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Fishbach – A Ta Merci (2018)

Ist es nicht erstaunlich, wie lange es immerzu dauert, bis gewisse Trends und gefeierte Künstler die Landesgrenzen durchbrechen können? So hat hierzulande wohl noch fast niemand im deutschsprachigen Gebiet von Flora Fishbach gehört. Die Chanteuse aus Frankreich musiziert sich seit 2010 in die Herzen der Menschen und feierte 2017 mit ihrem Debütalbum „À Ta Merci“ grosse Erfolge. Nun endlich wird dieses Album voller rauem Gesang und angenehm dunklem Synthie-Pop auch bei uns zugänglich gemacht – und diese Platte sollte sich niemand entgehen lassen, der auf Electropop steht.

Obwohl Fishbach ihre Lieder natürlich in Französisch einsingt, spürt man ihre Aussagen schnell heraus. Auf den Lieder wie „Feu“ oder „Mortel“ lastet eine grandiose Mischung aus Erhabenheit, Traurigkeit und Leidenschaft – eine Wirkung, die man selten bei einer solch jungen Künstlerin verspürt. Mal in der Disco verankert und mit der frühen Madonna kokettierend („Un Autre Que Moi“), dann wieder pulsierend und riesengross („On Me Dit Tu“), „À Ta Merci“ lässt jede Stimmung und Art zu. Und viel Atmosphäre kommt dank der eher tiefen und kratzigen Stimme Fishbachs auf – die mich an Musikerinnen wie Lùisa erinnert.

Diesem Album haftet zwar etwas Theatralik und auch Exzentrik an, aber Fishbach nimmt sich von allen klassischen Tugenden der französischen Musik die besten Zutaten heraus und baut damit ihr eigenes und zukunftsträchtiges Werk. Dass man dazu auf der, nun um zusätzliche Aufnahmen erweiterte Edition von „À Ta Merci“ sogar noch ihre Live-Qualitäten erleben darf, sollte jeden zu einem Fan der Dame machen. Und ein weiteres Mal wird somit bewiesen, dass die Einflüsse der elterlichen Plattensammlung eben doch zu tollen Resultaten führen können.

Anspieltipps:
Y Crois Tu, Un Autre Que Moi, Mortel

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Dagoba – Black Nova (2017)

Wenn es an etwas nicht mangelt, dann ist es die Bereitschaft von Dagoba, konstant zu Prügeln und Ballern. Ihre Musik ist eine stete Orgie an Beats, Blasts und Riffs – im Hintergrund der Songs zieht sich ein konstantes Doublebass-Gepolter durch, Keyboard und Gitarren legen Lärmteppiche. Trotzdem vergassen sie in all dieser Wildheit nicht, ihre Lieder mit Dynamik zu versehen und zeigen auch mit „Black Nova“ erneut, dass Frankreich für den groovenden Death Metal immer noch wichtig ist. Besonders in Verbund mit den hier verwendeten, sehr modernen Elementen.

Denn Dagoba, welche hier bereits ihr siebtes Werk vorlegen, scheuen sich nicht vor digitaler Verstärkung ihrer Musik. Industrial Metal als würzende Prise über dem Sturm der Gewalt, bereits „Inner Sun“ kokettiert sich damit und gewinnt. Stücke wie „Lost Gravity“ gehen gar soweit, dass wichtige Melodienanteile davon zehren und sich die Band auch mal in die fast balladesken Gebiete wagt – meist erhalten die leisen Stellen auf „Black Nova“ wenig Chance. Lieber wird laut geschrien, ganze Planeten mit Riffs geschreddert und massive Soundwände aufgezogen.

Wenn sich Dagoba dann mit „Phoenix & Corvus“ gleich noch an einem fast sieben Minuten langen Epos laben, dann ist klar: „Black Nova“ ist ein Album, das sowohl für Hörer wie auch die Musiker selber eine Wohltat ist. Voller Kraft und Energie spielt sich die Band von grossen Gesten zu vernichtenden Attacken und formt aus dem entstandenen Staub neue Kreationen und Geschichten. Ihr Metal ist immer aktuell, nie altbacken und die Musiker auch 20 Jahre nach ihrer Zusammenkunft bereit dazu, sich gegenseitig an die Grenzen zu treiben.

