Prog

Isildurs Bane & Steve Hogarth – Colours Not Found In Nature (2017)

Isildurs Bane & Steve Hogarth – Colours Not Found In Nature
Label: Ataraxia, 2017
Format: CD im Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Rock

Dass Isildurs Bane aus Schweden endlich wieder ein Album veröffentlicht haben, ist schon für sich eine kleine Sensation. Denn seit 2003 durfte man kein neues, vollwertiges Werk der wandelbaren Progressive Rock Band mehr entdecken – und jetzt ist die Gruppe, welche sich 1976 gegründet hatte, mit neuem Sänger zurück. Kein geringerer als Marillion-Frontmann Steve Hogarth hat sich für „Colours Not Found In Nature“ Texte ausgedacht und darf diese auch in seiner unvergleichlichen Art darbieten.

Das ist nicht nur ein Glücksfall für alle Fans von Marillion, sondern auch die perfekte Ergänzung der Musik von Isildurs Bane. Das Album pendelt zwischen modernem und vielschichtigem Art-Rock, Jazz-Passagen wie in den glorreichen Zeiten von Zappa und reduziertem Kammerspiel. Das Kollektiv jongliert mit Marimba, Streicher, Klarinette und der klassischen Rock-Besetzung – und zaubert damit emotionale Melodien, meisterhafte Arrangements und weite Kompositionen.

Herzstück ist der Longtrack „The Love And The Affair“, bei welchem die elegische Art von Steve Hogarth die Klangspiele zwischen düsteren Angriffen und versöhnlichen Öffnungen perfekt ergänzt. Seine Geschichten verleihen der Musik von Isildurs Bane eine neue Tiefe und etwas mehr Eingängigkeit. „Colours Not Found In Nature“ ist somit nicht nur für alte Begleiter der Schweden ein Muss, sondern auch eine der schönsten Prog-Scheiben in diesem Jahr.

Anspieltipps:
The Random Fires, The Love And The Affair, Incandescent

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Aubrey Powell – Vinyl. Album. Cover. Art. (2017)

Aubrey Powell – Vinyl. Album. Cover. Art.
Verlag: Thames & Hudson, 2017
Autor: Aubrey Powell
Seiten: 320, Hardcover
ISBN: 978-0500519325
Link: Goodreads

Es gab wohl selten ein Designstudio, das sich innerhalb kürzester Zeit einen solch grossen Namen gemacht hat wie Hipgnosis aus England zwischen 1967 und 1984. Kaum eine bekannte Rockband aus dieser Zeit kann nicht mindestens ein Album- oder Single-Cover dieser Schmiede vorweisen – gewisse verdanken den grafischen Künstlern sogar einen Grossteil ihres Vermächtnisses. So wären die Platten von 10cc, Wishbone Ash oder natürlich Pink Floyd wohl nie so auffällig gewesen, wie sie es auch heute immer noch sind. Und mit „Vinyl. Album. Cover. Art.“ erhält man nun endlich die Gelegenheit, das komplette Schaffen von Hignosis in einem Band zu betrachten.

Zusammengestellt und kommentiert von Aubrey Powell, dem einzig überlebenden Gründer des Studios, darf man hier tief in das Schaffen der Meister eintauchen und auf 480 Abbildungen alle Kunstprojekte bestaunen. In schlichtem, aber funktionalem Layout werden nicht nur die Cover aufgelistet, sondern auch aufgeklappte Bilder von Gatefolds, Label der Schallplatten oder Inlays gezeigt. Neugierig und voller Heisshunger auf kunstvolle Gestaltung blättert man von einer Ikone zur anderen – man denke nur an das Prisma von „Dark Side Of The Moon“ oder das geschmolzene Gesicht von Peter Gabriel.

Dieser Musiker hat dem wunderbaren Bildband auch gleich ein Vorwort beigesteuert, verdankt er den Herren Powell, Storm Thorgerson und Peter Christopherson nicht nur einen visuellen Leitfaden in seinem Soloschaffen, sondern auch einen Gegenpol zur progressiven Musik. Denn Vorreiter in der Bildbearbeitung und der Komposition war Hipgnosis immer. Toll, dass man bei „Vinyl. Album. Cover. Art.“ auch noch einen Making-Of-Text und einen kurzen geschichtlichen Überblick erhält. Man blickt also nicht nur erneut auf die Äusserlichkeiten von Led Zeppelin, T. Rex oder Genesis, sondern taucht hinter die Schichten aus Fotografie und Malerei.

