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Live: Zürich Open Air – Tag 4, Rümlang, 16-08-27

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Zürich Open Air
Tag 4: Samstag 27. August 2016
Rümlang, Zürich

Als dann plötzlich die Regentropfen vom Himmel fallen, will es die tanzende Masse nicht wahrhaben. Nach vier Tagen voller Hitze, Schweissausbrüchen und lauwarmen Bieren erbarmt sich die Natur und gibt allen eine Abkühlung. Perfekt abgestimmt auf das letzte Konzert am diesjährigen ZOA fand man durch den Regen wieder neue Kraft und liess den Auftritt von Underworld zu einem bunten und durchgeknallten Fest werden. Auch für die Seele war dies Balsam, denn ich hatte nach dem Hoch am Freitag meinen Glauben an das Open Air schon fast wieder verloren.

Der Samstag begann für uns am Nachmittag nämlich mit einem Ausblick auf ein schier leeres Festival-Gelände. Trotz allen Voraussetzungen wie Wochenende, bestes Wetter und Stadtnähe traten wenige Leute die Reise nach Rümlang an. Coasts aus Bristol lieferten ihren sehr zuckrigen Pop-Rock somit zuerst vor fast leerer Wiese ab. Die Band liess sich davon nicht gross aus der Ruhe bringen, ihre Musik mich hingegen auch nicht. Zu lieblich, zu bekannt im Indie-Land. Auch Oscar And The Wolf hörten wir uns aus der Distanz an und erkundeten noch einmal das Areal. Was sagt es eigentlich über eine Veranstaltung aus, wenn sie die meiste Liebe in den Markt- und Konsumbereich steckt, hingegen Dinge wie Ernährung und Stimmungsförderer vernachlässigt?

Somit musste man sich nicht wundern, dass die Zuschauer bei Bilderbuch weniger mitsangen, tanzten und jubelten als es die Österreicher gewohnt sind. Trotzdem, ihre schräge Mischung aus Rock, elektronischen Remineszenzen der schlimmen Zeiten und etwas durchgeknallten Texten machte sehr viel Spass. Aus Wien kommen schliesslich nicht nur Wanda, und hier regierte für einmal der verbrecherische Gigolo. Diesen kleinen Aufstand benötigten The Strumbellas nicht, ihr lieblicher Folk-Pop spazierte durch das Land der Glücksbärchis und sorgte für keinerlei Überraschungen. Das war schon bei Mumford And Sons langweilig – doch leider immer noch besser als die Katastrophe die darauf folgte.

Die Kaiser Chiefs, damals in meiner Indie-Phase eine meiner liebsten Bands, sorgten nicht nur für Ohrenbluten, sondern auch schlechte Laune. Die Gruppe zerstörte ihre eigenen Hits und versuchte ihre neue Musik als gut zu verkaufen. Diesen Kirmeskrawall können sie aber gerne behalten, wie auch die schlechten Covers. Was für Debakel, wobei immerhin der Abschluss des Tages mit den ohrenbetäubenden Bässen von Dillon und der Techno-Herrschaft von Underworld zufrieden stellte. Die zwei Herren aus England liessen die Leute aus der Starre erwachen und lieferten mit Liedern wie „I Exhale“, „King Of Snake“, „Rez“, „Two Months Off“ und natürlich „Born Slippy“ eine wahnsinnig gute Show ab. Wie betäubt verliess ich den Ort und war nicht unglücklich, dass diese oft zähe Veranstaltung nun ihr Ende fand.

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Live: Zürich Open Air – Tag 3, Rümlang, 16-08-26

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Zürich Open Air
Tag 3: Freitag 26. August 2016
Rümlang, Zürich

Und plötzlich funktioniert es. Die Leute haben für diese Woche genügend gearbeitet, das Bier fliesst die entspannten Kehlen herunter, die Besucherzahlen steigen. Was für zwei Tage eher ein kleines Dorffest war, wird nun zu einem Festival, wie man es kennt. Ausser dem Umstand, dass die Zuschauer weiterhin lieber frisch gestylt herumstehen anstatt mit den Bands zu feiern. Eigentlich unverständlich, denn was am Freitagabend des ZOA gezündet wurde, war musikalische Sonderklasse.

