Sludge

Cowards – Rise To Infamy (2015)

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Cowards – Rise To Infamy
Label: Throatruiner Records, 2015
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Sludge, Hardcore

Es ist kein Ton mehr, es ist Lärm – immer wenn sich die Gitarren aufbäumen und mit einer langen Nadel das Trommelfell zerstechen. Doch Cowards zielen mit ihrem Album „Rise To Infamy“ auch nicht auf angenehme Momente ab, sondern wollen eine Stunde in deinem Leben mit verdammt nochmal harter Musik an der Schmerzgrenze füllen! Die Band aus Paris nimmt dazu alle angestaute Wut aus den Vororten und ihrem eigenen Leben und baut darauf ein Album zwischen Metal und Hardcore.

Lieder wie „Frustration (Is My Girl)“ hauen in wenigen Minuten so viele Ausbrüche und Angriffe raus, dass man sich fast duckt. Immer wird geschrien, die Gitarren sind konstant weit aufgedreht und stark verzerrt, Schlagzeug und Bass ziehen mit Baseballschlägern durch die Gassen. „Rise To Infamy“ muss laut gehört werden, auch wenn deine Ohren deswegen sehr bald zu bluten beginnen. In nassen, dunklen und halb zerstörten Strassen benötigt man aber solche Ausraster um sich hörbar zu machen. Cowards drücken somit Sludge und Crust in die Löcher und zeichnen eine kalte und gnadenlose Atmosphäre. Von Anfang bis Ende gibt es kein Zurück – was dem Album aber nicht immer gut tut.

Denn mit all dieser Hau-Drauf-Mentalität verlieren die Stücke etwas ihre Wirkung, Cowards versinken im Chaos ihres eigens kreierten Wirbelsturms. „Rise To Infamy“ hebt sie nicht wirklich von anderen Platten aus diesem Gebiet ab, und das ist etwas schade. Denn gerade der Titeltrack beweist, dass die Band auf jeden Fall fähig wäre, grosse Songs zu schreiben. Hier schleppen sich die Parts von Ekstase zu Depression und verbinden alle Genres zu einem wunderbaren Bastard. Warum also nicht immer so?

Anspieltipps:
Frustration (Is My Girl), Birth Of The Sadistic Son, Wish For Infamy

Interview mit Khaldera – Musik und Landesmassen

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Khaldera Website / Facebook

Michael Bohli: Hallo Sven, besten Dank für die Möglichkeit eines Interviews und gleich mal: Gratulation zur neuen EP „Alteration„.
Sven Egloff: Hallo ebenfalls und Danke für die Lorbeeren.

Khaldera – ebenso ein Kontinent einer Spielwelt, in der nicht alles ganz normal zu und her geht. Wie weit passt ihr da mit eurer gleichnamigen Band rein? Erschüttert eure Musik die Erde?
Nach anfänglicher Verwunderung und einer Minute auf Google kann ich nur sagen, dass wir damit rein gar nichts zu tun haben und passen noch weniger in diese Welt als Nutella zu Essiggurken. Aber nichts desto trotz erschüttert unsere Musik natürlich immer ihre Umwelt, egal wo wir uns befinden .Es ist cool, dass wohl jemand dieselbe kreative Idee hatte wie wir.

Geografisch konkreter: Ist es für eine Band eine gute Ausgangslage, im Aargau seine Heimstätte aufzubauen?
Da wir das Glück hatten einen sehr guten Proberaum in der Nähe eines Bahnhofes zu finden – definitiv ja. Fabio und ich wohnen ausserdem nur knapp 5-15 Minuten vom Raum entfernt. Viel besser kann es daher aktuell nicht sein. Was Auftrittsmöglichkeiten angeht bestehen im Aargau nicht sehr viele geeignete Lokale für unsere Musik. Allerdings benötigen wir aufgrund der zentralen Lage auch nicht allzu lange, um beispielsweise nach Zürich, Basel oder Bern zu gelangen.