Das Buch ist somit nicht nur ein Muss für Sammler von Vinyl, sondern auch eine perfekte Ergänzung des Sachbuchregals und Kulturhistoriker. Und auch wenn das Studio Hipgnosis so heute nicht mehr existiert, ihre Erzeugnisse werden für alle Ewigkeit auf dem Olymp des guten Musik-Designs stehen. Und dank „Vinyl. Album. Cover. Art.“ auch endlich chronologisch und komplett.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bjørn Riis – Forever Comes To An End (2017)

Bjørn Riis – Forever Comes To An End
Label: Karisma Records, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Art-Rock

Wenn es einen Mitarbeiterpreis für den am schwersten arbeitenden Gitarristen unter den Musikern gäbe, mit „Forever Comes To An End“ hätte sich Bjørn Riis diesen auf jeden Fall verdient. Und ein solches Diplom würde sich bestimmt neben all den Fanpostern an den Wänden im Studio gut machen – denn auch mit seinem zweiten Soloalbum zeigt der Gitarrist von Airbag, dass er aus lebenslangen Inspirationen wunderbare Art-Rock-Songs schneidern kann. Natürlich immer voller Saitenzauber und sphärischen Wirkungen.

Es wird schnell klar, dass in Stücken wie „The Waves“ oder dem Titellied eine grosse Anzahl von guten Geistern lauert. Bjørn Riis lässt harte Riffs erbeben wie bei Porcupine Tree oder Black Sabbath, gleitet dann aber auch auf wohlklingenden Wellen wie bei Pink Floyd oder Marillion über die schlafenden Landschaften. „Forever Comes To An End“ ist also nicht nur die träumerische Weiterführung bekannter Traditionen, sondern auch die Demonstration der technischen und künstlerischen Fähigkeiten des Musikers.

Wenn man zwischen Keyboardflächen und Akkordwechseln eintaucht, dann muss man sich nie Sorgen um Luftmangel machen. Die Kompositionen von Bjørn Riis haben viel Freiraum und erdrücken den Hörer nicht mit wichtigtuerischem Abgrasen von Griffbrettern. Viel mehr geben sich atmosphärische Höhenflüge und Stakkato-Angriffe zärtlich die Hand und freuen sich auch, wenn in Liedern wie „Where Are You Now“ Gesang erklingt. Das tut dem meist instrumental gehaltenen Album sehr gut und verleiht dem Auftritt eine tiefere Ebene. Somit ist das Werk bereits nach wenigen Durchgängen nicht nur für Gitarristen eine wundervolle Meditation.

Anspieltipps:
Forever Comes To An End, The Waves, Where Are You Now

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Coheed And Cambria, Z7 Pratteln, 17-06-13

Coheed And Cambria
Support: Dinosaur Pile-Up
Dienstag 13. Juni 2017
Z7, Pratteln

Noch einmal Luft holen, dann los. “Good Apollo, I’m Burning Star IV, Volume One: From Fear Through the Eyes of Madness” – was bei anderen Bands schon für ganze Songtexte reichen würde, wird hier erst einmal zum Albumtitel. Und wenn dann auf der Tour noch der Zusatz “This Is Not A Beginning / Neverender GAIBS IV” angefügt wird, dann ist klar, bei Coheed And Cambria spielt der Inhalt weiterhin eine grosse Rolle. Ganz vergessen wird das Konzept “The Amory Wars” eh nie sein, bei einer Jubiläumstour mit komplett gespieltem Album wird dann auch das komplette Fanprogramm ausgepackt.

Wenn sich die Emo-Progger aus den USA wieder einmal in der Schweiz zeigen, dann gibt es auch einen Grund zum Feiern – und der war hier die Darbietung des dritten Studioalbums der Band. Und obwohl dies nicht unbedingt riesige Massen in das Z7 in Pratteln lockte, waren die Anwesenden dafür umso erfreuter und lauter. Coheed And Cambria haben sich über die Jahre eine starke Fanbasis erarbeitet und dies sorgte auch am Dienstagabend für eine wunderbare Stimmung. Somit fiel nicht weiter auf, dass sich die Band praktisch nie an das Publikum wandte, sondern “GAIBS IV” ohne grosse Pausen in korrekter Reihenfolge spielte.

