Swans

Live: Swans, Salzhaus Winterthur, 17-10-19

Swans
Support: Baby Dee
Donnerstag 19. Oktober 2017
Salzhaus, Winterthur

„One Sunny Judgement Day / I lost Track Of Time“, sang Baby Dee und traf den Kern dieses Abends bereits sehr früh mit wenigen Worten. Die Sängerin aus Amerika durfte mit mit ihrer Begleitung die Besucher darauf einstimmen, dass dieses Konzert alle Normen des Alltags sprengen würde. Ihre Lieder schwankten zwischen räuberischen Erzählungen und gruseligen Märchen, immer theatralisch dargeboten und so krumm, wie die Planken der alten Piratenschiffe. Mit Handorgel verstärkt, erstaunlich bissig und am Ende sogar politisch – diese Künstlerin bewegt sich in herrlichen Kreisen, war mehr Schauspielerin als Sängerin und verwandelte das Salzhaus in eine angenehme Geisterbahn.

Perfekt, dass die Urgewalt aus den amerikanischen Staaten, die lauteste Noise-Rock-Gruppe, die Legende des ehemaligen No Wave aus New York danach für den Rest des Abends einen erschütternden Exorzismus in Winterthur durchführten. Swans, das Kollektiv unter der Leitung des Saitenteufels Michael Gira, tourt noch ein letztes Mal in der aktuellen Form durch Europa, bevor sich die Band danach in eine ungewisse und neuartige Zukunft bewegen wird. Nicht wenige nutzten darum die Gelegenheit, sich dieses Live-Erlebnis zu gönnen. So fand man im endlich säulenlosen Saal Schamanen, die bereits nach wenigen Takten des eröffnenden Monsters „The Knot“ in anderen Sphären schwebten und Neulinge, die zuerst die wahnsinnige Lautstärke verdauen mussten.

Das Schild beim Eingang lügte nicht mit der Aussage „Swans Play Loud. Very Loud.“ – hier wurden Trommelfell, Extremitäten und Innereien zugleich bearbeitet. „The Knot“ baute sich während 50 Minuten kontinuierlich auf, Gira liess seine Mannen Wellen aus Gitarrenfeedback, Bassgewummer, Keyboard und Schlagzeug auf die Zuschauer losfeuern und füllte die leiseren Stellen mit seinen Mantragesängen. Eine Gruppe wie Swans live zu sehen bedeutet nicht, die feinfühlige Reproduktion von Studioaufnahmen zu betrachten. Hier ging es um die drastische Dekonstruktion von Konventionen, Formatzwängen und Wohlklang. Jaulende Riffs, tribalistische Rhythmen und schier endlose Repetitionen – ob „The Man Who Refused To Be Unhappy“ oder „Cloud Of Unknowing“, Stücke des aktuellen Albums „The Glowing Man“ und neue Kreationen wurden zu Lebenserfahrungen.

Schnell fühlte man sich in den unerbittlichen, sonischen Attacken befreit, liess Empfindungen von den Druckwellen leiten und fühlte, wie sich das Gehirn langsam auflöste. Ein Konzert von Swans zu beschreiben ist fast so unmöglich, wie das Wirken von Godspeed You! Black Emperor oder ähnlichen Urkräften in Worte zu fassen. Trotzdem ist es genau aus diesem Grund wichtig, dass man nie vergisst, wie heftig Musik einen Menschen treffen kann. Wer selber im Salzhaus nicht dabei war, der hat zwar diese eine Läuterung verpasst, darf aber auf eine neue Inkarnation dieses genialen Kollektivs hoffen. Die Welt wäre ohne die Swans zwar um einiges leiser, aber auch leerer und unausgewogen. Lang leben die Könige der extremen Gitarrenmusik.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Swans – The Great Annihilator (1995)

Swans – The Great Annihilator 
Label: Young God Records, Remaster 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Noise-Rock, Alternative

Es war schon fast das letzte Aufbäumen vor der Auflösung und genau darum auch ein fantastischer Ritt durch alle bandbestimmenden Qualitäten. Der grosse Vernichter stellt sich allem entgegen und ist eines dieser wilden Alben, die nur Swans kreieren können. Ursprünglich 1995 veröffentlicht, erscheint nun eine klanglich aufpolierte Version von „The Great Annihilator“ mit zusätzlichem Live-Song und dem kompletten „Drainland“-Album von Michael Gira. Aber eigentlich bietet schon das ursprüngliche Werk mehr als genug Material zum Lärmen und Staunen, oder Sich-am-Kopf-kratzen.

