Dark Rock

Live: Nick Cave & The Bad Seeds, Hallenstadion, Zürich, 17-11-12

Nick Cave & The Bad Seeds
Sonntag 12. November 2017
Hallenstadion Club, Zürich

Lange hatte ich Angst vor diesem Konzert, vor dieser Begegnung. Die Last und Trauer des Verlustes schienen unüberwindbar, nicht nur von Seiten Nick Caves sondern auch von mir. Das Album „The Skeleton Tree“ und der begleitende film „One More Time With Feeling“ haben tiefe Narben in uns allen gezeichnet und die Wahrnehmung zur Person und Musik für immer verändert. Als dann aber nach dem geglückten Tourstart die Meldung kam, Nick Cave And The Bad Seeds seien mehr als froh, endlich wieder den Kontakt zu den Fans mit Konzerten zu erleben, stimmte dies auch mich hoffnungsvoll. Was sich an diesem stürmisch nassen Sonntagabend dann im Hallenstadion auf intensivste Weise bestätigte.

Vom ersten Ton an, egal ob durch das perfekt gewählte Intro mit „Three Seasons in Wyoming“ (ein Lied vom neusten Soundtrack „Wind River„) oder „Anthrocene“ mit den echten Personen auf der Bühne, war der Auftritt eine Läuterung und ein Beben emotionaler und klanglicher Tiefe. Nick Cave And The Bad Seeds sind keine Band, Musiker oder Künstler, es sind Schamanen, Teufel und Götter – Wesen, die wie Leuchtfeuer vor uns stehen, in uns greifen und unser Dasein umstülpen. Es reichten dazu einzelne und extrem zerbrechliche töne („Into My Arms“) oder dann doch Lawinen an Tonfolgen und Ergüsse die Stücke wie „From Her To Eternity“ zu Ganzkörpererlebnissen machten. Kein Lied war vor dieser bestialischen Klangwucht sicher, die Musiker steigerten sich in Rage.

Dies war auch nötig, denn weiterhin fühlt es sich wie Messerstiche ins Herz an, wenn man Nick Cave dabei zuhörte, wie er die Lieder „Jesus Alone“ oder „The Distant Sky“ intonierte. Der dunkle Schleier wurde zwar nach einigen Songs vom Bühnenrand entfernt und machte Platz für eine eindrückliche Lichtuntermalung, in den Songs steckt er aber für immer und bleischwer. Um all dies kollektiv erträglich zu machen, stürzte sich der Australische Künstler und schwarze Magier der Rockmusik immer wieder in die Leute, liess sich anfassen und legte seine Hände erlösend auf die Köpfe der Besucher. Lieder mit gewissem Schalk wie „Red Right Hand“ brachen die Schwere von vorangegangenen Songs auf, am Ende des Konzertes tauchte Cave nicht nur in den Besucher ein, er lud sie gleich scharenweise auf die Bühne ein.

„And some people say it’s just rock and roll /Oh but it gets you right down to your soul“ – Ein Mantra, das man am Ende der letzten Zugabe „Push The Sky Away“ immer wieder aufsagen möchte. Nick Cave And The Bad Seeds haben in Zürich kein Konzert gespielt, sie haben sich selber und alle Anwesenden die Energie gegeben, unser Aufenthalt auf diesem Planeten zu überstehen. Ob es sich um verlorene Familienmitglieder handelt, Gesellschaften, die sich nicht mehr humanistisch zeigen, oder dem persönlichen Unvermögen, in der Welt klar zu kommen – der Schmerz wurde universal mit Gesang, Gestik, Musik und Berührung gemeinsam angegangen.

