Noise-Rock

Ghostmaker – Aloha From The Dark Shores (2017)

Direkt aus dem Herzen von Berlin, mit Vollgas und viel Lust zum Lärm kommen uns Ghostmaker mit ihrer neuen EP „Aloha From The Dark Shores“ entgegen. „Modern Termination“ groovt und rast schneller dahin als es Queens Of The Stone Age heute jemals könnten, die Gruppe um Frontmann Chris W. Jany bringt den Spass zurück in den noisigen Rock. Dass es sich hier um ihre erste Veröffentlichung und nur um den Vorboten zum im Februar kommenden Album handelt, kann man fast nicht glauben.

Denn mit bluesig angehauchten Tracks wie „Fork Man“ bringen die Mannen Momente auf das Parkett, die nach jahrelanger Erfahrung klingen. „Tiger Hates Pi“ schlittert mit Druck und Power um die Ecke, wie es bei Spidergawd immer passiert und Ghostmaker zelebrieren die Liebe zum kräftig aufgebauten und dargebotenen Heavy Rock. Weit weg von den dreckigen Punk-Strassen der Deutschen Hauptstadt ist „Aloha From The Dark Shores“ eher in den nördlichen Legendengebieten des Rock zuhause.

Schön auch, dass sich Ghostmaker mit dieser EP getraut haben, dreckige Stücke wie „Violence“ auch genauso rau klingen zu lassen. Weder die Produktion noch die Riffs sind glatt, alles wirbelt Staub auf und suhlt sich auch gleich darin. Kleine Samples und viel Verzerrung sorgen für einen krachenden Sound und zeigen, dass auch Lärmorgien ohne klare Melodie perfekt aufgehen können („Foreign Admiral“). Ich würde sagen: Wir sind bereit für die Langspielplatte.

Anspieltipps:
Modern Termination, Fork Man, Violence

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Swans – The Glowing Man (2016)

Swans – The Glowing Man
Label: Young God, 2016
Format: 3 x Vinyl im Gatefold, mit Poster, Download
Links: Discogs, Band
Genre: Noise-Rock, Avantgarde

Versöhnung – ein Zustand, den man vor der Reinkarnation der Swans selten vernommen hat. Auf ihren Alben herrschte meist ein lauter und krachender Tenor. Doch mit „The Glowing Man“ bringt Michael Gira sein Kollektiv nicht nur ins vorläufige Ziel, sondern lässt die Trilogie, welche mit „The Seer“ und „To Be Kind“ begann, schon fast angenehm enden. In den zwei Stunden neuer Musik wurden alle Erfahrungen kumuliert und alle angestauten Gefühle losgelassen. Dabei entstand ein erneutes Grosswerk der experimentellen Gitarrenmusik – und vielleicht das Ende.

Die Zukunft der Swans steht noch in den Sternen, zu welchen uns die Gruppe immer wieder geführt hat. Wie genau und mit welchen Musikern man weiterhin die weiten Landschaften des Noise erobern wird, zeigen die kommenden Monate. Aber wer will schon an Zukünftiges denken, wenn man mit „The Glowing Man“ erneut ein Werk erhalten hat, welches nicht nur die Bestandteile der heimischen Stereoanlage, sondern auch die Fundamente der alltäglichen Musik erschüttert. Dabei ist „The Glowing Man“ gemächlich und steigt nicht mehr so brutal ein wie gewohnt. Die Swans wirken nicht mehr so verärgert wie auch schon, allerdings gelingt mit den zaghaften Steigerungen und den extremen, repetitiven Aufbauten der Songs eine noch viel stärkere Wirkung.

In ihrer Form haben die Swans mit diesem Album eine Perfektion aus Noise-Rock, Avantgarde und Experimental gefunden, die man sofort als Kunstwerk ins MoMA stellen sollte. Mit heulenden Gitarren, scheinbar drogenbeeinflussten Mantra-Gesängen, akustischen Gewittern und perkussiven Beschwörungen wird man durch Lieder wie „The World Looks Red“ oder dem Titelstück aus seinem Alltag gerissen und wacht in fernen Gebieten wieder auf. Es nagt an den Gehörmuscheln, es kitzelt im Magen und wird mit der Zeit so unwiderstehlich, dass man für den Rest des Jahres kein weiteres Album mehr benötigt. „When Will I Return?“ fragt Michael Gira. Sehr bald, flehen wir.

Anspieltipps:
Cloud Of Forgetting, The World Looks Red, The Glowing Man

Kim Gordon – Girl In A Band (2015)

Kim Gordon_Girl In A Band_MBohli_1

Kim Gordon – Girl In A Band
Verlag: Dey Street Books, 2015
Autor: Kim Gordon
Seiten: 273, Hardcover
ISBN: 9780062295897
Link: Goodreads

“The only really good performance is the one where you make yourself vulnerable, while pushing beyond your familiar comfort zone.”

Tja, eigentlich hat Kim Gordon damit ja sehr wohl Recht – doch leider nahm sie sich die Worte für ihre Biografie zu wenig zu Herzen. Denn „Girl In A Band“ ist kein „Just Kids“ oder „Porcelain“, sondern eher eine etwas wirre Kette aus einzelnen Situationen und Gedanken. Die ehemalige Bassistin von Sonic Youth nimmt mit diesem Buch die Gelegenheit wahr, ihre Geschichte und ihre Sicht der Dinge in der Band, als Frau von Thurston Moore und Künstlerin in Amerika aufzuzeigen. Zu Beginn gelingt dies ganz gut, doch leider verliert das Buch immer mehr die Kohärenz und somit die Berechtigung.

Denn obwohl Kim Gordon viele Worte über ihre Kindheit, ihr Umfeld und ihre ersten Versuche als Musikerin verliert, weiss sie der späteren Phasen in ihrem Leben um so weniger beizufügen. Sicherlich wurde schon mehr als genug Papier mit Texten über die Noise-Rocker Sonic Youth bedruckt, doch eine direkte Einsicht ist immer spannender als der Blick von aussen. Kim beschränkt sich aber darauf, einzelne Lieder und Momente anzuschneiden. Was dabei etwas sauer aufstösst, sind die konstanten Angriffe und Hiebe gegen Kolleginnen und Kollegen, ihren Ex-Mann und alle Personen, die ihr vor das Gesicht laufen. Wenn ich missmutige Sprüche über andere Menschen hören will, dann lästere ich selber. So etwas brauche ich nicht in einem Buch.

Dieser Umstand wirft leider etwas viel Schatten auf die Seiten von „Girl In A Band“, somit legt man das Buch am Ende mit stark gemischten Gefühlen zur Seite. Irgendwie wäre die Lust da, noch mehr zu dieser vielseitigen und talentierten Person zu erfahren – leider hegt man nun aber auch eine gewisse Abneigung gegen Kim Gordon. Immerhin ist die Frau ehrlich und verstellt sich nicht, doch eine runde Biografie ist dies auf keinen Fall geworden. Das Ende ist zu schnell da, die Lücken zwischen den Kapiteln zu gross. Man lässt hier besser die Musik sprechen, und davon gibt es ja genügend unter der Mitwirkung von Frau Gordon.

Kim Gordon_Girl In A Band_MBohli_2