ZOA

Live: Zürich Open Air – Tag 4, Rümlang, 16-08-27

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Zürich Open Air
Tag 4: Samstag 27. August 2016
Rümlang, Zürich

Als dann plötzlich die Regentropfen vom Himmel fallen, will es die tanzende Masse nicht wahrhaben. Nach vier Tagen voller Hitze, Schweissausbrüchen und lauwarmen Bieren erbarmt sich die Natur und gibt allen eine Abkühlung. Perfekt abgestimmt auf das letzte Konzert am diesjährigen ZOA fand man durch den Regen wieder neue Kraft und liess den Auftritt von Underworld zu einem bunten und durchgeknallten Fest werden. Auch für die Seele war dies Balsam, denn ich hatte nach dem Hoch am Freitag meinen Glauben an das Open Air schon fast wieder verloren.

Der Samstag begann für uns am Nachmittag nämlich mit einem Ausblick auf ein schier leeres Festival-Gelände. Trotz allen Voraussetzungen wie Wochenende, bestes Wetter und Stadtnähe traten wenige Leute die Reise nach Rümlang an. Coasts aus Bristol lieferten ihren sehr zuckrigen Pop-Rock somit zuerst vor fast leerer Wiese ab. Die Band liess sich davon nicht gross aus der Ruhe bringen, ihre Musik mich hingegen auch nicht. Zu lieblich, zu bekannt im Indie-Land. Auch Oscar And The Wolf hörten wir uns aus der Distanz an und erkundeten noch einmal das Areal. Was sagt es eigentlich über eine Veranstaltung aus, wenn sie die meiste Liebe in den Markt- und Konsumbereich steckt, hingegen Dinge wie Ernährung und Stimmungsförderer vernachlässigt?

Somit musste man sich nicht wundern, dass die Zuschauer bei Bilderbuch weniger mitsangen, tanzten und jubelten als es die Österreicher gewohnt sind. Trotzdem, ihre schräge Mischung aus Rock, elektronischen Remineszenzen der schlimmen Zeiten und etwas durchgeknallten Texten machte sehr viel Spass. Aus Wien kommen schliesslich nicht nur Wanda, und hier regierte für einmal der verbrecherische Gigolo. Diesen kleinen Aufstand benötigten The Strumbellas nicht, ihr lieblicher Folk-Pop spazierte durch das Land der Glücksbärchis und sorgte für keinerlei Überraschungen. Das war schon bei Mumford And Sons langweilig – doch leider immer noch besser als die Katastrophe die darauf folgte.

Die Kaiser Chiefs, damals in meiner Indie-Phase eine meiner liebsten Bands, sorgten nicht nur für Ohrenbluten, sondern auch schlechte Laune. Die Gruppe zerstörte ihre eigenen Hits und versuchte ihre neue Musik als gut zu verkaufen. Diesen Kirmeskrawall können sie aber gerne behalten, wie auch die schlechten Covers. Was für Debakel, wobei immerhin der Abschluss des Tages mit den ohrenbetäubenden Bässen von Dillon und der Techno-Herrschaft von Underworld zufrieden stellte. Die zwei Herren aus England liessen die Leute aus der Starre erwachen und lieferten mit Liedern wie „I Exhale“, „King Of Snake“, „Rez“, „Two Months Off“ und natürlich „Born Slippy“ eine wahnsinnig gute Show ab. Wie betäubt verliess ich den Ort und war nicht unglücklich, dass diese oft zähe Veranstaltung nun ihr Ende fand.

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Live: Zürich Open Air – Tag 3, Rümlang, 16-08-26

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Zürich Open Air
Tag 3: Freitag 26. August 2016
Rümlang, Zürich

Und plötzlich funktioniert es. Die Leute haben für diese Woche genügend gearbeitet, das Bier fliesst die entspannten Kehlen herunter, die Besucherzahlen steigen. Was für zwei Tage eher ein kleines Dorffest war, wird nun zu einem Festival, wie man es kennt. Ausser dem Umstand, dass die Zuschauer weiterhin lieber frisch gestylt herumstehen anstatt mit den Bands zu feiern. Eigentlich unverständlich, denn was am Freitagabend des ZOA gezündet wurde, war musikalische Sonderklasse.

Sicherlich machten es nicht alle Acts dem Publikum einfach – besonders hervorheben muss man hier Róisín Murphy mit ihrem Theater-Electro-Pop. Avantgardistisch und komplex winden sich ihre Lieder zwischen den Bierständen, eine simple Refrain-Zelebration ist nur beim Moloko-Klassiker „Bring It Back“ möglich. Aber was die Frau an Kompositionen und Kostümwechseln zeigt, ist atemberaubend. Vielleicht nicht die richtige Band für einen solchen Abend, aber eindeutig die interessanteste. Wobei auch Soulwax zuvor aufzeigten, dass man nach 20 Jahren immer noch zu überraschen weiss.