Und während sich der Frontmann in seinen Geschichten und Gedanken verlor, die Worte ausspukte, schrie oder flüsterte, wirbelte Warren Ellis zwischen den Instrumenten hin und her, führte wie Rasputin die Band von einem Highlight zum anderen. Live sind Nick Cave And The Bad Seeds nämlich eine fesselnde Urgewalt und bewiesen dies mit alten Klassikern wie „Stagger Lee“ oder aktuellen Schönheiten wie „Magneto“. „Nothing really matters, nothing really matters when the one you love is gone“, doch wir machen weiter und sind gemeinsam da. Und um mehr ging es vielleicht gar nie.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Sum Of R – Orga (2017)

Sum Of R – Orga
Label: Czar Of Crickets, 2017
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Dark Rock, Instrumental

Bedrohlich anmutend schleichen die Synthies umher, einzelne Klänge werden immer wieder im Echo ertränkt, leichte Perkussion ebnet den Weg. Spätestens dann, wenn man das Labyrinth bis zu „Desmonema Annasethe“ erforscht hat, wähnt man sich in Unterwelten der organischen Musik – ihren Ursprung im Dark Ambient findend. Sum Of R, seit neustem als Duo unterwegs, wagen sich auf „Orga“ an dunkle Rockmusik, die instrumental und zurückhaltend gross angelegte Geschichten erzählt. Immer in den Schatten lauernd und sich mit einer Kutte bedeckt haltend.

Erdacht von Reto Mäder, darf man mit dem Gütesiegel Sum Of R seit 2008 Musik erforschen, die eher in Richtung Hörspiel als klassische Songkonstellationen zielt. Dies macht auf dem dritten Album bereits der Anfang mit „(Intro) Please Ring The Bells“ klar, der mit effektvoll veränderten Stimmen und elektronischen Spielereien das Tor zu einer neuen Welt öffnet. Danach gesellt sich zwar mit jedem Track eine weitere Ebene wie das Schlagzeug (gespielt von Fabio Costa) oder Industrial-artige Muster dazu, laut und brutal wird es aber nie. Viel eher liegt die Wucht des Duos in den Repetitionen und Reduktionen.

Wie es bei guten Kunstwerken der Fall sein sollte, liegt auch in „Orga“ viel Kraft in der Suggestion. Drones und Ambient-Flächen wandeln durch den Kopf, nie ist man sich ganz sicher, was wirklich zu hören oder doch nur zu denken war. Sum Of R überraschen also nicht nur damit, dass ihre Musik extrem zurückhaltend ist, sondern in diesen konzentrierten Kompositionen ungeahnte Tiefen lauern. Und auch wenn das Absteigen in diese Gruften zuerst unangenehm erscheint, Erlösung und Befreiung sind garantiert.

Anspieltipps:
We Have To Mark This Entrance, Desmonema Annasethe

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

La Muerte – Headhunter (2017)

La Muerte – Headhunter
Label: Mottow Soundz, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Industrial, Dark Rock

Da kreuzen sich die Klingen auf dem Cover und der Hintergrund erstrahlt in tiefstem Blutrot – aber die Rückkehr der belgischen Legendentruppe La Muerte ist schliesslich auch nichts für schwache Gemüter. Denn die Band, welche sich 1984 bis 1994 in der Szene für ihre harte, düstere und gnadenlose Rockmusik mit Industrialherz einen dreckigen Platz erschaffte, bestieg 2015 wieder mit Altar, Sackmaske und harten Riffs die Bühnen. Und schon bald zeigte sich, dass die Herren weder etwas verlernt haben, noch solche Musik überholt ist. Vergangenheit und Zukunft – auf “Headhunter” kreuzt sich einiges.

Veröffentlicht zum diesjährigen Record Store Day, bietet die Scheibe den Kollaborationssong “Headhunter”, welcher La Muerte mit Front 242 zusammenbrachte, sowie einige Remixes von älteren Liedern. Dabei fällt beim krachend verzerrten Klang schnell auf, dass Zeus hier seine Klauen im Spiel hatte. Der Industrial ist lärmend, roh und energetisch – und dank Künstlern wie Scarabee und The Weathermen stark elektronisch. Stücke wie das dröhnende “Kustom Kar Kompetition” oder das synthetische “Ecoute Cette Priere” profitieren davon.

