Parlophone

Bat For Lashes – The Bride (2016)

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Bat For Lashes – The Bride
Label: Parlophone, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Indie, Dark-Pop

Als Musikjournalist kann man es sich ganz einfach machen und formelhaft über neue Alben und Bands schreiben. Damit tut man den Gruppen und Künstlern zwar meist unrecht, verhilft der Leserschaft aber auf eine simple Weise zu einer Entscheidung. Mag ich das Album oder würde es mich nicht ansprechen? „The Bride“, das neuste Werk von Natasha Khan unter ihrem Pseudonym Bat For Lashes, ist somit ganz simpel gesagt eine ätherische Kreuzung aus Julia Holter und Torres. Eine Platte voller sinnlicher und düsterer Momente – und mit einem interessanten Überbau.

Bat For Lashes wagt sich hiermit nämlich an ein Konzeptalbum über eine Frau, die ihren Verlobten bei einem Autounfall verliert – auf dem Weg zur Hochzeit. Das Album startet mit einem emotionalen Schlag und bewegt sich über die restlichen Songs durch die Bewältigung dieser Tragödie. Wir begleiten die Braut in ihre alleinigen Flitterwochen und durch alle Stufen des Traumas. Die Musik untermalt die Episoden dabei genau so gefühlvoll und dunkel, wie es die Geschichte vorgibt. Die Hoffnung schaut in „I Will Love Again“ zwar vorbei, meist regieren aber die tiefen Synths und der flehende Gesang.

Das Album benötigt aber Zeit, denn gerade in der zweiten Hälfte sind die Stücke langsamer und reduzierter – somit aber bei konzentriertem Genuss hypnotischer. Bat For Lashes erschuf eine intensive Erfahrung, welche durch Empathie noch stärker wird. Lieder wie „Widow’s Peak“ sind zwar auf ihre Grundstrukturen beschränkt, der Synth-Pop und Indie erhält aber wie im Jazz die Chance, durch Stille und Lücken zu glänzen. Und Khans Gesang stellt die Musik immer wieder auf eine höhere Stufe. Für alle Grübler und Geniesser der Abgeschiedenheit ein unscheinbares Juwel.

Anspieltipps:
Joe’s Dream, Sunday Love, I Will Love Again

Coldplay – A Head Full Of Dreams (2015)

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Coldplay – A Head Full Of Dreams
Label: Parlophone, 2015
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Pop

Manchmal will man noch eine Ehrenrunde drehen, sich noch einmal allen zeigen, hat doch noch einen letzten Gedanken, den man mitteilen muss – und manchmal hört man einfach zu spät auf. Sicherlich ist es ja eigentlich löblich, dass sich Coldplay bei ihrem letzten Album nun etwas aus der Trauer und Melancholie lösen können. Aber musste dies unbedingt auf Kosten des künstlerischen Anspruchs geschehen? Oder wurde ihnen zuerst das Cover vorgelegt, und die Musiker mussten ihre Lieder dann der bunten Collage anpassen?

Wie das Album klingt, das wissen wohl alle. Die Vorabsingle „Adventure Of A Lifetime“ tötete effizient via Radioübertragung und Stream tausende von Nerven und Launen. Das Lied bewegt sich so billig in fröhlichem Pop, dass man der Band am liebsten die klimpernden Gitarren und Hintergrundgesänge in den Rachen stopfen würde. Aber natürlich hört sich nicht alles so schlimm an, wie man nun denken könnte. Sicherlich zeigen Coldplay auf „A Head Full Of Dreams“ grossartig, wie sich eine Band anhört, der nichts Interessantes mehr einfällt. Einfache Ideen werden mit vielen Mittel der Produktionskunst aufgeblasen, Gesangsmelodien sind fast nervtötend und die Instrumente versuchen sich aus dem Sumpf des Mittelmasses zu retten. Lustig ist bei dieser Platte, dass eigentlich nur die traurig wirkenden Lieder wirklich funktionieren. „Birds“ oder „Everglow“ versuchen die alten Gefühle wieder herbei zu zaubern, scheitern jedoch gegen die Gummibärenübermacht. Wenn sich dann plötzlich noch Gaststars wie Beyoncé oder Barack Obama auftauchen, dann verbiegen sie diese genau so unpassend wie „Amazing Day“. Denn hier nimmt R’n’B überhand und zeigt unweigerlich: Mit diesem süsslichen Werk haben sich Coldplay keinen Gefallen getan.

