U2

U2 – Songs Of Experience (2017)

Bei gewissen Bands ist die Veröffentlichung eines neuen Albums wie ein Beben – bei U2 ist es eher wie ein lange angekündigtes Gewitter, dass anhaltende Spuren in der Landschaft hinterlässt. Leider handelt es sich bei ihrem 14. Studioalbum „Songs Of Experience“ dabei aber nicht um viele erfreuliche Änderungen, sondern eher Umstände, die zum Grübeln verleiten. Die grösste Stadion-Rock Band der Welt hat nämlich nicht nur das Geschwister zu „Songs Of Innocence“ aus dem Jahre 2014 verspätet abgeliefert, sondern eigentlich persönliche Songs zu Betrachtungen des aktuellen politischen Geschehens umgebaut – und stolpert dabei über ihre eigentlichen Stärken.

Mal jetzt die üblichen Vorwürfe betreffend Frontmann Bonos weltverbessernden Aktivität vorausgelassen (über die Panama Papers regen wir uns besser nicht jeden Tag auf), waren U2 immer eine Band, die sich nicht für direkte Aussagen zu Politik und Wirtschaft schämten – das kumulierte in Lieder wie „Sunday Bloody Sunday“ oder „Bullet The Blue Sky“. Doch mit neuen Stücken wie „American Soul“ verliert sich dieser Anspruch in verwässerten Ausdrücken und Bisslosigkeit. Es ist direkt zu spüren, dass viele Lieder auf dieser Platte zu oft überdacht wurden und sogar das Gitarrenspiel von The Edge versandet zwischen der glatten Produktion.

Zwar werden mit Liedern wie „Love Is All We Haft Left“ Vocoder und Elektronik zugelassen, diese Neugier wird durch blutleere Stücke wie „Red Flag Day“ oder „Landlady“ schnell wieder entkräftet. U2 schaffen es praktisch nie, einen Moment auf „Songs Of Experience“ zu erschaffen, der dem Albumtitel gerecht werden würde und im Gedächtnis bleibt. „The Blackout“ holt mit rumpelnden Bass und tollem Tempo zwar einiges raus und „13 (There Is A Light)“ schliesst den Kreis zum Vorgänger – am Ende steht man aber vor zu viel Bemühung und zu wenig Lust.

Somit haben U2 hier ein Werk erschaffen, dass seinem Vorgänger zwar in Nichts nachsteht, aber mit dieser Platte als Doppel die Sperspitze von egaler Musik bildet. Gewisse Songs werden im Stadion auf jeden Fall wieder für Jubel sorgen („The Little Things That Give You Away“), am Ende bleiben aber nur Klänge, die vor allem für Leute da sind, die sich nicht für Musik interessieren. Und so stehe ich nun hier und denke wehmütig an die Zeit zurück, in der von den Iren Platten wie „Achtung Baby“ oder „Zooropa“ erschienen, und will es fast nicht wahrhaben, dass hierfür die gleichen Mannen verantwortlich sind.

Anspieltipps:
Lights Of Home, American Soul, The Blackout

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Best Of 2017 – Der Rückblick

Erstaunlich wie ein Musikjahr so viele extrem gute Scheiben in sich tragen kann, aber dann doch wenige Highlights, die alles überstrahlen. Oder bin ich einfach zu gesättigt? Wie auch immer, 2017 war nebst vielen toten Legenden und noch nicht ganz durchgebackenen Neulingen wieder zwölf Monate voller Ereignisse und Melodien.

Während sich die Menschen in vielen Teilen der Erde nicht nur auf die Köpfe hauen, sondern sich immer mehr grundlos hassen, habe ich als Schweizer mich im Wohlstand und grosser Sicherheit wähnen können. Somit war die Mitarbeit bei Artnoir dadurch geprägt, dass ich nicht nur immer tiefer in die Kulissen der Schweizer Szene eintauchen konnte, sondern viele neue Platten und Lieder entdecken durfte. Ob Ambient zwischen Leere und Frequenzstörungen, Rock mit Liebe oder schmutzigen Fingern, Metal mit Popkleid oder Pechbad, Electro mit Glitzerschuhen oder Schattenzeichnungen oder Pop mit arabischem Reiz oder grosser Retroaktivität – dabei war alles.

Schön auch zu sehen, dass die heimische Szene immer weiter erstarkt und dank gewissen Personen und Labels (Czar Of Cricket in Basel, Radicalis in Basel, Irascible in Zürich, AuGeil in Frauenfeld etc.) wahrlich aufblüht. Es macht schliesslich immer noch mehr Freude zu sehen, dass auch wenige Kilometer neben dem eigenen Wohnort fantastische Kompositionen erzaubert werden. Da vergisst man schnell, dass nicht weit von uns Flüchtlinge an geschlossenen Grenzen sterben, Länder sich selbst immer weiter in den Abgrund befördern und die Gerechtigkeit immer mehr am Reichtum zerbricht.

Vielleicht war es genau darum wichtig, dass uns Nick Cave mit seinem kolossalen Auftritt in Zürich im November wieder vor Augen hielt, wie klein, unwichtig und zerbrechlich wir Menschen alleine doch sind. Warum also sollten wir uns gegenseitig nichts gönnen, alles was wir nicht kennen gefährlich finden und Probleme nicht mehr lösen wollen? NO RACISM, NO HOMOPHOBIA, NO SEXISM, NO VIOLENCE, NO CLOSED MINDS, NO BAD VIBES, NO EXCUSES; SPEAK UP, STAND UP!

