Tim Bowness

Tim Bowness – Lost In The Ghost Light (2017)

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Tim Bowness – Lost In The Ghost Light
Label: Inside Out, 2017
Format: Download
Links: FacebookKünstler
Genre: Art-Rock

Konzeptalben sind im Progressive Rock keine Seltenheit, viel mehr gilt diese zusammenhängende Kunstform als Kür. Tim Bowness, vormals Partner von Steven Wilson bei No-Man, steigt mit „Lost In The Ghost Light“ aber als Neuling in dieses Gebiet ein. Sein neustes Soloalbum erzählt in wunderbarem Art-Rock die Geschichte eines erfundenen Helden des Classic Rock – einem Musiker, der langsam verblasst und seinen Platz in der Welt verloren hat. Darf Bowness bleiben?

Mit dem zweiten Lied „Moonshot Manchild“ zeigen sich zuerst vor allem die Schwierigkeiten bei „Lost In The Ghost Light“ – man erhält erneut typische Kost von Tim Bowness. Lieder, die mit hellen Klavier-Akkorden und seinem sanften Gesang niemanden verletzen, unaufgeregt für immer in deinem Herzen bleiben – allerdings auch viele eher anbiedern könnten. Doch dank des spannenden Songwritings dreht sich spätestens bei „Nowhere Good To Go“ alles zum Besseren. Plötzlich vernimmt man wunderschöne Popmusik, gehaucht und träumerisch in der Romantik. „You’ll Be Silenced“ haut einen famosen Prog-Schluss heraus und verleiht der Geschichte Zweifel und emotionale Unsicherheit.

Tim Bowness geht mit „Lost In The Ghost Light“ weiter als auf seinen letzten beiden Scheiben – gut so, gelingen ihm die Songs hier doch kompositorisch stärker. Er greift in die Kisten des Symphonic Prog, Newprog und Melodic Art-Rock und arbeitet Momente wie „You Wanted To Be Seen“ zu breiten Flächen aus, mit Verneigung vor den Genre-Grössen. Mit vielen bekannten Gästen wie Colin Edwin, Bruce Soord oder sogar Ian Anderson (Jethro Tull) ist die Musik grossartig gespielt und das Ohr wird immer wieder überrascht. Und wenn sich in „Distant Summers“ der Künstler selber zitiert, schliesst sich der Kreis mit neuen Erfahrungen und Erkenntnissen. Die Geister verneigen sich.

Anspieltipps:
Nowhere Good To Go, You’ll Be Silenced, You Wanted To Be Seen

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Tim Bowness – Stupid Things That Mean The World (2015)

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Tim Bowness – Stupid Things That Mean The World
Label: Inside Out, 2015
Format: Vinyl im Gatefold, mit Download und Karte
Links: Discogs, Künstler
Genre: Art-Rock

So schnell kanns gehen. Da hört man lange nichts viel Konkretes von Tim Bowness und dann nur knapp ein Jahr nach der Veröffentlichung seines Soloalbums „Abandoned Dancehall Dreams“ folgt bereits der Nachfolger. Mir soll es recht sein, mag ich die Musik mit der markanten Stimme doch sehr und geniesse sie immer wieder gerne. Wieder auf Inside Out nun also die dummen Dinge, die für uns die Welt bedeuten. Und eigentlich beginnt das Album dann auch ziemlich so, wie man es kennt und erwartet.

