Stoner

The Shattered Mind Machine – Trilog (2017)

Zweimal Simon und einmal Kaya, 20 Minuten Improvisation und ein Ritt durch unzählige Unterarten des Rock. Mit „Trilog“ zeigen The Shattered Mind Machine aus Kloten, dass auch die Jugend immer noch gerne im Untergrund verweilt und sich von den legendären Rocknamen nicht die Allüren, sondern die musikalische Furchtlosigkeit abgeschaut hat. Live aufgenommen und mit eher primitiven Methoden festgehalten, ist dieser Track ein wahrer Trip.

Man muss sich zuerst schon etwas an den dumpfen Klang gewöhnen, allerdings beweisen The Shattered Mind Machine schnell, dass auch eine solche Aufnahme ohne grosse Dynamik der Musik nicht abträgig sein muss. „Trilog“ wandert von der ersten Minute an über lange Riffs, wuchernde Perkussionsfelder, mysteriös gemurmelte Strophen und kosmisch anmutende Arrangements. Die Band, welche seit 2015 herumexperimentiert, hat sich hier eine hübsche Portion Acid-, Stoner- und Psychedelic-Rock gebacken.

Ein Jam muss nicht ziellos sein, das zeigt „Trilog“ auf tolle Weise. Denn obwohl hier alles ohne grosse Absprachen vonstatten ging, wirkt der Longtrack schlüssig und wie eine geschickt ausgewählte Einführung in die eher kaputten Stilrichtungen der Gitarrenmusik. The Shattered Mind Machine mögen noch nicht so weit um bekannt sein, klanglich fliegen sie aber bereits wie grosse Stahlvögel um die Erde.

Anspieltipps:
Trilog

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Doom Side Of The Moon – Doom Side Of The Moon (2017)

Wie oft kann man ein Album anhören, sich neu erarbeiten oder gar neu aufnehmen? Beim weltweiten Klassiker „The Dark Side Of The Moon“ von Pink Floyd geht dies scheinbar unendlich und für alle Ewigkeit. So dachten sich die Musiker von The Sword einmal etwas angeheitert, dass Lieder wie „Time“ in schwerem Stoner-Rock zu spielen vielleicht ganz unterhaltsam wäre. Schneller gemacht als studiert, hier ist „Doom Side Of The Moon“ – gespielt von The Sword mit Sänger Alex Marrero, Saxophonist Jason Fray und Keyboarder Joe Cornetti. Und erstaunlicherweise sind die Musiker in ihrer Bearbeitung nie brachial.

Doom Side Of The Moon wissen um die wichtigen Merkmale dieser Platte bescheid und kastrieren weder das berühmte Riff von „Money“, noch lassen sie die wichtigen Orgelflächen weg. Klar, bei „The Great Gig In The Sky“ wird nicht gesungen sondern mit dem Saxophon betört und instrumentale Experimente wie „On The Run“ sind hier eher tief brummelnde Zwischenteile. Als Gesamtes ist diese Huldigung zum 50 jährigen Jubiläum der Platte aber vor allem eine Verneigung von Fans – mit teilweise wild tobenden Schlagzeugen und ausufernden Gitarrenstellen.

Was Doom Side Of The Moon hier beweisen ist der Umstand, dass das Vermächtnis von Pink Floyd zu Recht riesengross ist. Kompositionen wie „Us And Them“ oder „Eclipse“ sind tatsächlich auch 2017 nach dem 1000. Mal immer noch frisch und mitreissend anzuhören, die neu hinzugefügten Kilos machen das Album weder schwerfällig noch kollabiert ein Stück. Man spürt immer die Freude an dieser Ummünzung und wird somit schnell von der Lust der Musik mitgerissen. Und wem Pink Floyd bisher immer etwas zu schwach auf der Brust war, der erfährt hier sein Verzerrungswunder.