Und hier noch die Listen, für Leute, die nicht länger als einen Blick pro Abend Zeit finden.

Top 10 – Alben International
1. Blanck Mass – World Eater
Harter Techno, laute Tracks, zerstörende Ambientwelten – eine extreme Wucht!
2. Steven Wilson – To The Bone
Der Meister des Prog kann halt auch Art-Pop in Perfektion, dies zeigt sein neuster Streich.
3. The Hirsch Effekt – Eskapist
Dieses Trio aus Deutschland hat mich noch nie enttäuscht, das bleibt auch mit diesem Monster aus Math-Core-Metal-Wahnsinn so.
4. John Maus – Screen Memories
Endlich ist er wieder da und zelebriert den Barock-Pop auf beste Weise. Anders als alle.
5. Noga Erez – Off The Radar
Sie ist jung, mutig, frech und politisch – genau wie ihre Songs in mitreissendem Electronica-Dance-Pop.
6. Brand New – Science Fiction
Eine letzte Rückkehr der fantastischen Post-Hardcore-Recken, mit viel Emotion und Diversität.
7. Heat – Overnight
New Wave und Post-Punk aus Australien, diese Band erinnert an Midnight Oil und übertrumpft alle Vorbilder.
8. Melanie De Biasio – Lilies
Singer-Songwriter trifft auf Jazz, Stimmenkünstlerin auf geniale Kompositionen. Zum Träumen.
9. Perfume Genius – No Shape
So abwechslungsreich und tiefgründig ist selten ein Musiker, „No Shape“ für Perfume Genius aber sogar noch eine Steigerung.
10. Ulver – The Assassination Of Julius Caesar
Und wieder klingen sie komplett anders, jetzt mit viel Beats und treibenden Songs. Yeah!

Top 10 – Alben National
1. I Made You A Tape – Proud And Young
Bern ist immer wieder für Überraschungen gut, wie auch mit dieser Band und Platte. Emotional und intensiv.
2. Hermann – Hermann
Wer braucht schon Menschen, wenn er einen Computer haben kann? Obwohl, ohne Musiker würden die genialen Texten fehlen.
3. Egopusher – Blood Red
Geige und Schlagzeug, dazu eine Prise Techno und viel Erfindergeist. Egopusher brillieren mit ihrem ersten Album.
4. Autisti – Autisti
Lauter, härter, schneller! Die “Supergruppe” aus Emilie Zoé und Louis Jucker detoniert wie eine Bombe.
5. Neo Noire – Element
Der Grunge ist zurück und lebt nun in Basel, inklusive der alten Intensität und Spielfreude.
6. We Invented Paris – Catastrophe
Keine Katastrophe, sondern ein Kaleidoskop an Pop. Jeder Song ein Hit, jeder Refrain die pure Lust.
7. Null + Void – Cryosleep
Zuerst nach NYC auswandern, dann mit Grössen der Musikszene ein perfektes Wave / Techno-Album schreiben – hat geklappt.
8. Groombridge – Der Specht
Mal verkopft, mal laut, mal direkt und immer mit tausenden von Ideen. Dieser Specht darf gerne klopfen.
9. Mama Jefferson – Best Of 
Die erste EP gleich als „Best Of“ betiteln? Ja, diese energetische und junge Band darf das. Rock’n’geil!
10. When Icarus Falls – Resilience
Ihr Post-Rock bringt mit Metal-Einflüsse alle Köpfe zum Schmelzen – ob aus Wachs oder nicht.

Top 10 – Konzerte
1. Nick Cave & The Bad Seeds – Hallenstadion Zürich, 12.11.2017
Wir sterben alle alleine, doch mit Herrn Cave leiden wir zumindest wunderschön gemeinsam.
2. Underworld – Alexandra Palace London, 17.03.2017
Das legendäre Duo in seiner Heimat, mit gewaltiger Show und noch besserem Konzert.
3. Anna Von Hausswolff – Bad Bonn Düdingen, 25.04.2017
Eine kleine Frau mit einer extremen Soundwucht! Perfekt, um diese Erde zu verlassen.
4. The Flaming Lips – Volkshaus Zürich, 31.01.2017
Verrückter geht es kaum an einem “Rock”-Konzert – aber hinter Konfetti, Einhörnern und Glitzer steckt viel Seele.
5. Swans – Salzhaus Winterthur, 19.10.2017
Der grosse Abschluss einer grossen Band, mit extremer Lautstärke und brachialer Darbietung.
6. U2 – Arena Amsterdam, 30.07.2017

Die Geburtstagsfeier zu „The Joshua Tree“ wird dank Überraschungen und genialer Stimmung zu einer perfekten Party.
7. Max Richter / Nicolas Jaar – Montreux Jazz Festival, 30.06.2017
Wunderschön, leise und dann doch extrem treibend. Zwei Musiker, zwei Welten, eine grandiose Nacht.
8. Yasmine Hamdan – Moods Zürich, 13.10.2017
Ihr Arabic-Pop ist nicht nur modern und voller Erzählungen, sondern auch live betörend.
9. Xiu Xiu – Dachstock Bern, 09.05.2017
Egal wie fest du dich selbst hasst, nach diesem Konzert war die Welt doch wieder angenehmer. Wenn auch total kaputt.
10. Schnellertollermeier – Match & Fuse Zürich, 29.09.2017
Jazz auf harten Drogen? Dieses Trio spielte alle anderen Bands an diesem Festival an die Wand und liess mich nur staunen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