Sicherlich machten es nicht alle Acts dem Publikum einfach – besonders hervorheben muss man hier Róisín Murphy mit ihrem Theater-Electro-Pop. Avantgardistisch und komplex winden sich ihre Lieder zwischen den Bierständen, eine simple Refrain-Zelebration ist nur beim Moloko-Klassiker „Bring It Back“ möglich. Aber was die Frau an Kompositionen und Kostümwechseln zeigt, ist atemberaubend. Vielleicht nicht die richtige Band für einen solchen Abend, aber eindeutig die interessanteste. Wobei auch Soulwax zuvor aufzeigten, dass man nach 20 Jahren immer noch zu überraschen weiss.

Die Belgier zeigten sich mit drei Schlagzeugern, wuchtigen Beats und mitreissenden Rhythmen – eine schier tribalistische Messe für alle Tanzverrückten. Nachdenken konnte man schliesslich später, denn der Headliner des Abends war mit Massive Attack nicht nur klangtechnisch gross, sondern verband erneut aktuelles Weltgeschehen mit genialem Trip-Hop. Auf der Leinwand erschienen soziale Fragen, politische Botschaften und ein Aufruf, die Welt gemeinsam toleranter zu gestalten. Bei „Eurochild“ wurde die Bühne in blau-gelb getaucht, „Angel“ riss uns alle mit erschütternden Bässen in den Untergrund. Danach war alles plötzlich unwichtig.

Nicht ganz so bedeutsam, aber dafür mit einer wunderbaren Setliste zeigten sich die Hamburger Tocotronic am Nachmittag im heissen Zelt. Ihr poetischer Rock verband kryptische Texte, Liebesbotschaften und Gitarrenangriffe. Auch Editors wussten mit ihrer Mischung aus tiefmelancholischen Melodien, Beats und dem grossartigen Gesang von Tom Smith zu überzeugen. Ihre neusten Alben sind zwar eher durchschnittlich, gemischt mit alten Hits konnte die Gruppe aber die Nacht verzaubern. Mehr als Miike Snow, der vor allem gegen die Hitze und den leeren Platz ankämpfte. Alles in allem war der Freitag somit der bisher beste und musikalisch überzeugenste Tag – so kann es weitergehen.

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Live: Zürich Open Air – Tag 2, Rümlang, 16-08-25

Bild von Kathrin Hirzel

Bild von Kathrin Hirzel

Zürich Open Air
Tag 2: Donnerstag 25. August 2016
Rümlang, Zürich

Irgendwie ist der Wurm drin – denn auch am zweiten Festivaltag will das ZOA (wie man es heute so modisch abkürzt) nicht greifen. Im Vornherein jubelte ich aber über die Liste mit all den Bands, jeder Tag schien nur aus Highlights zu bestehen. Doch dann ist man vor Ort, versucht sich in Stimmung zu bringen und merkt: Hier klappt gar nichts. Weder die Organisation, die Stimmung noch die Musik. Man kämpft sich zwischen gelangweilten Menschen über den Rasen, findet keine Sitzplätze und bezahlt einen Reichtum für Ernährung. Und wenn dann endlich eine dieser gross angekündigten Bands die Bühne betritt, dann bleibt die Menge stoisch und bricht höchstens bei den Hits aus.

Aus diesen Gründen wollte bei mir dann auch selten die Begeisterung den Körper verlassen. Sicherlich, der Abschluss mit dem sicheren Wert aus Island war wie immer wunderschön und intensiv. Da vergass man fast, dass Sigur Ros den Konzertbeginn komplett verhaut haben. Reduziert auf elektronische Samples glichen sie ihre Musik als Trio dem Festival-Grundton an – und setzten es in den Sand. Glücklicherweise wurden dann doch noch Saiten und Felle ausgepackt und man schwebte nach Hause. Bei den anderen Künstlern schwebte aber vor allem die Enttäuschung über den Basswellen. So musste man erneut feststellen, dass The Chemical Brothers ihre Zeit schon lange verlassen haben. Was in den 90ern noch der Wahnsinn war, ist heute eine statische und langweilige Synth-Messe.