Denn mit dieser Platte wagten Swans einen Seiltanz zwischen zugänglichem Material wie „Warm“, welches schon fast angenehm anzuhören ist – nur um dann gleich wieder in die kaputten Gebiete des alternativen und lärmenden Rock abzustürzen. Mit vielen Gitarrenspuren, hypnotischen Wiederholungen, einer rumpligen Rhythmusfraktion und mehreren Stimmen wandelt man in den Gängen eines Irrenhauses und findet plötzlich den sonnigen Innenhof. „Mind/Body/Light/Sound“ steht als Kumulation aller Zutaten in perfekter Form auf dem Platz.

Was hier aus gewalttätiger Rock-Musik, verwirrenden Klängen und angriffigen Ausformulierungen zu einem fantastischen Ritt wird, das verbarg sich im tiefen Inneren von Swans-Frontmann Gira. Trotz schwieriger Entstehungsgeschichte wirkt das Album vollendet und lockt mit seinen kurzen Liedern. Zwar fehlt hier noch etwas die erlösende Wirkung der neueren Scheiben, mitreissend ist „The Great Annihilator“ aber immer. Und wer dann komplett in die Dunkelheit abstürzen will, der hört mit „Drainland“ die seelischen Abgründe der Menschheit und die obskure musikalische Aufarbeitung des Alkoholismus.

Anspieltipps:
I Am The Sun, Mind/Body/Light/Sound, The Great Annihilator

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Swans – The Glowing Man (2016)

Swans – The Glowing Man
Label: Young God, 2016
Format: 3 x Vinyl im Gatefold, mit Poster, Download
Links: Discogs, Band
Genre: Noise-Rock, Avantgarde

Versöhnung – ein Zustand, den man vor der Reinkarnation der Swans selten vernommen hat. Auf ihren Alben herrschte meist ein lauter und krachender Tenor. Doch mit „The Glowing Man“ bringt Michael Gira sein Kollektiv nicht nur ins vorläufige Ziel, sondern lässt die Trilogie, welche mit „The Seer“ und „To Be Kind“ begann, schon fast angenehm enden. In den zwei Stunden neuer Musik wurden alle Erfahrungen kumuliert und alle angestauten Gefühle losgelassen. Dabei entstand ein erneutes Grosswerk der experimentellen Gitarrenmusik – und vielleicht das Ende.

Die Zukunft der Swans steht noch in den Sternen, zu welchen uns die Gruppe immer wieder geführt hat. Wie genau und mit welchen Musikern man weiterhin die weiten Landschaften des Noise erobern wird, zeigen die kommenden Monate. Aber wer will schon an Zukünftiges denken, wenn man mit „The Glowing Man“ erneut ein Werk erhalten hat, welches nicht nur die Bestandteile der heimischen Stereoanlage, sondern auch die Fundamente der alltäglichen Musik erschüttert. Dabei ist „The Glowing Man“ gemächlich und steigt nicht mehr so brutal ein wie gewohnt. Die Swans wirken nicht mehr so verärgert wie auch schon, allerdings gelingt mit den zaghaften Steigerungen und den extremen, repetitiven Aufbauten der Songs eine noch viel stärkere Wirkung.

In ihrer Form haben die Swans mit diesem Album eine Perfektion aus Noise-Rock, Avantgarde und Experimental gefunden, die man sofort als Kunstwerk ins MoMA stellen sollte. Mit heulenden Gitarren, scheinbar drogenbeeinflussten Mantra-Gesängen, akustischen Gewittern und perkussiven Beschwörungen wird man durch Lieder wie „The World Looks Red“ oder dem Titelstück aus seinem Alltag gerissen und wacht in fernen Gebieten wieder auf. Es nagt an den Gehörmuscheln, es kitzelt im Magen und wird mit der Zeit so unwiderstehlich, dass man für den Rest des Jahres kein weiteres Album mehr benötigt. „When Will I Return?“ fragt Michael Gira. Sehr bald, flehen wir.

Anspieltipps:
Cloud Of Forgetting, The World Looks Red, The Glowing Man

Swans – White Light From The Mouth Of Infinity / Love Of Life (2015)

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Swans – White Light From The Mouth Of Infinity / Love Of Life
Label: Mute, 2015
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: New Wave, Rock, Noise, Experimental

Komplettist bei gewissen Bands sein zu wollen ist hart. Jedes Jahr darf man seine Sammlung erweitern und oft mehrere Stunden an neuer und alter Musik entdecken. So geht es Liebhabern auch bei den Swans. Die Amerikanische Noise-Rock-Gruppe bringt nicht nur regelmässig lange und heftige Albenbrocken raus, sondern ist gerade dabei, ihren gesamten Katalog neu aufzulegen. Pünktlich als Geschenkidee erhielten nun Platte sieben und acht die Neubehandlung, auch als tolle Gesamtbox erhältlich. „White Light From The Mouth Of Infinity / Love Of Life“ ist nicht nur eine Ergänzung bereits erstandener Scheiben, sondern auch ein super Einstiegspunkt für Novizen.