U2 – Red Hill Mining Town 2017 Mix (2017)

U2 – Red Hill Mining Town 2017 Mix
Label: Island, 2017
Format: 12inch Vinyl
Links: Discogs, Band
Genre: Rock

Ein wenig verwundert war ich schon, als U2 zum diesjährigen Record Store Day angekündigt haben, „Red Hill Mining Town“ mit neuem Mix als Picture-Disc zu veröffentlichen. Dieses Lied wurde von der Band jahrzehntelang eher missachtet, viel mehr wurden auf die klassischen Hits von „The Joshua Tree“ gesetzt. Im Zeichen der 30-jährigen Jubiläumstournee wurde dem Album aber eine Frischzellenkur verpasst und auch „Red Hill Mining Town“ in die Gegenwart transportiert.

Und nachdem die „The Joshua Tree Tour“ nun in Europa beendet ist, erscheint auch diese Neuaufnahme in neuem Licht. Denn um dieses Stück live zu spielen, haben U2 nicht nur die Arrangements verändert, Bono hat seinen Gesang auch etwas angepasst. Die hohen Lagen waren nicht mehr ganz einfach zu erreichen – doch diese geerdete Stimmung tut dem Stück gut. Die neuen Bläser bieten die nötige Breite und im Refrain brechen alle Dämme.

Natürlich muss man hier noch anmerken, dass – wie für den RSD typisch – diese Veröffentlichung etwas zu teuer ist. Auf dem Vinyl ist nur zweimal derselbe Song enthalten, die Bilder auf der Platte gewinnen keinen Schönheitswettbewerb. Trotzdem, als Erweiterung zur Album-Neuauflage und auch als Erinnerungsstück an die Tour funktioniert die Scheibe bei uns Fans natürlich perfekt.

Anspieltipps:
Red Hill Mining Town 2017 Mix

Live: U2, ArenA Amsterdam, 17-07-29 & 30

Foto von Juliana Kaldowski

U2
Support: Noel Gallagher’s High Flying Birds
Samstag 29. Juli 2017 + Sonntag 30. Juli 2017
Amsterdam ArenA, Amsterdam

Suchen wir das Glück zum Schluss doch in Amsterdam – und wenn schon ein Doppelkonzert stattfindet, dann werden auch gleich beide Karten gekauft. Mit diesem Vorsatz machte ich mich also nach Holland auf, um meine diesjährige U2-Reise durch Europa mit alten und neuen Freunden abzuschliessen. Und wie schon in Dublin war auch in dieser Stadt schnell klar: Die meisten Touristen sind für die irische Rockband angereist. In der Stadt sah man immer wieder Band-Shirts, in den Hostels teilte man sich mit anderen Freaks die Zimmer. Doch war mein Ende der Jubiläumstour zu „The Joshua Tree“ auch musikalisch ein Erfolg?

Wie zu erwarten, gab es auch in der Amsterdam ArenA beim ersten Konzert keine grossen Überraschungen. U2 spielten ihre Setliste ohne Änderungen und zeigten sich allgemein eher zurückhaltend – der Kontakt mit dem Publikum war beschränkt. Das tat der Stimmung aber keinen Abbruch, auch wenn sich das Konzert wegen des geschlossenen Hallendachs etwas zu laut anhörte. Aber weiterhin war es wunderschön, Bonos stimmliche Gewalt bei „Red Hill Mining Town“ zu fühlen, von „Exit“ durchgeschüttelt zu werden und bei „Ultraviolet“ die illuminierten Ikonen, welche von den schneidenden Gitarren begleitet wurden, zu betrachten. Die Songzusammenstellung zeigte einmal mehr, dass die Iren hier wahrlich Hit an Hit reihten.

Dass ich aber nach diesem Abend zweifelte, ob es eine gute Entscheidung war, beide Konzerte zu kaufen, war unnötig. Denn wie durch eine glückliche Fügung des Universums war das Konzert am Sonntagabend nicht nur wilder, sondern bot auch den perfekten Abschluss. Endlich wurde im ersten Teil „Bad“ durch „A Sort Of Homecoming“ abgelöst, ein wunderbares Lied von „The Unforgettable Fire“, welches ich auf dieser Tour noch nicht erleben durfte. Und nach einem schweisstreibenden und extrem energetischen Auftritt liessen U2 den Abend nicht wunderbar melancholisch mit „One“ ausklingen, sondern legten einen krachenden Rocksong nach. „I Will Follow“ liess nicht nur die Arena erzittern, auch die Leute drehten noch ein letztes Mal kollektiv durch.