Anspieltipps:
Breathe (In The Air), Time, Us And Them

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Echolot – Volva (2017)

Echolot – Volva
Label: Czar Of Crickets, 2017
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Psychedelic, Stoner Rock, Doom

Mathematik umgibt und durchdringt alles, auch in der Musik. Doch es ist auch verständlich, dass man sich als Band nicht auf reine Zahlenspiele beschränken will. Somit heisst das erste Album von Echolot nicht „XIV“, sondern „Volva“. Das Basler Trio führt mit dieser Scheibe aber inhaltlich fort, was auf der ersten Veröffentlichung „I“ begann – und nummeriert auch gleich die Lieder brav mit römischen Ziffern. Dazu erhält man lange Tracks voller Heavy Rock und Einflüsse, die so manche bekannte Band zitieren.

Ob Stoner Rock, Psychedelic oder schwerer Doom, bei Echolot vermengt sich alles zu einem atmosphärischen Amalgam. Gitarre, Bass und Schlagzeug reichen aus, um das Gehirn mit Riffs und Sounds zu überschwemmen. Dabei wechseln die Musiker zwischen ausufernden Findungspassagen und direkten Ausführungen. Ob sich die Musik dabei tonnenschwer dahinpflügt wie bei Black Sabbath oder sich zwischen Komentenschweife von Pink Floyd schlängelt, alles treibt nach vorne.

Schade nur, dass Echolot bei all diesen Ideen und der Energie es leider nicht immer schaffen, zum Punkt zu kommen. Manchmal beschleicht einem das Gefühl, dass den Liedern auf „Volva“ eine Explosion besser getan hätte, anstatt das lange umherwabern. Sicherlich, diese Klänge sind nicht am Reissbrett aufgezogen sondern durch Bauch und Gefühl entstanden. Genau deshalb wird das Trio auch live alle Bühnen ebnen und die Leute auf ihre Seite ziehen. Für das Wohnzimmer fehlt aber noch etwas der letzte Kick. Doch dieser bringt bestimmt „VI“.

Anspieltipps:
II, IV, V

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Giant Sleep – Länder verbindender Rock

Im Gespräch mit:
Patrick Hagmann (Gitarre) und Thomas Rosenmerkel (Gesang) von Giant Sleep

Mit ihrer Urgewalt verbindet die Musik von Giant Sleep nicht nur Länder, sondern auch diverse Genres. Man findet in den Songs düsteren Doom, fordernden Prog und elegischen Post-Rock – und trotzdem klingt die Band total eigen. Wie erreicht man eine solche Eigenständigkeit? Zeit, mal etwas genauer nachzufragen.

Michael: Monumental – so simpel lässt sich euer zweites Album „Move A Mountain“ beschreiben. Natürlich wird dieses Destillat der Musik nicht gerecht. Wie würdet ihr es nennen?
Patrick: Ich würde es zeitlos nennen – ein bunte Achterbahnfahrt von den 70ern bis heute, haha.
Thomas: In der Tat monumental, deshalb auch der monumentale Albumtitel und das Artwork.

Die Platte ist erst die zweite, die ihr als Giant Sleep aufgenommen habt. Wie kann man als Band so früh bereits eine solche Dichte im Klang erreichen?
Patrick: Ich denke, ein wichtiger Grund ist, dass wir insgesamt schon sehr lange in verschiedenen Bands und Stilrichtungen unterwegs sind. Mit Markus (Gitarre) habe ich viele Jahre bei bei Fear My Thoughts gespielt, leider ist er neulich ausgestiegen. Unser neuer Gitarrist ist übrigens Ex-Zatokrev-Gitarrist Tobi Glanzmann. Somit ist die Band selber zwar relativ jung, wir machen das aber schon seit Ewigkeiten. Thomas singt sicher schon seit 35 Jahren in Bands.

Eure Musik zehrt von Post-Rock, Stoner, Doom und vielen anderen Unterarten der harten Gattungen. Woher kommen diese Inspirationen?
Patrick: Wirklich jeder von uns hat einen sehr breit gefächerten Musikgeschmack. Ich stehe auf 70er Prog, Black- und Death Metal, Avantgarde-Zeugs, 80er Metal. All diese Einflüsse lassen wir zu, soweit sie von den anderen Mitgliedern auch mitgetragen werden können. Unser Drummer ist z.B. kein Metalfan, da haben meine Black Metal-Riffs eher keine Chance. Wir sind eine sehr demokratische Band, wir achten darauf, dass jeder mit dem Komponierten einverstanden ist.
Thomas: 1977 fand ich im Rinnstein eine Schlagermusikkassette, die jedoch überspielt war mit Musik von Black Sabbath und Golden Earing – seither bin ich Fan.

