New Model Army

Interview mit New Model Army

Im Gespräch mit Justin Sullivan, Sänger und Gitarrist von New Model Army.

Wenn die legendäre Wave / Rock / Punk Gruppe New Model Army aus England durch Europa reist, dass ist dies für sehr viele Leute ein Grund zu grosser Freude. Umso schöner, dass die Band diesen Sommer auch wieder in der Schweiz Halt gemacht hat – und zwar am Open Air Gränichen. Wir nutzten die Gelegenheit um mit dem charismatischen Frontmann Justin Sullivan vor dem Auftritt über ein paar Dinge zu sprechen.

Michael: Willkommen zurück in der Schweiz. Ihr habt hier schon oft gespielt, gibt es denn eine besondere Verbindung zum Land?
Justin: Justin: Gerade heute haben wir darüber gesprochen, dass wir uns überall in Europa sehr wohl fühlen und jedes Land mögen. Wir haben den Kontinent schon so oft bereist, und wie überall gibt es auch in der Schweiz Dinge, die man lieben kann – und andere, die man weniger gut findet.

Heute spielt ihr am Open Air Gränichen, einem Festival. Das ist immer etwas anderes als ein Club-Konzert. Was funktioniert bei New Model Army besser?
Das spielt keine Rolle. Ich mag es beispielsweise, bei Festivals zu spielen, wenn wir ganz spontan angekündigt wurden und keiner wegen uns da ist. Es ist schliesslich einfach, vor einem Publikum aus Fans aufzutreten, die alle auf ihren Lieblingssong waren. Dabei kann es sogar toll sein, gehasst zu werden! Wir spielten zum Beispiel einmal als Support für eine grosse Band, deren Fans es als illoyal ansahen, bei uns zu viel Begeisterung zu zeigen. Das ist eine Herausforderung, und das ist auch gut so.

Ist es bei einem Clubkonzert nicht einfacher, die Botschaft der Musik an die Leute zu bringen – schliesslich hören da die Leute eher zu?
Das suggeriert, dass es eine Botschaft gibt. Bei uns gibt es aber keine konkrete Botschaft, eher einen gewissen Geist. Wir haben jetzt über das Publikum als Einheit gesprochen, aber ich denke nicht so darüber. Von der Bühne aus sieht man unterschiedliche Menschen, welche Unterschiedliches in der Musik suchen. Manche wollen tanzen, manche klatschen, andere wieder nur still sein und zuhören. Dieses Mitmach-Ding haben wir nie gemacht. Jeder im Publikum tickt anders, und es entspricht uns nicht.

Immer, wenn ich New Model Army höre, habe ich das Gefühl, ihr versucht die Welt mit eurer Musik ein wenig zu verändern. Stimmt das?
Ich denke eher nicht. Sogar in den Anfängen, als unsere Songs noch etwas polemischer waren, habe ich nie geglaubt, dass man mit Musik das Denken der Leute ändern kann. Wenn du ein Nazi bist, wirst du nach unserem Gig nicht denken: „Oh, ich hatte Unrecht.“ Das ist einfach nicht realistisch. Daher verstehe ich uns nicht als politische Band. Manchmal singen wir auch Lieder aus anderen Perspektiven – „One Of The Chosen“ handelt zum Beispiel von einem religiösen Fundamentalisten, „My People“ von der Betrachtungsweise des Jugoslawien-Krieges aus den Augen eines Nationalisten. „Start With Vengeance“ wurde kurz nach dem Schauen einer Dokumentation über Klaus Barbie (Deutscher NS-Kriegsverbrecher) geschrieben. Es ist keine Kritik, sondern mehr das Hineinversetzen in einen Zustand. Stimme ich diesen Leuten zu? Nein. Will ich sie verstehen? Ja.
Es hat aber durchaus mit einer gewissen Gesinnung, einer Einstellung zu tun. Mit der Zunahme von rechten Bewegungen in Europa brauchen wir wieder einen stärkeren Gemeinschaftssinn. Ein Konzert ist wie eine Teilnahme an einer Demonstration, es gibt dieses Einheitsgefühl.