Kein Wunder, war ich danach wie hin und weg und musste zugeben, dass sich U2 einfach immer lohnen. Klar, als Fan zehrt man natürlich von den filigranen Unterschieden an den Konzerten – doch genau zu wissen was passiert, dies sorgte auch bei „The Joshua Tree Tour“ 2017 wieder für wunderbar kribbelnde Momente. Besser und grösser gibt es keinen Stadionrock, tiefer und intensiver bringt mich keine Band an die Emotionen. Und auch wenn vier Konzerte derselben Tour für manche wohl eher wahnsinnig erscheinen, für mich ist es ein wichtiges Lebenselixier.

Live: U2, Croke Park Dublin, 17-07-22

U2
Support: Noel Gallagher’s High Flying Birds
Samstag 22. Juli 2017
Croke Park, Dublin

„The Boys Are Back In Town“ – dies schallt es nicht nur passend beim Einlass durch das riesige Stadion, es war seit Tagen das Motto der gesamten Stadt. Wenn der musikalisch grösste Export Irlands endlich wieder ein Konzert in der Heimatstadt Dublin spielt, dann spielen die Leute und Geschäfte verrückt. Besonders, wenn es sich um ein historisches Konzert wie das 30-jährige Jubiläum des „Joshua Tree“-Konzertes aus dem Juni 1987 handelt. Eine perfekte Gelegenheit also, U2 zu besuchen und ihre grossen Hits mit 80’000 Leuten zusammen zu singen. Doch ist dies für alle ein Grund zur euphorischen Freude?

Die Band

Michael: Es ist schon erstaunlich, dass die vier Herren von U2 seit 1976 unverändert zusammen auf der Bühne stehen und immer noch voller Kraft Konzerte bestreiten. Sicherlich, in diesen Jahrzehnten hat sich vieles verändert und nicht immer alles zum Besten – doch was diese Musiker live abliefern, das ist immer noch beachtlich. Ihr Stadion-Rock verliert auch 2017 nichts von seiner Wucht und man spürte in Dublin ganz klar die Lust am Spiel. Zwar war Sänger Bono zu Beginn etwas unkonzentriert und verlor sich etwas in den Texten, umso geschlossener beendeten die Mannen aber die Show. Natürlich war es auch für sie belebend, unter Familien und Freunden die alten Stücke zu präsentieren.

Conny: Von der Band war im Croke Park-Stadion unter 80’000 Leuten natürlich nicht viel zu sehen. Was man hörte, war aber eine energievolle Show und grosse Spielfreude. Die Band zeigte sich auch immer sehr dankbar ihrem Team gegenüber, inklusive Happy Birthday-Ständchen mit dem Publikum für drei Crewmitglieder. So nette Jungs!

Das Konzept

Michael: Dass sich U2 30 Jahre nach der Veröffentlichung ihres wohl wichtigsten Albums noch einmal auf eine „The Joshua Tree“-Tour aufmachen würden, das hätte die Band selber wohl am wenigsten geglaubt. Aber diese Rückbesinnung auf alte Taten ist klar aufgegangen, sind die Konzerte doch eine wunderbare Zeitreise durch die Höhepunkte der Bandgeschichte. Schon alleine der Start mit „Sunday Bloody Sunday“, „Bad“ und „Pride (In The Name Of Love)“ ist intensiver als mancher Zugabenblock älterer Shows. Und da „The Joshua Tree“ nicht nur Welthits wie „Where The Streets Have No Name“ oder „With Or Without You“ beinhaltet, sondern auch dramaturgisch toll funktioniert, war auch die Show in Dublin extrem mitreissend. Bis auf den Zugabenblock, da wechselten sich nachdenkliche Momente wie „Miss Sarajevo“ immer noch etwas zu willkürlich mit der Party bei „Elevation“ und „Vertigo“ ab.

Conny: Das Album „The Joshua Tree“ hat einen Aufbau, der sich auch gut für ein Konzert eignet. Das würde wohl nicht mit jedem Album funktionieren. Davor und danach gabs ein paar bekannte Kracher und Schnulzen. Hier fand ich die Songauswahl respektive -reihenfolge nicht immer geglückt. So folgte auf das bedrückende, mit Aufnahmen aus dem Syrien-Krieg untermalte „Miss Sarajevo“ direkt die Partynummer „Beautiful Day“ – na ja. Ansonsten wurde hier sicher eine tolle Show abgeliefert, aber die Musik bleibt mir trotzdem zu wenig interessant. Wirklich mitgerissen haben mich schlussendlich nur „Sunday Blooday Sunday“, „Bullet The Blue Sky“ und „Exit“ – hart, mit treibendem Schlagzeug und einer guten Ladung Gitarre. So muss Rock klingen!

Die Show

Michael: U2 klotzen gewaltig – und auch im Croke Park Stadion war die riesige Bühne mit dem Baum, der B-Stage im Zuschauerraum und dem unwirklichen Screen Garant für Augen- und Ohrenschmaus. Dass sich die Musiker aber nicht zwischen Technik und Show verlieren, ist ihnen hoch anzurechnen. Die Videountermalungen der Songs sind geschmackvoll, unterstützend und nie das Ziel, es gibt kein Feuerwerk und keine Clown-Eskapaden. Somit blieb aber auch das Konzert in Dublin ohne grosse Überraschungen – alleine der Moment, als vier Kampfjets über das Stadion flogen und die irische Flagge an den Himmel zeichneten, war surreal.