Und das bedeutete harte Riffs, Gesang wie in den wildesten Emo-Zeiten, ausufernde Lieder und eine Gnadenlosigkeit wie beim Hardcore. Mit Progressive Rock im eigentlichen Sinne hatten Coheed And Cambria nie viel zu tun, vielmehr versuchen sie ihre Weltraum-Saga mit Pop-Anleihen und diesen unglaublich eingängigen Rhythmen frisch und modern zu präsentieren – was auch in der Konzertfabrik während des gesamten Auftrittes zu spüren war. Dank Chorgesang und mehrstimmig gespielten Gitarrenmelodien hielten sich die Fans aber auch immer wieder in den Armen und liessen nicht nur Frontmann Claudio Sanchez grinsen. So unendlich weit ist das All also doch nicht.

Etwas geradliniger und vor allem viel verzerrter gab sich das Trio Dinosaur Pile-Up aus London. In einer schreiend lauten, aber nicht unattraktiven Mischung aus Grunge, Post-Punk und Emo stapelten sie alte Helden wie Nirvana oder Smashing Pumpkins zu krachenden Songs. Immer mit vollem Tempo und Energie liessen sie die Saiten brennen und waren damit zwar nicht filigran, aber doch erfrischend anders. Vielleicht eine etwas abenteuerliche Wahl als Support von Coheed And Cambria, aber damit auch ein jugendlicher Aufbruch der konzeptuellen Kunst.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Roland Bühlmann – Bailenas (2017)

Roland Bühlmann – Bailenas
Label: Eigenveröffentlichung, 2017
Format: CD
Links: BandcampFacebook
Genre: Progressive Rock

Man sollte es ja langsam wissen, die Geschichte wiederholt sich in gewissen Abständen. Somit ist es eigentlich nicht weiter verwunderlich, dass sich eine Anekdote des Progressive Rock aus den Siebzigern nun erneut abspielt – wenn auch dieses Mal in der Schweiz. Roland Bühlmann wandelt mit seinem zweiten, eigens produzierten und veröffentlichten Album „Bailenas“ nämlich in den grossen Spuren von Mike Oldfield. Und dabei stellt sich der Herr mehr als gut an und zaubert auf diversen Instrumenten!

Stilgerecht auf der Innenseite des Digipak aufgelistet findet man hier aber keine Tubular Bells, sondern eine Emmentaler Halszither (Hanottere), das israelische Blasinstrument Shofar und sogar Steine aus der Emme. Roland Bühlmann fabriziert mit viel Fantasie und kompositorischer Finesse daraus im Verbund mit elektrischen Gitarren, Bässen und Drumcomputer lange und sich stark wandelnde Lieder. Ohne Gesang oder Samples gleitet „Bailenas“ dahin und schüttelt dabei immer wieder faszinierend sein Haupt.

Lieder wie „Rougeoyer“ oder das ruhig startende „Pange Chorda“ müssen dabei nie in super-komplexe Gefilde abdriften, sondern betören mit den vielschichtigen Melodien. Prog im Verbund mit Post-Rock und folkigen Einfällen – Roland Bühlmann beweist sich erneut als intelligenter Künstler. Nie klingt das Album nach nur einem Mann, nie enden die Lieder in der Bedeutungslosigkeit. Mit „Bailenas“ liegt endlich wieder einmal ein wunderbares und tiefer gestaltetes Rock-Album aus der Heimat vor.

Anspieltipps:
Bailenas, Rougeoyer, Pange Chorda

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview with Wheel – A New Prog Metal Force

Interview mit: James Lascelles – Gitarrist bei Wheel.

Es tut sich etwas im Norden: Nachdem viele Länder bereits beweisen konnten, dass Progressive Metal auch in der heutigen und modernen Zeit funktioniert, gibt es mit Wheel nun endlich ein Paradebeispiel aus Finnland. Mit ihrer ersten EP „The Path“ legten sie drei Stücke vor, die sich hören lassen können. Poly-Rhythmik, druckvolle Produktion und viele Anleihen bei bekannten Gruppe. Zeit für ein paar Fragen.

„The Path“ is your first release – I guess this must be a relief after all this hard work?
It definitely is; we are really happy with the recordings, especially as we tracked everything in only two days. We are looking forward to see how people react to our music.

