern als kontinuierlich ablaufendes Klangspiel. Nach einem kurzen Intro wird man in eine Welt voller Fahrstuhl-Orgeln, Flöten, Sixties-Gitarren und beschwingtem Schlagzeug geworfen. King Gizzard & The Lizard Wizard landen nicht komplett auf der Liegewiese der Hippies, mit knuffigen Songs wie “The Spider And Me” wird aber auch ein simpleres Publikum bedient. Einfach ist dieses Album aber deswegen nicht, ergeben gewisse Melodien und Takte doch erst mit der Zeit Sinn.

Diese Skizzen sind die Wiederbelebung eines fast vergessenen Musikgefühles, Rock, der nach San Francisco passt, aber auch in den nebligen Sümpfen nicht stark auffällt. Dafür sorgen Hexentänze wie “Tezeta” oder lyrische Überraschungen wie “The Book”. Vor allem aber beweisen die Musiker von King Gizzard & The Lizard Wizard zum wiederholten Male, dass sie weder ihr straffer Zeitplan noch die musikalische Komplexität überfordern kann. Zwar wird diese Scheibe niemals die beste in ihrem Œuvre sein, strahlt aber mit angenehm gelber Farbe weiter als so manch andere Platte in diesem Herbst.

Anspieltipps:
Tezeta, The Spider And Me, The Book

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Melanie De Biasio – Lilies (2017)

Melanie De Biasio – Lilies
Label: PIAS, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstlerin
Genre: Singer-Songwriter, Jazz

Wenn sich eine Person freiwillig in eine unangenehme und dunkle Kammer sperrt, dann hat diese entweder mit der Welt abgeschlossen oder sucht sich selber. Bei der belgischen Künstlerin Melanie De Biasio war es die eine lange erhoffte Möglichkeit, sich weg von der Opulenz hin zum eigenen Schaffen zu bewegen. Denn nach Ensemble-Aufträgen und Platten mit vielen Musikern stellt „Lilies“ ein Album dar, das von den Fähigkeiten der Multiinstrumentalistin und ihrer Stimme lebt. Ganz im Stile der Singer-Songwriter gibt es hier Jazz-Kleinode zu erlauschen.

Bereits „Your Freedom Is The End Of Me“ oder die Single „Gold Junkies“ zeigen den Plan auf. Präsent werden die Texte von Melanie De Biasio vorgetragen, die Musik dahinter beschränkt sich auf verstärkende Melodien, mit Pro-Tools ergänzte Rhythmen und immer etwas rauschende Wirkung. Ob Lieder wie „Let Me Love You“ nun keck mit Takt und Einsatz spielen oder „All My Worlds“ wunderbar ergreifend die Emotionen ausbreitet – dieses Album holt sich die Kraft aus dem sanften Gewand. Man spürt, dass De Biasio ihre innersten Wünsche erfüllen konnte.

„Lilies“ ist somit als drittes Studioalbum der wunderbaren Sängerin keine Scheibe, die unkonventionelle Wege beschreitet – dafür wie ein hübscher Diamant im Mondschein funkelt. Melanie De Biasio lädt zum Schunkeln ein, lockt mit ihrem Gesang und erzielt ein zeitloses Gefühl. Zu keiner Sekunde hat man das Gefühl, hier fehle das Volumen, vielmehr pendelt sich das Album perfekt zwischen Lo-Fi und vertrauter Zweisamkeit ein. Seit knapp 30 Jahren ist die Dame musikalisch aktiv, ihren Zenit hat sie glücklicherweise noch lange nicht erreicht.

Anspieltipps:
Gold Junkies, Lilies, All My Worlds

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Match & Fuse Festival, Zürich, 17-09-30

Match & Fuse Festival
Bands: Farvel / The True Harry Nulz / Colin Vallon Trio / Øyunn / KALI / Lucia Cadotsch
Diverse Orte – Zürich
Samstag 30. September 2017
Website: matchandfuse.ch

Zusammenbringen, austauschen, leihen und ergänzen – das Match & Fuse Festival steht für neue Entwicklungen in der Musik und das Verbinden von diversen Künstlern zu neuen Formationen. Und wenn sich am Freitagabend in Zürich die Damen und Herren vor allem dafür einsetzten, den Jazz auf moderne Weise mit elektronischen Stilarten zu verbinden, dann stand der Samstag ganz im Zeichen von Gruppierungsexperimenten und Bühnenbesuchen. So lauschten die Besucher im Moods und Exil zwar eher klassischen Darbietungen des Jazz, waren aber Zeugen einiger Premieren.