„A Head Full Of Dreams“ lässt sich anhören, aber nur wenn man durch etwas anderes abgelenkt wird und dabei die schlimmsten Stellen gleich wieder vergisst. Im Gegensatz zum direkten Vorgänger „Ghost Stories“ ersticken die wenigen Ideen an Lustlosigkeit und Auftragswirkung. Coldplay wollen in Zukunft keine Alben mehr veröffentlichen und verabschieden sich momentan von den Bühnen der Welt – man kann es ihnen nicht verübeln. Die Gruppe wird verloren und energetisch entladen. Schade, ihr Stern schien zu Beginn der Nullerjahre doch so hell.

Anspieltipps:
Birds, Everglow, Colour Spectrum

Kylie Minogue – Kylie + Garibay (2015)

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Kylie Minogue – Kylie + Garibay
Label: Parlophone, 2015
Format: Download
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Dance, Pop, House

Popstars sind immer dann am besten, wenn sie ihre Stimme und Körper in die fähigen Hände von begabten Produzenten und Musikern legen. Dies hat auch Kylie Minogue seit langem erkannt und wagt nun mit Garibay ihren zweiten Ausflug in die Clubmusik – wenn auch nur auf EP-Länge. „Kylie + Garibay“ will dabei nicht immer ernst genommen werden und überrascht mit so manchen unerwarteten Namen auf der Teilnehmerliste sowie einer Musik, die hüpfend aus den Händen entgleitet.

Drei Songs, drei Gebiete – die EP will kein kohärentes Werk sein, sondern eine kleine und schmucke Sammlung von Stücken, die uns in die Disco treiben. „Black And White“ gestaltet sich wie ein Flirt, und mit Shaggy schauen die 90er vorbei. Irgendwie eher ein Spass als ernste Kunst, lockt der Song doch mit dem Duett und driftet dann sorgenlos vom Synth-Pop in Richtung Techno. Schade, dass es in diesem Moment bereits zum zweiten Stück übergeht, hier würde man gerne noch mitraven. „If I Can’t Have You“ ist im direkten Anschluss zwar netter Pop zum tanzen, aber auch Sam Sparro holt hier nicht viel raus. Die Beats sind knackig, das Lied verschwindet aber in den Konventionen. Da ist es schon viel runder, wenn sich Giorgio Moroder aus dem Produzentensessel erhebt und zum Abschluss den Körperkult musikalisch neu formt. Italienische Disco und lasziver Gesang, hier benötigt man kein Clip mit einer halbnackten Kylie – die Synths rollen und die Stimmen werden verführerisch gesampelt.

Sicherlich sind drei Lieder nicht viel, aber „Kylie + Garibay“ überzeugt mit toller Produktion, Humor und Frau Minogue in anderer Umgebung. Man muss schon eine grosse Neigung zu fröhlichem Pop besitzen, um hier nicht gleich abzuschalten – doch wenn man sich darauf einlässt, verwandelt sich das Wohnzimmer schnell in eine Diskothek.‎ Und wer würde schon nicht gerne zu voluminösen Beats mit Kylie ein paar Schritte tanzen? Schliesslich will sie ja deinen Körper.

Anspieltipps:
Black And White, Your Body

Pet Shop Boys – Release (2002)

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Pet Shop Boys – Release
Label: Parlophone, 2002
Format: CD in Schuber
Links: Discogs, Band
Genre: Pop, Electronica

Eigentlich wollte das Duo aus England nur ein paar neue Songs für ihre damals geplante Compilation aufnehmen, und schon ergab sich ein neues Studioalbum. Die Kreativität soll man schliesslich nicht stoppen, und somit erschien 2002 das achte Album der Pet Shop Boys unter dem eher merkwürdigen Namen „Release“. Hinter dem schmucken Glanzschuber mit Rosenprägung verbergen sich zehn typische Lieder der Tierhandlungsknaben – leider oft etwas zu zahm.