“Headhunter” ist somit natürlich keine normale oder für jedermann zugängliche Scheibe, alte Jünger und Neugierige erhalten hier aber eine klanglich breite Wiederbelebung von La Muerte. Plötzlich geben sich EBM und Dark Rock die Hand, oder schlagen zumindest ihre Macheten gegeneinander. Ganz ohne Schnittwunden findet diese EP aber nicht ihr Ende, und für die richtige Narbenbildung fehlen die neuen Songs. Aber immerhin, die Belgier scheinen fürs erste bleiben zu wollen – das beruhigt.

Anspieltipps:
Headhunter, Ecoute Cette Priere, Wack This Guy

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bullet Height – No Atonement (2017)

Bullet Height – No Atonement 
Label: Superball Music, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Electro-Rock, Dark Rock

Pure Reason Revolution plus IAMX ergibt Bullet Height? Leider nur auf dem Papier – denn obwohl hier Jon Courtney, der ehemalige Gründer der Art-Rock-Truppe mit der Keyboarderin Sammi Doll der Dark Wave-Helden die Vermengung sucht, wollen die entstandenen Kinder sich nicht immer benehmen. „No Atonement“ gibt sich aber erstmal auch gar nicht mit solchen Kleinigkeiten ab, denn vom eröffnenden „Fight Song“ bist zum abschliessenden „Up To The Neck“ gibt es sonische Grossangriffe und überlagernde Tonspuren. Natürlich immer in Schatten und Strobo getaucht.

Lieder wie die Single „Hold Together“ wollen dem Hörer zwar weismachen, dass Bullet Height auch sanft auftreten können, doch sehr schnell sind auch hier die schreienden Gitarren, die knarrenden Synthies und das verzerrt knallende Schlagzeug zurück. Erholung gibt es auf „No Atonement“ selten, mit diesem ersten Album testet die neue Band unsere Belastbarkeit. Als Gegenpol werden die von Pure Reason Revolution gewohnt melodischen Gesänge aufgestellt, dies glättet die Wogen aber auch nie wirklich. Eine solche Tracht Prügel kann Spass machen, doch leider geht dem Duo auf halber Strecke die Luft aus.

Sicherlich, Bullet Height ist die fesselnde Kombination aus den Fähigkeiten von Courtney und Doll und mischt den Dark-Rock mit vielen Stromschlägen. Aber spätestens ab „Intravenous“ hat man das Gefühl, die Lieder gleichen sich alle zu stark. Jeder Song ist gleich geschminkt und eine andere Farbe als Schwarz darf keiner anziehen. Somit verschwindet die Platte im Kopf schnell in einem Mittelmass und einzelne Highlights lassen sich selten ausmachen. „No Atonement“ ist somit weniger für die Ewigkeit, als für die kurze und sehr wilde Abrissparty mit kaputten Freunden. Jon Courtney wieder in Aktion zu sehen macht aber auf jeden Fall Freude.

Anspieltipps:
Bastion, Intravenous, Break Our Hearts Down

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Ulver – The Assassination of Julius Caesar (2017)

Ulver – The Assassination of Julius Caesar 
Label: House Of Mythology, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Art-Rock, Dark Rock

Was auf dem Cover von „The Assassination Of Julius Caesar“ zu sehen ist, erinnert nicht nur an antike Statuen, es scheint die innige Beziehung von Gegenwart und Vergangenheit zu sein. Und dies passt perfekt zum neusten Studioalbum von Ulver, einer immer noch unberechenbaren Art-Rock Gruppe aus Norwegen. Denn was früher Black Metal war, dann zu Industrial und Neofolk wechselte, ist heute elektronisch unterkühlter Dark Rock mit elegischem Gesang. Auch der Inhalt dieser Scheibe wandelt sich mit jedem Lied.

