The False Foundation

Live: Archive, Kaufleuten Zürich, 16-11-27

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Archive
Sonntag 27. November 2016
Kaufleuten, Zürich
Setlist

Deine Augen werden von rasant wechselnden, mit grafischen Fehlern durchzogenen Bildern in den Bann gezogen – schon fast hypnotisierend sind die pulsierenden Muster und Bilder. Dazu füllen sich deine Ohren mit digitalen Klängen und Effekten, es dröhnt, es schwellt an, es bilden sich Melodien und kratzende Strukturen. Bald gibst du nicht nur deine Gedanken, sondern auch deinen gesamten Körper dem Spektakel hin und vergisst deine Umwelt – die Könige der falschen Grundlage haben dich vereinnahmt. Und ein erneutes Mal haben Archive die Schweiz im Sturm erobert.

Die Vorzeichen liessen auch nichts anderes erahnen, war das Konzert im Kaufleuten in Zürich schliesslich schon seit mehreren Wochen ausverkauft. Das Kollektiv aus England hat sich mit vielen Auftritten und ebenso zahlreichen Alben in den letzten Jahren einen grossartigen Ruf erarbeitet, der der Realität immer wieder standhält. Die Truppe aus sieben Musikern hat es nicht nur geschafft, einen komplett eigenen Klang zu kreieren, sondern verzaubert immer noch mit ihren Stücken zwischen Trip-Hop, elektronischem Rock und sanftem Industrial.

Da Archive mit ihrem neusten Album „The False Foundation“ weiter in die leisen Experimente der Electronica eingestiegen sind, wurde auch das Konzert in Zürich von vielen sanft anschwellenden und reduzierten Momenten bestimmt. Es ist der perfekten Ästhetik in Sound und Design zu verdanken, dass auch solche Strecken neuer Musik immer betörten. Aber perfekt wurde der Abend erst mit dem Auftauchen von Sängerin Holly Martin, mit der auch die alten Kracher wie „Hatchet“, „Bullets“ oder „You Make Me Feel“ das Set auflockerten. Das Publikum wurde immer euphorischer, die Band immer spielfreudiger.

Und Archive wären nicht die geliebte Band, wenn ihre Lieder nicht von den scheinbar unendlichen Repetitionen und urgewaltigen Steigerungen leben würden. „Feel It“ wird bis zum totalen Ausraster wiederholt, „Controlling Crowds“ schwillt höher als der Prime Tower an. Und als sich Dave Pen mit zwei Musikern ganz am Ende noch zu einer halbakustischen Version von „Again“ hinreissen lässt, wähnt man sich im Himmel. Der gesamte Auftritt wurde somit zu einer kathartischen Übung und übertraf sogar das letztjährige Treffen in Basel.

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Archive – The False Foundation (2016)

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Archive – The False Foundation
Label: Dangervisit, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Electronica, Minimal Art-Rock

Vorbei sind die Zeiten mit einfachen Plätzen zum verstecken, jetzt wird jede Faser und jeder Gedanke in aller Öffentlichkeit seziert. Was vorher gerne unter Schichten und Bergen von Klangspuren, Keyboards und Gitarren verschwand, ist jetzt alleine auf weiter Flur und muss sich nackt behaupten. Das elektronisch verwurzelte Art-Rock-Kollektiv aus England ist wieder da, und Archive zeigen sich so reduziert wie noch selten.

Ihr zehntes Studioalbum beginnt dabei genau so leise, wie es die meiste Zeit auch bleibt. Sanfte Electronica versprüht kleine Kontaktfunken, die Stimmen liegen bar zwischen Klavier, Sequenzer und Drum-Maschine. Vorbei sind die Lieder, welche wie Gotteshäuser in den Himmel wachsen und von einer halben Armee gespielt werden. Mit neuen Synapsen verbinden Archive die Schalttafeln und beschränken ihr Songwriting schon fast auf Minimal und Ambient-Techno. Was damals mit dem Konzeptwerk „Axiom“ seine Schatten vorauswarf, findet hier eine neue Vollendung. Der langsame und experimentelle Charakter kehrt zurück, Lieder wie „Driving In Nails“ sind Turnübungen in knisternder Electronica.

Das kann neue Fans von Archive etwas aus der Bahn werfen, die Gruppe aber setzt ihre Soundmerkmale weiterhin präsent ein. Dank den Stimmen von Dave Pen, Pollard Berrier und John Rosko wird man sicher durch die düsteren und kargen Technikwüsten geleitet. Die Band hat sich somit komplett von den psychedelischen Zeiten entfernt und lebt nun im Digitalen. Da fällt es zuerst gar nicht auf, dass auch die Damen dieses Mal ausgesetzt haben. Weiterhin darf man kopfnickend lauschen (wie beim zappeligen „Stay Tribal“) und sich zuhause fühlen – wenn auch nun mit vielen Kabeln im Hirn.

Anspieltipps:
Driving In Nails, The False Foundation, Stay Tribal

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.