Eure Band existiert seit vielen Jahren, vor allem als bekannte Bewohner des Proberaumes. Wie habt ihr euren steigenden Bekanntheitsgrad erfahren ohne gross das Land zu bereisen?
Eigentlich haben wir das Land mit der Band noch gar nicht bereist und auch selbst sehr wenig Werbung betrieben. Man kann jedoch nur Leute erreichen, indem man Musik veröffentlicht und aktiv verteilt – heutzutage geschieht dies meist über das Internet. Da die erste EP von Aaron Harris (Palms, ISIS) abgemischt wurde, konnten wir über sein Netzwerk bereits Personen ausserhalb der Schweiz erreichen. Ich glaube, wir haben damit sogar mehr Leute aus anderen Ländern als Schweizer erreicht.
Für die zweite EP haben wir uns für die Zusammenarbeit mit dem Label Czar of Crickets entschieden, welches einiges an Promo-Arbeit geleistet hat. Dadurch konnten wir nun auch wieder neue Leute erreichen, ohne überhaupt ein Konzert gespielt zu haben – was uns natürlich freut.

Ist es möglich, in einer solch schnelllebigen Zeit mit nur zwei EPs in drei Jahren trotzdem in den Gedanken der Menschen zu bleiben?
Das ist schwer zu sagen, ich denke das kommt auf die Musik an. Wenn einem die Lieder gefallen und auch über längere Zeit fesseln, spielt man sie auch öfters ab. Mir persönlich spielt es keine Rolle, wie viel Material eine Band veröffentlicht – hauptsache ich kann gute Musik geniessen. Und bei der heutigen Fülle an guter Musik stellt sich mir manchmal eher die Frage, wann man das denn noch alles hören soll?

Existiert für euch – oder alle instrumentalen Metal-Bands – eine eigene Szene? Gelingt mit einem homogenen Publikum der Durchbruch oder wird dies durch diesen Umstand eher erschwert?
Die Existenz einer solchen Szene ist mir nicht bewusst. Wenn Sie bestehen würde, wäre sie in der Schweiz wahrscheinlich eher klein.

Was lange braucht wird endlich gut – welche Gründe verhindern bei euch das Loslassen der Lieder? Auf „Alteration“ spürt man den Anspruch an Perfektion, der auch oft erreicht wird. Steht man sich dabei aber nicht gerne selber im Weg?
Es gibt dafür keine spezifischen Gründe. Ich für meinen Teil mag es jedoch, wenn alles wie aus einem Guss klingt. Dies erfordert oftmals etwas mehr Hingebung und auch entsprechend Aufwand. Für uns ist schlussendlich aber das Endergebnis am wichtigsten und wir sind bestrebt nur Material zu veröffentlichen, mit welchem wir auch vollends zufrieden sind. Sich selbst im Weg stehen kann man teilweise durchaus. Wir haben aber inzwischen gelernt, radikaler zu sein wenn es notwendig ist. Es ist ausserdem hinzuzufügen, dass wir die letzten drei Jahre nicht alleine in diese EP investiert haben. In dieser Zeit haben wir auch bereits einiges an anderem Material zusammengestellt und wir können es kaum erwarten, es fertigzustellen.

Czar Of Crickets ist ein kleines Label mit ausgewählten Bands – wie kam eurer Kontakt zu Fredy zustande?
Für Alteration wollten wir eine andere Art von Produktion, Promotion und Vertrieb finden, gleichzeitig aber so unabhängig wie möglich bleiben. Es war uns ebenfalls wichtig, mit Leuten aus der Umgebung zu arbeiten, welche man auch effektiv treffen kann – jemand der unsere Musik versteht und weiss worum es geht.  Wir kannten Fredy Rotter (Labelmanager) von der Band Zatokrev und wussten, dass er erfolgreich sein eigenes Label betreibt und schon einige Alben heraus gebracht hat. Somit schrieben wir ihn einfach an. Er war von Anfang an sehr aufgeschlossen und für eine Zusammenarbeit bereit, und wir sind bisher auch sehr dankbar für seine Arbeit. Dank seiner Kontakte in Europa erreichen wir mit unserer Musik international Menschen, die wir ansonsten nur mit sehr viel Aufwand oder gar nicht erreicht hätten. Es hat uns auch bereits ein paar sehr gute Reviews, Interviews und sogar Konzertmöglichkeiten eingebracht.