Your music sounds wide, deep and modern. But there are only 3 tracks on „The Path“. Why did you choose this format instead of a regular album?
These tracks laid the framework for the stylistic direction we collectively wanted to go in and after significant reinvention, the songs have evolved into what we are releasing on 21.4. Releasing the three songs together on an EP felt like the right way to do it.

You have been playing live together since 2015. Is it difficult to transport the energy from the stage to the studio?
Not at all; it is a different kind of battle than a gig though. We are extremely organised with recording and make sure that we know exactly what we want to play before we set foot in the studio. All of the writing / structuring etc happens in the practice room beforehand, allowing us to focus fully on getting the best possible takes in the time we have during the tracking phase.
There is something immensely satisfying about completing a recording and hearing the composition as a whole; I think this is a major drive for all of us and it definitely helps to keep us motivated and energised in the studio.

Finland is not best known for its prog-scene. How did the sound of Wheel evolve?
All of us are long term fans of a range of different prog music and bands. I discovered Tool when I was 16 and a studio engineer gave me a director’s commentary of the Aenima album; it really opened my eyes to how creatively structure, poly-rhythms and dynamics can be used to the most dramatic effect in song writing – I have been hooked ever since.
There is a real sense of freedom when writing progressive music as many of the limitations that other styles can face are removed from the conversation. We can produce much longer and bigger songs than bands playing other styles of music, rather than having to keep things around the 3-4 minute length. Additionally, we are not trying to write music to dance to, so using abstract time signatures and other interesting writing elements is much more acceptable.
More than anything, we want to write the best and most interesting music we possibly can and continue refining the process indefinitely.

To be frank – songs like „Farewell“ sound very much like A Perfect Circle. Were bands like them a big inspiration?
They absolutely were. This first EP was written at a time where pretty much all I listened to was Tool, A Perfect Circle and Karnivool and I am sure listeners will pick up on these influences when they listen to the EP. These are still three of my favourite groups of all time and have definitely had a major impact on the music we produce.

Would you say the Finnish countryside had also influence into your work or are you more focused on live in urban areas?
Finland is a beautiful country with some amazing people in it; I have lived here for 7 years and can’t imagine living anywhere else. However, all four of us live in the Greater Helsinki area so truthfully, I don’t think the Finnish countryside has had any impact on our music so far!

Prog is becoming a new force with groups like Volta, Periphery or Leprous. Is it a new dawn and era, and will it last?
This is a great question. The prog scene has had a second-wind in the recent past and it is a truly vibrant scene to be part of; there are some great new bands out there doing some awesome stuff with the style we love; reassuringly, there is still a market for prog!
Speaking more broadly though, so much has changed within the music industry over the past fifteen years that it is very hard to see any of this change, (with new prog bands) as being permanent. Small-medium sized venues seem to be shutting down increasingly year after year which is removing a channel for new bands to enter the scene, record labels (in Finland at least) have the bulk of their resources tied up in reality television such as Idols, preventing them from having the capital to invest in more ‚artsy‘ music and in most countries, physical music sales are disappearing or have disappeared. This doesn’t mean that it is impossible for new bands and that there aren’t paths for them to follow if they want to make music professionally but it feels increasingly like there is no road map for young people to use if they want to do so.
On the positive side, there has been a flood of new channels and methods to distribute music over the past ten years and communicating directly with a band’s fan base has never been so easy. If bands can use these tools to their full potential, there are still ways to get people to hear new music and for a band’s fan base to grow.

Which partners in crime would be the best for a blasting prog tour through Europe?
There are a huge list of bands we would like to play with; off the top of my head, we would love to tour with Tool, A Perfect Circle, Karnivool, Meshuggah and Steven Wilson.

Is the wheel always turning?
The wheel never stops turning and we wheely hate bad puns.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir in deutscher Übersetzung.

Live: Riverside, Z7 Pratteln, 17-05-10

Riverside
Mittwoch 10. Mai 2017
Z7, Pratteln

Wiedergeburten, oder eher Neuanfänge, sind schwierig – zu vieles erinnert an die vergangenen Zeiten, zu schwer lasten die Gefühle auf dem Herzen. Für die polnische Progressive Rock Band Riverside war es gar noch schwerer, ihre aktuelle Tour in Angriff zu nehmen – verstarb doch im Februar 2016 ihr Gitarrist Piotr Grudziński. Lange war unsicher, wie die Zukunft der Gruppe aussehen würde. Nun können wir alle kollektiv aufatmen, denn die Reise geht weiter. Für ihre aktuelle Konzertreihe hat sich das Trio Maciej Meller für die Saitenzauberei ins Boot geholt und besuchte somit in neuer Formation und mit radikal geänderter Setlist das Z7.