Da macht es schon mehr her, wenn ein Musiker alleine auf der Bühne seine Lieder bestreitet. Star der Stunde, Jack Garratt, versuchte es an Keyboard, Drum-Computer, Schlagzeug, Gitarre und Gesang – alles vermengt in modernem R’n’B-Pop. Eigentlich sehr spannend und immer wieder mal beeindruckend, doch alles ein wenig zu beherrschen reicht nicht aus. Andere Loop-Künstler geben da mehr her, das Cover von „The Fresh Prince“ war aber perfekt. Einen Zustand, den Amy McDonald mit ihrer offenen und sympathischen Art auch zu erreichen versuchte, die Besucher liessen sich aber selten zu wirklichem Jubel hinreissen. Da halfen auch Konfettikanonen und Welthits nichts. Trotzdem, angenehmer Country-Pop von einer starken Dame – nur leider etwas zu eintönig.

Mit der Monotonität musste auch Dua Lipa kämpfen, die junge Sängerin zeigte viel Potential, die Lieder wussten dies aber nicht auszuschöpfen. Etwas merkwürdig in Nachthemd und Springerstiefel gekleidet, eröffnete sie meinen Donnerstag. Solch elektronischen Pop gibt es aber leider schon zu oft, das machen andere besser. Wie auch Festivals organisieren – aber vielleicht können ja die wahren Wochenend-Tage den Anlass noch retten. Wir werden sehen.

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Live: Open Air Basel, Kaserne Basel, 16-08-12-13

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Open Air Basel
Freitag 12. August 2016
Battles, The Cinematic Orchestra, Serafyn
Samstag 13. August 2016
Beginner, Talib Kweli, The Benjamin Keys Show
Kasernenplatz, Basel

Der Aargau trinkt sich durch das Heitere Open Air, in Zürich ravt man durch die Strassen und Bern feiert die Strassenmusik. Basel hingegen beweist einen Sinn für guten Geschmack und zeigt während zwei Tagen auf dem Kasernenplatz spannende Bands und Momente voller Glück. Das Basel Open Air blieb auch 2016 ein Fest in kleinem Rahmen und mit viel Stil, dieses Jahr thematisch in Rock und Hip-Hop aufgeteilt. Und wer auch ohne live gespielte Lieder auskommt, der konnte sich am Nachmittag am kostenlosen NomiDance in die Freiheit tanzen.

Wobei am Freitag zu den späteren Stunden die geraden Tanzschritte verunmöglicht wurden. Direkt aus New York eingeflogen boten Battles eine Erleuchtung im Bereich der musikalischen Neuerfindung. Als Trio veränderten sie nicht nur die Klänge ihrer Instrumente bis zur Unkenntlichkeit, sondern fusionierten Art-Rock, Jazz, Pop und experimentelle Electronica zu einer neuen Art von Musik. Komplex, faszinierend und neuartig – ein perfekter Abschluss für den ersten Abend. The Cinematic Orchestra gingen zuvor nicht ganz so weit, begeisterten aber mit wunderbar durcharrangiertem Jazz – gefühlvoll und unaufgeregt.

Der Start in die Konzertnächte gehörte an beiden Abenden einer Gruppe aus Basel – freitags betörten Serafyn mit drei weiblichen Stimmen, Cellos und harmonischem Folk-Pop. Und samstags wurde der Rap mit Soul, Funk und Blues aufgelockert. The Benjamin Keys Show füllten den eher spärlich besuchten Platz mit vielen guten Einfällen. Doch lange blieb es nicht leer, denn als Talib Kweli seine intensiven Sprechattacken über die Kaserne schallen liess, fand man vor der Bühne eine begeisterte Masse. Conscious Rap aus den Staaten, voller Angriffslust und gesampelter Wucht.