„The Great Electric Teenage Dream“ fährt wie beim letzten Album zuerst mal das Schlagzeug auf und lässt den Bass grummeln. Passend zum Titel erhält der Song jedoch eine Atmosphäre von alten elektrischen Geräten, aufgeladen und unter Spannung. Der wirkliche Ausbruch folgt aber nicht, die Musik von Bowness besteht im Gegensatz zu seinen älteren Projekten wie No-Man nicht aus wilden Klangwänden, sondern eher introvertierten Liedern, die auch mal mit dem Indie-Rock kuscheln. „Stupid Things…“ führt das vorangegangene Album somit logisch weiter, weiss aber die Präsentation ein wenig zu verändern. Der Künstler erweitert sein Spektrum und entfernt sich nun etwas von dem verträumten Schwebezustand und gibt den Klängen eine geerdete Sichtweise. Das tut der Musik gut, ist sie nun prägnanter und auch gefälliger, ohne die Leichtigkeit zu verlieren. Die Instrumente klingen weiterhin gerne luftig und das Album lässt den Hörer sich entspannt auf dem Sofa hinlegen. Ob Ambient, Art-Rock, Jazz oder Indie, die Mischung macht’s und wirkt schlussendlich homogen. Textlich versucht sich Tim Bowness dazu an sozialer Kritik, und stolpert leider ein paar Mal über die plumpen Aussagen. Wie auch h von Marillion verliert sich Bowness etwas in den Gedankenstrukturen eines Teenagers, hat aber auch tolle Zeilen wie „Your great electric teenage dream / Once a record / Now an unpaid stream“ auf Lager. Wie wahr, und was für ein Problem in der aktuellen Musikwelt. Um trotzdem Eindruck zu hinterlassen unterstützen ihn auf diesem Album tatkräftig Freunde und Bekannte wie David Rhodes, Peter Hammill oder Pat Mastelotto. Ein Aufgebot, das sich sehen und hören lassen kann, veredeln die Herren doch die Musik.

Mit der neuen Scheibe hat Tim Bowness zum wiederholten Male ein wunderbar schönes und grossartig zu hörendes Werk erschaffen. Seine eigene Formel, Art-Rock mit anderen Stilen zu verbinden und mit seinem Gesang zu verzieren, geht hier super auf. Auch wenn die Musik eher in den Herbst passen würde, darf man sich freuen und genüsslich den Klängen lauschen. Danke Steven Wilson, dein goldenes Händchen hat auch hier wieder gewirkt – wenn auch nur als Berater.

Anspieltipps:
The Great Electric Teenage Dream, Sing To Me, Press Reset

Tim Bowness / Peter Chilvers – California Norfolk (2002)

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Tim Bowness / Peter Chilvers – California, Norfolk
Label: Burning Shed, 2002 / Remaster 2013
Format: Doppel-CD im Mediabook
Links: Discogs, Tim Bowness, Peter Chilvers
Genre: Electronica, Ambient

Immer wieder gibt es den Moment, in dem alles zusammenfliesst, alles passt. In den kalten Wintermonaten wende ich mich gerne sanfter und ruhiger Musik zu. Verträumt kann man dabei durch die Landschaften wandern und das Herz an schönen Melodien wärmen. Sehr toll ist es, wenn ich dabei ältere Alben entdecke, die immer noch ihre volle Strahlkraft besitzen. In diese Kategorie fällt ganz klar die Kollaboration von Tim Bowness und Peter Chilvers; „California, Norfolk“.

2002 haben die beiden Künstler sich für ein Album zusammengetan und auf dem Burning Shed Label ein Kleinod an gefühlvollen Liedern veröffentlicht. Verhuschte Electronica trifft auf schwebenden Ambient, langsamer Pop auf Klangstrukturen. Dabei stehen die Stimmen immer stark im Vordergrund, passend zu Tim Bowness‘ warmem und fast flüsterndem Gesang. Bei vielen Liedern hat man das Gefühl, er sitzt gleich nebenan und spricht die Texte direkt in unser Ohr. Die Musik wird dabei zurückhaltend inszeniert und einzelne Töne stärker betont als eine gesamte Melodie. Piano, Gitarre, Glockenspiel, synthetisches Orchester und viel Flächen. Einzelne Melodien wirbeln wie Schneeflocken durch die Luft, kratzende Effekte und Sequenzerspuren lassen die Stücke in den fokussierten Ambient fliessen. All dies kumuliert sich im epischen Höhepunkt „Winter With You“. In über zehn Minuten schwelgen Bowness und Chilvers im melancholischen Schlummer und begleiten den Hörer durch die Nacht und den Winter – immer in Vorahnung zu „Truenorth“ von No-Man.

