Jonathan Wilson

Jonathan Wilson – Rare Birds (2018)

Als „Fanfare“ 2013 erschien, da wurde die Welt auf einen Schlag extrem viel schöner. Das Album von Jonathan Wilson war nicht nur eine fantastisch komponierte Verneigung vor jeglichen Rockarten der Sechziger und Siebziger, sondern voller wunderschöner Melodien und beeindruckender Energie. Mit „Rare Birds“ erscheint nun endlich der vollwertige Nachfolger – und macht einiges anders. Denn obwohl der amerikanische Musiker immer noch mit seinen gleichen Markenzeichen spielt, werden hier neue Quelle angezapft. Dass man also nun plötzlich Fleetwood Mac oder viel Bruce Springsteen aus den Songs heraushört, sollte nicht verwundern.

Jonathan Wilson hat hier nicht nur eine Platte geschaffen, die extrem gefühlsvoll, empathisch und in den richtigen Momenten abdriftend daherkommt, es ist ein Wundertopf voller Folk, Singer-Songwriter, verzerrtem Hard Rock und schwelgerischem Pop. Das Klangbild orientiert sich in Songs wie „Over The Midnight“ zwar eher bei klinischen Taten der Achtziger als dem Staub von Kalifornien, verliert aber nichts vom Reiz. Gerade Stücke wie „There’s A Light“, dass mit Orgel, Chorgesang und Klavier direkt im Tempel vom Boss landet, oder der Titelsong, der sich relativ reduziert in den Nachthimmel schraubt, beweisen die perfekte Mutation des Sounds. Alles was Wilson anfasst wird zu Gold, auch hier.

So ist auch das lange und sehr schwelgerische „Loving You“ einfach nur zu Tränen rührend schön, „Hard To Get Over“ direkt und im richtigen Moment wild, „Sunset Blvd“ hinreissend verträumt – „Rare Birds“ ist genauso vielfältig wie genial. Jonathan Wilson ist zur Zeit also nicht nur als Gitarrist bei der Us + Them-Tour von Roger Waters zu loben, sondern als Solokünstler eine fast unerreichbare Klasse. Und diese Platte sollte in jedem Haushalt stehen, in dem immer wieder gerne mal eine Rock-Scheibe aufgelegt wird.

Anspieltipps:
Me, Loving You, Hard To Get Over

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

But we can’t choose how we’re made – Playlist 5//14

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Part 5//14 – But we can’t choose how we’re made
Mai 2014

01 Jonathan Wilson – Fanfare
(Fanfare, 2013)

Als Album-Eröffnungslied perfekt funktionierend muss es auch hier auf dem Platz Nummer Eins stehen. Der sanfte Beginn lässt dich näher heran rücken, dann erklingt das Piano, kumuliert sich schnell mit Schlagzeug, Streicher und Effekten. Kurz bevor der Kitsch überhand nimmt gesellt sich Jonathan mit seiner sanften, etwas brüchigen Stimme dazu und vollendet das Lied „uuh let me love you“. Und noch so gerne gibt man all seine ganze Liebe den restlichen vier Minuten, denn das so leise gestartete Lied wird zu einem Orkan der Gefühle und Hippiemusik inklusive Saxophon. Grossartig.

02 Southerner – Kingdom Come
(A Song For Old Songs, 2014)

Kennen gelernt durch Noisetrade überzeugte mich die EP von Southerner auf Anhieb. Ganz sanfter Post-Rock mit viel Melancholie der gegen Ende mit wunderbaren Gitarren aufwartet. Nicht unbedingt die Musik für einen WM-Sommer (trotz Chorgesang), aber wenn es wieder mal regnet oder die Lieblingsmannschaft ausscheidet findet man hier Trost.

03 Starkus Meiner – Father And Son
(Time For Little Pieces And Catchy Melodies, 2014)

Mundart-Musik aus Zofingen, hier auf dem Blog auch schon vorgestellt, ist eine Seltenheit. Starkus Meiner hat mit seinem Debüt und für mich besonders mit diesem Song wunderbare Kleinode aus dem alltäglichen Leben von Familie, Freundschaft und Kultur geschaffen. Dieses Lied zeigt das zerbrechliche Gerüst das Vater und Sohn verbindet oder ebenso schnell trennt. Geniesst die gemeinsame Zeit.

04 David Bowie – The Stars (Are Out Tonight)
(The Next Day, 2013)

Lange habe ich das neue Album unangetastet gelassen, trotz den allgemeinen Lobhudeleien. Dank der Medienabteilung in der städtischen Bibliothek fand Herr Bowie doch noch den Weg zu mir ins Wohnzimmer. Und siehe da: Das Album ist wirklich super, besonders spassig unter Anderen der Song „The Stars (Are Out Tonight)“ das ganz klar mit dem Charme der „Heathen“-Ära spielt und klassischen Bowie-Gesang mit schrägen Gitarren-Akkorden und Keyboard-Geplinker verbinden. Funktioniert.

