Soundtrack

Kyle Dixon und Michael Stein – Stranger Things 2 OST (2017)

Schwere Synthies, extreme Echos und alles in voluminösem Hall gebettet – die Musik zum Netflix-Hit „Stranger Things“ stand den Bildern in Sachen Achtziger-Romantik in nichts nach. Kyle Dixon und Michael Stein, besser bekannt unter dem Namen SURVIVE, haben sich von ihrer Kindheit beeinflussen lassen und die Serie perfekt untermalt. Auch für „Stranger Things 2“, also die zweite Staffel, gilt erneut das Erfolgsrezept: Mysteriöse Klangmelodien treffen auf Ambient-Konstrukte und setzten sich mit vollem Gewicht zwischen die Emotionen.

Mit 35 Tracks erhält man eine sehr umfangreiche Sammlung an kurzen Instrumentalstücken, welche die Kinder bei ihren Abenteuern begleiten und dabei die Stimmungen sehr schön einfangen. Kyle Dixon und Michael Stein schaffen es immer wieder, in ihren schlanken Kompositionen ganze Bilder zu kreieren und dabei Furcht, Freude, Liebe und Triumph in einzelnen Tönen darzustellen. So wirken „Birth Rescue“ oder „It’s A Trap“ wahrlich angsteinflössend und steigern sich zu extremer Lautstärke, „Eight Fifteen“ oder „She Wants Me To Find Her“ verpacken jugendliche Gedanken wunderschön ein. Und wenn plötzlich noch das elektronische Drum Einzug hält („Soldiers“), dann gibt es kein Halten mehr.

Die Musik von „Stranger Things 2“ macht viel Freude – sei es aus nostalgischen Gründen, wegen dem wunderbaren Umgang mit Gefühl und Melodie oder den herrlichen Einflüssen von alten Soundtrack-Magiern wie John Carpenter. Somit haben es Kyle Dixon und Michael Stein geschafft, nicht nur einen gelungene Untermalung für Bilder herzustellen, sondern eine Ambient-Platte kreiert, die vielseitig und tiefrot leuchtend ist. Egal auf welcher Seite der Welt man diese nun hört.

Anspieltipps:
Eight Fifteen, Soldiers, The Hub, Levitation

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Hans Zimmer + Benjamin Wallfisch – Blade Runner 2049 (2017)

„Blade Runner 2049“ war ein riesiges Ereignis im Kinojahr 2017, doch leider fand der Film von Denis Villeneuve sehr wenig Zuschauer. Ein unerklärlicher Umstand, ist das Sci-Fi-Werk doch ein bild- und tongewaltiger Streifen, mit intelligenter Geschichte und die perfekte Fortführung des Kultfilms „Blade Runner“ aus dem Jahre 1982. Da musste natürlich ein ebenbürtiger Score her, und nach anfänglichen Schwierigkeiten mit Komponist Jóhann Jóhannsson übernahmen Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch die Aufgabe. Die Weisung, bekannte Elemente von Vangelis in die Musik einzuflechten, aber trotzdem etwas neues zu erschaffen, war keine einfache. Das zeigt sich auch beim Anhören der CDs.

Aufgeteilt auf zwei Silberscheiben und mit allen, im Film angespielten Liedern versehen, ist „Blade Runner 2049“ ein schönes Komplettpaket für alle Soundtrackfreunde – scheitert aber leider auch genau darum. Denn obwohl man somit ein chronologisches Klangbild des Films erhält, wird man durch Stücke wie „Summer Wind“ (Frank Sinatra) oder „Suspicious Minds“ (Elvis Presley) immer wieder aus der Stimmung gerissen. Nur der düstere Popsong „Almost Human“ von Lauren Daigle passt als Schlusspunkt, wurde aber extra für den Film geschrieben. Ansonsten herrschen die elektronischen Momente von Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch, welche oft so dunkel daherkommen wie dystopische Betonschluchten.