Dies war auch nötig, denn nicht nur zwischen den Musikern herrschen nun andere Emotionen, auch das Publikum in Pratteln war sich bewusst, dass dieser Auftritt von einer gewissen Trauer begleitet werden würde. Egal wie oft man Riverside schon zugejubelt hatte, es tat weh Mariusz Duda, Piotr Kozieradzki und Michał Łapaj mit diesem Wissen entgegenzutreten. Sich dessen bewusst, wandte sich die Band gleich zu Beginn an die Leute und erklärte sich und ihre Hoffnungen und den Abend – welche sich dann auch alsbald bewahrheiteten. Man wurde Zeuge eines selbstbewussten, gefühlvollen und energiegeladenen Auftrittes. Wie es bereits Heraklit sagte: „Alles fliesst.“ Und so wirkte auch die Musik an diesem Abend.

Umrahmt von dem wunderschönen „Coda“ tauchten Riverside in ein Set voller langer, ausdrucksstarker und progressiver Liedern ein. Gleich zu Beginn führten uns lange Tracks wie „Second Life Syndrome“ oder „Caterpillar and the Barbed Wire“ vor Augen, dass die Polen zu Recht als eine der besten Bands im Bereich des modernen Art-Rock gelten. Was diese Herren zu viert auf die Beine stellen, ist extrem berührend und umwerfend. Fantastische Songstrukturen, grossartige Harmonien und wild ausufernde Instrumentalstellen – gepaart mit dem bezaubernden Gesang von Duda. Egal ob sich stetig steigernd wie bei „Escalator Shrine“ oder sofort pochend wie bei „02 Panic Room“, mit jeder Minute stieg die Stimmung in der Konzertfabrik.

Alsbald wurde aus Zweifel und Schmerz ein neues Gefühl des Aufbruchs, der Hoffnung und der Liebe. „Towards the blue horizon / We could open minds / Let me tell you a story / About you and me in those days / We just lived our lives“ – Riverside fanden die perfekte Mischung aus Rückschau, Gegenwartsfestigung und Herantasten an die kommenden Jahre. Und egal was noch passieren wird, solche wundervolle Konzerte wie dieses wird uns nie mehr jemand nehmen können. Es stimmt halt schon, was Duda am Ende noch anmerkte – zwischen dieser Band und den Fans ist keine Freundschaft, es ist eine Familie.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Lonely Robot – The Big Dream (2017)

Lonely Robot – The Big Dream
Label: Inside Out, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Art-Rock, Prog

Wenn sich ein Musiker mit markanter Stimme und klaren Stilmitteln in diversen Bands tummelt, kann schon kurz Verwirrung entstehen. John Mitchell war in den letzten Jahren nämlich nicht nur bei It Bites, Frost* oder Arena tätig, sondern startete unter dem Namen Lonely Robot ein weiteres Soloprojekt. Mit dem zweiten Album „The Big Dream“ steht uns ein weiteres Album voller emotionaler und gitarrenlastiger Musik im Bereich des Art-Rock ins Haus – oder ins Raumschiff. Und komplett neu wirkt die Musik dabei nicht immer.

Im Gegensatz zum direkten Vorgänger „Please Come Home“ ist Lonely Robot hier zu einer festen Band gewachsen, die vielen Gaststars gehören der Vergangenheit an. Vielmehr dreht sich alles um die knackigen Songs, für die Mitchell immer wieder wunderbare Hooklines und Refrains erfindet. Lieder wie „Sigma“ oder „Symbolic“ leben von den gewaltig grossen Mittelteilen und machen damit aus Modern Prog und rockigem Pop eine homogene und oft treibende Einheit. Dabei haftet auch „The Big Dream“ diese technische und etwas futuristische Aura von Mitchells Musik an – was aber wunderbar zu dem lyrischen Szenario passt. Schnelle Rhythmen und Powerchords treffen auf Keyboardflächen und weibliche Sirenen.