Was ja auch in anderen Kunstformen geschieht, wie beim Schauspielen. Sich in andere hineinversetzen – das geschieht ja auch bei anderen Kunstformen, beispielsweise beim Schauspielen.
Oder wenn man ein Buch schreibt, dann muss man alle unterschiedlichen Charaktere verstehen. Wenn du nur über dich selber schreibst, dann wird es ziemlich schnell langweilig. Menschen sind interessant – und ist es nicht verwunderlich, dass man immer und überall dieselben Konstellationen an Charakteren finden kann? Es hat immer einen, der sich beklagt; einen Optimisten; einen, der immer krank ist, und so weiter. Wir finden uns irgendwie.

Sozusagen das Kaleidoskop der menschlichen Emotionen.
Genau, und in dieser Vielfältigkeit ist die Botschaft. Besonders in diesen Zeiten.

Du hast Bücher erwähnt. Zum Album „Winter“ habt ihr eine Graphic Novel veröffentlicht. Wie kam dies zustande?
Gewisse Texte sind sehr narrativ und ich dachte, es wäre interessant zu sehen, was ein Comic-Künstler daraus machen würde. Wir haben Matt Huyhn online gefunden und mochten seinen Sumi-e-Stil sehr – diese Art von energetisch wirkenden Kalligrafie-Zeichnungen. Seine Geschichte „The Boat“ handelt von Flüchtlingen, was in seine persönliche Lebensgeschichte reinspielt. Seine Eltern waren Vietnamesen und leben nun in Australien. Ich habe Matt gefragt, ob er diese Thematik noch angeht, da ich ihm „Die Trying“ vorgelegt habe. Er hatte nichts dagegen. Also hat er drei Lieder zu einem Comic zusammengefügt.

Du arbeitest auch bei euren Videos gerne mit unterschiedlichen, visuellen Aspekten. Entspricht euch dies mehr als die typischen „Band spielt Musik“-Videos?
Ich bin kein sehr visueller Mensch, aber ich habe viele Ideen. In den alten Zeiten mit MTV haben wir auch diese typischen Rock-Videos gemacht, und die meisten davon waren wirklich schrecklich. Dean (White, Keyboard und Gitarre) ist extrem gut mit Video und Schnitt und wir haben angefangen, mit Material von Youtube Clips zu erstellen. Bei „Devil“ haben wir Ausschnitte aus dem Faust-Film von 1929 genommen. Für „Winter“ habe ich Dean an einem verschneiten Morgen angerufen und wir haben ganz schnell ein Video gedreht. Und bei „Sunrise“ haben wir das Material von einem Typen genommen, der einen wunderschönen Sonnenaufgang während einer Autofahrt durch England gefilmt hatte. Wir geben für die Videos nicht viel Geld aus, das passt mir so.

Euer Artwork stammt fast immer von Joolz Denby. Sie hat sogar das Cover von „Winter“ mit ihrem Album „Crow“ thematisch verbunden. Passierte eine solche Verbindung auch bei der Musik?
Nun, alles startete mit der Nacht, als ich Joolz kennen gelernt habe. Wir waren uns schnell sehr nahe, und ein grosser Teil von New Model Army ist zu gleichen Teilen ihre wie auch meine Vision. Ihre Bilder haben dieselbe Aussage und Energie. Zusätzlich ist sie sehr experimentierfreudig und ist offen für neue Herangehensweisen. Als Henning Nugel, ein deutscher Komponist, ihre Gedichte vertonen wollte, ist „Crow“ entstanden. Ich habe Teile davon gehört und musste Nugel einfach als Arrangeur für die Streicher auf „Winter“ haben.

Zwischen den Künstler herrscht also ein reger Austausch.
Ja, dies ist der Schluss zu New Model Army – auch wenn wir manchmal unsere Differenzen haben.