Die lichten und kitschigen Synthies des Originals werden immer wieder angesprochen, übernehmen die Musik aber nie in der Art, wie es bei Vangelis der Fall war. Viel eher bricht immer wieder eine ohrebetäubende Perkussion aus („Blade Runner“ oder „Sea Wall“), laute Bässe überlagern alle Frequenzen und man spürt richtig, wie sich Replikanten gegenseitig jagen. Allgemein ist die Musik von Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch eher depressiv und drohend, nimmt sich aber auch viele Freiräume um weit und mysteriös zu klingen.

Dieses extreme Gefälle zwischen lautem Donner und leicht fliessenden Melodienfetzen verhindert somit ein Erfolgserlebnis, das es den beiden Komponisten zuletzt bei „Dunkirk“ gelungen ist. Somit gilt leider auch für „Blade Runner 2049“ die alte Weisheit, dass die Musik ohne Bilder nicht gleich gut wirkt. Einzelne Momente wie „Flight To LAPD“ oder „Hijack“ fesseln jedoch extrem und werden auch in 32 Jahren noch genauso strahlen.

Anspieltipps:
Flight To LAPD, Wallace, Hijack, Blade Runner

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Philip Selway – Let Me Go (2017)

Band: Philip Selway
Album: Let Me Go
Genre: Soundtrack / Indie

Label/Vertrieb: Bella Union
VÖ: 27. Oktober 2017
Webseite: philipselway.com

Er war ja noch nie einer, der sich mit extremen Trommelwirbeln und unbarmherzigen Doublebass-Attacken bekannt gemacht hatte. Dies bewies Philip Selway, die meiste Zeit Schlagzeuger bei Radiohead, bereits auf seinen vorherigen Soloalben. Für “Let Me Go” geht der Künstler aber noch einen Schritt weiter und zaubert praktisch im Alleingang einen Soundtrack auf das Parkett, bei dem sich Familien und Geister gemeinsam einfinden. Und auch wenn der Film harte Themen wie Weltkriegsverbrechen und Verlust behandelt, in der Musik findet man immer wieder die aufkeimende Schönheit.

Dass es sich hier nicht um eine rein perkussive Darbietung von Songs handelt, ist dem Einfallsreichtum und Talent von Philip Selway zu verdanken. So klemmte sich der Musiker hinter das Klavier, die Gitarre und sogar das Glockenspiel, um den kurzen, aber gefühlvollen Liedern die richtige Atmosphäre zu verleihen. Mit der Verwendung der singenden Säge erhalten die oft knappen Insturmentaltracks eine unheimliche Komponente und schweben durch die alten Räume. Allgemein lebt “Let Me Go” stark von einzelnen und oft schwermütigen Melodien, nur wenige Stücke setzen auf Gesang (“Walk” oder “Let Me Go”).

Das Schöne an diesem Soundtrack ist aber, dass dieses Album auch ohne den Film hervorragend funktioniert. Philip Selway bleibt mit seiner ruhigen Mischung aus alternativem Pop und experimentellen Instrumentaltracks auf dem Pfad von “Weatherhouse”, erweitert das Bild aber um dunklere Farben und noch mehr Einfühlungsvermögen. Somit ist dieses Werk ein in sich gekehrtes Spiel mit Stimmungen und Erinnerungen an Menschen, die man zu schnell vermisst. Vibraphon und schwere Vergangenheiten inklusive.

Anspieltipps:
Wide Open, Walk, Let Me Go

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Nick Cave & Warren Ellis – Wind River (2017)

Nick Cave & Warren Ellis – Wind River
Label: Lakeshore Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Soundtrack

Die Frequenz, welche Nick Cave und Warren Ellis momentan an den Tag legen, ist schon fast Wahnsinn: Es vergehen keine paar Monate ohne das man einen neuen Soundtrack von den Herren in den Händen halten kann. Dass die Werke dann auch immer von höchstem Niveau sind ist eh klar – bei diesen Zauberern wird jede Melodie zu einer Offenbarung. Für den kommenden Thriller „Wind River“, das Regie-Debüt von Taylor Sheridan, suchten die beiden Kumpels von den Bad Seeds erneut die Schönheit in der dunklen Verzweiflung.