Die Remaster-Neuauflage aus dem Jahr 2013 bietet nebst dem grossartigen Hauptalbum eine zweite CD mit Bonusmaterial. Viele alternative Versionen der Lieder, B-Seiten und Liveaufnahmen runden das Erlebnis wunderbar ab. Man kann noch tiefer in die Welt und das Werk eintauchen, sich verzaubern lassen und erforschen, wie die Lieder entstanden sind. Mit „California Norfolk“ (übrigens ein Strandgebiet in England) haben Tim Bowness und Peter Chilvers ein entzückendes Kleinod an leiser Musik erschaffen. Ein Album, dass die Zeit wie im Flug vergehen lässt, das mitnimmt und sich perfekt für die kalten und weissen Tage eignet.

Anspieltipps:
Post-It’s, Rocks On The Green, Winter With You

Das dazu passende Getränk:
Ein Gläschen Glühwein.

Tim Bowness – Abandoned Dancehall Dreams (2014)

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Tim Bowness – Abandoned Dancehall Dreams
Label: Inside Out, 2014
Format: Vinyl im Gatefold, CD und Booklet
Links: Discogs, Künstler
Genre: Art-Rock, Ambient, Melancholie

Schlagzeugwirbel, knurrender Bass, sanfter Gesang, Synthieflächen, Melancholie. Der Einstieg in das zweite Soloalbum von Tim Bowness gestaltet sich fulminant und verspricht vieles. Glücklicherweise hält das Album alle Vorzeichen ein und liefert mit jedem Song ein weiteres Puzzleteil zum grossen Bild über die verlassenen Tanzhallen.

Tim ist kein neuer in der Welt des traurigen Art-Rock. Zusammen mit Steven Wilson gründete er die Band No-Man und wollte die Welt erobern. Dies gelang aber dann nur Herr Wilson mit seinem damaligen Nebenprojekt „Porcupine Tree“, doch das ist eine andere Geschichte. Aber das Umfeld von Burning Shed musste trotzdem nicht auf das Talent von Bowness verzichten, er blieb als Musiker in dem Mikrokosmos eine Konstante und beweist mit dem aktuellen Werk zu welchen Höchstleistungen er fähig ist.

Der oft tieftraurige Art-Rock lebt von wunderbaren Melodienbögen, spannender Instrumentalisierung und wunderbaren Geschichten. Oft dominiert das Klavier (oder die Keyboards) und macht es dem Hörer einfach, sich in den Songs zurecht zu finden. Wohlklang ohne Weichspüler, garniert mit spannenden Schlagzeugspuren und immer wieder überraschenden Einfällen. Bowness ist ein wirklich grosses Album gelungen das auch Kenner von allen No-Man Werken gefällt. Clever finden hier Genres wie Pop, Ambient ond Prog sanft ihren Weg in die Lieder, dabei bleiben die Songs über lange Zeit spannend und entfalten nach und nach all ihre Ebenen. Gesanglich birgt die Stimme von Tim auf dem Album keine Sonderheiten, man kriegt was man kennt. Das ist eine vertraute, sympathische Stimme die auch fröhliche Geschichten nach Regenwetter klingen lässt, ich mag das sehr. Besonders wenn die Texte so interessant sind wie hier, oft von nicht ganz leichten Schicksalsmomenten handelnd.

Der Sommer ist hierzulande grau und nass, gerne setzt man sich da abends nach der Arbeit aufs Sofa und genießt gemütliche Stunden alleine oder in Gesellschaft. „Abandoned Dancehall Dreams“ liefert den passenden Soundtrack und wird auch weit in den Herbst hinein präsent bleiben.

Anspieltipps:
The Warm-Up Man Forever, Songs Of Distant Summers, Beaten By Love