Es klingt etwas böse, doch der Begriff Soft-Rock passt meistens ganz gut zu dieser Platte. Songs wie „Birthday Boy“ plätschern sanft vor sich hin und versetzen kein Gemüt in Aufregung. Gitarrenakkorde, flötende Synths und weiches Schlagzeug, hier sind die Musiker weit weg von ihren bekannten Discoknallern und Tanzhits. Auch wenn sich immer wieder Beats und Klangverfremdungen einschleichen muss man nie Angst haben, dass die Lieder Gefangene machen. Diese zärtliche Seite kennt man natürlich genau so gut von den Pet Shop Boys wie die verschmitzte – und so lässt man sich gerne von dem eher melancholischen Gesang wiegeln und von den Harmonien ein Glas Wein servieren. Und bereits mit den ersten beiden Stücken haben die Herren Tennant und Lowe zwei Pop-Meisterwerke erschaffen. „Home And Dry“ und „I Get Along“ kennt wohl jeder, der sich nicht komplett vor populärer Musik verschlossen hat. Da fällt schnell auf, dass sich die Lieder oft auf die Gitarre stützen und sich „Release“ somit von anderen Werken der Pet Shop Boys distanziert. Dies gefiel jedoch nicht allen gleich gut, das Album war kein grosser Hit und die Gruppe kehrte bald wieder zu den Dance-Anleihen zurück.

„Release“ ist bestimmt kein Muss, wer sich aber mit einer anderen Form der Pet Shop Boys beschäftigen will, der findet hier viele spannende Momente. „The Samurai In Autumn“ bringt die Dunkelheit zurück, „You Choose“ macht gleich mit Band und Hörer Urlaub in der Karibik, „Love Is A Catastrophe“ erinnert irgendwie an die Sehnsucht von James Bond. Man kauft die Scheibe wegen den offensichtlichen Hits und merkt plötzlich, dass unter der Oberfläche doch mehr lauert.

Anspieltipps:
Home And Dry, I Get Along, The Samurai In Autumn

Supergrass – Road To Rouen (2005)

“Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben die mein Leben am stärksten beeinflusst haben und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Supergrass – Road To Rouen
Label: Parlophone, 2005
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Indie, Brit-Pop

Ist es nicht spannend, wie manche Bands mehrere Alben im selben Stil herausbringen, dabei nie gross Experimente wagen, und dann plötzlich ein Album veröffentlichen, das sich von allem bisherigen abhebt? Diese Ausfallschritte können total daneben gehen, oder wunderbare Kleinode offenbaren, die ohne solche Waghalsigkeit nie geboren wären. Supergrass wenden sich auf „Road To Rouen“ plötzlich vom spassigen Indie-Rock ab und zelebrieren den Folk-beeinflussten und bedachten Brit-Pop. Es war die Zeit, in der man wieder von Albion sprach und Pete Doherty in Drogen ertrank, und ich fand Zuflucht auf einem Album voller Sonderheiten.

Wie bei Star Wars eröffnete die Band mit der zweiten Trilogie und zeigt in „Tales Of Endurance“ gleich Mal, welcher Wind jetzt aus den Boxen weht. Vorbei sind die Zeiten der simplen Songs mit drei Akkorden, jetzt gibt es Richtungswechsel, Bläser, verspielte Gitarren und dahinwabernde Orgeln. Schön, dass immerhin der stampfende Auftritt von Rhythmusgitarre und Schlagzeug noch an vergangene Werke erinnert. Aber wer will schon Reminiszenzen, wenn er wunderbar verträumte Songs im Mittelfeld von Rock, Pop und Indie-Folk erhalten kann? Erstaunlich ist dabei, dass ich nach Jahren bei keinem Lied Abnutzungserscheinungen feststellen kann. Egal ob „Sad Girl“ oder „Coffee In The Pot“, immer weiss die Band mit verwunderlichen Melodien und Einspielungen zu überraschen. Alles was im Kopf herumschwirrte, wird hier ausgebreitet und serviert. Oft umgarnen sich dabei diverse Gitarrenspuren und ein fröhlich klimperndes Klavier, Gaz Coombes begleitet mit seiner angenehmen Stimme. Immer wieder erstrahlen Momente der Genialität, wie der Einstieg in „Roxy“, der sogleich loslegt und dann total an die Siebziger erinnert, gegen Ende sich sogar in der Trance verliert. Wer bei solcher Musik kein Lächeln auf seinem Gesicht verspürt, der mag auch keine Katzen.

In den Nullernjahren war ich im Indie Zuhause und legte meine Hörgewohnheiten danach aus. „Road To Rouen“ ist aber das praktisch einzige Werk, das mich noch heute regelmässig begleitet. Selten war ein Album aus diesem Umfeld und diesen Jahren so voller Einfälle und frischen Herangehensweisen an die Standards (und ja, der Titelsong klingt wie die Strokes). Die Band selber bestand nur noch fünf weitere Jahre nach dieser Veröffentlichung, ihr letztes Album stellte wieder eine Rückkehr zum bekannten Klang dar. Ob sie wohl an diesem Experiment oder der Ungläubigkeit der Hörer zerbrochen sind? Wie auch immer, „Road To Rouen“ nimmt mir niemand mehr weg.