Mit Zurückhaltung und sorgfältiger Instrumentierung wird die Stimmung der Geschichte perfekt wiedergegeben. So reichen wenige Minuten und kurz gehaltene Tracks aus, um mit Violine, sanfter Orgel und Klavier-Tupfern die innere Zerrissenheit der Figuren und die Kargheit der eisigen Landschaft darzustellen. Sanft zwischen Poesie und Ambient wechselnd, ist diese Filmmusik schon fast zerbrechlich in ihrer Form. Wenn sich zu den Melodien dann noch die Stimme von Nick Cave gesellt um emotionalen Zeilen Leben einzuhauchen, dann wähnt man sich in einem Traum.

Klar, die Musik auf „Wind River“ funktioniert zusammen am besten. Aber gewisse Stücke wie „First Journey“ oder „Three Seasons In Wyoming“ wirken auch für sich alleine gestellt und könnten fast von einem Bad Seeds Album stammen. Nick Cave und Warren Ellis halten hier Trauer und Verzweiflung mit der Hoffnung im Gleichgewicht, nur um dann immer wieder in lauten Ausbrüchen zu enden – wie bei „Meth House“. Somit ist dies einer der wenigen Soundtracks, die auch ohne bewegte Bilder perfekt aufgehen und sich jeder Fan der Musiker ohne Zögern ins Regal stellt.

Anspieltipps:
First Journey, Meth House, Three Seasons In Wyoming

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Various ‎Artists – Twin Peaks (Music From The Limited Event Series) (2017)

Various ‎Artists – Twin Peaks (Music From The Limited Event Series)
Label: Rhino, 2017
Format: Download
Links: Discogs
Genre: Soundtrack, Rock, Funk

Als die famos andersartige TV-Serie in die Flimmerkisten zurückkehrte, war eigentlich klar: Auch musikalisch wird hier kein Standardprogramm geboten. Damit ist nicht nur der Stilmix gemeint, sondern auch, wie die ergänzenden Stücke zum Soundtrack präsentiert werden. Pro Folge erhielt eine Band die Chance, im hauseigenen Club Roadhouse aufzutreten und dank dem grossartigen Musikgefühl von David Lynch passen diese Tracks immer perfekt in die Welt von Laura Palmer. Mit „Twin Peaks (Music From The Limited Event Series)“ gibt es diese Momente nun gesammelt auf CD.

Die Mischung ist so wild wie die Mythologie hinter der Geschichte. Von Horror-Funk über Country mit geladener Waffe bis hin zu wildem Alternative Rock mit Federkranz aus Lärm – alles ist auf dieser Compilation anzutreffen. Und die Liste der Namen kann sich echt sehen lassen: Nine Inch Nails, ZZ Top, Chromatics, The Veils und Eddie Vedder folgen aufeinander. Was sich wie ein perfektes Mixtape liest hört sich auch genau so an, frisch aus dem Kopf von Meister Lynch. Spannend zu beobachten ist vor allem, wie sich die Lieder in Grundstimmung und Präsentation perfekt ergänzen.

Kein Stück tanzt aus der Reihe, überall schwingt die Atmosphäre eines verruchten Nachtclubs mit. Ob dies nun zum Schunkeln einlädt wie bei „Snake Eyes“ von Trouble oder eher zum melancholischen Grübeln wie bei „She’s Gone Away“ von Nine Inch Nails, den Drink hält man etwas schräg in der Hand und raucht mysteriös die letzte Zigarette. „Twin Peaks (Music From The Limited Event Series)“ ist somit ein Gewinn für alle Nachteulen und Sonnenanbeter und hallt auch lange nach der letzten Episode nach.

Anspieltipps:
Shadow (Chromatics), Snake Eyes (Trouble), She’s Gone Away (Nine Inch Nails)

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Various Artist – Twin Peaks (Limited Event Series Original Soundtrack) (2017)

Various Artist – Twin Peaks (Limited Event Series Original Soundtrack)
Label: Rhino, 2017
Format: Download
Links: DiscogsAngelo Badalamenti
Genre: Soundtrack, Electronica, Jazz

It is happening again. Und damit hatte echt niemand mehr gerechnet, auch wenn man bereits wenigen Stunden nach der Absetzung darauf gehofft hatte. 27 Jahre nachdem die TV-Serie „Twin Peaks“ zu einem verfrühten Ende gebracht wurde, liess David Lynch sein Kind noch einmal auferstehen. 18 neue Folgen, unendlich viele mysteriöse Rätsel – und natürlich alles unterlegt von bekannter und vergessener Musik von Komponist Angelo Badalamenti. Aber wie auch in den Episoden selber ist der Soundtrack nicht genau das, was man zuerst denken könnte.

