Schlager

Wanda – Niente (2017)

„Weiter, weiter“ eröffnet das dritte Album der Wiener Schlager-Schmuddel-Popper – und versucht damit den Elan der bisherigen Veröffentlichungen mitzureissen. Das ist eigentlich gar nicht so schwierig, haben Wanda in den letzten Jahren schliesslich zu Recht riesige Erfolge gefeiert und ihre leichtfüssigen Lieder mit schwermütigen Texten durch halb Europa getragen. Nun soll also der Hattrick komplettiert werden, doch irgendwie ist auf „Niente“ etwas der Wurm drin. Oder klingt bloss langsam der Rausch ab?

An der Grundformel hat die junge Band um Sänger Michael Marco Fitzthum (der auch hier wieder lasziv, leidend und augenzwinkernd seine Worte in unsere Ohren legt) nichts gross geändert. Gitarre und Orgel kreieren lockere Melodien, die Rhythmussektion festigt alles mit geradlinigen aber doch tanzbaren Takten, dazu ein paar Streicher. Wanda haben ihre Nische gefunden und graben darin weiterhin nach Diamanten – wie „0043“ oder „Schottenring“. Was aber „Niente“ anders macht: Es legt sich nicht mehr mit dir in der dunklen Gasse an.

Während auf „Amore“ und „Bussi“ noch der Dreck regierte, die dunklen aber erotischen Sprüche, dann sind hier die Versöhnung und die Umarmung vorrangig. Wanda zelebrieren plötzlich die angenehmen Erinnerungen und vergessen in ihren Songs die reizvollen Schönheitsflecken. Somit ist „Niente“ zwar weiterhin ein Lausbub, der genau weiss, mit was für Hooks er uns packen kann, wird aber immer im Schatten seiner älteren Bruder stehen.

Anspieltipps:
0043, Schottenring, Ich sterbe

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Hurts, Maag Halle Zürich, 16-02-22

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Hurts
Support: Anna Känzig
Montag 22. Februar 2016
Maag Halle, Zürich Hardbrücke
Bilder: Miriam Ritler

Man fühlte sich etwas wie in einer Skizze von Anton Corbijn gefangen. Eine farblich auf Schwarz und Weiss beschränkte Bühne, Metallkäfige und harte Strobolichter, Leuchtstoffröhren und Spiegel. Wer dabei nun an die legendäre „Devotional“-Tour von Depeche Mode denkt, der ist kein Schelm, sondern erkennt die Anleihen klar. Was Hurts an ihren Konzerten bieten, war und ist auch bei den Legenden des Synth-Pop nicht falsch. Harte Klänge aus den Keyboards neben Soul-Gesang, schwarze Anzüge neben verschwitzten Oberkörpern, riesige Refrains neben leisen Mittelteilen.

Hinter und inmitten der gewaltigen Lichtshow – welche besonders die eingängigen Zeilen überlebensgross machte und die Gestik von Sänger Theo Hutchcraft unterstrich – befand sich eine komplette Band. Diese macht Hurts verdient grösser und wandelt die Lieder für die grossen Bühnen perfekt um. So wurde man gleich von Beginn an von der Wucht des Klanges niedergedrückt und die Maag Halle bebte unter Hits wie „Better Than Love“. Wenn sich zu diesen Bandklassikern alle Zuschauer bewegten, hüpften und lauthals mitsangen, dann war das Konzert super. Doch leider folgten auf jeden dieser Eindrücke etwa drei schlechtere. Hurts kämpfen seit ihrem Debüt mit dem Umstand, dass ihre Musik immer stärker in den irrelevanten Pop des Massengeschmacks abdriftet. Oft hat man den Eindruck, die Band halte sich absichtlich zurück, nur um ihre Fans nicht vor den Kopf zu stossen. Böse ausgedrückt könnte man sogar von Electro-Schlager sprechen, der Kitschanteil wird erdrückend. Leider war gerade der Konzertbeginn schleppend und vernichtete gleich selber die düstere Gestaltung der Bühne. Was bei Depeche Mode damals ehrlich und kaputt war, ist bei Hurts leider unentschlossen und eher Fassade. Trotzdem, gerade die Überspitztheit und das masslose Auftreten der Band hatte seinen Reiz. „Rolling Stone“, „Somebody To Die For“, „Wonderful Life“ und natürlich „Stay“ liessen viele Menschen in Glückseligkeit zurück.