Ist es ein Einfaches, all diese Einflüsse unter einen Hut zu bekommen, oder baut ihr die Lieder bis zur Aufnahme viele Male um?
Patrick: Die Songs entstehen zum Grossteil sehr natürlich, wir folgen dem Flow und setzen uns wenig Grenzen. Es ist tatsächlich nicht schwer, unsere Einflüsse zu verbinden. Beim ersten Album war es noch so, dass wir vieles umgebaut hatten. Aber mit dem neuen Album waren wir schon so gut aufeinander eingespielt, dass das meiste so auf der Platte gelandet ist, wie es als erste „Rohfassung“ entstanden war.
Thomas: Mal so, mal so. Wir glauben eher an Gewürze als an Rezepte.

Wie geht ihr beim Songwriting denn vor? Ist es eine Klangfindung im Bandraum beim Jam, oder werden gesamte Passagen von einzelnen Mitgliedern erarbeitet und dann zusammengefügt?
Patrick: Ersteres. Wobei es schon vorkommt, dass jemand mit einem oder zwei Grundriffs von Zuhause ankommt. Damit wird dann herumgejammt, bis sich neue Ideen ergeben. Traditionellerweise beginnen wir jede Probe mit einem Aufwärmjam. Aus diesen Jams heraus haben sich schon einige Songs entwickelt. Ich geniesse diese Arbeitsweise sehr, da es in meinen anderen Projekten eher so aussieht, dass ich komplett alles arrangiere, aufnehme, produziere, programmiere und die Musiker, mit denen ich zusammenarbeite, dann das fertige Produkt vorgesetzt bekommen. Ich mag beide Herangehensweisen. Aber das gemeinsame Jammen hat natürlich etwas Organischeres.

Text und Melodie halten sich bei euch gut die Waage – besteht oft die Gefahr, dass etwas zu viel Gewicht erhält und die Lieder somit anders wirken?
Thomas: Da die Texte und Gesangsmelodien alle von mir sind, muss ich wohl mit dieser Gefahr leben. Aber ein bisschen Gefahr ist ja auch spannend.

Beim Gesang werden oft prägnante Sätze mehrmals wiederholt – etwas, das man mit Gitarren für die emotionale Steigerung ebenso einsetzt. Ist die Stimme also ein weiteres Instrument?
Patrick: Diese Wiederholungen haben für mich etwas archaisches, rituelles – ohne jetzt in die okkulte Ecke abdriften zu wollen. Sie versetzen mich und vielleicht auch den Hörer tatsächlich manchmal in Trance-ähnliche Zustände. Der Thomas ist fast schon ein Schamane.
Thomas: Wiederholungen von Phrasen sind halt ein alter Blues-Trick, aber auch schon die Wikinger haben Stab-Reime benutzt. Die Stimme ist das archaischste aller Instrumente. Gesungen wurde schon, bevor das erste Tier getötet wurde. Das Material für Trommeln, Pfeifen und Saiteninstrumente gab es erst danach.