Die Band wurde 1980 gegründet, vor vielen Jahren. Ist es denn immer noch einfach, neue Lieder zu schreiben, die in den gleichen Kosmos passen?
Musikalisch ist es sehr einfach, wir haben immer viele neue Einfälle. Die Texte sind aber eher etwas schwieriger, da ich über praktisch jedes Thema schon einen Song geschrieben habe. Ich muss also immer nach neuen Orten und Perspektiven suchen. In den letzten Jahren haben wir um die 32 Lieder veröffentlicht, wohl vor allem dank Ceri (Monger, Bass und Perkussion). Als er vor fünf Jahren zu uns gestossen ist, hat das das Bandgefüge verändert und die alten, eingerosteten Gewohnheiten aufgebrochen – genau gleich wie auch vor zirka zehn Jahren, als Marshall (Gill, Gitarre) dazu kam. Ceri hat einen Metal-Background, was uns eine neue Stimmung brachte. Diese Wechsel sind wichtig für unsere Band, und ich denke, die aktuelle Version von New Model Army ist die beste. Wir haben immer noch Streit und Diskussionen, aber es gibt keine bestimmte Politik. Ebenso müssen wir uns gegenseitig von unseren Ideen überzeugen.
Oft gewinne aber nicht ich, denn ich kann bei meinen Einfällen nicht zwischen den guten und den schlechten unterscheiden. Ich arbeite nicht so gut alleine.

Du hast es aber auch schon versucht.
Ja, aber auch bei meinem Soloalbum, was ich immer noch sehr mag, habe ich eng mit einem Produzenten zusammengearbeitet. Sonst wäre es wohl nie fertig geworden. In einem Team kann immer einer sagen: Jetzt ist genug.

Du wirst mit Dean im September am Bradford Musicians Against Homelessness, einem Benefiz-Konzert, auftreten. Machst du oft solche Auftritte?
All ein oder zwei Jahre spielen wir ein solches Konzert – und werden dies auch weiterhin tun. Dieses Mal ist es eine kleine Sache mit lokalen Bands und etwa 400 Leuten. Und da die Maschinerie New Model Army sehr viele Leute beinhaltet und schwerfällig ist, werden nur Dean und ich auftreten.

Wirst du dir auch heute am Gränichen Open Air noch andere Bands anschauen?
Ja, aber ich kenne keine davon. Cellar Darling, welche direkt vor uns auf der Hauptbühne spielen werden, haben auch „unsere“ Violinistin Shir-Ran Yinon mit dabei – sie spielt also in zwei Bands heute. Shir-Ran ist brillant, und im Gegensatz zu anderen Solisten kann sie sich zurückhalten. Wir haben sie durch einen glücklichen Zufall kennengelernt, als Tobias Unterberg, ein Cellospieler, mit uns musizierte.

Zuletzt: Wie gefällt dir das Schweizer Publikum? Viele sagen ja, es sei etwas zu zurückhaltend.
Dieses Gefühl habe ich nicht, aber es gibt einen Unterschied zwischen der deutschsprachigen und französischen Schweiz. Hier sind die Leute etwas reservierter, was witzig ist. Denn eigentlich sind wir in Deutschland viel bekannter als in Frankreich, in der Schweiz scheint es aber genau umgekehrt zu sein. Mir gefällt es überall, und die Reaktionen des Publikums hängen von vielen Faktoren ab. Aber ich mache mir keine Sorgen. Wenn jemand nicht reagiert, bedeutet es nicht, dass er uns nicht zuhört.

Vielen Dank für deine Zeit und das Interview.

 

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Open Air Gränichen, Moortal Gränichen, 17-08-25

Open Air Gränichen
Bands: New Model Army, Phil Campbell & The Bastard Sons, Cellar Darling, Crystal Ball, XII Gallon Overdose, Pascal Geiser, Bob Spring & The Calling Sirens
Freitag 25. August 2017
Moortal, Gränichen
Website: openairgraenichen.ch

Wer sich in das Moortal nach Gränichen verirrt, der wird sich bestimmt über das jährlich stattfindende Festival wundern. Wieso sollten solch bekannte Künstler und Bands die Reise in dieses abgelegene Dorf antreten? Die Antwort ist, wie meist bei musikalischen Veranstaltungen, eine ganz einfache: Weil sich hier viele Leute freiwillig zusammenschliessen, um ein liebevoll gestaltetes und immer angenehmes Fest der härteren Musik auf die Beine zu stellen – und dies zum bereits 23. Mal!