Erneut darf man sich mit dem Astronauten auf die Suche nach dem perfekten Riff begeben und merkt dabei, dass auch unscheinbare Lieder bei Lonely Robot mit der Zeit zu besten Freunden auf dem Mars werden können. Dank toller Produktion und Instrumentierung funkelt es bei Stücken wie „Everglow“ stärker als auf den Solarsegeln der ISS. Sicherlich, diese Platte revolutioniert weder den Art-Rock noch die Musik von John Mitchell, bietet den Fans aber genau die richtige Portion an neuer Musik. Geerdet, auf seine Stärken konzentriert und immer empathisch – dieser Roboter kann bleiben.

Anspieltipps:
Sigma, Everglow, Symbolic

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit The Universe By Ear – Weitblick und Tiefgang

Mit jeder Veröffentlichung rückt die Weltherrschaft für das Basler Label Czar Of Crickets etwas näher – so auch mit der Debütsüberraschung von The Universe By Ear. Das Trio aus der Rheinstadt zeigt, dass Progressive Rock noch lange nicht zu der verstaubten Vergangenheit gehören muss. Die Gruppe mischt auf „The Universe By Ear“ nicht nur viele Einflüsse, sondern trocken und kernige Rockmusik mit Psychedelic und Komplexität. Wo finden die Musiker bloss ein solch tiefer Fundus an Idee und Elan?

Eure Band, und nun natürlich auch das fantastische Album, werfen grosse Wellen in vielen Ländern. Wie fühlt sich dies an, besonders nach all der harten Arbeit?

Es ist selbstverständlich schön, wenn so eine Geburt Beachtung findet. Wir machen bei The Universe By Ear zwar in erster Linie Musik, die uns Spass macht und gefällt, wenn aber auch andere Ohren Freude daran finden, ist das natürlich ein sehr beglückendes Gefühl. Als neue Band startet man ja sozusagen im luftleeren Raum, mit einem ersten Album geht man dann auf die Welt zu und wird von aussen reflektiert. Dann ist es schon schön, wenn man verstanden wird.

„The Universe By Ear“ wandelt immer wieder zwischen improvisiert wirkenden Momenten und stringent durchgeplanten Szenerien. Wie schreibt man solche Songs?

Im Trio. Etwas, das wir aus früheren Bands kennen und nun bewusst vermeiden wollen, ist, dass man Ideen nur zu gerne komplett fertig in die Band bringt. Wenn man aber gezielt nur mit Setzlingen in den Proberaum kommt, dann kann daraus ein Wald entstehen statt nur eines Baums. Konkret heisst das, dass wir aus Riffs oder Akkordfolgen in sehr schneller Arbeit einen ganzen Song skizzieren. Oft ist in einem ersten Take, den wir nach einer halben Stunde aufnehmen, schon sehr viel von dem drin, was am Ende nach einem halben Jahr Detailarbeit das Arrangement ausmacht. Gerade bei komplexer Musik muss man zuerst in groben Pinselstrichen arbeiten, damit ein Song am Ende einen stimmigen Bogen spannt und in besten Fall einen Sog entwickelt. Und ja: Improvisation muss immer Platz haben.

Wieso gründet man in der heutigen Zeit, und vor allem in einem kleinen Land wie der Schweiz, eine Progressive Rock Gruppe? Gilt dieses Genre nicht seit den 70ern als verstaubt?

Guter Punkt. Wieso gründet man überhaupt noch eine Band, wo man als DJ mit dem gleichen Aufwand ein Vielfaches an Erfolg haben könnte? Wir haben The Universe By Ear gegründet, weil wir diese Musik spielen wollen, weil wir uns zu dritt austauschen wollen, weil jeder von uns besser spielt, wenn die anderen zwei dabei sind. Eine rein egoistische Überlegung, fern von allen Genre-Etiketten.

Gibt es Gruppen aus der Schweizer Prog-Szene, die euch ein Vorbild waren?

Ehrlich gesagt: Nein. Hat aber auch damit zu tun, dass Schweizer Bands in der Schweiz meist weniger Beachtung finden als im Ausland. Es gibt heimische Gruppen, die uns gefallen – Honey For Petzi, Evelyn Trouble, Zatokrev, Leech,  Young Gods und andere – aber diese Gruppen schätzen wir vor allem für ihre Eigenständigkeit. Musikalisch haben sie oft wenig gemein mit uns.