Anna Känzig gab sich in der Präsentation eher zurückhaltend, leitete den Abend aber gelungen ein. Die 31-jährige Schweizerin präsentierte im Vorprogramm ihr neustes Album und bezauberte nicht nur mit ihrem Aussehen. Ihre Musik klingt wie eine Mischung aus allen Einflüssen im damaligen Kinderzimmer – so traf 80er-Pop auf Kate Bush und Florence + The Machine tanzten mit. Gut gemachter Pop, der oft auch mehr versuchte. Gewisse Lieder lösten bei mir Erstaunen und sogar Gänsehaut aus, die Lieder drifteten in Richtung Peter Gabriel. Obwohl die Musik wie bei Hurts nicht sehr organisch war, klang die Gruppe doch ehrlicher. Beim letzten Lied öffneten sich alle Schleusen und eine gewaltige Klangflut schwemmte die Halle. Eine perfekte Überleitung zum folgenden Bombast, und die beste Werbung für Anna Känzig.

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Live: Wanda, Volkshaus Zürich, 16-02-17

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Wanda
Support: Kent Coda
Mittwoch 17. Februar 2016
Volkshaus, Zürich

Ausverkauft, vollgepfercht und in ausgelassener Stimmung – wenn Wien nach Zürich kommt, dann kennt man keine Grenzen mehr. Das Leben schränkt schliesslich zur Genüge ein, immer diese Regeln und Umgangsformen die man einhalten muss. Dabei leidet man doch oft unter der Liebe, dem Tag danach und all den Vorstellungen anderer Menschen. Sind doch alle gleich verrückt und verloren. Teil einer Jugendbewegung? Nein danke, wir feiern Amore und unsere Melancholie in der Flasche. Wir tanzen auf den zerbrochenen Träumen und stürzen uns in das nächste Abenteuer.

Und wie gefeiert wurde. Wanda, die Indie-Rock Sensation aus Österreich hat auch bei uns eingeschlagen und landet Erfolg um Erfolg. Die Tour zum neusten Album „Bussi“ machte bereits 2015 in Zürich Halt, für alle Glücklosen folgte nun ein zweiter Auftritt im grösseren Volkshaus – selbstverständlich wieder ausverkauft. Bereits ab der ersten gespielten Note war im Publikum ein Tumult, es wurde getanzt, gesungen und gelacht. Kein Wunder, denn die Lieder von Wanda sind eingängig, schelmisch und schmuddelig. Dank den wunderbaren Texten auf Wienerisch kann man lauthals mitgröhlen und fühlt sich direkt angesprochen. Ob man nun Schnaps trinkt, auf den Gassen wankt oder fremde Städte mit Liebe besucht – hier sind wir alle im gleichen Boot und geben bestimmt nicht auf.

Auch musikalisch versprühen Wanda eine unwiderstehliche Mischung aus Rock, vergangen Tugenden und modernen Weltsichten. Es wurde oft geschrieben, dass dies wohl eine der letzten, definitiven Rock-Bands sein wird. Eine Aussage, die man auch nach dem schweisstreibenden Auftritt in Zürich nur unterstreichen kann. Sänger Michael Marco Fitzthum kam in weissem Anzug auf die Bühne, nur um sich bald immer mehr zu entkleiden und dann ein Bad in der Menge zu wagen. Eine Rampensau die gerne Mal Feuer im Publikum holt, und dann im Saal eine Zigarette anzündet. Dies veranlasste auch das Publikum die Regeln zu brechen, der Nebel von der Bühne mischte sich mit Rauch. Ein Unterton, wie die Orgel zwischen den Gitarren, wie der Schmutz zwischen den Küssen. Ein Erfolgserlebnis vom ersten bis zum letzten Klang, Wanda sind grossartig.