05 Lily Allen – Hard Out Here
(Sheezus, 2014)

Aaaaah Stilbruch, aber I don’t care denn Lily hatte schon immer ein Teil meines Herzens gewonnen. Ihre fröhliche Musik mit den angriffigen Texten ist intelligent und macht Spass. Hard Out Here war der Vorbote des neuen Albums und funktioniert gewohnt wie ihre alten Hits. Eingängige Melodien mit geschlagenen Piano-Akkorden, steriler Beat und ihre hüpfende Stimme. Schade hat sie schon einen Mann. 😉

06 The Intersphere – Out Of Phase
(Relations In The Unseen, 2014)

Ihr Album hat mich nach einigen Durchläufen total umgehauen, sehr schnell blieb aber Out Of Phase hängen. Das Lied ist nicht nur ein spannend geschriebenes Stück Alternative Rock mit grossen Gesten, sondern weiss genau das Mehr nie Genug ist. Schichtet doch noch ein paar Spuren mehr darüber. Gitarren gibt es nie genug, dann brauchen wir noch Streicher und Effekte und tiefe Synthiebässe und und und. Ein Monster der Studiotechnik, trotz allem aber immer noch grossartiges Songwriting.

07 Against Me! – Talking Transgender Dysphoria Blues
(Transgender Dysphoria Blues, 2014)

In der Albumkritik bin ich schon auf das Thema Transgender eingegangen, verständlicherweise handelt auch der Titelsong des Album davon. Mit intelligenten Textzeilen wie „You want them to notice, / The ragged ends of your summer dress. / You want them to see you /Like they see every other girl. / They just see a faggot. / They’ll hold their breath not to catch the sick.“ wird die Problematik gut angesprochen und musikalisch in der typischen Alternative-Punk-Rock Mischung von Against Me!

08 Die! Die! Die! – Changeman
(Harmony, 2012)

Wild zappelndes Lied, wie ein frisch gefangener Fisch im Netz, die Instrumente wollen zeitgleich in alle Richtungen ausbrechen und wegfliegen. Doch der Gesang pack alle am Hals und hält sie zusammen. Besonders der Refrain wird zum Fixpunkt und bellt lauter „Changeman“ durch die Gegend. Typisches Lied von Die! Die! Die!, typisch gut.

09 EMA – Cthulu
(The Future’s Void, 2014)

Bleiben wir düster in der Grundstimmung, werfen neu aber eine verzweifelte Frauenstimme in den Topf. EMA malt auf ihrem neuen Album mit den Songs wie „Cthulu“ ein pessimistisches Bild der aktuellen Lage auf unserem Planeten. Es handelt sich hier um eine Frau die sich nicht zurecht findet, sich verbessern möchte und das Leben neu gestalten will. Einfacher gesagt als gemacht, besonders wenn die Umgebung von kratzenden Beats und Gitarren bestimmt wird, Industrial-Electro-Punk könnte man wohl sagen.

10 Paris XY – Panic Attack
(EP002, 2013)

Die düsteren Beats übertragen wir nun in das nächste Lied, hier aber klarer produziert und eher drückend im Club. Paris XY haben einen bösen Stampfer mit passendem Namen „Panic Attack“ erschaffen der Spass macht. Elektronische Musik mag ich am liebsten wenn es in Richtung Verzweiflung und Bosheit abdriftet. Unterstützt wird das hier noch mit der tollen Stimme von Alice Smith, erstaunlich wie jung die Dame noch ist.

11 IQ – The Road Of Bones
(The Road Of Bones, 2014)

Immer dieser kitschige und überschwängliche Neoprog, aber hey ich mag das wenn es ein wenig aus den Boxen trieft. Synthies und Keyboard werden gestapelt bis alles zusammenfällt, einem drüber mit Schlagzeug und Gitarre und schon ist alles wieder sauber, oder schwarz wenn man die Grundstimmung des Lieds betrachtet. Nach dem stillen Intro macht ein treibender Schlagzeugbeat den Weg frei für das Knochen-Xylophon, den grossartigen Synthieflächen und starken Leadgesang. So müssen längere Lieder aufgebaut sein, stark.

12 Coldplay – Midnight
(Ghost Stories, 2014)

Erholen wir uns kurz und lehnen zurück, Coldplay präsentieren auf ihrem neuen Album nicht nur bekannten Herzschmerz und Kitsch, sondern das – in meinen Augen – erfrischende Midnight. Ein kleines Lied im Ambient-Electronica Gewand, voller verzerrter Stimmen, schwebenden Melodien und sanften Beats. Sicherlich keine Neuerfindung genannter Genres, aber für mich funktioniert der Songs super und verbreitet eine angenehme Stimmung.