Die wahre Party stieg danach aber bei Beginner – der legendären Rapkombo aus Hamburg, welche sich in Basel mit Jan Delay zeigte. Ihre Zeilen wurden von hunderten von Besuchern mitgesungen, ihre Beats trafen punktgenau die Magengrube. Mit einer visuell beeindruckenden Show erhellten sie die Nacht und beendeten das diesjährige Basel Open Air mehr als gelungen. Schön, dass man zwischen den grossen Massenveranstaltungen weiterhin kleine Oasen voller hochkarätiger Musik finden kann.

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Live: Magic Night Of Rock, Heitere Zofingen, 16-08-10

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Magic Night Of Rock
Mit: Foreigner, Texas, The Original Blues Brothers Band, Hanery Amman
Mittwoch 10. August 2016
Heitere, Zofingen

Es war ein Abend der unausgeschöpften Möglichkeiten, und immer griff man ein wenig neben den Sternen vorbei. Trotzdem zeigte die Magic Night Of Rock als Vorabend des Heitere Open Air in Zofingen erneut, dass es immer noch möglich ist, einen gemütlichen Konzertabend unter freiem Himmel zu veranstalten. Eher den älteren Generationen dienend, gaben sich auf der Lindenbühne erneut vier Vertreter der Rockgeschichte das Mikrofon in die Hand. Dabei reiste man von Interlaken über Schottland in die Amerikanischen Staaten und genoss die dunklen Stunden.

Wobei Hanery Amman, seines Zeichens Legende der Mundartrock-Szene, gerne etwas wilder aufgetreten wäre. Selber ein starker Pianist und immer noch guter Sänger, verliess er sich mit seiner Begleitband vor allem auf die bekannten Hits aus der Zeit von Rumpelstilz. Das gefiel dem spärlich vor der Bühne stehenden Publikum und viele sangen gleich bei „Teddybär“ oder „Alperose“ mit. Seine Aussage, dass er zum Rocken kam, wurde dann leider nicht ganz eingelöst. Aber immerhin schwappte so das Bier nicht über den Becherrand, auch nicht bei den darauffolgenden Blues Brothers. Denn die originale Band kam mit Hits und Bläsern auf die Bühne, spielte aber wie gefühlslose Mumien an einem Fliessband. Da half auch der Kultstatus nichts, solche Auftritte schenkt man sich besser.

Eine Überraschung boten dann aber Texas, welche mit Sängerin Sharleen Spiteri nicht nur die einzige Frau auf die Bühne brachten, sondern mich durchwegs überzeugten. Das sympathische Auftreten, die mitreissende Darbietung der bekannten Radiohits und das druckvolle Spiel – hier traf alles gelungen aufeinander. Zwar war die Eröffnung mit „I Don’t Want A Lover“ merkwürdig, aber ein gelungenes Mittel, um die Leute in Stimmung zu versetzen. „Summer Son“ wärmte die erstaunlich kühle Luft, „Black Eyed Boy“ grüsste den dunklen Himmel. Da störte es auch nicht, dass man wegen dem schottischen Akzent nicht alle Sprüche verstand.

Foreigner durften als krönenden Abschluss die AOR-Flagge hochhalten und warfen mit Klassikern nur so um sich. Endlich war auch der Platz vor der Bühne gut gefüllt und die Besucher feierten mit – auch wenn die Abmischung zu Beginn des Auftritts sehr schlecht war. Aber dafür gab es einen sattelfesten Kelly Hansen am Gesang und eine energiegeladene Band. „Cold As Ice“, „Juke Box Hero“, „Urgent“ und weitere alte Bekannte schallten wie vor Jahrzehnten über den Heitereplatz. Als beim letzten Lied „I Want To Know What Love Is“ noch ein lokaler Kinderchor auf der Bühne platz fand griff die Gruppe aber daneben. Denn die Nachwuchskünstlerinnen und -Künstler erhielten kein Mikrofon und konnten somit nicht gehört werden. Trotzdem war die Magic Night eine unterhaltsame Sache, beim nächsten Mal aber bitte wieder mit positiver Chancenauswertung.