So haben es die Veranstalter auch 2017 wieder geschafft, auf gleich bleibendem Gelände ein noch abwechslungsreicheres Programm zu zusammenzustellen, dem es weder an Kulinarik, Attraktionen noch Klangereignissen mangelt. Kein Wunder, durfte man am Eröffnungsabend bereits Namen wie Cellar Darling, Phil Campbell und natürlich New Model Army auf den Bühnen bejubeln. Die legendäre Gruppe aus England war denn auch der klare Headliner.

Unter der Leitung von Justin Sullivan stürzte sich die Band in ein Set voller grossartiger Hymnen des Punk-Rock-Wave und bewies erneut ihre magisch fesselnde Qualität. Egal ob neue oder alte Songs, harte Gitarren oder sanfte Passagen mit Violinistin Shir-Ran Yinon – hier kamen nicht nur Fans von New Model Army auf ihre Kosten. Yinon durfte an diesem Abend sogar gleich zwei Mal auf der Hauptbühne ihr Talent beweisen, war sie schliesslich auch Teil der neuen Band von Anna Murphy.

Das Ex-Mitglied von Eluveitie hat mit Cellar Darling 2016 eine neue Formation gegründet, die auf erzählerische Weise Metal mit Einflüssen des Folk und Gothic packend verbindet. Da funktionierte sogar ein Song auf Mundart, und auch die Wespen hatten keine Chance gegen diesen Druck. Wilder war eigentlich nur noch der ehemalige Motörhead-Gitarrist Phil Campbell, der mit seinen Bastard Sons viele Festivalbesucher mit spezifischen Shirts glücklich machte. Hier gab es den grössten Rock und die meisten Riffs, wenn auch vielleicht nicht ganz so laut wie früher.

Aber auch andere Stilrichtungen und Geschmäcker wurden an diesem Freitag bedient. Egal ob man nun düsteren Country mit Eingängigkeit bei Bob Spring & The Calling Sirens, mitreissenden Blues-Rock mit Musikergastspiel in den Besucherrängen bei Pascal Geiser oder klassischen Hard-Rock mit Spandexschick mit Crystal Ball erleben wollte – das Open Air Gränichen hielt für alle die passenden Bands aus der Schweiz bereit.

Kein Wunder, wurde anschliessend bei XII Gallon Overdose noch einmal richtig gefeiert – denn nicht nur ihr alkoholgetränkter Gitarrenrock liess die Körper wackeln, sondern auch die Vorfreude auf den zweiten Festivaltag. Denn auch der Samstag wird wieder vor Musik bersten und mit Bands wie Anti-Flag, Terror oder Turbonegro das Moortal euphorisch erzittern lassen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

New Model Army – Winter (2016)

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New Model Army – Winter
Label: earMUSIC, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Rock, Wave

Eine eigene Sprache zu entwickeln, ist in der Musik glücklicherweise einfacher als in der Literatur – hier geht es schliesslich „nur “ darum, Instrumente und Melodien so zu präsentieren, wie es keine andere Band tut. Wer dies schon sehr früh gemeistert hatte, sind New Model Army aus aus England. Seit 1980 mischen Justin Sullivan und seine Musiker mit Post-Punk unsere Gewissen und Abende auf. „Winter“ unterscheidet sich dabei von den letzten Werken mit seinem konzeptuellen Anspruch – und gewinnt somit langfristig.

Rock-Musik mit politischem Anspruch ist im Genuss nicht immer einfach, aber alles Wichtige auf der Welt benötigt Zeit und Aufwand. New Model Army verbergen die offensichtlichen Melodien und mitreissenden Arrangements auf „Winter“ hinter einem schweren Stück Musik über die hässlichen Auswirkungen von Krieg und Zerstörung. Das 14. Studioalbum der Band wagt dabei musikalisch keine Quantensprünge, sondern führt den treibenden, von Folk und Wut durchzogenen und immer packenden Rock der letzten Werke kompetent weiter.

