Nordic Giants

Nordic Giants – Amplify Human Vibration (2017)

Band: Nordic Giants
Album: Amplify Human Vibration
Genre: Post-Rock

Label/Vertrieb: Aloud
VÖ: 20. Oktober 2017
Webseite: nordicgiants.co.uk

Wer sich etwas länger und tiefer mit Post-Rock beschäftigt hat, dem sollte klar sein: Vielfach lebt diese Musikrichtung zu einem gewissen Teil von ihren Sprachsamples. Da sich die Musik auf die Instrumente beschränkt, müssen direkte Botschaften durch Archivaufnahmen von bekannten oder noch nie gehörten Menschen ergänzt werden. Ihr drittes Album haben die Musiker Rôka und Löki aus England darum gleich mit Konzept und Erzählung ausgestattet und präsentieren bei „Amplify Human Vibration“ zugleich den ersten Film von Nordic Giants. Her mit den positiven Menschheitserfahrungen!

Konkret fröhlich wird das Album aber nie, viel eher wird man sofort bei „Taxonomy Of Illusions“ mit einer langen Ansprache über die menschlichen Emotionen konfrontiert. Es geht darum, dass Menschen sich gegenseitig mit Gefühlen und Ausdruck extrem stark beeinflussen und unterstützen können  – und wir somit über die Beschwerlichkeit des Daseins hinwegsehen. Dass sich die Musik von Nordic Giants dabei oft im Hintergrund hält, ist zuerst etwas verwirrend, denn die Stimmen erhalten extremes Gewicht. Doch schon bald merkt man, dass diese Abmischung wunderbar funktioniert. Melodientragendes Klavier, Gitarrenriffs und das polyrhythmische Schlagzeug legen den Boden für die interessanten Aussagen – oder das Duo nähert sich gleich dem Ambient, wie bei „First Light Of Dawn“.

Nordic Giants wussten bisher nie so genau, wie sie ihren wilden und dynamischen Post-Rock auf CD bannen können – mit „Amplify Human Vibration“ ist ihnen dies nun ziemlich gut gelungen. Stücke wie „Spirit“ oder „Reawake“ haben einen extremen Ausdruck und verbinden klassische Genre-Mittel mit neuen Einfällen. Und dass man trotz des schwierigen Themas am Ende der Scheibe positiv durch den Tag schreitet, das ist die grösste Errungenschaft dieses Werkes. Plötzlich stören auch die gesprochenen Vorträge nicht mehr und alle Teile ergeben das gewünschte Ganze.

Anspieltipps:
Taxonomy Of Illusions, Spirit, Immortal Elements

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Nordic Giants, Dynamo Zürich, 16-03-13

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Nordic Giants
Support: Glaston
Sonntag 13. Februar 2016
Dynamo / Werk 21, Zürich
Bilder: Kathrin Hirzel

Immer wieder zucken Blitze durch die Dunkelheit, man lässt sich einlullen – doch nein, irgendwie wirkt alles zu hell. Immer wieder flackern die wilden Bilder vor der Netzhaut, man lässt sich verwirren – doch nein, irgendwer steht vor den Bildschirmen. Und auch die Musik – laut, wild und treibend – möchte alle in das Nirvana begleiten – doch nein, die Klänge überschlagen sich und werfen jeden Tanzversuch aus der Bahn. Der Auftritt der Nordic Giants im Werk 21 war kein einfacher, doch dies lag nicht unbedingt an der Band.

Das Dynamo in Zürich bietet mit seinem Kellerraum eine wunderbare Lokalität für kleine und feine Veranstaltungen. Um eine Abend voller pochenden Post-Rock einzuleiten, begaben sich die Newcomer Glaston aus Zürich und Basel auf die Bühne. Ihre instrumentalen Songs werden von abwechslungsreichen Schlagzeugfiguren angetrieben und von schönen Melodien aus dem Keyboard gefüttert. Die jungen Leute agierten konzentriert und wagten sich an neue Lieder, die sich nach der Musik von ihrer ersten EP zwinkernd ans Ende des Sets hefteten. Und gerade diese neuen Stücke liessen so manchen Besucher erstaunen. Glaston wagen sich in neue Gebiete, erobert das Jazz-Piano, beschwören den schwarzen Gewittergott und liessen die Tanzbären von der Leine. Mutiger, frischer und differenzierter – wenn die Band so weiter macht, dann werden sie bald ganz gross.

Gross in der Wirkung und dem Auftreten sind Nordic Giants aus Brighton seit ihren ersten Konzertversuchen. Das Duo verkleidet sich nicht nur als nordische Sagengestalten und kommt geschmückt und bemalt auf die Bühne – ihre Auftritte sind auch eine wilde Mischung aus Musik, Film und Schattenspiel. Wo sich andere Bands immer gerne ins Rampenlicht stellen, tauchen Loki und Rôka zwischen Stroboskopblitzen und farbigen Flächen unter. Der Mensch verschwindet somit zwischen den lauten Liedern und Sinneseindrücken, plötzlich hat man das Gefühl, der Post-Rock werde tatsächlich von fremdartigen Kreaturen gespielt. Man traut sich gar nicht richtig hinzuschauen und wendet den Blick den grossen Bildschirmen zu. Auf diesen werden für jedes Lied die passenden Kurzfilme gezeigt, mal gezeichnet oder abstrakt animiert, dann wieder real und in den Horror abdriftend.