Ihr spielt gerne mit der Verbindung zwischen der Schweiz und Deutschland, auch da ihr Musiker aus beiden Ländern dabeihabt. Doch was hat es sich mit dem „Last Exit Aargau“ denn genau auf sich?
Thomas: Ja, wenn ich am strahlend blauen Himmel das Leibstadtwölkchen sehe, dann weiss ich, im Helvetiapark ist alles in Ordnung, der Reaktor kühlt noch. Ich bin sehr schweizophil. Wir wollten schon mal einen Tunnel unterm Rhein graben und abhauen. Die Polizei hat uns aber gestoppt. „The Last Exit Aargau“ ist ein Heimatlied und sollte ein bisschen Werbung für die Sterbe-Hilfe-Klinik sein, um einige Leute dazu zu bewegen, sich dort anzumelden, z.B. Herrn Trumputin.
Patrick: Thomas, Markus und ich sind direkt an der Schweizer Grenze aufgewachsen. Mein Vater, mein Onkel, meine Frau, viele Freunde, alles Grenzgänger. Das prägt die ganze Region hier schon etwas. Also nicht wirklich tiefgreifend, aber die Konstellationen, Chancen, Begegnungen und Annäherungen, die sich durch diese Lage im Dreiländereck ergeben, sind einfach spannend. Wir spielen gerne etwas mit der Tatsache, dass wir aus verschiedenen Kulturkreisen kommen. Alleine dass wir zum Proben in ein anderes Land müssen und unsere Gitarren oder Amps eigentlich deklarieren müssten, ist doch schon etwas Besonderes (lacht). Bis vor kurzem war die Bandkonstellation: Drei Deutsche in Deutschland, ein Deutscher in der Schweiz und ein echter Schweizer. Jetzt sind es zwei Schweizer, zwei Deutsche und einer 50/50. Das ist doch eine schöne Balance.

Mit „12 Monkeys“, „Love Your Damnation“ oder „Forever Under Ground“ werden nicht unbedingt sehr positive Bilder gezeichnet. Ist die Melancholie der heutigen Zeit einfach zu verlockend?
Thomas: Wie gesagt, ich liebe Doom und düstere Musik. Doch in der heutigen Zeit meine ich eher Dummheit als Melancholie zu erkennen.
Patrick: (lacht) Ich glaube, der Thomas schreibt schon seit den 80ern in diesem Stil. Ist die heutige Zeit melancholisch? Ich weiss es nicht. Die 80er im Schatten des Kalten Krieges, Tschernobyl etc. war sicher auch sehr von Angst, Pessimismus und  Melancholie geprägt. Gab es überhaupt mal eine Epoche der Menschheitsgeschichte, die frei von Krieg und Leid war? Wahrscheinlich nicht, das ist einfach die menschliche Seele.

Giant Sleep haben ein sehr eigenes Klangbild, eure Musik lässt sich selten mit anderen Bands direkt vergleichen. Gibt es denn auch Pläne, euer restliches Auftreten (Design, Bühnen-Outfit etc.) als durchdachtes Paket zu gestalten?
Patrick: Da gibt es durchaus Überlegungen. Aber irgendwie sind wir nebenher auch so sehr mit unserem Tagesgeschäft beschäftigt, dass wir all unsere freie Zeit lieber in das Proben und Schreiben investieren. Zudem hat sich auch herausgestellt, dass jeder komplett andere Vorstellungen von „coolem Bühnenoutfit“ hat. Wir sind schon froh, dass Markus immer das Design übernommen hat, er macht dies hauptberuflich.

Ihr habt alle bereits in anderen Bands gespielt. Wie fühlt es sich denn an, mit Giant Sleep noch einmal „neu“ zu starten?
Patrick: Es fühlt sich sehr gut an. Wir haben mit unseren alten Bands viele Erfahrungen gemacht und wissen heutzutage ganz genau, was wir wollen. Das bringt eine gewisse Gelassenheit mit sich, die sich sehr positiv auf die ganze Band-Atmosphäre auswirkt. Wir sind uns auch alle bewusst, dass wir ein Haufen alter Säcke sind, die sicher nicht der nächste heisse Scheiss werden. Diese Gewissheit nimmt uns Druck. Wir wollen einfach eine gute Zeit zusammen haben, ob im Proberaum oder auf der Bühne. Wenn das ein paar Leute geil finden, super!
Übrigens: Wir suchen Konzerte! Booker, meldet euch!
Thomas: Es macht mich froh und dankbar, mit so fähigen Musikern und grossartigen Charakteren Musik machen zu dürfen.

Welcher Berg müsste eurer Meinung nach bewegt werden?
Thomas: Das ist, glaube ich, individuell verschieden und jeder muss wahrscheinlich selbst wissen, wann und wo die Revolution beginnt.