Allgemein geht es um die dunklen Situation und Momente, um die merkwürdigen Schicksale, die unsere Geschichte immer wieder hervorbringt. Ulver waren schliesslich schon immer gut darin, die schlimmen Zustände in wunderbare Musik zu tauchen. So merkt man bei „Rolling Stone“ oder „Angelus Novus“ zuerst gar nicht, dass hier makabere Gegebenheiten herrschen. Vielmehr ist man fasziniert davon, dass hinter den satten Gitarren und den verhallten Gesängen nun wunderbare Beats lauern.

Doch obwohl Ulver hier oft und gerne mit dem Pop flirten, das Werk bleibt gefährlich und zweigt immer wieder in das Chaos ab. „The Assassination Of Julius Caesar“ hält die Gruppe spannend und als Hörer muss man sich immer wieder in neue Situationen hineindenken. Dank der richtigen Affinität zur Lust gelingen somit Lieder wie „Nemoralia“ perfekt – und plötzlich ist die Band zugänglich und offen. Wer also von Ulver wieder einen harten Brocken lauter Musik erwartet hat, der wird hier wohl etwas leer schlucken. Alle anderen tanzen in der Disco ohne Licht und erfreuen sich an der pendelnden Zeitreise.

Anspieltipps:
Rolling Stone, Angelus Novus, Coming Home

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Esben And The Witch, Bogen F Zürich, 17-02-15

Esben And The Witch_Bogen F_MBohli

Esben And The Witch
Support: Sum Of R
Mittwoch 15. Februar 2017
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Noch selten war der Bogen F in Zürich-Hardbrücke so klein und so riesig zugleich – denn das Kulturlokal wurde noch vor Beginn der Konzerte mit Unmengen an Trockennebel gefüllt. Man fühlte sich somit in einer grossen Gruft gefangen, ohne die Grenzen wahrzunehmen. Und auch bei der alsbald erklingenden Musik war es schwer, klare Formen und Konturen zu erkennen. Sum Of R, ein dunkles Duo und Band von Reto Mäder, lässt die Schweiz seit 2008 ein Stück unbehaglicher werden. Ihre instrumentalen Ergüsse wabern zwischen Doom, Drone und Post-Metal. Auch an diesem Mittwoch liessen sie die Zuschauer in eine Welt voller sonischer Wände und Schattenzeichnungen eintauchen.

Allgemein war bei diesem und dem nachfolgenden Auftritt von Esben And The Witch gut zu sehen, wie stark eine Lichtuntermalung das Konzerterlebnis verstärken und verändern kann. Die ritualmässigen Kompositionen von Sum Of R wurden in heftiges Strobogewitter getaucht, die Musiker meist nur indirekt beleuchtet. Als Besucher tauchte man somit in eine Zwischenwelt ab, in der man ohne jeglichen Besitz oder Verlangen existierte. Und dieses Gefühl wurde auch bei dem diesjährig einzigen Schweizer Auftritt der Gruppe aus England beibehalten. Das Trio startete im Bogen F seine aktuelle Tour und liess die Besucher die neuste Platte „Older Terrors“ live erfassen.

Obwohl Esben And The Witch sich eigentlich nie greifbar machen, wirkten sich doch wie ein tonnenschwerer Fels, der auf deinen Kopf fiel – sich zugleich aber auch wie Nebel wieder verflüchtige. Ihre Lieder werden live zu langen und in sich verzahnende Urwesen, mit bedrohlichen Tieftönen und Explosionen. Egal ob die Gruppe nun bekanntere Stücke wie „Marching Song“, lange Albträume wie „The Jungle“ oder komplett neue Stücke präsentierte – hier vermischte sich alles zu einer Trance. Man wankt in der Dunkelheit umher, versucht sich am Gesang von Bassistin Rachel Davies festzuhalten und wird doch von Gitarrenmelodien zerfetzt. Irgendwo zwischen Gothic Rock, Post-Doom und Alternative setzte das Konzert auf den Boden auf. Musik als Erlebnis, hier zwischen Horror und herrlichstem Rausch.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Crippled Black Phoenix – Bronze (2016)