Die Belgier zeigten sich mit drei Schlagzeugern, wuchtigen Beats und mitreissenden Rhythmen – eine schier tribalistische Messe für alle Tanzverrückten. Nachdenken konnte man schliesslich später, denn der Headliner des Abends war mit Massive Attack nicht nur klangtechnisch gross, sondern verband erneut aktuelles Weltgeschehen mit genialem Trip-Hop. Auf der Leinwand erschienen soziale Fragen, politische Botschaften und ein Aufruf, die Welt gemeinsam toleranter zu gestalten. Bei „Eurochild“ wurde die Bühne in blau-gelb getaucht, „Angel“ riss uns alle mit erschütternden Bässen in den Untergrund. Danach war alles plötzlich unwichtig.

Nicht ganz so bedeutsam, aber dafür mit einer wunderbaren Setliste zeigten sich die Hamburger Tocotronic am Nachmittag im heissen Zelt. Ihr poetischer Rock verband kryptische Texte, Liebesbotschaften und Gitarrenangriffe. Auch Editors wussten mit ihrer Mischung aus tiefmelancholischen Melodien, Beats und dem grossartigen Gesang von Tom Smith zu überzeugen. Ihre neusten Alben sind zwar eher durchschnittlich, gemischt mit alten Hits konnte die Gruppe aber die Nacht verzaubern. Mehr als Miike Snow, der vor allem gegen die Hitze und den leeren Platz ankämpfte. Alles in allem war der Freitag somit der bisher beste und musikalisch überzeugenste Tag – so kann es weitergehen.

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Live: Zürich Open Air – Tag 2, Rümlang, 16-08-25

Bild von Kathrin Hirzel

Bild von Kathrin Hirzel

Zürich Open Air
Tag 2: Donnerstag 25. August 2016
Rümlang, Zürich

Irgendwie ist der Wurm drin – denn auch am zweiten Festivaltag will das ZOA (wie man es heute so modisch abkürzt) nicht greifen. Im Vornherein jubelte ich aber über die Liste mit all den Bands, jeder Tag schien nur aus Highlights zu bestehen. Doch dann ist man vor Ort, versucht sich in Stimmung zu bringen und merkt: Hier klappt gar nichts. Weder die Organisation, die Stimmung noch die Musik. Man kämpft sich zwischen gelangweilten Menschen über den Rasen, findet keine Sitzplätze und bezahlt einen Reichtum für Ernährung. Und wenn dann endlich eine dieser gross angekündigten Bands die Bühne betritt, dann bleibt die Menge stoisch und bricht höchstens bei den Hits aus.

Aus diesen Gründen wollte bei mir dann auch selten die Begeisterung den Körper verlassen. Sicherlich, der Abschluss mit dem sicheren Wert aus Island war wie immer wunderschön und intensiv. Da vergass man fast, dass Sigur Ros den Konzertbeginn komplett verhaut haben. Reduziert auf elektronische Samples glichen sie ihre Musik als Trio dem Festival-Grundton an – und setzten es in den Sand. Glücklicherweise wurden dann doch noch Saiten und Felle ausgepackt und man schwebte nach Hause. Bei den anderen Künstlern schwebte aber vor allem die Enttäuschung über den Basswellen. So musste man erneut feststellen, dass The Chemical Brothers ihre Zeit schon lange verlassen haben. Was in den 90ern noch der Wahnsinn war, ist heute eine statische und langweilige Synth-Messe.

Da macht es schon mehr her, wenn ein Musiker alleine auf der Bühne seine Lieder bestreitet. Star der Stunde, Jack Garratt, versuchte es an Keyboard, Drum-Computer, Schlagzeug, Gitarre und Gesang – alles vermengt in modernem R’n’B-Pop. Eigentlich sehr spannend und immer wieder mal beeindruckend, doch alles ein wenig zu beherrschen reicht nicht aus. Andere Loop-Künstler geben da mehr her, das Cover von „The Fresh Prince“ war aber perfekt. Einen Zustand, den Amy McDonald mit ihrer offenen und sympathischen Art auch zu erreichen versuchte, die Besucher liessen sich aber selten zu wirklichem Jubel hinreissen. Da halfen auch Konfettikanonen und Welthits nichts. Trotzdem, angenehmer Country-Pop von einer starken Dame – nur leider etwas zu eintönig.

Mit der Monotonität musste auch Dua Lipa kämpfen, die junge Sängerin zeigte viel Potential, die Lieder wussten dies aber nicht auszuschöpfen. Etwas merkwürdig in Nachthemd und Springerstiefel gekleidet, eröffnete sie meinen Donnerstag. Solch elektronischen Pop gibt es aber leider schon zu oft, das machen andere besser. Wie auch Festivals organisieren – aber vielleicht können ja die wahren Wochenend-Tage den Anlass noch retten. Wir werden sehen.

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