Wann holen sich die Musiker von Giant Sleep denn den grossen Schlaf?
Patrick: Vier Fünftel der Band haben Kinder. Der grosse Schlaf ist das utopische Ziel, das unglaublich grosse Verlangen, mal wieder anständig schlafen zu können. Ich glaube, Thomas hat noch eine andere Theorie. Die klingt mysteriöser.
Thomas: Giant Sleep ist eine Metapher für den Tod und „bedenke du bist sterblich“ – irgendwann ist halt Sense.

Besten Dank für eure Zeit und weiterhin viel Erfolg.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Phased – Weltuntergang am Rhein

talk-phased-2015-12-18 Dunkle Musik muss nicht immer ernst und böse sein, man darf auch gerne lachen und über den Alltag plaudern. Phased aus Basel gaben kurz vor der Plattentaufe zu ihrem neuen Album „Aeon“ im Hirscheneck in Basel ein Interview. Wieder einmal verdanke ich diese Begegnung ArtNoir. Sänger und Gitarrist Chris Sigdell, Schlagzeuger Marko Lehtinen und der neue Gitarrist Florentin Schönmann zeigten sich dabei nicht nur gut gelaunt, sondern voller Freude wie ihr neustes Werk eingeschlagen hat. Der musikalische Wechsel von Stoner- und Space-Rock zu härterem Doom funktioniert wunderbar. Doch wie stark ist die Musik in ihrer Umgebung verankert?

Wir sitzen hier im Hirscheneck in Basel, einer Genossenschaftsbeiz mit viel philosophischem Hintergrund. Wie weit ist das von einer Musik wie Doom-Metal entfernt?
Chris Sigdell: Phased sind total asozial (lachen). Bestimmt machen wir politische Texte, aber nie rechthaberisch oder mit einem Fingerzeig. Im Gegensatz zu Punk ist es kein direkter Angriff auf gewisse Themen, mehr ein Sinnieren über das Leben im Allgemeinen.
Marko Lehtinen: Dass wir im Hirscheneck spielen liegt auch nicht darin, dass wir uns als Band politisch verpflichtet fühlen. Es gibt hier einen bekannten und tollen Club, und wer Musik wie Doom macht, der spielt in Basel an diesem Ort. Von daher gibt es eine Verbundenheit, gerade da wir auch früher das Hirschi besucht und bespielt haben. Natürlich sind wir links eingestellte Menschen, dass wir hier spielen macht aber kein klares Statement aus.

Kann man mit hartem und oft instrumentalem Metal überhaupt eine ideologische Gesinnung vertreten?
Chris: Für mich ist dies auf jeden Fall ein grosser Punkt. Ich schaue bei anderen Bands immer auf die Texte und Aussagen, und bin auch enttäuscht, wenn diese eher hohl daherkommen.
Florentin Schönmann: Texte sind auf jeden Fall ein wichtiger Aspekt. Somit ist es auch wichtig, dass wir innerhalb der Band dieselbe Wellenlänge haben und ähnlich denken.
Marko: Bei Phased fand ich etwas immer interessant, wir spielen Space-Doom mit den sehr eigenen Texten von Chris. Diese Eigenheiten, kreative Wortspiele und guter Umgang mit der Sprache, lösten uns immer etwas von anderen Genrebands. Uns ist es wichtig, spannende und Anregende Gedanken mit den Liedern zu transportieren.

Florentin ist erst seit kurzer Zeit bei Phased dabei. Wie hat sich denn die Dynamik im Bandgefüge verändert?
Chris: Florentin muss sich einfach anpassen. (lachen)
Marko: Die Dynamik auf der Bühne hat sich im wahrsten Sinn des Wortes verändert – wir klingen jetzt satter und lauter. Bandintern kann man dies allerdings noch nicht beurteilen. Florian ist erst seit einem Monat dabei, eine sehr kurze Zeit. Es hat bestimmt die Wirkung, dass wir drei alte Mitglieder uns weniger anfauchen und uns etwas zusammenreissen. Frischer Wind ist immer gut und gesund.