Erstaunlich gut waren auch Kent Coda, die den Abend im türkischen Stil einleiteten. Aus Köln stammend, brachte das Trio hitzige Rhythmen und gesangliche Abenteuer in das Volkshaus. Für einmal war das Gebäude nicht in der Schweiz, sondern in der Türkei angesiedelt. Und als die Band dann noch „Bologna“ vom Hauptact coverte, liessen alle Zuschauer die Hände in die Luft gleiten und waren bereits jetzt in der Glückseeligkeit angekommen.

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Wanda – Bussi (2015)

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Wanda – Bussi
Label: Vertigo, 2015
Format: Doppel-Vinyl im Gatefold, 7inch, Kleber, Karten
Links: Discogs, Band
Genre: Indie, Rock’n’Roll, Schlager

Nach dem Sex wird gekuschelt und es gibt verträumte Küsse. So spielt es sich zumindest meist in der Realität ab, wieso also nicht auch bei der Musik? Die österreichische Sensation Wanda aus Wien erzeugt mit ihrem zweiten Album nämlich nun genau diese Wirkung. Das Debüt „Amore“ war Ende 2014 eine Explosion im Bereich des schunkelnden Indierock und liess so manchen Hörer errötet und verschwitzt zurück. Umso erfreulicher und erstaunlicher, dass nun mit „Bussi“ bereits neues Material auf dem Plattenteller landet. Also, Zigaretten anzünden und heraus mit dem Schmäh.

Das Album ist in seiner Form wie eine direkte Fortsetzung der letzten Veröffentlichung. Die Gruppe hat am Klangbild und der Präsentation nichts gross verändert, allerdings kommen die Songs nicht mehr ganz so ungestüm daher. Voller Verlangen nach wie vor, aber die Musiker konnten sich etwas beruhigen. Toll ist, dass die plakative und direkte Art beibehalten wurde. Wanda nehmen kein Blatt vor den Mund und singen Sätze wie „Alkohol macht süchtig / Macht mich krank / Der Priester sagt mir ‚Bück dich, / stell dir vor wir sind am Strand'“. Wer getraut sich dies sonst noch, wenn er solche Massen bewegt und begeistert? Wobei natürlich zu sagen ist, dass der Schmutz und die Schmuddligkeit schon immer wichtiger Bestandteil der Wiener waren. Egal ob es nun ums Saufen geht, um Sex oder andere Dinge, die Herzschmerzen vergessen lassen, mögliche Doppeldeutigkeiten sind oft eigentlich eindeutig. Nachdenken muss der Hörer nicht stark, darf sich aber umso mehr die Seele aus dem Leib singen. Und immer wieder an „Amore“ denken, was gerne zitiert und mit Referenzen bedacht wird. Genau so wundervoll simpel hält sich die Instrumentierung. Lied um Lied präsentieren sich die Melodien als hibbelige Mischung aus Rock, Indie und Schlager. Gitarre und Orgel geben die Stimmung vor, Schlagzeug und Bass rumpeln hinten nach. Verziert wird alles mit viel Chorgesang, Parolen und dem grossartigen Wiener Dialekt. Für manche wohl ein Hassgrund, für mich immer ein Moment zum Jubeln.

Wanda ist eine Musikgruppe der Art, die es eigentlich nicht mehr gibt. Ein neues Album folgt nach weniger als einem Jahr, sie sind ähnlich in Stimmung und Klang, aber schaffen es trotzdem eine Erweiterung zu sein. Und obwohl die Dichte der offensichtlichen Hits bei „Bussi“ etwas abgenommen hat, das Album ist in der Gesamtwirkung umso geschlossener und homogener. Somit wäre „Bussi“ auch mit „Amore“ zu einem Doppelalbum kombinierbar, die Leber verdankt aber den getrennten Konsum. Aber warum diesen Text lesen, wenn man auch hören und trinken kann?

Anspieltipps:
1, 2, 3, 4, Alarm!, Das Wär Schön