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Live: Open Air Basel, Kaserne Basel, 15-08-14 und 15

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Open Air Basel
Freitag 14.08. und Samstag 15.08.2015
Kasernenareal, Basel

Es war wieder einmal Wochenende und das heisst, es war Zeit für ein weiteres Festival. Im Gegensatz zu den grossen und bekannten Veranstaltungen im Sommer stellt das Open Air Basel immer noch einen kleinen Ruhepol im Veranstaltungskalender dar. Mit nur drei Bands pro Abend und einem kleinen Publikum erhält man hier Musikgenuss ohne grossen Rummel. Dank dem asphaltierten Boden im Kasernenareal in Kleinbasel war auch der Regen kein Problem, glücklicherweise verschonte uns dieser am Freitag fast gänzlich und setzte Samstagabend erst spät ein. Somit wurde das Bier nicht noch schlechter, die Pizza nicht nass und das Tanzbein nicht kalt.

Zum Tanzen gab es freitags schliesslich so einiges, wenn der Abend auch eher bedächtig startete. Die Mark Lanegan Band heizte mit ihrer intensiven Mischung aus Alternative Rock und Blues den Menschen ein, auch wenn diese eher spärlich erschienen waren. Trotzdem, die Musik war toll und der Gesang von Lanegan sowieso über alle Zweifel erhaben. Endlich konnte ich diese Urgewalt live erleben, wie er sich grossartig durch ein Set voller Lieder der letzten zwei Alben sang. Optisch machte er allerdings einen eher schwächlichen Eindruck, und auch bei der Autogrammstunde sass er in sich gekehrt am Tisch und schwieg vor sich hin. Eine Antwort auf meine Frage kam von ihm dann auch erst, als ich mich bereits fünf Meter von ihm entfernt hatte. Und die Bitte um eine Skizze habe ich auch vergessen. Egal, denn mit dem nächsten Konzert kam wieder Freude auf, The Notwist aus Deutschland füllten zuerst die Bühne mit massenhaft Technik und Instrumenten – und danach unsere Gehörgänge mit grossartiger Musik. Ab Platte ist die Band für mich schon eine der besten aus ihrem Herkunftsland, dass sie aber live eine solche Wucht entfalten, hätte ich nie gedacht. Die Lieder wurden erweitert, vergrössert und zu wahren Soundexplosionen ausgebaut. Indietronic-Alternative-Post-Punk-Pop oder was auch immer, auf jeden Fall genial und umwerfend. Little Dragon hatten somit einen schweren Stand, denn mein Kopf war nach dem letzten Konzert total gefüllt und fast unfähig, weitere Musik aufzunehmen. Yumiki Nagano und ihre Mannen spielten den Synth-Pop zwar toll und versiert, doch der Funke wollte bei mir nicht überspringen. Da half auch die gelungene Show nicht viel.

Der zweite Tag bot für mich vor allem unbekannte Musiker, Maribou State Live sowie Michael Kiwanuka kannte ich überhaupt nicht. Erstere gefielen mir aber mit ihrer tollen Mischung aus Electro, Indie und Pop sowie wunderbarem Gesang. Die Band spielte in Basel ihren allerersten Auftritt in der Schweiz überhaupt und ich denke, es wird nicht ihr letzter gewesen sein. Die Musik trifft den Nerv der Zeit, ist eingängig und gefiel dem Publikum. Michael erdete den Anlass mit seiner Mischung aus Blues, Soul und Rock und liess seine Band toll aufspielen. Für mich war es allerdings etwas zu durchschnittlich und diente eher als Hintergrund denn Fokus. SOHN allerdings verdiente den Platz als Abschluss und haute mich um. Mit nur einem Album im Gepäck, aber unzähligen Hits bewaffnet umgarnte er die Leute und gewann alle Herzen. Düster, voller Hoffnung und mit viel Gefühl beglückte die Musik alle Fans von James Blake und Konsorten. Dank dem einsetzenden Regen und blau gehaltener Lichtshow ein rundum gelungener Moment. Nächstes Jahr bin ich gerne wieder dabei, in Basel, bei der Kaserne.