Ist dies auch ein Grund, wieso über 5 Jahre seit dem letzten Album vergangen sind?
Chris: Doom ist halt langsam, da braucht alles etwas mehr Zeit. (lachen)
Marko: Es gab verschiedene Gründe und wir werden momentan oft darauf angesprochen. Es war keine kreative Pause oder ein bestimmter Punkt der uns zurückhielt, es ist eine Mischung. Einerseits sind wir Männer mit Familien und Jobs, es gibt immer Jahre die vorbeiziehen ohne dass die Band im Mittelpunkt steht. Ebenso sind wir keine Profis, das Spielen kann auch Mal schwerfallen. Ein konkreter Grund ist aber der häufige Wechsel des Bassspielers. Nachdem Chris Walt uns verlassen hat übernahm Marco Grementieri für 1 1/2 Jahre, verliess die Band aber seinerseits aus privaten Gründen. Für die Studioaufnahmen kam Michael Greilinger ins Studio, ihn hört man nun auf „Aeon“, und danach begrüssten wir Harald Binder in unseren Reihen. Das verschlang ziemlich viel Zeit durch die Wechsel und die Einarbeitung der neuen Leute. Jetzt sind wir aber wieder komplett und bereit um weiter zu schreiten.

Habt ihr für Phased Ziele? Wollt ihr den Zuhörer etwas mitgeben oder sogar eine Veränderung bewirken? Chris, deine Texte sind durchdacht, aber eher aus persönlichem Anspruch?
Chris: Hauptsächlich wollen wir uns selber gefallen und umhauen, musikalisch das zu spielen, was wir mögen. Wir schauen nicht auf die Strömungen, sondern sind glücklich, wenn unsere Musik auch den Geschmack von den Leuten trifft. Unsere Lieder klingen so wie wir als Einheit funktionieren, ohne dass wir konkrete Ziele abgesteckt haben.
Marko: Jede Band wünscht sich mit ihrer Musik den Menschen etwas mit zu geben, man spielt ja nicht für sich alleine auf der Bühne. Es ist schade, wenn die Zuschauer ohne Interesse an der Gruppe nach Hause gehen. Wenn man live nebst der Musik unsere Texte versteht, freuen wir uns natürlich sehr. Wie gesagt sind durchdachte Zeilen in den Stücken für uns ein wichtiger Aspekt.
Chris: Wir würden nie unsere Musik ändern um mehr Menschen zu erreichen, das entspricht nicht unserem Anspruch an die Musik.

Nimmt der Ort Basel einen Einfluss? Gerade da die Stadt kulturell sehr durchmischt ist, mit ihrer Lage am Dreiländereck.
Chris: Ich denke nicht, dass wir auf Stoner oder Doom fokussiert sind. Es ergab sich über die Jahre und kann sich bestimmt auch wieder verändern, es gibt keine Fixierung. Wenn man älter wird, spielt man es einfach langsamer – egal ob Metal oder Punk.
Marko: Die Einflüsse der Umgebung in der du lebst sind immer vorhanden, allerdings unbewusst. Wir spielen keinen Vegan-Kletzmer, oder was momentan eine Modeerscheinung sein könnte. Sicherlich ist Basel sehr kulturell und vielfältig, doch als Doom-Band gibt es kaum mehr eine Szene und solche Musik schwebt nicht in der Luft. Von daher hört man wenig Basler Typisches raus, das wäre zu weit her gegriffen um hier zu behaupten.