Anspieltipps:
Inner Sun, Stone Ocean, Phoenix & Corvus

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Hans Zimmer + Benjamin Wallfisch – Blade Runner 2049 (2017)

„Blade Runner 2049“ war ein riesiges Ereignis im Kinojahr 2017, doch leider fand der Film von Denis Villeneuve sehr wenig Zuschauer. Ein unerklärlicher Umstand, ist das Sci-Fi-Werk doch ein bild- und tongewaltiger Streifen, mit intelligenter Geschichte und die perfekte Fortführung des Kultfilms „Blade Runner“ aus dem Jahre 1982. Da musste natürlich ein ebenbürtiger Score her, und nach anfänglichen Schwierigkeiten mit Komponist Jóhann Jóhannsson übernahmen Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch die Aufgabe. Die Weisung, bekannte Elemente von Vangelis in die Musik einzuflechten, aber trotzdem etwas neues zu erschaffen, war keine einfache. Das zeigt sich auch beim Anhören der CDs.

Aufgeteilt auf zwei Silberscheiben und mit allen, im Film angespielten Liedern versehen, ist „Blade Runner 2049“ ein schönes Komplettpaket für alle Soundtrackfreunde – scheitert aber leider auch genau darum. Denn obwohl man somit ein chronologisches Klangbild des Films erhält, wird man durch Stücke wie „Summer Wind“ (Frank Sinatra) oder „Suspicious Minds“ (Elvis Presley) immer wieder aus der Stimmung gerissen. Nur der düstere Popsong „Almost Human“ von Lauren Daigle passt als Schlusspunkt, wurde aber extra für den Film geschrieben. Ansonsten herrschen die elektronischen Momente von Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch, welche oft so dunkel daherkommen wie dystopische Betonschluchten.

Die lichten und kitschigen Synthies des Originals werden immer wieder angesprochen, übernehmen die Musik aber nie in der Art, wie es bei Vangelis der Fall war. Viel eher bricht immer wieder eine ohrebetäubende Perkussion aus („Blade Runner“ oder „Sea Wall“), laute Bässe überlagern alle Frequenzen und man spürt richtig, wie sich Replikanten gegenseitig jagen. Allgemein ist die Musik von Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch eher depressiv und drohend, nimmt sich aber auch viele Freiräume um weit und mysteriös zu klingen.

Dieses extreme Gefälle zwischen lautem Donner und leicht fliessenden Melodienfetzen verhindert somit ein Erfolgserlebnis, das es den beiden Komponisten zuletzt bei „Dunkirk“ gelungen ist. Somit gilt leider auch für „Blade Runner 2049“ die alte Weisheit, dass die Musik ohne Bilder nicht gleich gut wirkt. Einzelne Momente wie „Flight To LAPD“ oder „Hijack“ fesseln jedoch extrem und werden auch in 32 Jahren noch genauso strahlen.

Anspieltipps:
Flight To LAPD, Wallace, Hijack, Blade Runner

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Anna Känzig- Sound And Fury (2016)

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Anna Känzig – Sound And Fury
Label: Columbia, 2016
Format: CD
Links: Künstlerin, Facebook
Genre: Pop

Als damals Bob Dylan von der akustischen zu elektrischen Gitarre gewechselt hatte, schockierte dies einen Grossteil seiner Fans und der gesamten Musikgemeinde. Eine solche Reaktion heute zu erreichen ist einiges schwieriger – in der Musik kennt man schliesslich nur noch wenige Grenzen. Trotzdem, „Sound And Fury“ von der Zürcher Künstlerin Anna Känzig wird so beworben – atmen ihre Lieder schliesslich nun die Luft des Pathos und der Electronica. Eine gute Richtung, doch irgendwie ein paar Jahre zu spät.