Erstaunlich, wie präzise die Klangeruptionen zu den Schnitten passen, die wilden Schlagzeugbeats und wuchtigen Keyboardakkorde brechen durch alles und dringen in den Körper ein. Obwohl sich die Stücke nicht wirklich stark unterscheiden, erschaffen Nordic Giants live einen Sog. Leider jedoch erwies sich das Werk 21 als falsche Lokalität. Man war als Zuschauer zu nahe an der Bühne, die technischen Hilfsmittel versperrten die Sicht und das Blitzgewitter verfehlte somit oft seine Wirkung. Schade, denn gerade durch diese Umstände konnte ich nie komplett in das Erlebnis eintauchen und vermisste somit viele Vorzüge, die den Liveshows der Giganten immer vorausgesagt werden. Für alle Liebhaber des lauten und wilden Post-Rocks in Verbindung mit bewegten Bildern ist der Besuch einer ihrer Messen auf jeden Fall zu empfehlen.

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Nordic Giants ‎– A Séance Of Dark Delusions (2015)

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Nordic Giants ‎– A Séance Of Dark Delusions
Label: Kscope, 2015
Format: CD / DVD im Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Rock, Electronica, Ambient

Auftreten und Wirkung ist alles, verbunden mit Mystik und sagenhaften Gestalten. Der Mensch dahinter – falls er überhaupt existiert – ist unwichtig und verschwindet hinter dem Kunstwerk. Eine Praxis, die oft als Gegenpol zu den allgegenwärtigen Berühmtheiten angewandt wird und das Produkt wohltuend in den Mittelpunkt stellt. Auch bei den Nordic Giants spielt es keine Rolle, wer nun hinter den Figuren Loki und Roka steckt, was zählt sind die Musik und das Gesamtwerk. Doch einfach machen es uns diese nicht immer.

„A Séance Of Dark Delusions“ stellt das erste Album des Duos auf dem wunderbaren Kscope Label dar und wird wunderbar verpackt präsentiert. Durch das ganze Design zieht sich das Thema der nordischen Fabelwesen und deren Sagen. Geschmackvoll aufbereitet durch Fotografien, Zeichnungen und Texte gelingt es den Künstlern, eine passende Umgebung für ihre Musik zu gestalten. Die Musik selber aber sträubt sich am Anfang eher, als zu gefallen. Nordic Giants fahren eine unglaubliche Menge an Klängen auf und zerstören wild hämmernd den Post-Rock und Ambient. Aus den Scherben wird dann über das gesamte Album hinweg eine cineastisch wirkende Welt aufgebaut, die zwar weiterhin zappelt, aber doch über eine innere Logik verfügt. Oft hat man zwar Schwierigkeiten herauszufinden, was hier wieder Instrument und was Effekt ist, aber Hauptsache es knallt und hallt. Dazu gesellen sich aus dem Post-Rock Genre viele Einspielungen von Sprach-Samples, verlieren aber gegenüber den wunderbaren Gesängen an Boden. Magie erhalten die Lieder immer dann, wenn die Gäste am Mikrofon stehen und dann auch gerne Mal an Anathema erinnern. „Rapture“ ist ein Paradebeispiel und lässt das wilde Getrommel am Schlagzeug von der wunderbaren Stimme Beth Cannons begleiten, Kate Bush nickt freundlich. In solchen Momenten ist das Werk gelungen und spielt alle Vorzüge gekonnt aus. Leider hat man aber oft das Gefühl, dass die Musik etwas zusammenhangslos ist und zu wirr umhergeistert. Nordic Giants schaffen es nicht, das Konzept von filmtauglicher Instrumentalmusik ohne Bilder lebendig zu halten. Man verliert die Konzentration und wird erst durch die Stimmen zurückgeholt. Schade, denn gerade Live ist das Duo eine Wucht und trumpft mit einer multimedialen Show auf. Dies kann man auf der beigelegten Bonus-DVD selber verfolgen.

Die Séance ist zwar spirituell, aber der gerufene Geist etwas belanglos. Was die Musik mit nervösen Wechseln und Rhythmen zu verbergen versucht, fällt mit steigender Spielzeit auf. Schade eigentlich, denn Loki und Roka sind auf jeden Fall talentierte Musiker mit einer Vision, allerdings fehlt hier die weitere Ebene des direkten Kontaktes. Als Konzert bestimmt eine Wucht, im Wohnzimmer oft etwas deplatziert.

Anspieltipps:
Rapture, Give Flight To The Imagination, Illuminate