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Crippled Black Phoenix – Bronze
Label: Season Of Mist, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Dark-Rock, Folk

Zu schnell sollte man Leute mit starkem Willen und einem Sinn für Aussergewöhnliches nicht abschreiben – somit lebt auch die Band Crippled Black Phoenix unter ihrem Frontmann Justin Greaves nach einigen Tiefen und dem schieren Ende ihrer Karriere immer stärker auf. Die EP „New Dark Age Tour EP 2015 A.D.“ war der Beginn dieser neuen Demonstration der Stärke – „Bronze“ führt die Gruppe und uns Hörer zu einem vorläufigen Höhepunkt. England darf ihre Meister des makaberen Dark-Rock behalten, ganz gemäss deren Namen.

„Bronze“ zeigt Crippled Black Phoenix in einem steten Kampf zwischen schlechten Gedanken und Dämonen aus dem Inneren. Greaves verarbeitet in den Texten seinen Kampf gegen die schlimme Depression und lässt diese Emotionen auch starken Einfluss auf die Musik ausüben. Irgendwo zwischen Weltuntergang und Aufbau der neuen Zivilisation landen Lieder wie „No Fun“ oder „Scared And Alone“ mit ihrer lauten Rock-Wucht. Die schwarzen Schatten werden gefeiert und das sechste Album der Gruppe wird zu einem Koloss, den auch Folk nicht sanft stimmt.

Crippled Black Phoenix sind zu keiner Sekunde leise, auch mit diesen neuen Liedern brechen sie monströse Wände aus den Felsen heraus und lassen die Ohren rauschen. „Bronze“ ist in dieser Lautstärke ein umhauend gutes Album geworden und vergisst auch die psychedelischen Wurzeln des Rock nicht. Die Stücke dauern oft fast zehn Minuten an und zwinkern sogar Pink Floyd zu. Wenn diese Band damals harten Post-Rock gemacht hätte, dann wären Lieder wie „Champions Of Disturbance“ entstanden – heute feiern wir die neuen Helden dafür.

Anspieltipps:
No Fun, Champions Of Disturbance (Part 1 & 2), Scared And Alone

Live: Moscow Mule, Oxil Zofingen, 16-11-25

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Moscow Mule
Support: Hakomi
Freitag 25. November 2016
Oxil, Zofingen

Radioaktivität, für dich und mich im Oxil entsteht. Blinkende Warnlampen, in grellen Farben beklebte Wände und Scheiben, überall strahlende Gesichter – für die Plattentaufe des ersten Albums der Zofinger Band Moscow Mule wurde das Kulturlokal Oxil in ein schickes Gewand gesteckt. Sogar der Eingangsstempel war mit dem Panda zufälligerweise perfekt passend, ziert doch ein solches Tier das Cover von „Miranda“. Im Gegensatz zu den politisch krummen Absichten dieser Bärendame war der musikalische Abend aber ausgelassen und ein Fest in stark erweitertem Freundeskreis.

Aber wenn Moscow Mule rufen, kommen die Besucher in grossen Mengen. Das Trio aus Désirée Graber an Gitarre und Gesang, Cheryl Marti an Bass und Gesang und Luca Marti am Schlagzeug sorgt mit seiner unkonventionellen und wunderbar düsteren Rockmusik seit sechs Jahren für gute Abende und tolle Erlebnisse. Dass die Gruppe nun endlich eine LP veröffentlicht hat, zauberte bei vielen ein Lachen auf das Gesicht. Die Lieder von „Miranda“ waren auch live eine Bereicherung für den Auftritt der Band, wagen sich Moscow Mule doch endlich über den Tellerrand und ergänzen ihren Post-Punk mit Synth, flächigen Songs und kompositorischer Reife.