Welche Bands hört ihr denn als Inspiration, welche Musik nur privat? Mischt sich das oder trennt ihr Beruf von Freizeit, plump ausgedrückt?
Chris: Wir hören viele andere Stilrichtungen. Da wir selber Metal machen, sehe ich keinen Grund 100 weitere Gruppen zu hören, die ähnliche Musik spielen. Ich selber höre viel Free Jazz, 60er Jahre Psychedelic und ähnliches – sehr wenig Doom und keinen Stoner mehr.
Florentin: In meiner Sammlung findet man viele Stoner- und Doomalben, ich höre praktisch alles, bei dem eine Gitarre dabei ist. Ruhigere Künstler wie Bob Dylan mag ich aber auch sehr gerne.
Marko: Musik mit oder ohne Gitarre höre ich mir gerne an, Electropop, Dance und ähnliches ist auch darunter. Es ist aber bestimmt nicht so, dass wir die Metalszene ignorieren. Man hört sich die Kollegen gerne an und weiss was abgeht. Trotzdem hören wir auf jeden Fall viele andere Genres und Stilrichtungen. Wir sind bestimmt keine typischen Metalheads mit diesem Musikverhalten, Leute die jeden Abend nur headbangend die Gitarre spielen.

Welches sind denn für euch die besten Alben oder Musiker des Jahres 2015?
Chris: Für mich ist es die neuste Vibravoid Liveplatte. Obwohl, wenn man Vibravoid kennt benötigt man diese Scheibe nicht unbedingt – ausser man ist ein grosser Fan. Ich selber kaufe allerdings stärker Second-Hand-Vinyl und durchforste Flohmärkte. Somit fällt mir nicht vieles ein.
Florian: Die neue Clutch ist super, aber die neuen Alben dieser Band gefallen mir immer sehr gut.
Marko: Es ist für mich schwierig, es erscheinen jährlich so viele Platten. Dazu kaufe ich wie Chris viel aus dem gebrauchten Bereich, beispielsweise Krautrock oder alter Heavy Metal. Was mich zuletzt sehr begeistert hat, war die neuste Scheibe von Wolfserpent.

Wir sprachen soeben von Vinyl, auch Phased hat wieder eine Platte veröffentlicht. Ist das intelligent für eine kleinere Band, funktioniert dies auf dem heutigen Markt noch?
Chris: Wenn man ein Album herausbringt, dann muss es fast Vinyl sein. Danach wird an den Konzerten immer gefragt. Sicherlich ist es eine Möglichkeit via Bandcamp einzelne Songs zu kaufen, doch für mich ist dies eher ein seltsames Verhalten. Der Bezug zur Band geht verloren, man weiss mit der Zeit nicht mehr, von wem die Stücke stammen und alles wird gesichtslos.
Florentin: Gerade in der heutigen Zeit der Digitalisierung ist der haptische Wert – wie ein grosses Cover – wieder wichtiger geworden. Vinyl zwingt den Hörer zur intensiven Auseinandersetzung mit der Musik. Gerade darum ist es in dieser schnell lebenden Zeit ein wichtiges Medium, das Unterstützung verdient.
Marko: Phased als Album, oder Phased auf Vinyl gibt der Musik auf jeden Fall einen erhöhten Wert. Man hat eine Hülle mit dem Produkt, dies ergänzt sich zu einem Kunstwerk. Das stärkt natürlich den Inhalt und die Musik.
Chris: Gerade auch bei der Songabfolge werden der Wert und die Wirkung grösser, nicht wie bei einzelnen Liedern die man willkürlich anhört. Wir haben uns schliesslich einen Zusammenhang und eine bestimmte Reihenfolge dazu überlegt.
Marko: Was noch wichtig ist: Vinyl wollten wir unbedingt produzieren, gerade weil an Konzerten im Metalbereich praktisch nur Platten gekauft und verlangt werden. Mit CDs ist es hingegen eher schwierig geworden. Als Promotionsmaterial ist es immer noch relevant, für den Verkauf aber praktisch ohne Belang. Somit sind uns Vinyl und Download wichtig, die Silberscheibe gab es vor allem, weil die Produktion günstig ist und es uns das Label ans Herz gelegt hat.

Im Vergleich zur Platte ist die CD bei der Produktion aber wie geschenkt oder?
Marko: Das ist so, im Gegensatz zu Vinyl ist die Herstellung einer CD heutzutage extrem günstig, auch inklusive Booklet.