Schnell stellt sich das wohlige Gefühl des unheimlichen Schauer mit Tracks wie „Laura Palmer’s Theme“ ein, doch plötzlich merkt man: Nicht alles ist hier ist wie früher. David Lynch hat mit diversen Musikern den Score verändert, gewisse Stücke neu abgemischt und mit unveröffentlichten Liedern ergänzt. Aber dies ändert nichts am eigentlichen Genie Badalamentis, der auf perfekte Weise die etwas zu klaren Synthies mit dunkler Electronica und schwankendem Jazz verband.

„Twin Peaks (Limited Event Series Original Soundtrack)“ dient somit also perfekte Tagesuntermalung und Pausenmusik, bis man wieder in die Welt voller roter Zimmer, FBI-Agenten und ermordeten Frauen abtauchen kann. Wie die Serie selber lebt auch in der Musik alles von der unerkennbaren Linie zwischen Wahrheit und Traum – und auch als Album wirkt es auf subtile Weise. Für alle Freunde der originalen Musik lohnt sich dank den neuen Tracks und veränderten Versionen auch diese Scheibe. Und man darf sogar mit den Chromatics tanzen gehen.

Anspieltipps:
Laura Palmer’s Theme, Deer Meadow Shuffle, Saturday (Instrumental)

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Nick Cave & Warren Ellis – War Machine (2017)

Nick Cave & Warren Ellis – War Machine
Label: Lakeshore Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Soundtrack, Electronica

In den aktuellen Zeiten des Streamings passieren Dinge, die früher nicht einmal als Witz funktioniert hätten. So produzierte der Gigant Netflix mit Regisseur David Michôd einen satirischen Kriegsfilm, positionierte Brad Pitt in der Hauptrolle und liess die Musik von Nick Cave und Warren Ellis komponieren – nur um den Film den Leuten auf kleinen Bildschirmen in unkonzentrierten Momenten näher zu bringen? Bin ich etwa schon zu alt, um ein solches Vorgehen zu verstehen? Wie auch immer, die beiden Musiker haben uns immerhin einen Soundtrack geschenkt, der an Schönheit und Tiefe den Film selber um Weiten übertreffen.

Wenn Nick Cave und Warren Ellis zusammen Songs schreiben, dann entstehen meist wunderschöne und bewegende Momente – zuletzt gehört beim Album „Skeleton Tree“ mit The Bad Seeds. Auch ihre Soundtrack-Arbeiten haben schon manche Stunden im Lichtspiel intensiver gestaltet – und auch „War Machine“ bietet die nötige Spiritualität. Denn obwohl es eigentlich um kriegerische Handlungen geht, werden bei der Musik die leisten Töne gross geschrieben. Tracks wie „Humble Man“ oder „Marjah“ beginnen oft in der sanften Electronica, gleiten wie Ambient dahin und leben von den Synthies.

Wenige Instrumente des Orchesters kommen zum Einsatz, viel eher gelten hier die düsteren Stimmungen und das langsame Wachstum. Denn immer wieder gelingt es Nick Cave und Warren Ellis, Elemente der militärischen Musik mit schönen Melodien zu kombinieren und den Hörer dann doch vor einen Berg zu stellen. Was teilweise direkt von „Skeleton Tree“ stammen könnte, gerät aber auch wunderbar karg und dann wieder extrem elektronisch. Nicht zuletzt war es darum auch eine perfekte Entscheidung, vier Stücke von Roedelius in den Score einzuverweben. „War Machine“ ist somit unaufgeregt, zurückhaltend und genau darum auch faszinierend hübsch.