Conny: Aus diesem Screen könnte man ein Haus bauen! Die darauf gezeigten Videos haben immer gut zu den Songs gepasst, und immerhin hier konnte man ab und zu einen Blick auf die Band werfen. Die Jets mit ihren grün-weiss-orangen „Farb-Abwürfen“ waren vielleicht etwas übertrieben, aber für so ein Jubiläum in der Heimatstadt auch irgendwie cool.

Stimmung und Support

Michael: Klar, wie nicht anders zu erwarten war das Publikum im Croke Park von der ersten Sekunde an laut mit dabei. Bereits die Songs von Supporting-Act Noel Gallagher’s High Flying Birds wurden lauthals mitgesungen, und die Stimmen wurden auch bis zur letzten, noch unveröffentlichten Zugabe „The Little Things That Give You Away“ nicht leiser. Man tanzte, feierte U2 und ihre Lieder und war für einen Abend lang eine geschlossene Welt – „One“. Bei dieser ausgelassenen Stimmung war es auch nicht schlimm, dass sich Bono für einmal mit seinen Reden etwas zurück hielt. Viel mehr genoss man so die fantastische Gitarre von The Edge und das immer sichere und drückende Spiel von Adam und Larry umso mehr. U2 in ihrer Heimat zu sehen – das war für mich als Fan eindeutig sehr speziell und wunderschön. Ihr seid die Besten!

Conny: Was Stimmung und Support angeht, kann man den Fans wirklich nichts vormachen. Schon bei Noel Gallagher’s High Flying Birds war die Stimmung ausgelassen und fröhlich, bei U2 wurde schliesslich textsicher Zeile um Zeile mitgesungen, mitgejohlt und mitgetanzt. Die Leute gingen ab wie Zäpfchen. Beim Anblick vieler individuell bedruckter Shirts mit der persönlichen U2-Konzert-Historie wundert das auch nicht. Sowieso schien ganz Dublin voll von U2-Shirts. Lieber Bono, du und deine Band habt wirklich Fans, wie man sie sich nur wünschen kann.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: U2, Olympiastadion Berlin, 17-07-12

U2
Support: Noel Gallagher’s High Flying Birds
Mittwoch 12. Juli 2017
Olympiastadion, Berlin

Gibt es einen Super-Superlativ für die explodierende Gigantomanie? Denn obwohl man sich von der wohl grössten Rockband der Welt schon einiges gewohnt ist, wird jede neue Tour von U2 wieder zu einer Steigerung. Für das 30-jährige Jubiläum des immer noch hell strahlenden Albums „The Joshua Tree“ fuhren die Iren darum nicht nur den grössten Screen der Welt auf, sondern auch eine Setliste, die alle Rahmen und Emotionen sprengte. Vorhang auf, für die nasse Reise in die Vergangenheit, inmitten des Olympiastadions in Berlin.

Dass dieser Abend speziell werden würde, das spürten die 70’000 Zuschauer, welche aus vielen Ländern angereist waren, bereits beim Auftakt mit „Sunday Bloody Sunday“. Es gibt wohl praktisch keine andere Band, die ihre Show mit einem solchen Gassenhauer beginnen kann, und das Publikum sogleich auch alles gibt. Obwohl die Sicht auf die vier Musiker von U2 für den ersten Teil noch sehr beschränkt war, spielten die Herren doch inmitten der Leute auf der B-Stage, wurde bereits jetzt ausgelassen getanzt, gesungen und gejubelt. Kein Wunder, Stücke wie „New Years Day“, „Bad“ oder „Pride“ sind weltbekannte Hits und U2 haben damit den Stadion-Rock neu begründet.

Dass es bereits jetzt wieder ohne Unterbruch regnete, das störte weder die Besucher noch die Band. Man steckte seine Energie lieber in das gemeinsame Erlebnis und Bono liess Hommagen an „Singing In The Rain“ und diverse Zitate von David Bowie in die Songs einfliessen. Somit verstärkten U2 ihre Verbindung zu Berlin mit kulturellen Hinweisen und einer grossen Spiellust. Und als die Band dann auf die grosse Bühne wechselte und der Screen in roten Farben erwachte war klar, der Ritt hat erst begonnen. Denn nun startete das wahre Herzstück, die komplette und chronologische Darbietung des Werkes „The Joshua Tree“.

Es ist sicherlich dankbar, ein Werk mit Liedern wie „Where The Streets Have No Name“ oder „With Or Without You“ zu spielen – doch auch selten gespielte und noch nie zuvor erlebbare Momente wie das elegische „Red Hill Mining Town“ oder das brutal wuchtige „Exit“ rührten tief. Die Gitarren von The Edge jaulten laut auf, Larry Mullen Jr. und Adam Clayton lieferten das druckvolle Gerüst. Da spielte es auch keine Rolle, dass Bono immer wieder etwas vom Drehbuch abwich und mit Snippets und spontanen Ansprachen die Lieder verlängerte. Aber genau dies gehört auch zu einer U2-Show, wie die wunderbaren Begleitbilder auf dem Screen und den politischen Bezügen.