Wo liegt denn die Zukunft von Phased? Lebt ihr im Moment oder plant ihr konkret weiter?
Chris: Auf jeden Fall leben wir den Moment gerne aus und schauen nicht direkt in die Zukunft. Was nach „Aeon“ kommt ergibt sich dann. Je nach persönlicher oder kreativer Veränderung.
Florian: Genau. Für mich gilt aber immer: Konzerte spielen, Songs schreiben, besser werden.
Marko: Wir sind vielleicht schon zu lange auf demselben Niveau als Band dabei, um jetzt noch nach einem Masterplan zu leben. Wir sind realistisch genug um dies einzusehen. Mit der neuen Booking-Agentur Modern Obsession in Deutschland, die vor allem im Bereich Doom-Metal stark ist, sowie der neue Platte hoffen wir auf jeden Fall, dass wir einen kleinen Schritt weiterkommen und wieder mehr spielen. Aber wir machen uns auch nichts mehr vor, wir haben keine Illusionen mehr. Wenn wir weiterhin Konzerte spielen und die Leute unser neues Album kaufen ist dies wunderbar und es geht irgendwie weiter.

Das ist doch ein geeigneter Schlusspunkt. Besten Dank für das Gespräch.
Alle drei: Gern geschehen.

Live: Phased, Hirscheneck Basel, 15-12-18

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Phased
Support: b°tong
Freitag 18.12.2015
Hirscheneck, Basel

Schleichend suchte man sich einen Platz zwischen den dunklen Gestalten. Wie in Trance schwankten diese umher, man wusste nicht wer hier ein Mensch ist, wer ein ähnliches Wesen. Die Kellerräume schienen mal so nahe zu sein, dass man fast die feuchte Steine spüren konnte, dann wieder weit weg und unerreichbar. Die Luft vibrierte, das Atmen wurde zu einer Herausforderung. Denn was uns vom Raumende her entgegenschallte, waren gefährliche und angriffslustige Klangskulpturen und Lärmblasen. b°tong bearbeitete mit Mikrofon, Effektgeräte und Metall die Sinuskurven.

Der Künstler Chris Sigdell lässt unter diesem Namen die Gitarre ruhen, singt keine interessanten Sätze, sondern lässt die Orte von Drone und aktraktem Noise erobern. Dabei werden keine Computer eingesetzt, keine Instrumente gequält, sondern die Lieder von Phased gefoltert. Für deren Plattentaufe im Hirscheneck in Basel nahm sich Chris Lieder der lokalen Band vor, um sie gekonnt umzuformen. Das passte nicht nur in den düsteren Raum, sondern war auch gerechtfertigt. Der Musiker spielt schliesslich selber bei Phased mit, darf sich also eine Rekonstruktion der Songs auf hinterhältige Art erlauben.

Die Bühne musste Sigdell dann nicht mehr verlassen, denn der Rest von Phased kam ohne lange zu warten hinzu, sobald die Ohren der Besucher wieder vom Gewitter leer waren. Und wie es sich für eine Plattentaufe gehört, spielte die Stoner-Doom-Metal-Band ihr neustes Werk „Aeon“ komplett durch. Und das war auch gut so, offenbarten die Mannen der Welt, dass ihre Platte auch live perfekt funktioniert. Die schleppende Wucht der Gitarren, das Dröhnen des tiefen Bass und die Gewalt des Schlagzeugs – alles konzentriert in toll arrangierten Songs und umgarnenden Ausbrüchen. Der neue Gitarrist Florian Schönmann fügte sich gleich perfekt in das Bandgefüge ein und spielte sein erstes Konzert bei Phased mit viel Elan.

Wer bei der Musik allerdings die altbekannten Zutaten der Basler vermisste, den beschenkten die Musiker zur zweiten Konzerthälfte mit ihrem Erstling „Music for Gentleman“. Ein hartes und wildes Stück Stonergeschichte, der auch alle Biertrinker aus der Lethargie des Untergangs zurückholte und das Hirscheneck wie bei einer Stampede erzittern liess. Eine Zeitreise von musikalischer Härte, Güte und gleichen Gegensätzen. Die Lokalmatadoren haben zugeschlagen und bewiesen, dass auch nach einer längeren Absenz die Musikszene in der Schweiz ihre Härte braucht. Phased waren da, Phased bleiben.

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