Bei Liedern wie „White Lies“ oder „Jimmy And The Motherland“ nahm somit die unterstützende Franziska Wilhelm auf der Bühne ihren Platz ein und durfte auch die Ehre der Plattentaufe übernehmen – hier natürlich nicht mit Champagner, sondern mit Vodka. Aber auch der Rest der Band zeigte sich wie neugeboren, war das Trio doch locker drauf und sehr spielfreudig. Ihre Gesichter waren mit an David Bowie erinnernden Formen geschminkt, Fingernägel und Haare leuchteten unter dem Schwarzlicht. Moscow Mule haben mit „Miranda“ eine neue Phase begonnen, die vielversprechend wirkt und noch neugieriger macht.

Aber dies war auch nötig, liessen sie sich mit Hakomi von einer lokalen Band unterstützen, die an ihrem allerersten Liveauftritt gleich zeigte, wie man alternative Gitarrenmusik spielt. Adi, Kevin und Pasci stiegen mit ihren instrumentalen Liedern in die Gräben zwischen Noise, Grunge und Ausbrüchen in der Art des Post-Rock. Nicht nur Gitarren und Bass wurden fleissig gewechselt, auch die einzelnen Songs durchliefen spannende Mutationen und Hakomi beeindruckten mit technischer Finesse. Bergeweise Melodien, tanzwütige Grooves und komplexe Takte – endlich hat dieses Trio den Proberaum verlassen und unserer Welt ihre Musik geschenkt.

Dieser Text erschien zuerst auf Artnoir.

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Moscow Mule – Miranda (2016)

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Moscow Mule – Miranda
Label: Eigenveröffentlichung, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Dark-Rock, Post-Punk

Tiere wohin man schaut – doch im Gegensatz zu gewissen Stadtmusikanten lauscht man hier durchdachten und sorgfältig ausgearbeiteten Klängen. Die Reise von Moskau in die Aargauer Kleinstadt Zofingen muss sich schliesslich lohnen, und mit „Miranda“ als Begleitung unternimmt man diese Fahrt gerne mehrmals. Moscow Mule, das junge Trio im eher düsteren Felde des Post-Punk, zeigt mit seinem ersten Album Grosses – und erweitert das eigene Spektrum genau richtig.

Die Band von Gitarristin Désirée Graber und Ehepaar Cheryl und Luca Marti an den rhythmusgebenden Instrumenten hält nach ihrer selbstbetitelten EP endlich ein neues Lebenszeichen für uns bereit. Und was für eines – löst die Scheibe doch alle Versprechen ein, die Moscow Mule in der letzten Zeit an ihren Konzerten gemacht haben. „Miranda“ bietet wieder schiefe Lieder voller Überraschungen und die Gruppe setzt stark auf Rhythmus und Takt. Hier darf das Schlagzeug weiterhin schwierige Spuren vorlegen, welche Gitarre und Bass dann unerwartet verfolgen. Mit dem oft zweistimmigen Gesang und den merkwürdigen Melodien entstehen Dissonanzen, die hier aber positiv bearbeitet werden.

Moscow Mule zeigen auch eine neue Seite und lassen in Stücken wie „Strike Back“ oder „White Lies“ den Synth die Perspektive erweitern. Plötzlich werden die Lieder geordnet und flächig, eine Superlative, die leider in wenigen Momenten vom Gesang etwas geschmälert wird. Die Damen der Band singen gemeinsam in vielen Lagen, nicht immer geht dieser Plan aber komplett auf. Umso grossartiger hingegen sind die kompositorischen Aspekte – welche besonders bei den Highlights „Tea And Tonic“ und „Jimmy And The Motherland“ ihre volle Wucht entfalten.