13 LCD Soundsystem – Get Innocuous!
(The Long Goodbye – Live At Madison Square Garden, 2014)

LCD Soundsystem sagen Tschüss und hauen so schnell ein über drei Stunden langes Konzert auf die Bretter. Hits, nur Hits! „Get Innocuous“ ist ein klarer Gewinner, mit typischen Zitter-Beat, hyperaktivem Schlagzeug und mehrstimmigen Gesang. Natürlich ist das Lied über sechs Minuten lang, natürlich drehen sich die Klänge wie eine Spirale in die Luft. Harmlos?

14 Eno * Hyde – When I Built This World
(Someday World, 2014)
Leider habe ich dazu kein Video oder Link gefunden, das schräge Stück Electronica steht aber wie ein windschiefes Bretterhaus in der Landschaft und schiebt dir zuerst ein Dorn ins Trommelfell. Kaum hast du dich an die Disharmonien gewöhnt fallen tausend Klänge wie ein Regenschauer auf dich nieder und begraben dich unter dem Song der sich immerzu wandelt. Was für ein Spass!

15 Jonathan Wilson – All The Way Down
(Fanfare, 2013)

Der Kreis schliesst sich, denn auf „Fanfare“ findet man nicht nur den perfekten Album-Opener sondern auf das Schlusslied ist umwerfend. Eine ganz sanft gespielte Melodie auf Gitarre, der leise Gesang und weiches Pianospiel, rührt fast zu Tränen. Die Gefühle übermannen dich spätestens gegen den Schluss wenn der grosse Refrain alles gibt. Nicht lesen, Augen schliessen und anhören. Immer wieder.

Jonathan Wilson – Fanfare (2013)

JWilson_Fanfare

Jonathan Wilson – Fanfare
Label: Bella Union, 2013
Format: Doppelvinyl mit CD, Gatefold
Links: Discogs, Künstler
Genre: Alternative, Folk, Country, Americana

Zuerst steht man vor einem Brocken: 13 Songs, 78 Minuten Spielzeit, nur drei Lieder knapp unter fünf Minuten. Wie viele Musiker sind schon an solchen überlangen und voll gestopften Alben gescheitert? Gleich vorneweg: Jonathan Wilson macht alles richtig und keine Minute ist verschwendete Zeit. Der 39-jährige Musiker aus Los Angeles hat ein Album komponiert das wie ein Kaleidoskop schimmert und die Lieder fröhlich zwischen Folk, alternativem Rock, Psychedelic und sogar Blues wechseln. Dabei erreicht Wilson das bestmögliche Ergebnis und alle Teile der Songs wirken homogen und sind perfekt platziert. Melodien greifen ineinander, scheinbar willkürlich platzierte Gitarrenakkorde ergeben mit der Zeit klare Strukturen.

Zu Beginn steht „Fanfare“, eine Ouvertüre mit grossen Gesten und Bläsern. Das Lied breitet sich aus und verändert sich zu einem wunderschönen Lied mit Hippieflair und sogar ein Saxophon darf am Schluss mit rein. Das darauf folgende „Dear Friend“ zeigt das Genie von Wilson. Stimmungswechsel, diverse Rhythmen, toller Gesang und variantenreiche Instrumentierung. Zum Glück ist das Lied sieben Minuten, lang denn vorher dürfte es auf keinen Fall aufhören. Das dazu veröffentlichte Video ist ebenfalls sehr gelungen und man könnte meinen der Song stammt aus den Siebzigern. Allgemein ist die Musik von Jonathan Wilson ein musikalischer Spaziergang durch die Zeit der freien Liebe und Unbeschwertheit. Pink Floyd, Led Zeppelin, CCR, CSN&Y, Bob Dylan, alle schauen vorbei und klatschen dem Musiker auf die Schulter. Unglaublich faszinierend ist dabei dass nicht nur die grossen Momente wie die tobenden Instrumente in Cecil Taylor packen, sondern auch ganz sanft gespielte Gitarren wie in „All The Way Down“.

Doch ein wenig Vorsicht ist geboten. Beim ersten Hördurchgang erschliesst sich nur ein kleiner Anteil sofort, sind die Lieder im Aufbau nicht immer klar zu durchschauen. Die Musik packt aber sofort und lässt nicht mehr los. Bei mir war es extrem; obwohl ich nur zwei Songs gehört hatte musste ich eine Woche lang immer wieder an das Album denken bis ich es mir gekauft hatte. Wenn das Album dann mehrmals auf dem Spieler Platz gefunden hat wird man süchtig und hört nichts Anderes mehr. Aber wieso auch, Jonathan Wilson hat nicht nur alles richtig gemacht sondern auch verpasst der Retromusik einen neuen Glanz und macht sie salonfähig.

Anspieltipps:
Dear Friend, Cecil Taylor, Lovestrong