Anspieltipps:
Tales Of Endurance (Parts 4, 5, & 6), Roxy, Low C

Pink Floyd – The Division Bell (1994) // Deluxe Anniversary Edition

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Pink Floyd – The Division Bell
Label: Parlophone, 2014 (20th Anniversary Edition)
Format: Deluxe Box, CD, Bluray, 2 x LP, 2 x 7inch, 12inch, Booklet
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Rock, Pop

Vor zwanzig Jahren veröffentlichte die Art-Rock Legende Pink Floyd ihr letztes Album „The Division Bell“, jedenfalls bis im Spätjahr 2014 das Begleitwerk „The Endless River“ diese Position übernahm und die Geschichte der Mannen endgültig (?) abschloss. Zuvor aber durfte man mit der Band das 20. Jubiläum der Glocke feiern. Auch ich nahm gerne Teil an dieser Fete – mit dem Kauf der hübschen Deluxe Box. Darin befindet sich das Album als Vinyl, CD, Bluray und digitaler Download. Ebenfalls beigelegt sind ein hübsches Booklet und die damals erschienenen Singles auf 7inch und 12inch. Wer nach Bonusmaterial und unveröffentlichten Songs sucht, findet hier leider nichts vor. Das Album alleine wird hier in seiner ganzen Pracht präsentiert und schafft es sogar, etwas mehr Anerkennung an sich zu reissen, als damals bei der ersten Veröffentlichung.

„The Division Bell“ hatte immer mit den schwierigsten Stand. Nach dem Ausstieg von Roger Waters verwandelte sich Pink Floyd in eine eher poplastige Band, die ganz unter dem Zepter von David Gilmour weiter machte. Man setzte eher auf Emotion und simplere Melodien als komplexe Handlungsbögen und düstere Vision. „A Momentary Lapse Of Reason“ löste mit dieser Handlungsweise viel Unmut bei den Fans aus und gilt bis heute bei vielen als das schlechteste Album im Katalog der Band. Mit „The Division Bell“ versuchten die Herren Gilmour, Mason und Wright, diese unsicheren Wasser zu umschiffen. Die Musik setzt dabei stark auf die Gitarrenspielereien von Gilmour und deren unverkennbaren Klang. Das Album startet mit dem Intro „Cluster One“ und weiss durch die Geräuschkulisse zu gefallen. Auch „What Do You Want From Me“ ist ein hübsches Lied mit starkem Gesang, danach aber verweichlicht das Album stark. Die Lieder sind nicht schlecht, aber sie sind auch nicht gut. Obwohl ich mir das Album gerne in seiner Gesamtheit anhöre, merkt man eine Spur Ideenlosigkeit und Unsicherheit der Band. „Lost For Words“ beginnt wie ein billiger Popsong, „Poles Apart“ kann sich für keine Richtung entscheiden.

Ein paar Highlights gibt es aber doch, „Keep Talking“ verfügt über eine grossartige Struktur und den Sprachaufnahmen von Stephen Hawking. „High Hopes“ hat die elegische Stimmung und Grösse älterer Pink Floyd-Lieder, und die Glocke bleibt für immer im Kopf. Alles in Allem ist „The Division Bell“ eine teuer hergestellte Platte mit viel zu starker Produktion. Der scheinbar letzte Atemzug des Art Rock-Dinosauriers, ohne grosse Innovation und progressiven Anspruch. Trotz all dieser Fehler geht aber doch ein Reiz davon aus, und gerne rotiert die Scheibe auf dem Spieler. Zu meinen liebsten Werken von Pink Floyd wird „The Division Bell“ aber nie zählen.

Anspieltipps:
Marooned, Keep Talking, High Hopes

Pink Floyd – The Endless River (2014)

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Pink Floyd – The Endless River
Label: Parlophone, 2014
Format: Doppelvinyl im Gatefold, Downloadcode und Booklet
Links: Discogs, Band
Genre: Ambient, Space Rock, Art-Rock

Der endlose Fluss, so heisst das „neue Album“ von Pink Floyd nicht nur, so klingt es auch. Eigentlich besteht die Platte aus einem langen und dahinwabernden Strom von experimentellen und instrumentalen Reststücken der „The Division Bell“ Session. Jawohl, die Musik auf dieser Platte ist nicht neu geschrieben oder aufgenommen sondern stammt aus dem Jahre 1994, damals als die Band noch ein letztes Mal um die Welt reiste, damals als Keyboarder Richard Wright noch lebte und damals als man noch dachte, die Band gibt es noch ewig (oder zumindest ein paar weitere Jahre). Jetzt, 20 Jahre später steht die Jubiläumsbox des damaligen Albums im Regal, Pink Floyd ist ein grosses Kapitel im Geschichtsbuch des Rock und die Welt dreht sich trotzdem weiter.