So wurde im Zugabenteil die Aufmerksamkeit der Leute auf Syrien gewandt, mit eindrücklichen Videos und einer grossen Flagge, die über die Zuschauer getragen wurde. Und als bei „Ultravoilet“ dann mutige und wichtige Frauen auf dem Bildschirm platz einnahmen, da konnte man nur ehrfürchtig schauen und tief verbunden sein. Somit war auch das Konzert in Berlin wieder die U2-typische Mischung aus Politik, Gefühl, Spass und Grössenwahn – doch dank wunderbarer Setlist (welche nur im Zugabenteil etwas Momentum verlor), fantastischer Produktion und einer wunderbar gut aufgelegten Band wurde auch dieser Abend zu einem grossen Triumphzug.

Und das spürte man bereits, als Noel Gallagher’s High Flying Birds die Bühne bestiegen und den Abend einleiteten. Denn der ehemalige Musik von Oasis zeigte mit dem Konzert nicht nur, dass seine Musik einfach in solche Orte gehört, sondern dass auch sein Solomaterial wunderschön ist. „A.K.A What A Life“, „Everybody’s On The Run“ oder „In The Heat Of The Moment“ – das Publikum wurde fantastisch angeheizt und als „Wonderwall“ erklang, explodierte das Stadion zum ersten Mal. Und sollte sich bis tief in die Nacht nicht mehr beruhigen!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

  

photo 17 Zürich – Anton Corbijn „Out Of Time“

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Anton Corbijn – Out Of Time
Vortrag an der photo17
Sonntag 8. Januar 2017
Maag Eventhalle, Zürich Hardbrücke

Bilder versprühen Magie, erzählen Geschichten und lassen die Fantasie des Betrachters neue Wege beschreiten. Im heutigen Zeitalter der digitalen Fotografie ist es zwar für jedermann ein Leichtes, Bilder von unzähligen Momenten und Szenen zu schiessen – aber wahre Meister sind immer noch selten. Somit ist es nicht nur für Fachleute, sondern auch Laien wie mich interessant, einer solchen Koryphäe bei einem Vortrag zuhören zu dürfen. Und dank meiner Liebe zu Bands wie U2, Depeche Mode oder Joy Division waren keine langen Überlegungen nötig – Anton Corbijn wurde von mir besucht.

Sein Referat an der diesjährigen photo17 in Zürich war nicht nur ein Einblick in seine komplette Karriere, sondern bot auch die Möglichkeit, dem Menschen hinter der Kamera näher zu kommen. Mit seiner offenen und fröhlichen Art erzählte Corbijn viele Anekdoten aus seinem Leben und brachte das Publikum immer wieder mit seinem trockenen Humor zum Lachen. Obwohl noch in den Nachwehen einer Erkältung, war der Fotograf ein wunderbarer Referent und wusste genau, wie man die Leute mit einer Mischung aus Fakten und Geschichten unterhält. Man erlebte seine Anfänge als schüchterner Junge in Holland, seine erdige Zeit mit der Hasselblad bis zu den gestellten Paparazzi-Bildern.

Nicht nur durfte man seine bekanntesten Portraits von Künstlern wie Nick Cave, Tom Waits oder Allen Ginsberg auf der grossen Leinwand betrachten – man erhielt auch Einblicke in selten gezeigtes Material. Wie seine Selbstportrait-Reihe „A Somebody“, die weiblichen Bilder oder allererste Aufnahmen an Konzerten von Focus und Co. Ausschnitte aus seinen Musikvideos und Filmen wurden gezeigt, Fans der bekannten Namen erhielten einige neue Infos. Wer hätte zum Beispiel gewusst, dass „Viva La Vida“ von Coldplay dank einem Video von Anton Corbijn für Depeche Mode entstanden ist? Oder dass die Rolling Stones ihre Verkleidungen gehasst haben?

„Out Of Time“ war nicht nur eine Diashow mit bekannten Gesichtern, es war ein Blick hinter den Vorhang und in den Hut des Zauberers. Anton Corbijn wusste aber auch, dass man nicht alle Geheimnisse verraten darf und erklärte seine Bilder nicht zu Tode. Egal ob Freund, Künstler, Fotograf oder Musik-Freak – an diesem Sonntag kamen alle auf ihre Kosten und ich ging mit einem beschwingten Gefühl durch den Rest der Ausstellung.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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U2 – iNNOCENCE + eXPERIENCE – Live In Paris (2016)

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U2 – iNNOCENCE + eXPERIENCE – Live In Paris
Label: Universal, 2016
Format: Box mit Bluray, DVD, USB-Stick, Buch
Links: Discogs, Band
Genre: Stadion-Rock, Pop

Die Welt ist gespalten, die Meinungen gehen auseinander und die irische Band – welche schon immer polarisierte – teilte auf ihrer letzten Tour sogar eigenmächtig das Publikum und ihre Show. U2 nahmen vielen negativen Stimmen mit ihrer „iNNOCENCE + eXPERIENCE“-Weltreise bald die Worte aus dem Mund und liessen so manchen staunen: Denn was die vier Iren in Paris ablieferten war grosse Klasse und versetzte die Kunst der Arena-Shows in eine neue Dimension. Wie gewohnt mit starkem Bezug zum Weltgeschehen und vielen Hits, neu aber auch mit Konzept und rotem Faden, welche die Songs verbindet. Dank der kernigen Regie von Hamish Hamilton lässt sich der Abend nun immer wieder durchleben.