Frau Känzig spielt schon lange Gitarre und singt gerne Lieder über den Alltag. Für ihre neuste Veröffentlichung wendet sie sich aber der modernen Popmusik zu und lässt die Singer-Songwriter-Kluft im Schrank. Bereits mit „Get Out“ unterstützt sie ihre Melodien und den Gesang mit grossen Synthflächen, Beats und euphorischem Gesang. Dabei stellt sie sich auch mit ihrem hübschen Auftreten in die Reihe von Ellie Goulding und Konsorten, eine illustre Gesellschaft. Man summt mit, man wippt mit dem Fuss und merkt plötzlich: Irgendetwas fehlt auf „Sound And Fury“. Obwohl es der Titel verspricht, vermisst man Wildheit und Raserei. Liedern wie „House Of Cards“ oder „Suburban Sky“ fehlt der Durchhaltewillen. Oft schleicht sich das Gefühl ein, Anna Känzig habe hier extra das Tempo raus genommen und sich der Zurückhaltung geübt. Ein Fehler, denn viele Ideen vermögen die Lieder nicht während der drei bis vier Minuten zu tragen, das Album erhält zu schnell einen abgenutzten und langweiligen Belag. Dass es auch anders geht, zeigt die Musikerin bei „Lights Go Out“ oder „Bonnie & Clyde“. Diese Stücke sind eingängig, unterhalten und machen auch Spass. Hier fügen sich die grossen Gesten der elektronischen Mittel wunderbar mit ihren intimen Gedanken zusammen. Nur passiert dies halt leider zu selten.

Anna Känzig ist talentiert und umgibt sich mit den richtigen Menschen, doch leider will ihr neustes Werk „Sound And Fury“ nicht so richtig zünden. Nach mehrmaligem Hören weiss man, die Schweiz hinkt in gewissen Strömungen leider immer vier oder fünf Jahre hinterher. Mit diesem Album wäre Anna Känzig um 2010 gross herausgekommen, heute reicht es leider nur für das Plätschern im Radio. Schade, denn liebenswürdig und aufrichtig sind ihre Songs immer.

Anspieltipps:
Get Out, Bonnie & Clyde, Lights Go Out

Bruce Springsteen – High Hopes (2014)

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Bruce Springsteen – High Hopes
Label: Columbia, 2014
Format: Doppelvinyl mit CD
Links: Discogs, Musiker
Genre: Rock, Americana, Pop

Der Boss zeigt sich in den letzten Jahren alles andere als müde oder gealtert. Seine neuen Platten wirft er in kurzen Abständen auf den Markt und dazu wird immer wieder ausgiebig getourt – natürlich in den grössten Hallen und Stadien. Mit „Magic“ gelang ihm 2007 ein grosser Wurf, der fast an die alten Klassiker anschliessen konnte. Leider ist dies mit „High Hopes“ nicht passiert, die Hoffnung wurde etwas zu hoch geschichtet – auch wenn es sich hier um eine Sammlung aus alten Resten und neuen Versionen von Klassikern handelt.

Der Beginn mit dem Titelsong ist wuchtig und macht Laune mit Bläsern, Chor und dem stimmigen Refrain. Was man hier schon gut raushört ist die Gitarre von Tom Morello – der ja in letzter Zeit so etwas wie der Ziehsohn von Bruce geworden ist. Allerdings sind in meinen Ohren die typischen Klänge seiner Gitarre hier eher fehl am Platz. Das erste und einzige Highlight der Platte ist kurz danach „American Skin (41 Shots)“, ein klassischer und epischer Boss-Song, der mit grossen Gesten und einem moralischen Text voll ins Schwarze trifft. Besonders grossartig ist, wie er sich nach der Hälfte öffnet und das Tempo und die Lautstärke nochmals erhöht. Genau wegen solchen Momenten mag ich die Musik von Herrn Springsteen, eine rasante Fahrt mit gesundem Pathos durch die weiten Ebenen der Staaten. Hier liegt aber auch der Schwachpunkt der neuen Scheibe: Magische Stellen und faszinierende Passagen sind rar. Oft klingen die Songs wie am Schreibtisch erzwungene Werke, die an alte Grosstaten anschliessen sollen. Klar, der Boss war und ist ein Arbeiter und vertritt auch diese Mentalität, aber deswegen müssen seine Lieder ja nicht so klingen.