„The Endless River“ wurde als Album angepriesen aber seien wir doch ehrlich: Es ist eher Bonusmaterial und Studioüberresten als das es wirklich vollwertig daher kommt. Klar, verkaufs- und marketingtechnisch ist die Werbung mit „Neues Album der Space-Rock Legenden“ besser als „hier noch eine überteuerte Scheibe mit unbenutzten Material aus alten Aufnahmen“. Aber das Melken der Kuh ist im Musikgeschäft halt auch ein endloser Fluss, wie passend auch hier der Titel. Doch wollen wir nicht nur rumstänkern sondern auch mal was zum eigentlich Inhalt schreiben. Denn die Musik ist an und für sich nicht schlecht das typische Pink Floyd Gefühl ist ab der ersten Minute vorhanden. Gilmours Gitarre jault, klingt und verzerrt die Noten, Masons Schlagzeug ist songdienlich und leicht und die Keyboards von Richard Wright füllen das Klangspektrum wohlig aus und gefallen sehr gut. Echt schade, dass dieser grossartige Musik so früh von uns gegangen ist. Aber man merkt, hier sind Überbleibsel zusammengefügt worden. Es sind keine Songs im eigentlich Sinn, Strukturen wiederholen sich selten und alles hat einen meditativen Überbau. Wenn dann die Gitarren mal wild werden und wie in „The Wall“ oder auf „A Momentary Lapse Of Reason“ davon traben, dauert der Moment nur kurze Minuten. Als Hörer versucht man diese Stellen in einen Kontext zu bringen und ertappt sich und die Musiker dabei wie es an jeder Ecke und jedem Ende nach Selbstzitaten riecht. Wenn als Abschluss mit „Louder Than Words“ dann noch Gilmours Gesang erklingt wird man wie überrumpelt. Es passt nicht wirklich in den Aufbau und klingt leider genau nach dem was es ist: Ein Lied das damals nicht verwendet wurde weil es den Ansprüchen nicht genügte und in seiner Form eher auf „On A Island“ hingehören würde.

Was am Schluss übrig bleibt ist die Klarheit, dass Pink Floyd nicht mehr existieren und somit auch nie mehr „neue Alben“ veröffentlichen werden. „The Endless River“ ist ein entspanntes und gut produziertes Flickwerk aus herumliegenden Resten. Wieso man diese Scheibe aber nicht als Bonusmaterial in die Deluxebox von „The Division Bell“ steckte welche in diesem Jahr erschien wissen wohl nur die Finanzberater der Plattenfirma und Musiker. Der Inhalt und das Cover werden nämlich nie an die grossartigen Werke der Band heranreichen und verdienen es in meinen Augen nicht als letztes Album der Diskografie dazustehen auch wenn es als Ambientwerk gut funktioniert.

 

Anspieltipps:
Das gesamte Album ist ein Fluss

Coldplay – Ghost Stories (2014)

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Coldplay – Ghost Stories
Label: Parlophone, 2014
Format: Vinyl im Gatefold, Downloadcode
Links: Discogs, Band
Gerne: Pop, Dance, Ambient

Coldplay waren immer am besten, wenn sie traurig waren. Man vergleiche hierbei nur mal beispielsweise das melancholische „Yellow“ mit dem zu fröhlichen Popsong „Paradise“, da liegen Welten dazwischen. „Mylo Xyloto“ hat bei mir deswegen nie Anklang gefunden, daher war ich eher skeptisch als „Ghost Stories“ angekündigt wurde. Dann aber war als erster Song „Midnight“ im Internet als Video erhältlich und man höre und staune: Coldplay spielen sphärischen Ambient der eher Brian Eno zugeordnet wird als dieser Stadionband. Natürlich klingt nicht alles im Album wie die erst Auskopplung, trotzdem ist das neuste Werk ein grosser Schritt zurück zur alten Grösse.

