Sohn

Sohn – Rennen (2017)

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Sohn – Rennen
Label: 4AD, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Synth-Pop, Electronica

„If It Feels Dead Wrong It Probably Is“, wenn es sich hingegen von Beginn an gut anfühlt, dann täuschen einen die Sinne auch nicht. „Rennen“, das zweite Album des Londoner Künstlers SOHN, ist genau die Scheibe geworden, die man sich nach seinem fantastischen Debüt „Tremors“ erhofft hatte. Christopher Taylor mischte 2014 auf seiner ersten Scheibe modernen R&B mit Ambient und Electronica zu einer hitträchtigen Mixtur, die so gut war, dass man die Zeit bis zum Nachfolger fast nicht aushielt.

Und wie auch schon beim Vorgänger ist „Rennen“ ein Album, dass sich zuerst etwas sperrig zeigt. Man hat das Gefühl, SOHN gehe zu zögerlich mit seinen Ideen um und schreibe zu gleiche Melodien im Umfeld der souligen Popmusik. Doch mit gespitzten Ohren sticht man durch diesen Schleier aus falscher Wahrnehmung und lässt die Hits aus ihren Schalen. Plötzlich sitzen Stücke wie „Conrad“ oder „Proof“ für den Rest des Tages in deinem Gehörgang und melden sich bei jeder Situation zu Wort. Kein Wunder, ist die Musik doch wunderbar fliessend und dank dem Gesang von Taylor unverkennbar.

Textlich wagt sich Sohn hier mit gewissen Aussagen sogar etwas versteckt an die Systemkritik und beweist, das gemächliche, elektronische Musik sich sehr wohl mit aktuellem Geschehen anfreunden kann. Schliesslich sind hier auch Produktion und Arrangements top modern, da darf das Bewusstsein nicht fehlen. „Rennen“ wird somit in den nächsten Jahren für aufreizende Tanznächte und entspannte Nachmittage sorgen – und SOHN hoffentlich noch lange die Verbindung zur kreativen Quelle aufrecht erhalten.

Anspieltipps:
Conrad, Rennen, Proof

Live: Open Air Basel, Kaserne Basel, 15-08-14 und 15

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Open Air Basel
Freitag 14.08. und Samstag 15.08.2015
Kasernenareal, Basel

Es war wieder einmal Wochenende und das heisst, es war Zeit für ein weiteres Festival. Im Gegensatz zu den grossen und bekannten Veranstaltungen im Sommer stellt das Open Air Basel immer noch einen kleinen Ruhepol im Veranstaltungskalender dar. Mit nur drei Bands pro Abend und einem kleinen Publikum erhält man hier Musikgenuss ohne grossen Rummel. Dank dem asphaltierten Boden im Kasernenareal in Kleinbasel war auch der Regen kein Problem, glücklicherweise verschonte uns dieser am Freitag fast gänzlich und setzte Samstagabend erst spät ein. Somit wurde das Bier nicht noch schlechter, die Pizza nicht nass und das Tanzbein nicht kalt.

Zum Tanzen gab es freitags schliesslich so einiges, wenn der Abend auch eher bedächtig startete. Die Mark Lanegan Band heizte mit ihrer intensiven Mischung aus Alternative Rock und Blues den Menschen ein, auch wenn diese eher spärlich erschienen waren. Trotzdem, die Musik war toll und der Gesang von Lanegan sowieso über alle Zweifel erhaben. Endlich konnte ich diese Urgewalt live erleben, wie er sich grossartig durch ein Set voller Lieder der letzten zwei Alben sang. Optisch machte er allerdings einen eher schwächlichen Eindruck, und auch bei der Autogrammstunde sass er in sich gekehrt am Tisch und schwieg vor sich hin. Eine Antwort auf meine Frage kam von ihm dann auch erst, als ich mich bereits fünf Meter von ihm entfernt hatte. Und die Bitte um eine Skizze habe ich auch vergessen. Egal, denn mit dem nächsten Konzert kam wieder Freude auf, The Notwist aus Deutschland füllten zuerst die Bühne mit massenhaft Technik und Instrumenten – und danach unsere Gehörgänge mit grossartiger Musik. Ab Platte ist die Band für mich schon eine der besten aus ihrem Herkunftsland, dass sie aber live eine solche Wucht entfalten, hätte ich nie gedacht. Die Lieder wurden erweitert, vergrössert und zu wahren Soundexplosionen ausgebaut. Indietronic-Alternative-Post-Punk-Pop oder was auch immer, auf jeden Fall genial und umwerfend. Little Dragon hatten somit einen schweren Stand, denn mein Kopf war nach dem letzten Konzert total gefüllt und fast unfähig, weitere Musik aufzunehmen. Yumiki Nagano und ihre Mannen spielten den Synth-Pop zwar toll und versiert, doch der Funke wollte bei mir nicht überspringen. Da half auch die gelungene Show nicht viel.

Der zweite Tag bot für mich vor allem unbekannte Musiker, Maribou State Live sowie Michael Kiwanuka kannte ich überhaupt nicht. Erstere gefielen mir aber mit ihrer tollen Mischung aus Electro, Indie und Pop sowie wunderbarem Gesang. Die Band spielte in Basel ihren allerersten Auftritt in der Schweiz überhaupt und ich denke, es wird nicht ihr letzter gewesen sein. Die Musik trifft den Nerv der Zeit, ist eingängig und gefiel dem Publikum. Michael erdete den Anlass mit seiner Mischung aus Blues, Soul und Rock und liess seine Band toll aufspielen. Für mich war es allerdings etwas zu durchschnittlich und diente eher als Hintergrund denn Fokus. SOHN allerdings verdiente den Platz als Abschluss und haute mich um. Mit nur einem Album im Gepäck, aber unzähligen Hits bewaffnet umgarnte er die Leute und gewann alle Herzen. Düster, voller Hoffnung und mit viel Gefühl beglückte die Musik alle Fans von James Blake und Konsorten. Dank dem einsetzenden Regen und blau gehaltener Lichtshow ein rundum gelungener Moment. Nächstes Jahr bin ich gerne wieder dabei, in Basel, bei der Kaserne.

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