Ursprünglich in den Jahren 1991 und 1992 erschienen, stellen diese zwei Werke den Beginn der zweiten Phase des Schaffens von Swans dar. Die Band wandte sich der eingängigeren Musik zu und mischte in ihre eigene Kreation von Rock viele Anteile von New Wave. Die Lärmeruptionen späterer Jahre waren hier noch zurückhaltend und eher experimentelle Phrasierungen. Somit sind die beiden Alben auch als Remaster nicht episch und laut, sondern spielen mit Melodie und Stimmungen. „White Light From…“ war der Aufbruch in neue Gebiete, zeigte sich in glitzernden und schimmernden Songs, die sowohl auf dem Land als auch in Städten funktionieren. Die Band verliert nie das Tageslicht aus den Augen und lässt das Schlagzeug stramm hinter Glockenspiel und leichter Gitarre wirbeln. Die Klangästhetik ist nahe der 80er Jahre zu verorten, somit eher blechern und weniger satt als heute gewohnt. Da der Aufbau und die Gewänder der einzelnen Momente aber wunderbar funktionieren, erschliesst sich ein volles Gesamtbild aus allen kurzen Tracks.

„Love Of Life“ führt dieses Spiel weiter und geht noch tiefer in der Aufteilung. Zwischen den eigentlichen Liedern findet man kurze Intros und Zwischenspiele, dann wieder Sprachsamples und Einspielungen. Melodien tragen die Swans über ihre düsteren Flächen, führen aber gar in den Dark Wave. Manche Momente würden auch auf einer Gruftiparty nicht auffallen. Wie man es von der Gruppe gewohnt ist, benötigen die Platten Zeit um sich einzuhören, ihr wahres Gesicht wird hier aber schneller offenbart als bei folgenden Krachwundern. Somit eignen sich „White Light From The Mouth Of Infinity“ und „Love Of Life“ nicht nur um die drogenschwangeren Nächte aufleben zu lassen, sondern auch als perfekter Einstiegspunkt in das Vermächtnis dieser Vögel.

Um die Ära zu würdigen, wurde dem Set noch eine Bonus-CD beigelegt. Darauf findet man B-Seiten und längere Versionen von Liedern. Eine nette Ergänzung, doch leider für Sammler etwas überraschungslos. Viele Stücke wurden bereits an anderen Stellen veröffentlicht, trotzdem rundet diese Scheibe das Paket nett ab. Wer also gerne wieder mal verwunschenen Experimentalrock voller Ideen hören möchte, der ist bei dieser Kiste gut aufgehoben.

Anspieltipps:
You Know Nothing, Why Are We Alive, Love Of Life, The Golden Boy That Was Swallowed By The Sea

Swans – The Seer (2012)

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Swans – The Seer
Label: Young God Records, 2012
Format: 3 Vinyl in Gatefold, mit Poster und Download
Links: Discogs, Band
Genre: Noise-Rock, Post-Rock

Repetition, Einschränkung, Lärm – mit „Lunacy“ starten die Swans sperrig und laut in ihr Meisterwerk „The Seer“. Auf über sechs Vinylseiten erwarten den Hörer tonnenweise Gitarren, Geräusch und auch eine Spur Wahnsinn. Was die Gruppe um Michael Gira hier aufgenommen hat, ist ein Jahrhundertwerk und steht alleine auf weiter Flur. Wer hätte gedacht, dass nach dem Zusammenbruch der Gruppe Anfangs der Neunzigerjahre das Kollektiv noch einmal so munter auftritt und ein Brett nach dem anderen raushaut. Da darf der Hörer nicht vergessen zu atmen.

