The Revenant

Ryuichi Sakamoto, Alva Noto & Bryce Dessner ‎– The Revenant (2015)

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Ryuichi Sakamoto, Alva Noto & Bryce Dessner ‎– The Revenant OST
Label: Milan, 2015
Format: CD in Digipak
Links: Discogs, Sakamoto, Noto, Dessner
Genre: Soundtrack, Ambient

Naturgewalten verlangen besondere Massnahmen. Man kann nicht mit kleinen Mitteln dagegen ankommen oder hoffen, eine gleichwertige Wirkung zu erzielen. Wer sich im Kino bei „The Revenant“ also von den wuchtigen Bildern, den mitreissenden Vorstellungen der Schauspieler und der eindrücklichen Geschichte erschlagen fühlte, der kann keine normale Filmmusik erwarten. Alejandro González Iñárritu dachte dasselbe uns setzte gleich auf drei unterschiedliche aber allesamt höchst talentierte Musiker. Die Kollaboration ist eine brodelnde Suppe aus Klassik, Ambient und abstraktem Experimental. Naturverbunden und unbarmherzig – wie auch der Film.

Hauptstück ist auf jeden Fall das dröhnende und über allem thronende „Main Theme“. Die einzelnen Streicher und Synths müssen nur wenige Klänge anschlagen und schon sitzt man mitgenommen und fasziniert da. Wie einzelne Sonnenstrahlen in arktischen Gebieten spendet die Musik Wärme und Licht. Doch Achtung, die Sicherheit ist trügerisch. Denn die Filmmusik zu „The Revenant“ ist ein experimentelles Unterfangen, das sich zwischen nassem Moos und alten Ästen versteckt, dich wie ein hungriger Bär anspringt und dann doch unter warmen Fellen schlafen lässt. Sakamoto, Noto und Dessner verstehen es grossartig, die Grundstimmung des Filmes einzufangen und auf Instrumente und Computer zu übertragen. Einzelne Tracks fühlen sich wie eine Annäherung an die Natur an, wie klanggewordene Pflanzen. Mit nur wenigen Mittel und Melodien erschufen die Musiker eine Welt, die sich zwischen fragilen Gebilden und perkussiven Angriffen bewegt. Es herrscht immer eine gefährliche Grundstimmung, man spürt Kälte und Paranoidität. Genial mischen sich dabei veränderte Töne und Effekte, oft bleibt es ganz ruhig und nur wenige Mittel werden eingesetzt. Wenn sich dann die Akkorde öffnen wie bei „Discovering River„, dann fluten nicht nur Wassermassen die Seele.

„The Revenant OST“ ist eine Reise in fremde Gebiete und ferne Welten – ein Soundtrack, der sich mutig von ausgetretenen Pfaden entfernt und wie auch die dazugehörigen Bilder etwas anderes wagt. Obwohl der Musik die Ehre eines Oscars verweigert wurden, strahlen die Stücke von Sakamoto, Noto und Dessner heller als praktisch jede andere Filmmusik des letzten Jahres. Es sind Klänge, die sich unter die Haut bewegen, die Gedanken anregen und viel Atmosphäre transportieren. Wer braucht dazu noch eine Stimulation der Augen?

Anspieltipps:
The Revenant Main Theme, Killing Hawk, Cat & Mouse

Media Monday #237

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Schon ist das Jahr wieder zwei Lückentexte vom Medienjournal alt.

1. Für einen entspannten Filmeabend hab ich mir in letzter Zeit so einige Filme auf Netflix gegönnt, die schon lange in meiner Liste lauerten. Dabei hab ich festgestellt, dass der Streaminganbieter die Wertungen ziemlich passend für mich vorschlägt. Entweder schau ich nun zu viel oder ich bin sehr durchschaubar. Beides klingt irgendwie nicht so super.

2. Das Konzertjahr 2016 fing gar nicht mal so stark an, mittlerweile bin ich aber froh, mir selber eine Pause gegönnt zu haben. Nachdem ich 2015 68 Konzerte besucht habe (Rechungsweise: 1 Festivaltag = 1 Konzert), war diese Pause bestimmt nötig. Spätestens am 19.01.16 geht es dann aber mit frischer Energie wieder weiter. Und einige Highlights sind jetzt schon gebucht: Ellie Goulding in Barcelona, Muse und Schiller in Zürich und Marillion an meinem Geburtstag in Berlin. Yay!

3. Die wohl coolste Gastrolle in einer Serie einem Film hatte David Bowie in „The Prestige“, und sonst bei all seinen Auftritten. Der Mensch war ein scheinender Stern, eine Quelle an unendlicher Kreativität und ein Genie. Und jetzt, wenige Tage nach der Veröffentlichung von „Blackstar“ und seinem 69. Geburtstag schweigt seine Stimme für immer. Bitte nicht, so etwas will ich nicht erleben müssen. 😦

4. „Zombieland“ nimmt das Genre der Zombiethriller so gepflegt aufs Korn, dass man praktisch im Sekundentakt lachen und klatschen muss. Jedes Klischee wird umgangen und entlarvt, die Figuren sind wunderbar atypisch und herrlich durchgedreht. Und dann noch Bill Murray als sich selber? Wundervoll.

5. Es war längst überfällig, dass die Bilder in den Filmen wieder ausdrucksstärker werden. Die Kameraarbeit, Bildkomposition und Ausführung in „The Revenant“ hat mich darum einfach nur umgehauen. Wie da mit rein echten Licht gearbeitet, die Natur eingefangen und zelebriert wurde, erinnerte mich sogar an die Meditationen eines Terence Malick.

6. „A Brief History Of Seven Killings“ konnte ich kaum noch aus der Hand legen, denn das Monsterwerk von Marlon James offenbart unter der Komplexheit eine tiefe und reife Beobachtung von Jamaica. Die Handlung spannt sich mit über 70 Figuren über drei Jahrzehnte und der Autor spielt absolut grandios mit Dialekten und Sprachen. Wuchtig und nicht immer einfach, aber fesselnd und absorbierend. Zu Recht wurde das Buch mehrfach ausgezeichnet, schon jetzt ist es ein Klassiker. Mehr dazu auf Goodreads.

7. Zuletzt habe ich „Mud“ gesehen und das war ein wunderbarer Film, weil die Mischung aus „Coming Of Age“ Drama und Charakterstudie mit Krimi wunderbar rund aufgeht. Die Bilder der heissen Südstaaten-Landschaften sind wunderschön, die Schauspieler saustark. Allen voran natürlich Matthew McConaughey, der hier schon wieder beweisst, dass er zu den Besten gehört.