Torres

Torres – Three Futures (2017)

Mit Torres ist es immer das Gleiche: Ihre Musik zeigt sich zuerst sperrig und schier unüberwindbar fremd, doch mit jeder vergangenen Minute wird die Faszination grösser und man entdeckt die Genialität hinter den Kompositionen. So geschah es bei mir auch mit ihrem dritten Studiowerk „Three Futures“ – der Anfang  war etwas holprig, nun aber steh ich vor einem Berg neuer Lieder, die mich berühren und faszinieren. Mackenzie Scott hat es erneut geschafft und ein düsteres Werk, irgendwo zwischen Industrial, Folk und depressivem Rock geschrieben.

Ganz so genial wie der Vorgänger „Sprinter“ ist die neue Scheibe der Engländerin zwar nicht, kratzt aber mit Songs wie „Skim“ erneut an der Erträglichkeit der lärmigen Liederkunst. Torres führt uns mit „Three Futures“ in eine Welt, in der viele Hoffnungen im Kern erstickt wurden und fesselt die Hörer mit extremer Dynamik, meisterlichem Umgang mit Verzerrung und schleppender Faszination. Lieder wie „Righteous Woman“ sind kleine Meisterwerke, wachsen schier unstoppbar in den Himmel und entziehen sich den meisten Vergleichen.

Es ist aber nicht alles der Verzweiflung nahe, Torres spielt neu auch mit dem Electro-Pop und streut ein paar Prisen Gothic in ihre Musik. Momente wie der Titelsong oder „Helen In The Woods“ sind somit wunderschön und schweissen sogar verbitterte Feinde wieder zusammen. Immerzu emotional, vereinnehmend und herrlich anders – „Three Futures“ ist erneut ein Tauchgang mit gewissem Risiko, belohnt aber alle Mutigen. Aber Vorsicht: Nicht immer bleiben die Songs zurückhaltend, Frau Scott weiss sich auch mit schneidenden Gitarrenriffs zu wehren.

Anspieltipps:
Skim, Righteous Woman, Helen In The Woods

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Die besten Alben 2015

Was war das für ein Musikjahr! Praktisch jede wichtige Band und fast jeder einflussreiche Künstler oder Künstlerin hat die Welt mit einer neuen Scheibe beglückt (oder verärgert). Gegenüber dem eher schwachen Jahrgang 2014 ging im 15 die Post ab. Trotzdem, wie immer gab es auch in den letzten zwölf Monaten Kandidaten, die alles überstrahlten, die vom ersten Hördurchgang bis zum Weihnachtstag im Herzen und Kopf blieben.

Für mich als freischaffenden Musikjournalist brachte das Jahr auch einige Entwicklungen. Der Blog wurde immer beliebter, die Leserzahlen stiegen mit jedem Beitrag. Zum Glück hat sich auch meine Schreibe verbessert und verärgert somit weniger Geniesser von 17408sound. Ganz spannend wurde das Leben mit der Entscheidung, beim Team von ArtNoir mitzuwirken. Nicht nur erhielt ich dadurch die Möglichkeit, Alben und Platten kritisch zu betrachten, sondern darf nun auch Interviews mit Bands führen und Konzerte als Auftrag besuchen. Das erweitert nicht nur den eigenen Horizont!

Wenn es aber darum geht, die zehn wichtigsten und besten Alben zu bestimmen, dann war es auch in diesem Jahr nicht einfacher als sonst. Aber man kann sich ja nicht schwach zeigen, darum hier meine Top Ten 2015:

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  1.  Steven Wilson – Hand.Cannot.Erase
    Gott steht an der Spitze, wie könnte es anders sein. Bereits zum vierten Mal begeistert Herr Wilson mit einem Soloalbum, und vermengt auf „Hand.Cannot.Erase“ nicht nur New Prog und Art-Rock, sondern auch Pop und Electronica zu einem wunderschönen Konzeptwerk über vergessene Leben und Menschen. Ergreifende Melodien, intelligente Texte und schwelgerische Harmonien – genial.
  2.  Jamie XX – In Colour
    Schon damals schrieb ich in der Kritik, dass dies wohl das wichtigste Werk der elektronischen Sparte im aktuellen Jahr sein wird. Und für mich ist es „In Colour“ bis heute geblieben. Jamie Smith hat sich von The XX losgesagt und ein House-Techno-Garage Album geschaffen, das wie eine Wundertüte der Englischen Electroszene funktioniert. Mit bewegenden Liedern und tanzbaren Momenten.
  3.  Sufjan Stevens – Carrie & Lowell
    Er ist und bleibt der Meister des verkopften und herzoffenen Singer-Songwriter. Nachdem Stevens sich auf den letzten Alben dem Noise und der experimentellen Electronica zuwandte, gab es mit „Carrie & Lowell“ nun eine Rückkehr zu den leisen und intensiven Tönen. Gitarre, Banjo und Gesang – mehr braucht man nicht um glücklich zu weinen oder traurig zu lachen.
  4.  Periphery – Juggernaut: Alpha / Omega
    Doppelalben können eben doch funktionieren, sogar im wilden Gebiet des Djent-Metal. Die Amerikaner von Periphery prügeln sich auf zwei Platten durch dick und dünn, vergessen dabei aber nie Emotion und Melodie. Ob der Emo, College-Rock oder Prog an die Tür klopft, alles vermengt sich zu einer unwiederstehlichen Masse. Tut weh, aber du magst es ja.
  5.  Rangleklods – Straitjacket
    Nachdem das erste Album des dänischen Duos vor allem die dunklen Beats beschwörte, findet man sich mit „Straitjacket“ in allen möglichen Formen der Tanzmusik wieder. Sicher, die 90er sind wieder da, doch Rangleklods können noch viel mehr. Intelligente Strukturen, fesselnde Melodien und nachdenkliche Texte. Ab in den dunklen Club, oder zum Interview.
  6.  Luisa – Never Own
    Eine junge Frau aus Hamburg, ihre Gitarre, ihr Loopgerät. Mehr braucht es nicht um die Leute zu verzaubern. Zum guten Glück funktionieren die Lieder auch mit Band und ab Platte wunderbar.
  7.  Jovanotti – Lorenzo 2015 CC
    Lorenzo ist und bleibt der Beste. Egal ob Eurodance, nachdenkliche Texte oder Worldmusik, der Mann kann alles und schafft es auch bei einem Album mit 30 Songs nie zu langweilen.
  8.  Torres – Sprinter
    Düster, wild und verzerrt. Die neuste Platte von Torres ist ein schwarzes Grunge-Werk voller Einflüsse des Singer-Songwriter und tiefen Abgründen. Nichts für schwache Gemüter.
  9.  Lonely Robot – Please Come Home
    New Prog oder doch melodischer AOR? Wie auch immer, was John Mitchell hier auf die Beine gestellt hat ist supertoll. Das Album tropft nur so vor grossartigen Gitarrenriffs, wundervollen Melodien und tollen Gastauftritten.
  10.  Halma – Granular
    Musik ohne Text, Füsse ohne Boden. Die Hamburger lassen jeden Zuhörer ins All entschweben und verzücken mit spannende Gitarrenriffs. Macht süchtig und glücklich.