Bereits die erste Band schickte neuste Songs durch den Raum des Exil und verzauberte die Anwesenden mit ihrem organisch verwunschenen Liedergut. Farvel aus Schweden kombinierten Piano, schier animalische Gesänge und verspieltes Drumming mit der ersten Performance von Tenor-Saxophonist Otis Sandsjö – noch diverse weitere folgten an diesem Abend. Jetzt hiess es aber abtauchen in eine Waldwelt voller leise erzählten Geschichten und lauten Ausbrüchen.

Da fiel der Wechsel zu The True Harry Nulz etwas schwer, vermischten sich im Moods nämlich nicht nur zwei Bands aus Österreich (Edi Nulz) und der Schweiz (The Great Harry Hillman), sondern auch komponierte Stücke mit langen Inspirationen und Improvisationen. Als ob man die Bühne in der Mitte gespiegelt hätte, gaben sich zwei Schlagzeuger, zwei Gitarristen und zwei Bassklarinetten Zeichen und Akzente. Beim Colin Vallon Trio lief es wieder einiges geregelter, auch wenn die elektrische Besetzung mit Rhodes und Julian Sartorius am Schlagzeug in dieser Form eine Premiere war. Mit der Unterstützung eines gewissen Herrn Sandsjö lieferten die Mannen ein beeindruckendes Set.

Was hier an Wucht und Geschwindigkeit zu Höchstleistungen führte, war bei der folgenden Darbietung der norwegischen Künstlerin Øyunn dann vor allem die Abkehr ebendieser Eigenschaften. Die blonde Dame streichelte ihr Schlagzeug und sang sanfte Melodien, Bass und Piano untermalten ihre angenehmen Lieder, die auch gerne etwas im Pop landeten. Diese Stücke waren klar das Licht zu dem lauernden Schatten, der sich unter der Leitung von KALI im Exil ausbreitete. Das Schweizer Trio bewegte sich mit seinen unvorhersehbaren Werken zwischen den jazzigen Phasen von Robert Fripp und der Bosheit von The Shining. Kammerleichte Spielereien wechselten sich mit extremen Verzerrungen der Gitarre ab und endeten in wahrem Donnergrollen. Diese Formation muss man sich merken, ihr erstes Album erscheint in wenigen Monaten.

Vom Match & Fuse Ensemble wird man hingegen wohl nicht so schnell etwas käuflich erwerben können, gaben sich hier doch fünf Musiker aus diversen Ländern zu neuen Versuchen hin und liessen Musik, welche zuvor in Irland erdacht wurde, auf den Schweizer Boden treffen. Womit die Bühne für eine weitere Rückkehr frei gemacht wurde: Sängerin Lucia Cadotsch verliess für einmal ihre Wahlheimat Berlin und trat mit ihrem neuen Speak Low Trio auf. Otis Sandsjö und Petter Eldh wehrten sich gegen streikende Instrumente und zu klare Songstrukturen, Lucia wandelte durch Chansons und Erzählungen.

Und während sich diese Lieder im Scheinwerferlicht sonnten, wurde die Bühne von immer mehr Musikern bevölkert und man wurde Zeuge von einem erneuten Umdenken der bekannten Lieder mit der Band Speak Low Renditions. Eine perfekte Verkörperung des Festival-Geistes und der bisher erlebten Konzerte – und ein weiteres Ausrufezeichen für Match & Fuse. Denn die erste Schweizer Ausgabe war nicht nur vorzüglich organisiert, sondern ein wahrer Fundus an neuen Klangquellen, Talenten und Visionen. Die Welt des Jazz atmet auf viele Weisen, die wohl besten durfte man an diesen Tagen erleben.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.