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Live: Open Air St.Gallen, Sittertobel, 15-06-25 bis 28

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Open Air St.Gallen
Donnerstag 25.06. bis Sonntag 28.06.2015
Sittertobel, St.Gallen

Der Start in den Sommer erfolgt bei mir seit Jahren meist dann, wenn ich die ersten Festivals besucht habe. Musik, Freunde, Bier und Sonne, eine Gleichung die auch in der Schweiz für die schönste Jahreszeit steht. Trotz moderaten Wetteraussichten und meist nassen Böden ist es immer wieder toll, mit tausenden von Menschen Musiker und Bands zu feiern und das Leben zu begiessen. Darum wagte ich mich dieses Jahr zum dritten Mal ins Sittertobel um dem renommierten Open Air St.Gallen einen Besuch abzustatten. Obwohl sich bereits am ersten Abend kleine Bedenken äusserten (schräger Boden unter dem Zelt, schlechte Hygiene, viel Alkohol, mein fortschreitendes Alter), wurden es vier wunderbare Tage voller witziger Momente und tanzbaren Konzerten. Der Regen hielt sich brav zurück, der Brand in unmittelbarer Nähe zu unserem Zelt wanderte glücklicherweise nicht weiter.

Egal ob Weltstars oder frisch im Geschäft, das Line Up deckte die gesamte Bandbreite ab. Dabei waren es aber meist die kleineren Gruppen, welche begeisterten und als Sieger der Herzen davon schritten. Besonders gross waren Wanda am Sonntagmittag. Ihre schmuddlige und keck gespielte Mischung aus Indie und Traditionspop wird dank dem Wiener Dialekt und den grossartigen Texten veredelt. Dass sich der Sänger fast konstant eine Zigarette anzündete und den Schnaps besang, verstärkte die positive Wirkung nur. Erstaunlich auch, dass sich im Publikum viele textfeste Zuschauer blicken liessen. Dieses Kunststück gelang am Tag zuvor bei Trümmer zwar nicht, aber die Leute liessen sich trotzdem von der Band aus Hamburg mitreissen. Musikalisch im wilden Alternative angesiedelt, störten sich manche an der speziellen Stimme des Sängers. Mir gefiel es, auch weil die Jungs sehr sympathisch auftraten. Nur aus der Ferne hörten wir The Mirror Trap, schienen aber ziemlich gut zu sein.

Mit Wolfman durften auch tolle Menschen aus Zürich die Meute begeistern, die Band weiss immer noch mit ihren langsamen Liedern im Fahrwasser von The XX zu gefallen. Weitere heimische Acts liessen sich vor allem im Hip-Hop verorten, und waren darum nicht meine Baustelle. Stress oder Lo & Leduc kann ich langsam nicht mehr hören, was aber vor allem an der Übersättigung durch Radio und Konzertdichte liegt, als an ihrer Musik. Kadebostany überschnitt sich leider stark mit einem anderen Konzert, ich glänzte darum mit Abwesenheit. Der enge Zeitplan war leider oft ein Grund, wieso ich Musiker auslassen musste. Durch das enge Gelände und die Menschenmassen bewegt man sich oft sehr langsam, und irgendwann muss noch Essen und Bier geholt werden. Priorisieren war angesagt, und da gewannen bei mir meist die grossen Acts, was sich aber meist als richtige Entscheidung herausstellte.