Anspieltipps:
Humble Man, Thousands Of Parades All Over America, Marjah

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Jóhann Jóhannsson – Arrival OST (2017)

Jóhann Jóhannsson – Arrival OST
Label: Deutsche Grammophon, 2017
Format: CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Klassik, Soundtrack, Electronica

Spätestens wenn man am Ende des Albums und bei „Kangaru“ angelangt ist, wird einem bewusst, dass niemand anderes als Jóhann Jóhannsson die Filmmusik zu dem Sci-Fi-Streifen „Arrival“ von Dennis Villeneuve hätte schreiben können. Denn der isländische Komponist hat mit diesem Soundtrack nicht nur etwas Neuartiges erschaffen, sondern vermag es auch, die zentralen Themen des Films kongenial aufzugreifen. „Arrival OST“ ist eine klangliche Überlegung zum Thema Kommunikation und Begegnung – und auch sieben Monate nach Erscheinung immer noch faszinierend.

Es macht also Sinn, sich zur DVD-Veröffentlichung dieses ruhigen und meisterhaften Filmes über den Erstkontakt zwischen Menschen und Ausserirdischen durch die Augen einer Linguistin die Musik noch einmal genauer anzuhören. Jóhann Jóhannsson geht mit diesen Stücken nämlich nicht den typischen Weg eines Filmkomponisten und verzichtet auf orchestralen Bombast – vielmehr setzt er einzelne Instrumente und Stimmen fremdartig ein. Tracks wie „Heptapod B“, „First Encounter“ oder eben der faszinierende Schluss sind somit experimentelle Klangreisen.

Klassik vermengt sich mit Elektronik, perkussive Muster verweben sich mit Kanongesängen, man fühlt sich sehr bald selber in einem dieser Raumschiffe eingeschlossen. Dem Ideenreichtum und Talent von Jóhann Jóhannsson ist es aber zu verdanken, dass die Versuche nie in Unhörbares ausarten, sondern sich die angepasste und mysteriöse Grundstimmung durch das gesamte Album zieht. Da passt es auch wunderbar, dass man oft die Tonursprünge nicht mehr ausmachen kann. „Arrival OST“ ist also auch ohne die faszinierenden Bilder eine mitreissende Erfahrung.

Anspieltipps:
Heptapod B, First Encounter, Kangaru

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Interstellar, KKL Luzern, 16-11-05

Interstellar_live_KKL-16_MBohli

Interstellar Live
21st Century Symphony Orchestra
Samstag 05. November 2016
KKL, Luzern

Wenn die Welt stirbt, versucht der Mensch, um jeden Preis sein Fortbestehen zu sichern – egal ob man dazu Tausende opfern und die Zukunft gar in den Sternen suchen muss. Konzipiert um in einer fremden Galaxis eine neue Kolonie zu starten, dienen die Lazarus-Missionen genau diesem Zweck. Das Problem ist nur, einen passenden Planeten zu suchen und herauszufinden, wer das Wurmloch neben dem Saturn erschaffen hat. Ob der ehemalige NASA-Astronaut Cooper ahnt, auf was er sich hier eingelassen hat?

2014 begeisterte Meister-Regisseur Christopher Nolan mit seinem Sci-Fi-Epos „Interstellar“ Kritiker und Kinobesucher gleichermassen. Der Film ist bildgewaltig, intelligent und perfekt inszeniert. Dank dem grossartigen Drehbuch, korrekter Physik und fantastischen Schauspielern erregt der Streifen auf viele Weisen – unter anderem auch dank der wahrlich eindrücklichen und andersartigen Musik, komponiert von Hans Zimmer. Die kreativen Köpfe hinter der Produktion entschieden sich schon sehr früh dazu, dem Soundtrack eine zentrale Rolle im Film zuzuspielen. Nolan ging sogar soweit, dass der neo-klassische Score in vielen Szenen die Dialoge und Geräusche überlagerte.