Gerne werden bei eurem Klangbild die Tüftler King Crimson genannt. Darf man dies überhaupt sagen, oder trifft es euren Nerv gar nicht?

Da müsste wohl jeder von uns Dreien für sich antworten. Gitarrist Stef vergöttert Crimson, besonders ihren Mut, sich alle paar Jahre neu zu erfinden. Robert Fripp hat Facetten, die mich unglaublich begeistern, aber auch solche, die ich nicht übernehmen möchte. Es gibt sicher stossendere Vergleiche. Sehr anziehend ist ihre Mischung aus komplex/schwierig/sperrig und eingängig/melodiös/groovig.

Ihr seid nur zu dritt – werden die Stücke von eurem Debüt live von sechs Händen gespielt werden können?

Wir benötigen auch noch sechs Füsse dazu (Drumpedals und jede Menge Effektpedale) sowie drei Münder. Da das Album weitestgehend – mit Ausnahme ein paar weniger Overdubs und Studioeffekte – live eingespielt wurde, kommen wir dem Sound auch auf der Bühne recht nahe. Ziel war es von Anfang an, ein Maximum an Klangvielfalt und -dichte aus der Power-Trio-Besetzung zu holen. Für uns gibt es momentan keine bessere Besetzung für eine Rockband.

Was ist schöner, das Universum zu sehen oder es zu hören?

Hören, aber hallo! Ein faszinierender und oft vernachlässigter Sinn. Wann hast Du zum letzten Mal mit geschlossenen Augen ein ganzes Album gehört?

Am Czar Fest werdet ihr nebst vielen anderen Bands und Musikern des Labels Czar Of Crickets auf der Bühne stehen. Wen darf man – nebst euch natürlich – auf keinen Fall verpassen, wo findet man euch also auch in der Meute?

Da wir die Ehre haben, diese zwei Tage zu eröffnen, werden wir wohl die ganze Zeit zwischen Bühne und Bar anzutreffen sein. Meist sind Neuentdeckungen das tollste an solchen Festivals. Also werden wir versuchen, von jeder Truppe ein Ohr voll abzubekommen.

In Basel wird die harte und brutale Szene der Musik immer stärker und vielfältiger. Wie weit zählt ihr euch selber dazu?

Basel hat das Problem, vor Jahren in so viele Unterszenen zerfallen zu sein, dass am Ende jede Band zu ihrer eigene Szene wird. Alleine deswegen ist ein Zusammenhalt, so wie er nun um die Czar-Labels entsteht, eine tolle Entwicklung. Selber sehen wir uns wohl eher am weichen Rand der harten Szene. Wobei Musik ja immer subjektiv bleibt. Ich persönlich finde 77 Bombay Street enorm brutal.

Würde euer Album auch von Bewohnern fremder Planeten verstanden werden – oder sind die Klänge doch zu irdisch?

Ich denke nicht, dass unsere Sounds ausreichen, um Welten zu vereinen oder einen intergalaktischen Krieg anzuzetteln. Sehr gerne würde ich aber einen Monat in einem UFO mitreisen, um ein paar neue Inspirationen zu sammeln.

Danke für das Interview.

Wir danken für die spannenden Fragen und die offenen Ohren.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview with Wheel – A new force in Prog Metal

Es tut sich etwas im Norden: Nachdem viele Länder bereits beweisen konnten, dass Progressive Metal auch in der heutigen und modernen Zeit funktioniert, gibt es mit Wheel nun endlich ein Paradebeispiel aus Finnland. Mit ihrer ersten EP „The Path“ legten sie drei Stücke vor, die sich hören lassen können. Poly-Rhythmik, druckvolle Produktion und viele Anleihen bei bekannten Gruppe. Zeit für ein paar Fragen.

„The Path“ is your first release – I guess this must be a relief after all this hard work?

Your music sounds wide, deep and modern. But there are only 3 tracks on „The Path“. Why did you choose this format instead of a regular album?

You have been playing live since quite a long time. Is it difficult to transport the energy from the stage to the studio?

Finland is not best known for it’s prog-scene. How did the sound of Wheel evolve?

To be frank – songs like „Farewell“ sound very much like A Perfect Circle. Were bands like them a big inspiration?

Prog is becoming a new force with groups like Volta, Periphery oder Leprous. Is it a new dawn and era and will it last?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.