Marteria liess die Zuschauer toben, das ganze Sittertobel sprang auf und ab. Sogar ein kurzer Einschub mit Liedern von Marsimoto konnte man geniessen, wirklich genial waren aber Lieder wie „Bengalischer Tiger“ oder „Welt der Wunder“. Der Funken sprang nicht nur früh über, sondern bewirkte das Zünden von Pyrofakeln und Feuerwerk im Publikum. So wild war es bei Placebo zwar nicht, dafür zeigte die Band eine gewaltige Leistung. Zu sechst (!) erschienen die Engländer auf der Bühne und spielten ihre bekannten Hits in neuem Gewand. Düster, laut und mit einer Wall of Sound mähten sie die Feierstimmung um. Das Konzert blieb noch lange im Kopf und auch die tolle Lichtshow überzeugte. Mehr Show als Gehalt war leider das Duo The Chemical Brothers. Ich mag ihre Musik zwar sehr, doch die Künstler scheinen immer noch in der Zeit des Big Beat festzustecken. Mit langen und zähen Steigerungen, wenigen Höhepunkten und einem veraltet erscheinenden Klang spielten sie gegen Laser, Licht und Video an. Da dachte sich Noel Gallagher „weniger ist mehr“ und kam auf die Bühne, spielte seine Lieder mit den High Flying Birds und ging wieder. Sogar Oasis-Fans kamen auf ihre Kosten, „Champagne Supernova“, „Whatever“ und „Don’t Look Back In Anger“ liessen tausend Stimmen mitsingen. Ein wunderbares Konzert voller guter Musik und hübsch unaufgeregten Momenten.

Für mehr Schweiss sorgten da Rise Against, die ihren Hardcore voller Inbrunst und mit viel Talent präsentierten. Das Konzert wäre grossartig gewesen, ein Gewinn für alle, doch leider machte die schlechte Abmischung fast alles kaputt. Gitarren und Gesang liessen sich oft nur erahnen, bei der hochmelodischen Musik der Band ist dies ein Albtraum. Immerhin sind die Musiker grundsympathisch, setzen sich für Minderheiten ein und sollten viel mehr gehört werden. Ebenfalls sehr sympathisch war Fink, der mit seiner Band und seinen längeren Alternative-Folk-Slow-Rock Lieder für viel Emotion und Jubel in der Sternenbühne sorgte. Grossartiges Songwriting, tolle Musiker, ein Glanzmoment. Eine Atmosphäre die auch Frank Turner & The Sleeping Souls verdient hätten, doch am Donnerstagabend waren viele Besucher noch nicht bereit für Euphorie. Die Hymnen von Turner eignen sich aber hervorragend um mit wildfremden Menschen zu singen und das Bier in die Luft zu strecken.

Weniger gut gefielen mir die Amerikaner The Glitch Mob mit ihrem übertriebenen Techno, die sehr überheblichen Royal Blood (trotz gelungener Musik) und die eher langweiligen Folker Mighty Oaks. Dass am Tag danach mit Kodaline nochmals eine Gruppe auftrat, die wie eine Kopie klang, sagt wohl vieles zum aktuellen Überfluss dieser Musikart. Das Open Air St.Gallen war aber wieder einmal eine wunderbare Reise in ein Land voller Musik, Partystimmung und vergessenen Konventionen des Alltags. Vier Tage sind zwar doch langsam etwas zu viel für meinen Körper, am Sonntagabend war ich dann aber doch traurig, wie schnell das Festival zu Ende ging. Mit einem grossartigen Line-Up, einer perfekten Organisation und vielen Überraschungen zeugte die Veranstaltung zum wiederholten Male von Können und Liebe. Wer ist nächstes Jahr dabei? Im Hotelzimmer?

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Weitere Bilder findet ihr hier.

Live: Heitere Open Air, Zofingen 14-08-08 / 09 / 10

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Heitere Open Air Zofingen 2014

Heitere, Zofingen

Freitag 08.08. bis Sonntag 10.08.2014

Freitag

Alle Jahre wieder, dies gilt auch für das Open Air auf dem Zofinger Hausberg. Für mich als lokal Ansässiger ist der Besuch seit Jahren Pflicht, auch wenn nicht unbedingt wegen dem musikalischen Programm. Auf dem Heitere trifft man Freunde und Bekannte, hört sich zusammen Musik an und feiert bis tief in die Nacht. Sehr angenehm, denn man schläft im eigenen Bett und kann nebst dem Frühstück auch gleich noch eine Dusche über sich ergehen lassen, bevor man wieder ins Gelände tanzt / torkelt.