Fast wäre es nicht zu diesem Konzert in Frankreich gekommen, denn am eigentlichen Datum wurden in Paris mehrere Terroranschläge verübt und die Krisen, welche Europa auseinanderzureissen scheinen, waren nicht mehr nur ein Gedanke hinter Projektionen und Liedern. Doch U2 hielten ihr versprechen und brachten den Zirkus, die Hoffnung und die musikalische Liebe in die Stadt zurück. Topmodern, filigran und doch effektiver als jemals zuvor – mit einem riesigen, begehbaren Screen in der Hallenmitte, zwei verbundenen Bühnen und einer Show, die zuerst die Vergangenheit beschwor und somit die Zukunft gestaltete. Obwohl die Musik von ihrem neusten Album gegenüber den alten Hits viel an Qualität missen lässt, als Aufarbeitung von U2s Herkunft erhielten „Cedarwood Road“ oder „Raised By Wolves“ neue Energie.

Verknüpft mit Klassikern wie „Until The End Of The World“, „Bullet The Blues Sky“, „Pride“ oder „I Will Follow“ erschufen U2 eine Erzählung, welche politische Kritik, Rückbesinnung auf die eigene Herkunft, die Widersprüche des Rockstarlebens und zwischenmenschliche Liebe als Gesamtheit in der Rockmusik platziert. Bono versuchte nicht den Zuschauern seine Ideologie aufzuzwingen sondern zeigt, wie schön es hier auf der Welt doch sein könnte – wie wir alle zusammenhalten und uns gegen die inneren und äusseren Zwänge stellen müssen. „Love Over Fear“,  besonders in schwierigen Zeiten wie diesen.

Natürlich ist es einfacher, grosse Gedanken mit grosser Technik in die Welt zu tragen. Doch egal wie oft die Band durch den gewaltigen Bildschirm läuft, Lieder via Smartphone direkt in die ganze Welt übertragen werden oder Lichter die Halle und die Menschen in Farben und Schatten tauchen – die Begeisterung der Besucher, die Zugänglichkeit von U2, die emotionalen Bezüge zur aktuellen Weltlage machten aus „iNNOCENCE + eXPERIENCE“ mehr als nur eine Konzertreihe – es ist der Beweis, dass U2 weiterhin die Könige des Stadion-Rock sind. Schneidende Gitarren und kunstvolle Zitate, wunderschöne Animationen und drückende Bässe – Hoffnung, Geborgenheit, Euphorie. Und dann waren plötzlich noch die Eagles Of Death Metal da und trotzten der Gewalt und dem Hass, gemeinsam als Musiker, gemeinsam als Menschen. Wir alle.

Anspieltipps:
Cedarwood Road, Until The End Of The World, Bullet The Blue Sky, Zooropa

Total Records – Vinyl & Fotografie / Winterthur

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Total Records – Vinyl & Fotografie
Fotomuseum, Winterthur
Ausstellung noch bis 16. Mai 2016

Vinyl breitet sich aus, immer mehr und vor allem stärker in den Massenmarkt und die Modekultur. Somit ist es nicht verwunderlich, dass sich viele von diesem tollen Kuchen ein leckeres Stück abschneiden wollen. Sei es mit Büchern, Publikationen, Designobjekten oder halt eben Ausstellungen. Im Fotomuseum in Winterthur (Schweiz) beschränkt man sich aber auf den optischen Aspekt der Covergestaltung. Bietet sich ja auch an, gingen Schallplatten und Fotokunst schon immer Hand in Hand.

In den Räumen des alten Gebäudes darf man zurzeit viele exemplarische Originale von alten und neueren Alben bestaunen. Die Ausstellung gliedert die Cover dabei nicht nur nach Inhalt und Optik, sondern auch Fotografen und Designer. Dass dabei Hipgnosis, Andy Warhol oder Anton Corbijn grosser Platz eingeräumt wird, überrascht nicht. Diese Künstler waren in vielen Genres und bei unzähligen Musikern wegweisend und machten aus den Umschlägen mehr als nur Bilder zur Musik. Natürlich findet man solch entscheidende Faktoren auch bei Labels wie ECM oder den alten Blues- und Jazz-Ikonen – durch alle Räume von „Total Records“ ziehen sich rote Fäden und spannende Vergleiche. Und zu jedem Unterpunkt findet man herrliche Ergänzungen aus der Schweizer Musikszene – von Chanson bis zu Post-Punk und Industrial.

Zwischen all den LPs, 7inchs und Gatefoldcover findet man auch immer wieder eine Überraschung: So wurden Yello von Herrn Corbijn abgelichtet, oder auf mehreren bekannten Platten die bereits verstorbenen Bandmitglieder entfernt. Denn auch den Schritt zum spielerischen Umgang mit Verfremdung und Neugestaltung von Alben wagt die Ausstellung. Ob geschichtsträchtige 7inch-Scheiben neu mit Collagen verziert oder Albencover zu absurden Grossbildern erweitert werden – „Total Records“ ist keine heilige Zelebration eines verstaubten Mediums. Die Ausstellung ist eine vielfältige und kunterbunte Betrachtungsweise der äusseren Werte. Hübsch präsentiert und interessant ausgewählt, findet hier jeder Musikfan und Vinylliebhaber sein Highlight. Schade nur, werden die Räume nicht mit passender Musik beschallt, wobei dies die Distanz zu Bild und Fotografie etwas stärkt. Hier sollen schliesslich die Leute hinter der Kamera und dem Design glänzen.