„Interstellar“ ist somit perfekt geeignet, um live mit Orchester aufgeführt zu werden – ein ehrgeiziges Projekt für das Schweizer 21st Century Symphony Orchestra unter der Leitung von Gavin Greenaway. Denn die Musik wurde nicht nur für ein Orchester geschrieben, sondern beinhaltet auch Stücke für vier Pianos und als Hauptelement eine Kirchenorgel. Glücklicherweise existiert eine solche Orgel im Konzertsaal des KKL in Luzern, und mit Roger Sayer konnte der Organist für das Projekt begeistert werden, der das Instrument schon für den Film eingespielt hatte. Als Besucher erwartete einen während der drei Aufführungen somit eine klangliche Wucht, die das Filmerlebnis noch einmal intensiver gestaltete.

Im ehrwürdigen und akustisch atemberaubenden Saal einen solch mitreissenden Film wie „Insterstellar“ mit live gespielter Musik zu erleben, war eine komplett neue Erfahrung. Natürlich war der Streifen schon damals im Kino eine Wucht, jetzt aber die einleitenden Klänge von „Dreaming Of The Crash“ zu vernehmen, bei „Years Of Messages“ Tränen zu vergiessen und beim alles übertreffenden „Imperfect Lock“ mitzufiebern und die Musik im gesamten Körper zu spüren, war fantastisch. Für alle, die sich für Filmmusik interessieren, die etwas neben der Norm stattfindet, ist eine Live-Präsentation von „Interstellar“ bestimmt eine der grössten Erfahrungen. Etwas, das am Samstagabend im KKL auch mit stehender Ovation bedankt wurde und noch lange in Erinnerung bleiben wird. Schön, dass das Orchester auch fast 20 Jahre nach seiner Gründung immer noch mit solchen Perlen überraschen und überzeugen kann.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

interstellar_live

65daysofstatic – No Man’s Sky: Music For An Infinite Universe (2016)

65daysofstatic - No Mans Sky

65daysofstatic – No Man’s Sky: Music For An Infinite Universe
Label: Laced Records, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Soundtrack,

Unendliche Weiten, tiefste Dunkelheit, karge Wüsten, gleissende Sonne – das Universum ist nicht nur unendlich gross, sondern auch vielfältig und unerklärlich faszinierend. Wie gerne würden viele Menschen durch diese Nebel- und Sternenfelder fliegen und neue Orte und Lebensformen entdecken. Virtuell wird dies mit „No Man’s Sky“ nun möglich, das Game lässt uns alles bereisen und erforschen. Um diese Momente perfekt zu untermalen, benötigt man Künstler, die sich mit Abwechslungsreichtum auskennen und Experimente wagen – wieso also nicht die avantgardistischen Post-Rocker 65daysofstatic?

„No Man’s Sky: Music For An Infinite Universe“ könnte Kenner der wuchtigen Auswüchse von 65daysofstatic aber nun auf dem falschen Fuss erwischen – denn diese Soundtrack-Arbeit verehrt den träumerischen Flügen durch das Weltall an. Sanft und gemächlich entwickeln sich die Stücke, Ambient und Electronica beherrschen den Datendisplay. Nur in wenigen Momenten übernehmen Rhythmus und Beats das Steuer und lassen die Schutzschilde herunter. Solche Massnahmen werden meist eh nicht gebraucht, denn egal wie verstörend die elektronischen Geräusche zuerst klingen – hier ist einem alles friedlich gesinnt. Im Gegensatz zu früheren Alben der Band wird man hier nicht von hinten angegriffen und an den Füssen aufgehängt.

Sicherlich sind Soundtracks ohne begleitende Bilder oder Taten eine zweischneidige Angelegenheit – dank der sechs langen Soundscapes, welche die einzelnen Tracks zu langen Epen erweitern, bieten 65daysofstatic aber echten Mehrwert. „No Man’s Sky: Music For An Infinite Universe“ ist zwar eher eine Scheibe für Effekttüftler und Klangwellenträumer, schliesslich beherrschen die ruhigen Momente das Geschehen – sie versprüht aber eine eigene Art von Aufregung und Spannung. Und man muss bei Erstkontakten ja nicht immer gleich die Laserkanonen abschiessen.

Anspieltipps:
Asimov, End Of The World Sun, NMS_exteriorAtmos1 / False Suns

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.