Stücke wie „Echo November“ bestreichen sich mit Wave, Momente wie „Drifts“ erstaunen mit einer Stimmung, die trotz des Themas nie hoffnungslos erscheint. New Model Army überzeugen hier erneut auf ganzer Linie und machen mit ihrem rhythmischen Sound süchtig. Wer sich also eindringlich mit dem Album auseinandersetzt wird merken, dass „Winter“ genau so perfekt ist wie zugänglichere Werke. Und endlich darf man seine Wut wieder mit Sullivan teilen – einem der humanistischsten Rockmusiker unserer Zeit.

Anspieltipps:
Winter, Devil, Echo November

Live: New Model Army, Salzhaus Winterthur, 16-10-24

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New Model Army
Support: Neo Noire
Montag 24. Oktober 2016
Salzhaus, Winterthur

Spätestens wenn man direkt in Justins Sullivan Augen schaut und die Intensität und Absichten spürt dann weiss man, dieser Konzertabend ist nicht wie jeder andere – New Model Army sind aber auch keine Band wie eine zweite. Somit war es endlich wieder nötig und schön zu erleben, dass die Koryphäe aus England für drei Auftritte in die Schweiz zurück kehrte. Mit im Gepäck das neuste Album „Winter“ und nebst ihrer unglaublich mitreissenden Songs auch einige Überraschungen. Winterthur mag eine längere Anreise entfernt sein, für solche Stunden lohnt sich aber jede Strapaze.

Der Abend im Salzhaus begann aber mit frischem Wind, denn die Existenz von Neo Noire aus Basel lässt sich noch fast in Stunden beschreiben. Nach vielen Begegnungen und Konzerten gründeten nämlich die bekannten Gesichtern Fredy Rotter und Thomas Baumgarnter mit Franky Kalwies und David Burger eine neue Truppe. Und deren Musik klingt nicht nur nach vieler Erfahrung, sondern hat mächtig Druck. Sie spielten Haare schwingend lange Rock-Stücke mit Stoner-Elementen und tollen Breaks. Rotters hohe Stimme gab den passenden Kontrast zum lauten Klang, sogar der Grossvater Blues durfte mitschwingen.

Erdiger und direkter präsentierten sich New Model Army. Auch über 35 Jahre nach der Gründung steht die Band immer noch wie ein Monolith in der Landschaft und weiss mit ihrer intelligenten Musik für Entzückung zu sorgen. Egal ob man die Musiker seit Jahrzehnten auf ihrem Weg begleitet oder als kompletter Novize in Winterthur landete, der Auftritt machte aus Unbekannten beste Freunde und aus Unwissenden begeisterte Anhänger. Lieder wie „51st State“ oder „Angry Planet“ erklangen voller Emotionen und Protest, das Publikum gab sich der Gruppe hin und von der ersten Sekunde an tobte ein Pogo-Kreis im Salzhaus. Diese ansteckende Stimmung sorgte auch auf der Bühne für Freude – trotz der störenden Pfeiler, welche die Musiker voneinander trennten.

Doch Profis wie New Model Army liessen sich davon nicht stören und warfen mit Violinistin Shir-Ran Yinon einen wunderbaren Gast in die Meute. Ihre Melodien trafen sich mit der Gitarre und Keyboard, die Perkussion unterstütze die saftigen Trommelein und vermengte alles mit einem Überraschungselement. Die ureigene Musik der Gruppe bliebt während jeder Sekunde aufregend und perfekt dargeboten, „Winter“ hielt auf beste Art und Weise Einzug. Mitsingen, mittanzen, mitdenken. Solange es Bands gibt, die sozialen Anspruch und wilden Post-Punk Wave so mächtig verbinden, ist unsere Welt doch nicht ganz verloren.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