Trotzdem spielen natürlich auch Bands und Künstler, gemäss dem Motto vom Heitere: Kunterbunt und ohne Logik zusammen gemischt. Am ersten Abend habe ich als erste Band „Triggerfinger“ beim abrocken zugeschaut. Wer die Truppe nur durch das Lykke Ly Cover kennt wird hier überrascht: wild und heftig pressen die drei Typen alles aus ihren Instrumenten und wirbeln über die Bühne. Klasse!

Das wärs dann auch schon mit den Highlights, denn obwohl Birdy niedlich war (leider sehr schlecht abgemischt) und Die Antwoord verstörend (billige Beats mit schrecklichen Stimmen und Horror-Zutaten), wusste man beim betreten der After Party Zelte vor allem was unter aller Sau war: Sean Paul, das wohl übelste Konzert das je hier stattgefunden hat. Das Publikum zeigte zu keiner Minute Begeisterung und feierte fast nicht mit. Bligg konnte da eher überzeugen, ist aber nicht meine Baustelle. Genauso der Sky von Open Season. Aber wozu gibt es schliesslich Bier?

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Samstag

Den Samstag starteten wir gemächlich zu We Invented Paris und Halunken, beides eher langweilige Live-Bands. Brody Dale kam da gerade richtig. In der brütenden Hitze spielte sie sich wie eine Furie durch ein Distillers Best Of und zeigte, dass nicht nur ihr Ehemann rocken kann. Scheinbar war aber vor allem Hip Hop Publikum anwesend, denn wild wurde das Publikum nicht.

Dafür kamen die Cap-Träger mit dem Dreigespann One Track Live, Dendemann und Jan Delay nun auf ihre Kosten. Das Allstaraufgebot von One Track Live war grossartig, Dendemann ebenso, nur die rockige Seite von Herr Delay erschloss sich mir nicht ganz. Trotzdem, ein sehr spassiger Nachmittag.

Mein Tageshighlight folgte nun aber sehr überraschend mit Stromae. Bisher dachte ich immer, das sei so ein langweiliger Mainstream Dance-Pop Typ, doch weit gefehlt. Seine elektronische Musik kombiniert er mit traurigen und nachdenklichen Texten, untermalt das Konzert mit einer grossartigen Show und bewegt sich dazu wie ein Ausserirdischer.

Queens Of The Stone Age waren danach fast belanglos, trotz super Songwahl und toller Show. Aber auch hier war das Publikum sehr unengagiert Den abschliessenden Act QL habe ich mir gleich gespart, wie kann man nur eine solche Band an einem solchen Abend zu einer solchen Zeit buchen! Unfassbar, ab in die Rock-Bar.

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Sonntag

Der letzte Tag der Woche ist ein Ruhetag, aber nicht am Heitere-Sonntag. Hier wird wild weiter gefeiert, der Montag ist ja noch viiieeele Stunden entfernt. Versüsst hat mir diesen Tag Skor, der Sprechsänger aus Zürich mit seinen umwerfenden Texten, seiner extrem sympathischen Art und der toller Live Band. Hört rein, unterstützt ihn. Alex Hepburn und Cro waren dagegen zu brav, zu eintönig. Obwohl Cro den jungen Mädchen schon zu gefallen wusste, viele verloren dabei sogar ihre Kleider und tanzten in BH und Pandamaske vor der Bühne.

Shantel wusste auch wie man die Tanzbeine anstösst, aber mir war es zu besoff.. heiss am Nachmittag und ich genoss die Show aus dem sicheren Schatten. Balkansound macht aber immer Stimmung. Gute, nein beste Stimmung verbreitete dann zum Abschluss auch die Französin Zas. Ihr aufgeweckte und frische Art passt perfekt zu der lebensbejaenden Musik und ihrem Gehüpfe. Musikalisch zwischen Folk, Pop und Chanson angesiedelt, überzeugte sie das Publikum restlos und machte den Abschied vom Festival etwas erträglicher.

Denn trotz programmtechnischen schwarzen Löcher war auch das Heitere 2014 wieder eine tolle Party, ein ausgelassenes Fest und eine wunderbare Gelegenheit mit Freunden ein Wochenende zu Musik und Sonne zu verbringen. Alkohol? Nein gab es nicht..

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