„Miranda“ ist somit ein vollwertiges Stück Musikgeschichte aus Zofingen geworden, das nicht nur eine neue Station im Schaffen von Moscow Mule aufzeigt. Es ist eine Platte voller Wagnisse und Gewinne, ein Stück Dark Rock, welches man so von jungen Künstlern viel zu selten vernimmt. Und wem die Musik manchmal etwas zu quer ist, der findet bestimmt Helligkeit in den textlich amüsanten Episoden über spezielle Figuren und politisch aktive Tiere.

Anspieltipps:
Moscow Mule, White Lies, Tea And Tonic

Live: Katatonia, Z7 Pratteln, 16-10-09

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Katatonia
Support: Agent Fresco, Vola
Sonntag 9. Oktober 2016
MiniZ7, Pratteln

Irgendwo zwischen all den unterschiedlichen Arten von Schwarz, dem Nebel und den Gitarrenwänden befanden sich Musiker. Schwach bewegend und immerzu leidend – aber doch auf unvergleichliche Art faszinierend. Katatonia, die wohl traurigste Band im Bereich des Dark Metal, liess den Sonntagabend in Pratteln zu einer Zusammenkunft verkommen, die viel Einfühlungsvermögen, aber auch Ausdauer benötigte. Aber was an Härte und Schwermut ein Ende fand, begann mit viel Technik und Ausgelassenheit – denn die schwedische Gruppe brachte ein paar Freunde mit ins MiniZ7.

Wie wählt man Supportacts für solch eigenständige Musiker wie Jonas Renkse aus, ohne die Fans zur verärgern? In den man vielfach komplett andere Wege geht. So durften Vola aus Kopenhagen den Leuten zu Beginn die Wochenendmüdigkeit aus den Knochen prügeln. Ihr technischer und absolut kompromisslos gespielter Modern Prog war erfrischend und absolut genau gespielt. Kein Wunder, dass eine Band mit nur einem veröffentlichten Album bereits jetzt so viel Lob und Anerkennung abholen kann – das gezeigte war extrem stark. Manchmal überraschend nahe am Djent, legten ihre Lieder immer wieder durch Blasts und Riffs an Energie zu, nur um dann in genialen Taktversuchen zu glänzen.

Schon fast kam da die Befürchtung auf, die herzensguten Isländer von Agent Fresco kämen gegen eine solche Wucht nicht an. Doch falsch gedacht, denn die genreüberspannende Gruppe kombinierte wie wahnsinnige Wissenschaftler Prog, Pop, Experimental und Post-Rock. Geleitet vom charismatischen Sänger Arnór Dan Arnarson führte die Band alle Besucher durch wandelnde Welten aus melodischem Gesang, heftigen Klangattacken und unvorhersehbaren Entscheidungen. Selten waren schmachtende Harmonien so nahe an brutal geschrienen Zusammenbrüchen. Was für ein Auftritt, was für eine Wucht.

Kein Wunder, hatten viele Besucher nach diesen soundmässig bunten Konzerten etwas Mühe, sich in die schleppenden Lieder von Katatonia einzufinden. Auch für mich war der Einstieg in das Konzert holprig. Sicherlich, Katatonia sind wahre Meister und zu Recht weltbekannt bei Liebhabern der tragischen und harten Musik. Doch wenn alles im Dunkeln verschwindet, die Lieder sich stark ähneln und man sich am liebsten selbst verletzten würde, dann braucht es seine Zeit. Dank der ausgewogenen Setliste – welche zwischen alten Klassikern der Band wie „Teargas“ und „Saw You Drown“ und neuen Brechern wie „Dead Letters“ oder „Serein“ pendelte – erhielt jeder Schaffensabschnitt seine Würdigung. Mit jedem Lied versank man tiefer in die traurige Welt der Doom- und Dark Metal-Schichten und wurde am Ende schier überwältigt von Emotionen. Dagegen erschien der Montagmorgen wie ein Feiertag.

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