Glaubt ihr, auf eurem Weg auch einmal Schnellschüsse zu wagen – oder bleiben Khaldera für ihre langsame, aber stets überlegte Vorgehensweise bekannt? Frech ausgedrückt, das erste Album 2017 oder 2025?
Wir sind sehr motiviert, das erste Album vor 2025 zu veröffentlichen. Wenn alles gut läuft, könnte es durchaus möglich sein, dass ihr es in 1-2 Jahren in den Händen haltet. Wir wollen aber noch keine Versprechungen machen.

In eurer Biografie steht, dass ihr vorläufig eine instrumentale Band seid. Schwirren denn Gedanken im Raum herum, es in Zukunft auch mit Stimmen zu versuchen?
Wir schliessen grundsätzlich nichts aus, wenn uns eine Idee gefällt und haben auch schon über Experimente diskutiert. Sofern wir der Musik mit Gesang effektiv etwas hinzufügen und gleichzeitig auch das Gefühl eines Songs einfangen und übermitteln könnten, ist es definitiv eine Option für uns. Die Zeit wird zeigen, ob sich etwas ergibt.

Besten Dank für das Interview.
Vielen Dank auch dir.

Baroness – Purple (2015)

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Baroness  – Purple
Label: Abraxan Hymns, 2015
Format: CD in Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Sludge Metal, Alternative, Prog-Rock

Manche Menschen müssen unglaublich viele Rückschläge einstecken und machen trotzdem weiter. Das Leben ist zu schön, um es wegzuwerfen, um aufzugeben. So erging es auch dem Frontmann John Baizley von Baroness, erlitt die Band doch 2012 einen schweren Unfall mit ihrem Bandbus, auf den eine schwierige Zeit der Genesung und Umstrukturierung – Musiker verliessen die Band, Baizley wird bis heute an seinen Verletzungen leiden. Da reibt man sich schon verwundert die Augen, wenn man „Purple“ auflegt. Das Album ist für die Gruppe nicht nur eine Rückkehr zur grossen Form, sondern ein Zeichen für die Lebensfreude und Kraft.

Als Baroness 2012 mit „Yellow & Green“ ihre Musik öffneten und den Sludge und ihre wilden Prog-Sprengsel mit ruhigeren Seiten neu aufbauten, wollte nicht alles super klappen. Irgendwie war der alternative Rock zu zahm aufgezogen, die Scheibe blieb hinter ihren Vorgängern zurück. „Purple“ weiss den Farbkasten nun aber vielfältig zu halten und die einzelnen Töpfe gelungen zu kombinieren. Gleich von Beginn an drescht die Band wild los, um ausgeklügelt die Lieder in unabsehbare Richtungen gleiten zu lassen. Die Stücke haben ein grosses Momentum, Riffs und Drumpattern reissen den Hörer mit und lassen ihn auch bei abenteuerlichen Takt- und Rhythmuswechsel nicht aus der Bahn fallen. Im Hintergrund brodelt dazu seine geschickte Elektronik, die leichtfüssig um die Musiker herum tanzt. So wirken wie Lieder nie erdrückend, auch wenn Baroness sich textlich an schwierige Zeiten wagen. Songs wie „Kerosene“ wirken dabei nie plakativ, sondern ergänzen sich mit instrumental gehaltenen Passagen – ein lockeres Licht stellt dabei „Fugue“ dar.