New Model Army_Winterthur_MBohli_2 Neo Noire_Winterthur_MBohli

Live: New Model Army, Kiff Aarau, 15-10-08

New Model Army
Support: Spencer
Donnerstag 08.10.2015
Kiff, Aarau

Da steh ich nun, etwas verloren zwischen unzähligen Menschen in Bandshirts. Zwischen freudiger Erwartung und Unwissenheit, und versuche mich auf mein erstes Konzert einer Kultband vorzubereiten. Wie oft ich schon Geschichten gehört habe, über ihre Botschaft, ihre Konzerte und den gesunden Fanatismus gewisser Fans. Doch ich musste fast 30 Jahre alt werden, um endlich selber den letzten Schritt zu wagen. Und es tat überhaupt nicht weh.

Bei der Vorband Spencer aus Baden (AG) kamen Zweifel. Zwar sind die Mannen um den charismatischen Sänger Leo extrem talentiert und wissen, wie man Lieder schreibt und präsentiert, fehlten mir die Ecken und Kanten. Die Musik, gestohlen in den frühen Neunzigern und in die Gegenwart entführt, ist gefällig und hat Druck, würde aber im Radio nicht auffallen. Leo fasziniert sehr mit seinem perfekten Englisch, das klanglich an Herr Smith der Editors erinnert. Zuckerguss aber macht mir die Zähne kaputt, egal wie viel Hall und Echo die Musik untermalen. Dann plötzlich ein Wechsel: Beats von Roli unterlegen die Gitarren, Darkwave hält Einzug. Innert weniger Sekunden brechen Spencer aus und bringen das KiFF in Aarau zum Tanzen und Jubeln. Da steh ich nun, klatsche erfreut und begrüsse die Wahl der Vorband.

Für viele hatte dies wohl keine Relevanz, denn mit New Model Army besucht eine wahre Kultband die Bühne in der ehemaligen Futterfabrik. Seit ihrer Gründung 1980 bespielen die Engländer die gesamte Welt mit ihrer ureigenen Mischung aus Rock, Punk und Folk. Dass ihre Musik immer mehr war als reine Unterhaltung ist bis heute klar. In den Texten werden Missstände angesprochen und Justin Sullivan nimmt kein Blatt vor den Mund. Egal ob die Englische Politik, der Menschliche Umgang mit der Erde, die Herrschaftsstellung der USA oder Religion – was unfair ist wird wütend besungen und mit schneidenden Gitarren zerfetzt. Dass Justin dabei Messias ist und alle Zuschauer die Jünger, dies wurde auch mir bereits beim ersten Lied bewusst.

New Model Army packen die Leute im Herzen und im Kopf, schupsen die Beine an und animieren zum Mitsingen. Da macht es auch nichts, dass die Gruppe zuerst vor allem neuere Songs spielte und sich erst gegen Ende des erstaunlich knappen Auftritts an die Klassiker wagte. Wer ein solches Konzert besucht kennt schliesslich alle Texte und umgibt sich mit gleich schreienden Menschen. Als dann Justin bei „Another Imperial Day“ die Mitmusiker ruhen liess und nur mit seinem Sprechgesang vor die Besucher stellte, bekam so mancher Gänsehaut. Zustimmung, gestreckte Fäuste, Emotion. Das Konzert wurde immer intensiver und sogar einen Tag später verdichtet sich die Erinnerung noch.

Zu Recht sind New Model Army eine wichtige Band seit 35 Jahren (so lange benötigten sie auch, um im KiFF aufzutreten). Ihre intelligente Musik nimmt gefangen, berührt und lässt nicht mehr los. Zwei Mal kamen Marshall, Ceri, Dean, Michael und Justin bejubelt für Zugaben zurück, und hätten gerne für immer bleiben können. Da steh ich nun, glücklich und gut aufgehoben zwischen unzähligen Freunden, zwischen tränenverschmierten Wangen und verschwitzten Rücken und gelobe meine Zukunft mit der Band zu teilen. Lasst uns unser Leben besser gestalten. „I Love The World!“