Den Hals zieht es einem teilweise schon zusammen, wenn sich die Instrumente in einem hypnotischen Schlaufspiel immer näher ans Zentrum wagen und ihre Mantras über die Ohren vergiessen. Durch die konstante Repetition werden aus den Stücken fast unendliche Schleifen, Zeit und Ort verlieren ihre Bedeutung. Besonders zur Geltung kommt dies bei „Mother Of The World“ oder den langen und schweren Stücken wie „The Seer“. Gira bringt seine Musik somit an einen Punkt der Auflösung, es geht nicht mehr um Strukturen und Formen, sondern um den Klang an sich und seine Position im Kosmos. Die Instrumente vermengen sich zu einem Strudel, der nicht nach Melodien greift, sondern Lärm und Frequenzen bündelt. Bis diese Strömungen ihren Endpunkt erreichen, vergeht auch gerne mal eine halbe Stunde, wie beim titelgebenden Lied. Interessant ist dabei, dass die Musik nie zum Selbstzweck verkommt oder langweilt. Wie in den Genres Ambient oder Post-Rock findet sich der Reiz in der langsamen Gestaltung und der Wiederholung. Langsam schälen sich Spuren und Harmonien aus dem Dickicht, Akzente werden mit Perkussion und Dudelsack gesetzt, Bläser greifen Höhepunkte auf. Mit dem Gesang wird ebenfalls keine Sicherheit in die Lieder gebracht, sondern das Album um eine unheimliche Ebene erweitert. Mit Jarboe findet man weibliche Unterstützung, Erleichterung nicht mit eingeschlossen. Denn bei den vulkanartigen Eruptionen voller Geräusch und Lärm gibt es kein Halten mehr. Wer nicht in der Klangflut untergeht, hat zumindest den Boden unter den Füssen verloren und treibt nun mit. Da helfen auch Anleihen an den Blues, Punk oder Rock nicht.

„The Seer“ ist ein hartes Album, ein schwieriges und keines, das gefallen will. Trotzdem, die Lieder und die Musik machen süchtig, man kann sich fast nicht satt hören. Somit vergehen die zwei Stunden wie im Fluge, und wer sich getraut, kann noch einmal von vorne beginnen. Gira und seine Mannen haben ein umwerfendes Werk erschaffen. Und wer bisher glaubte, Lärm kann man sich nicht anhören, der wird hier eines besseren belehrt.

Anspieltipps:
Lunacy, The Seer, Avatar

Swans – To Be Kind (2014)

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Swans – To Be Kind
Label: Young God Records, 2014
Format: 3-fach Vinyl im Gatefold, mit Poster und Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Experimental, Noise, Art-Rock

„Love, child, reach, rise / Sight, blind, steal, light / Mind, scar, clear, fire / Clean, right, pure, kind“. Repetitiv und zurückhaltend starten die Swans unter der Leitung von Michael Gira in ihr neustes Album. Ach was, Album, Fels, Berg, Massiv. Verteilt auf sechs Seiten Vinyl und breit gewalzt auf über zwei Stunden Spielzeit bietet „To Be Kind“ vor allem eines: Mehr von gitarrenüberhäufter Experimentalmusik, voller Lärm, Verzerrung und sperrigem Gesang. Freunde der Gruppe sollten sich also gleich zu Hause fühlen und lustvoll eintauchen.

Nach „The Seer“ erschien 2014 bereits wieder ein monumentales Werk der New Yorker Art-Noise Band. Obwohl man nicht so recht wusste, was nach ihrem Opus Magnum überhaupt noch folgen soll, bringen die Musiker eine einfache Gleichung an den Tisch: Dasselbe noch einmal, wieder in grandios und wieder zum verlieren / verzücken komplex. Denn die Songs von den Swans machen es dem Hörer nicht leicht. Minutenlang werden instrumentale Passagen wiederholt, ohne Abwechslung in die Lieder zu bringen – dazu schreien, flüstern und sprechen die Sänger ihre Mantra-mässigen Texte in die rauschenden Mikrofone und die Grundstimmung scheint aus einem verzweifelten David Lynch-Film zu stammen. Teilweise driftet die Musik so weit in die Horrorstimmung, dass nur noch das Blut fehlt, das aus den Lautsprechern fliesst. Aber wer die Band kennt, der erwartet auch nichts Simples oder rasch Greifbares. Der Albumtitel „To Be Kind“ dient mehr dazu, Unwissende auf die falsche Fährte zu locken, und dann schelmisch hinter dem Vorhang zu sitzen und vor sich hin zu grinsen.

Manchmal erlaubt sich die Gruppe aber, ihre Musik mit mehr Struktur und Rhythmus zu versehen, wie beim doch kurzen „A Little God In My Hands“. Denn viele Lieder auf diesem Album durchbrechen die Grenze von zehn Minuten und wachsen auf über eine halbe Stunde an. Kakophonie, Disharmonie und ein fliessender Strom an vielschichtiger Musik. Was nicht immer einfach zu verarbeiten ist, lohnt sich umso mehr. Die Gruppe ist auf der Höhe ihrer Kreativität und schafft es, noch so lange und verstörende Lieder interessant zu gestalten. „To Be Kind“ ist nie langweilig oder unnötig, sondern immer direkt im Ohr, unbarmherzig und grossartig.

Anspieltipps:
Just A Little Boy, She Loves Us, Nathalie Neal

Das dazu passende Getränk:
Kaffee, zur Konzentration.