Die Band hat es somit geschafft, schwere Kost und eingängige Songbauerei ineinander zu verstricken, ohne Fehler zu machen. „Purple“ ist nicht nur eine der besten Scheiben von Baroness, sondern auch ein spätes Highlight des Jahres 2015. Die neuen Musiker fügen sich perfekt ein, Sludge, Prog, Rock und Alternative sind homogen vermengt. Grossartig erdacht und makellos ausgeführt, so geht harte Musik!

Anspieltipps:
Shock Me, Kerosene, If I Have To Wake Up (Would You Stop The Rain?)

Abraham / Coilguns – Split (2014)

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Abraham / Coilguns – Split
Label: Hummus Records, 2014
Format: 12inch, mit CD, Dankeskarte und Bild
Links: Discogs, Abraham, Coilguns
Genre: Sludge-Metal, Doom, Hardcore

Crowdfunding-Seiten im Internet sind schon eine tolle Sache. Da kann man stundenlang rumstöbern, kreative Projekte begutachten und sein Geld an viele liebe Menschen verteilen. Oft entdeckt man dabei auch gute und bisher unbekannte Musik, so geschehen auch bei der neuen Split-Single von Abraham und Coilguns. Die beiden Schweizer Metalbands haben sich für eine Platte zusammengetan und diese, dank der zahlreichen Unterstützung von Fans, in Mexiko aufgenommene Musik auf Hummus Records veröffentlicht. Das Endprodukt wurde sehr liebevoll gestaltet und beinhaltet in meiner Variante nicht nur das Vinyl, sondern auch noch die Split als handgefertigte CD, eine Dankeskarte und ein sehr schön gezeichnetes Bild. So sehen Belohnungen aus.

Abraham legen auf der ersten Seite mit weniger hübschem, aber sehr intensivem und schleppendem Sludge Metal los. Der 16 Minuten lange Track kriecht wie ein Zombie ohne Beine dem Boden entlang, immer weiter in deine Richtung. Egal wie schnell du davonrennst, bei der nächsten Wegbiegung ist das Monster wieder vor dir. Kurze Stellen zum Luft holen nützen auch nichts, die depressive und rabenschwarze Musik vernichtet alle Hoffnung und verschliesst jeden Ausweg. „Chasing Dragons, Chasing Light“ ist sehr intensiv und episch, eine gewisse Nähe zu ISIS lässt sich nicht verleugnen. Besonders bei wiederholtem Hören entfaltet sich die ganze Wucht des Songs.

Coilguns wüten auf der zweiten Seite da schon um einiges brachialer. Das ehemalige Spassprojekt, welches aus Luc Hess und Jona Nido besteht, experimentiert gerne mit verschiedenen Stilen und Musikern. Nebst Metalausbrüchen finden sich in den drei Liedern auch die wilden Seiten des Hardcore, ruhiger Rock aus vergangenen Jahrzehnten und leise Momente. „Drainers“ prügelt sofort auf dich ein, und obwohl du deine Hände erhebst und wimmerst, dass du unschuldig bist, zeigen Coilguns keine Gnade. Mit ihrem langen „The Archivist“ wischen sie sich die blutigen Knöchel an der alten Backsteinwand ab und schleicht weiter durch die düsteren Strassen. Mit viel Geräusch und Einspielungen erinnert der Anfang dabei an Ambient, um dann wieder mit tollen Gitarrenriffs deine Fresse zu zerschneiden und gegen Schluss kopfschüttelnd abzurocken.

Hummus Records haben mit dieser Split eine starke Veröffentlichung in ihr Programm aufgenommen und viel Herzblut bei der Verarbeitung bewiesen. Beide Bands lohnen sich, genauer betrachtet zu werden und ich konnte im düsteren Verlies des Metal wieder weitere Türen öffnen.

Anspieltipps:
Chasing Dragons, Chasing Light (Abraham), The Archivist (Coilguns)

Das dazu passende Getränk:
Bier! (Bei Coilguns mit einem Schuss Tabasco)

https://hummusrecords.bandcamp.com/track/drainers