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Book Challenge 2016 – Endresultat

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Wir schreiben April, das sind vier Monate im Jahr 2016 und meine Book Challenge ist bereits abgeschlossen. Hoppla, das ging aber schnell. In einem Vierteljahr habe ich meinen Vorsatz erledigt, vielleicht gibt es noch eine Ehrenrunde. Lesen wird sowieso nie langweilig und in meinem Regal stehen noch einige Kandidaten, die sich seit Jahren vor mir verstecken.

Joseph von Eichendorff – Aus dem Leben eines Taugenichts
Hach ja, die Romantik. Man entdeckte die Natur neu, ordnete das Wertesystem um und schwelgte in blumigen Beschreibungen. Eichendorff sprach mich mit seinen Gedichten oft an, Jahre später weiss sein Roman „Aus dem Leben eines Taugenichts“ meinem Leben aber keine Offenbarungen hinzuzufügen.
Das Buch ist locker und vogelfrei, gibt sich der prosaischen Kunst hin und stellt ein Gegenbild zur damalig vorherrschenden Arbeitsmoral und dem Gesellschaftsbild. Trotzdem, viel Mehrwert holte ich nicht heraus.
3 von 5

Johann Wolfgang Goethe – Faust I
„Das war also des Pudels Kern.“ – Eine unscheinbare aber doch fantastische Zeile, die hier stellvertretend für „Faust I“ steht. Der Klassiker von Goethe ist wohl jedem ein Begriff, das Buch auch wirklich zu lesen eine zweite Sache. Bei mir hat es 28 Jahre gedauert, doch jetzt endlich wagte ich mich an dieses Meisterwerk.
Die Dichtung um den Alchemisten Faust und seine Verführung durch Mephistopheles ist sprachlich absolut einzigartig. Goethe bewies einen Umgang mit der deutschen Sprache, die ihresgleichen sucht. Die Reime sind nicht nur fliessend zu lesen, sondern fesseln und überraschen immer wieder. Dabei gelang es dem Autor die Geschichte humorvoll und locker zu gestalten. Obwohl der Inhalt nicht immer komplett überzeugen kann ist „Faust I“ zu Recht das beste Buch aus Deutschland – man muss es selber entdeckt haben.
5 von 5

Hermann Hesse – Der Steppenwolf
Noch selten habe ich ein Buch gelesen, das es so präzise vermag das Leben und das menschliche (auf)Begehren zu sezieren und unsere Alltagslüge zu entlarven.
Hermann Hesse hat mit diesem Roman nicht nur sich selber komplett bloss gestellt und die Lügen der modernen Gesellschaft offen gelegt, sondern ertappt auch den Leser in seinem Unvermögen. Mit sprachlicher Abenteuerlust und grenzenloser Fantasie ist „Der Steppenwolf“ eine Geschichte, die ihresgleichen sucht. Unglaublich faszinierend und ein Muss für jedes Bewusstsein.
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Bastian Sick – Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod
Was Bastian Sick mit seiner Zwiebelfisch-Kolumne ausgelöst hat, ist auf jeden Fall beachtlich. Plötzlich las man wieder Sachbücher über die korrekte Anwendung der deutschen Sprache, wunderte sich über Regeln und Ausnahmen, und musste sich selber rügen.
Grund des Erfolges ist bestimmt die tolle und leichte Schreibweise des Autors und die faszinierende Tiefe des Konstrukts Sprache. Die Kolumnen sind bunt gemischt und behandeln viele Themenfelder – und genau darum ist das Buch teilweise etwas zu oberflächlich oder regionalbezogen. Obwohl man vieles lernen kann, ist diese Textsammlung doch mehr Unterhaltung als nachhaltige Beschäftigung. Für zwischendurch aber ganz witzig.
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Bill Flanagan – U2 At The End Of The World
Als Fan einer Band über genau diese Menschen ein Buch zu lesen, das hat immer etwas Spezielles. Gerade bei U2 ist für mich jede Info und jede kleine Geschichte interessant, besonders wenn sich die Texte über ihr kreatives Schaffen und die Arbeitsprozesse drehen. Das Buch „U2 At The End Of The World“ ist aber mehr als das, es ist eine der besten Rock-Biografien aller Zeiten.
Bill Flanagan zeichnet nicht nur eine intime Momentaufnahme zur Zeit von „Achtung Baby“, „Zoo-TV“ und „Zooropa“, sondern hinterfragt die Ansichten, Stellungen und Entscheide der Band. Sei dies nun in ihren Texten, Videos oder Treffen mit berühmten Persönlichkeiten – alles erhält genügend Raum um Analysen zuzulassen und auch Skeptiker aufzuzeigen, dass hinter den Tätigkeiten von U2 doch viel mehr lauert, als so manche vermuten.
Man begleitet die Band durch Aufnahmestudios, über Konzertbühnen, in Clubs und Bars – erlebt Streit und Schmerz, Jubel und Erfolg, sowie immerwährende Skepsis. All dies vermengt sich zu einem faszinierenden und packenden Buch und macht mit jeder Seite Lust, U2 ab Platte, DVD und Bühne zu geniessen. Bravo Herr Flanagan!
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