Grundthema des Albums ist die Verarbeitung der Trennung von Chris Martin und Gwyneth Paltrow, also Lieder über Liebe, Schmerz und Beziehungen. Das ist nichts neues für die Gruppe, wird aber hier wieder in wunderbaren Songs mit tollen Texten dargeboten. Schon die Eröffnung mit „Always In My Head“ lässt einem genauer lauschen und gefällt sofort. Musikalisch ist die englische Band noch elektronischer geworden, Keyboards und Electrodrums beherrschen das Klangbild, die Gitarren schweben auf Wolken. Wie gut die Band mit diesen Elementen umgehen kann zeigt sich bereits beim zweiten Song „Magic“. Der Anfang mit Bass und Drum lassen einem aufhorchen, wenn der Gesang einsetzt nimmt auch das bekannte Coldplay-Gefühl im introvertierten Stück Platz, sehr gross.

Obwohl in gewissen Momenten das Ganze sehr nahe am üblen Kitsch vorbeischrammt (so ist „A Sky Full Of Stars“ doch nur Kirmeshouse mit Gesang?) ist das Album ein wunderbar schönes Werk mit gesunder Melancholie geworden. Die zweite Seite kann nicht ganz mit der ersten mithalten, das fällt aber nicht weiter ins Gewicht. Gerade auch deswegen, dass zwischen den Songs gerne mal noch weitere Ambientmomente versteckt sind und es die Band weiterhin versteht, Streicher und Effekte gelungen einzusetzen. Sehr schön auch, dass am Ende von „O“ der Kreis geschlossen wird und nochmals die anfangs gespielten Synthieakkorde erklingen. Eine runde Sache, so kann es mit der Band gerne noch viele Jahre weiter gehen.

Anspieltipps:
Always In My Head, Magic, Midnight

Kylie Minogue – Kiss Me Once (2014)

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Kylie Minogue – Kiss Me Once
Label: Parlophone, 2014
Format: Doppelvinyl mit CD und Downloadcode
Links: Discogs, Musikerin
Genre: Pop, Dance, Electro

Nach vier Jahren Pause meldet sich Kylie zurück, und wie. Das letzte Album „Aphrodite“ war ein eher durchwachsendes Werk, konnte mit All The Lovers aber doch einen typischen Kylie-Hit aufweisen. Das die Dame in ihrer Musik frischen Wind braucht war allerdings nicht zu überhören. Nun steht mit „Kiss Me Once“ der Nachfolger in den Regalen und siehe da, die Frau hat’s auch auf ihrem zwölften Album noch drauf. Oder besser gesagt die angeheuerten Produzenten und Songschreiber.

Der Start mit „Into The Blue“ und „Million Miles“ gestaltet sich typisch für solchen Industriepop mit viel Melodie, Schmiss und synthetisch hergestellten Klänge. Aber schon hier hört man Frau Minogue hat wieder Spass an der Musik und legt sich ins Zeug. So kommt es schon mal vor, dass sich ihre Stimme fast ein wenig überschlägt und übermütig in hohe Lagen entweicht. Allgemein hat sie nach 26 Jahren im Business immer noch ihre unverkennbare Art zu singen beibehalten. Wo Kylie drauf steht ist auch Kylie drin. Der erste Höhepunkt und zugleich Befreiungsschlag erfolgt mit dem fünften Song „Sexercize“. Geschrieben von der ausführenden Produzentin Sia Furler ist der Song im Bereich Dubstep einzuordnen und klingt echt toll. Wie fast jeder Track dreht sich auch hier in den Lyrics alles um Sex, dies wird durch das Aerobic-Video noch verstärkt. Das kann schon mal zu viel werden und man fragt sich wieso man die Künstlerin Kylie so stark als Sexsymbol positionieren will. Nichtsdestotrotz beginnt das Album ab jetzt echten Spass zu machen. Es folgen weitere sehr tanzbare Poplieder, sehr gut produziert und eingesungen und sogar noch ein Duett mit Enrique Iglesias, „Beautiful“. Das funktioniert vor allem dank den mit Effekten überladenen Stimmen sehr gut.

Sicherlich handelt es sich bei der Musik von Kylie auch mit diesem Album nicht um tiefgründige Popmusik die überrascht, aber endlich wird ein Werk abgeliefert das ich mir immer von ihr erhofft habe. „Kiss Me Once“ anzuhören ist eine angenehme Angelegenheit und dient als gute Einstimmung in einen fröhlichen Abend. Hochglanzpop der besseren Sorte, auch wenn viele Momente an andere Sternchen wie Lady Gaga, Madonna, Rihanna oder Ellie Goulding erinnern.

Anspieltipps:
I Was Gonna Cancel, Sexercize, Sleeping With The Enemy