Tune-Yards

Tune-Yards – I Can Feel You Creep Into My Private Life (2018)

Gibt man die Scissor Sisters und Of Montreal in eine Schüssel voller Bowle, mischt kräftig um und schüttet den Inhalt dann über die tanzenden Partygäste – dann erhält man in etwa die Wirkung, welche Tune-Yards mit dem Song „ABC 123“ verbreiten. Allgemein wissen Merrill Garbus und Nate Brenner auf ihrem neusten Album „I Can Feel You Creep Into My Private Life“ immer wieder mit absurden Einfällen, urkomischen Melodien und schrägen Texten zu überraschen. Dieser Art-Pop mischt sich mit Disco-Electronica und nimmt zugleich die ernsten Themen aktueller Schlagzeilen und Diskussionen an. Du bist bereits jetzt überfordert?

Eine gewisse Sättigung kann bei Liedern wie dem skizzenhaften und politisch sarkastischen „Colonizer“ oder dem lasziv tanzenden „Coast To Coast“ schnell aufkommen. Tune-Yards setzen eine hohe Gesangsstimme, Achtziger-Ästhetik und extrem energetische Beats dazu ein, Dance-Pop mit verrückt wirkenden Elementen aufzumischen und gleichzeitig aber auch die Schwelle zur Avantgarde zu übertreten. Schnell vergisst man beim Genuss von Songs wie „Look At Your Hands“, dass „I Can Feel You Creep Into My Private Life“ eigentlich ein ernstes Album ist, sich einfach hinter dieser Kaugummifassade tarnt. Fiepende Synthies, Reminiszenzen an Künstler wie die Bee-Gees und eine Gummiball-Mentalität machen alles zu einem Fest.

Wer also bereits seit 2014 auf das neue Werk von den Tune-Yards wartet, der wird mit dieser Scheibe auf keinen Fall enttäuscht werden. Hinter jedem Song gibt es mehrere Ebenen, die auf ihre Freilegung und Entdeckung warten, hinter jeder Erquickung lauert eine nachdenkliche Aussage. Wer sich allerdings mit hypaktivem und farbenfrohen Pop nicht anfreunden kann, der hält hier kein Lied lang durch. Denn gegenüber „I Can Feel You Creep Into My Private Life“ wirken die Scheiben von The Flaming Lips wie ein erholsamer Strandurlaub.

Anspieltipps:
Now As Then, Look At Your Hands, Private Life

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.