Da dies nicht ausreicht, hier noch 15 weitere tolle Scheiben.
Müsst ihr auch unbedingt hören und kaufen. Nur nicht ganz so dringen wie Plätze 1-10.

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Torres – Sprinter (2015)

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Torres – Sprinter
Label: Partisan Records, 2015
Format: Vinyl mit Download
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Grunge, Singer-Songwriter

Laute Gitarren, kratzende Akkorde und harte Stimmen, wie schnell dies alles in bedächtig gehauchte Zeilen mit zitternden Melodien umschwenken kann. „Sprinter“, das zweite Album von Torres, ist ein Wechselbad der Gefühle und ein hart zu verdauender Brocken. Was die junge Amerikanerin mit dieser Platte geschaffen hat, wird einen langen Nachhall erzeugen und zeigt dem stocksteifen Singer-Songwriter, was mit dem Stil alles machbar ist. Erschreckend, wie alt die 24-jährige dabei zum Teil klingt.

Eröffnet wird das Album durch „Strange Hellos“, einem direkten und missmutigen Rocker. Zurück in den 90ern rumpeln Bass und Schlagzeug, die Gitarre erklingt mit rostigen Saiten und wird auch nach langem Üben nicht gespielt. Geradeaus rockend, erzählt uns Mackenzie Scott genervt von dem mühsamen und künstlichen Verhalten, das man Mitmenschen vorspielen muss. Wieso nicht einfach mal direkt sagen, ich mag dich nicht, hören wir mit diesem aufgesetzten Getue auf? Eine klare Ansage, dieser direkte Stil zieht sich komplett durch das Album. Was die Musik teilweise an Ruhe versprüht, das machen die Texte durch ihre beklemmenden Aussagen kaputt. In fast allen Stücken entsteht somit eine angespannte Stimmung, wirklich wohl wird es dem Hörer erst, wenn er das Album auseinander genommen und für sich neu zusammengebaut hat. Und diese Arbeit lohnt sich sehr, denn was Torres mit „Sprinter“ veröffentlicht hat, das sucht seinesgleichen. „Son, You Are No Island“ offenbart zum ersten Mal das wahre Genie. Dunkel wabernd und angriffslustig lauernd schleicht das Stück umher, immer bereit für den Angriff. Die Künstlerin weiss dabei auf geniale Weise Melodie, Stimmung und Instrumentierung zu einem grösseren Ganzen zu verbinden. Dass sich wilde und ruhige Lieder oft direkt abwechseln ist nicht störend, sondern verleiht den Einzelteilen umso grössere Wucht. Wenn am Schluss dann alles in „The Exchange“ zu einem minimalistischen Klagelied zusammengebrochen ist, hat man nicht nur eine Achterbahn der Gefühle durchlebt, sondern sieht Gitarrenmusik aus einem neuen Blickwinkel. Wütend und aggressiv, bedrohlich und drückend, einfach und verwoben, Torres zieht alle Register und macht aus ihrer Platte einen Albtraum voller Sehnsüchte. „A Proper Polish Welcome“ zeigt dabei sogar kurz Hoffnung und der Himmel lässt die Sonne durchscheinen. Der Rest ist wie eine Warnung, eindringlich.

Wer sich auf dieses Werk einlässt, der sollte weder labil noch ungeduldig sein. Das erforschen der Lieder ist nicht immer einfach, doch belohnt die Hörer auf unglaublich intensive Art. Es schälen sich wunderbare Melodien und Harmonien aus dem Moor, leise Passagen erhalten ungeahnte Wucht und dreckige Rockmomente dröhnen im Kopf. Wer von Singer-Songwriter bisher immer dachte, das sei etwas für Holzfällerhemd tragende Weichlinge, der wird hier eines besseren belehrt. „Sprinter“ ist ein schwarzes Meisterwerk.

Anspieltipps:
Son; You Are No Island, Sprinter, The Exchange