Manches klingt sogar langweilig oder bietet zu wenig Neues, um den Griff zu diesem Album zu rechtfertigen. In seiner Diskografie gibt es haufenweise bessere Songs, die lieber gehört werden. Schön sind aber wie immer die sanften Einflüsse aus Folk, Soul oder Gospel. Das Album enthält ein breit gefächertes Spektrum und Springsteen tobt sich aus. Apropos wüten: „The Ghost Of Tom Joad“ wurde für die Platte neu aufgenommen und durch Morellos Spiel veredelt. Hier lohnt sich der fast wahnsinnige Einsatz seiner Gitarre, eine neue Ebene für das Lied wird erobert. Die ganze Angelegenheit ist dennoch eher etwas für Fans. Neulinge im Bruce Springsteen-Kosmos greifen lieber zu älteren Scheiben. Diese hier ist mir zu durchwachsen und halt vielleicht doch langsam altersmüde (in der Ideensuche, nicht der Ausführung).

Anspieltipps:
High Hopes, American Skin (41 Shots), The Ghost Of Tom Joad

Das dazu passende Getränk:
Eine Dose Budweiser, ja das amerikanische.

Reza Dinally – Depths Of Montmartre (2014)

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Reza Dinally – Depths Of Montmartre
Label: Sony Music, 2014
Format: CD im Digipack
Links: Musiker
Genre: Pop, Alternative, Dreamgaze

Reza Dinally, ein Name den einigen von euch vielleicht bekannt vorkommt. Seit einiger Zeit ist der Musiker aus Zürich als Troubadour auf den Schweizer Bühnen unterwegs und verzaubert mit akustischer Gitarre und Gesang. Erst jetzt aber hat er mit „Depths Of Montmartre“ sein Debütalbum veröffentlicht. Was dabei überrascht: Die Lieder sind lauter und wuchtiger geworden, es ist ein Album mit vollwertiger Band und kein Singer-Songwriter Werk.

Schon ab den ersten Klänge von „Rust“ ist klar, Reza setzt auf verträumte Stimmung und Watteklang. Als Zuhörer wird man umgarnt, der Begriff Dreampop wurde für solche Musik erfunden. Das Schlagzeug hallt wie in einer verlassenen Gasse der Stimmen der einzelnen Nachtschwärmer, die Synthies breiten eine warme Decke über die ermüdeten Leiber und der Gesang von Reza sucht Trost in der glücklichen Melancholie. Ein Lied das wunderbar in die sonnigen und düsteren Herbsttage passt. Dieses Schema wird für den Rest des Albums nicht mehr verändert, Langweile kommt aber zu keiner Zeit auf. Erstaunlich wie gross und euphorisch die Musik daherkommt, man hat das Gefühl die Band besteht aus mindestens 10 Musikern und spielt in einem riesigen Stadion. Zehntausende von Besucher lauschen mit geschlossenen Augen und halten das brennende Feuerzeug in die Luft. Dabei stört es auch nicht, dass die meisten Songs dem klassischen Format der Popmusik folgen, denn oft werden gegen das Ende der Lieder neue Elemente eingebracht wie eine sphärisch verzerrte Gitarre und Bläser die ihre Akzente setzen.

Gesanglich überzeugt Reza genau so wie seine Mitmusiker an den Instrumenten, auch wenn der Stimmumfang eher beschränkt erscheint. All diese Zutaten mischen sich aber zu einem vorzüglichen Erstlingswerk das auch nach mehrmaligem Hören neue Facetten offenbart und so schnell nicht verleidet. Dank dem Vertrieb über Sony und die Finanzierung über Crowdfuning auf wemakeit kann man sich jetzt schon auf die Vinylscheibe (welche im November nachgeliefert wird) freuen.

Anspieltipps:
Rust, Commotion, Into A Rush