Neo Noire

Interview mit Neo Noire – Grunge 2.0

Wie eine helle Sternschnuppe zogen Neo Noire an Basel vorbei über die gesamte Schweiz und haben mit ihrem ersten Album „Element“ die Szene des Alternative Rock gehörig aufgemischt. Kein Wunder, verbinden die gestandenen Künstler auf der Platte doch harte Riffs mit gefühlvollen Melodien – und vergessen die Ohrwürmer dabei nicht. Dies brachte ihnen auch bereits einige Auftritte im nahen Ausland ein, und für uns die Gelegenheit für ein Interview.

Michael: Eine ganz frische Alternative Rock Band aus der Schweiz begleitet eine gestandene Hardcore-Legende aus den USA. Wie kam es denn zu diesen zwei Konzerten mit Suicidal Tendencies in Deutschland?
Thomas: Über unseren deutschen Booker kam der Kontakt mit dem Management von Sucidal Tendencies zustande. Von da an ging eigentlich alles recht schnell; nachdem sich die Band unser Material angehört hatte, bekamen wir grünes Licht aus den USA für die Shows in Deutschland.

Ein Gig ist bereits überstanden, einer steht noch bevor. Wie sind nun die Erfahrungen nach diesem Auftritt? Wurdet ihr gut empfangen?
Wir haben mit unseren diversen Bands in der Vergangenheit ja schon zahlreiche Erfahrungen mit solchen Support-Slots sammeln können, kennen die Regeln und wissen daher, was zu tun und was zu unterlassen ist. Die erste Show lief für uns fantastisch! Band und Crew von Sucidal Tendencies haben uns äusserst nett behandelt und wir erhielten von ihrer Seite her keinerlei Restriktionen in Bezug auf unseren Auftritt – was absolut nicht der Normalfall ist bei Bands mit solchem Kultstatus.

Sind Supporting Gigs im Allgemeinen lukrativ, oder erhält man dadurch bei etwas komischen Paarungen doch zu wenig Rückmeldung?
Finanziell sind solche Gigs natürlich nicht lukrativ. In Bezug auf die Wirkung, die dabei erzielt werden kann, jedoch sehr! Bei Bands wie den legendären Suicidal Tendencies sind auch immer viele Medienvertreter und natürlich auch viel Publikum anwesend. Wir bekamen sehr gute Reaktionen auf unseren Auftritt, was keineswegs selbstverständlich ist, denn die Fans von Suicidal sind wirkliche Die-Hard-Fans. Aber wir haben uns den Arsch abgespielt und konnten damit offensichtlich überzeugen.

Ist es als „neue“ Band im Allgemeinen einfacher im Business zu sein und sich niemandem beugen zu müssen, als wenn man noch viele Erwartungen erfüllen muss?
Als Musiker ist es meiner Meinung nach am wichtigsten, immer zuerst die eigenen Erwartungen erfüllen zu können, ansonsten läuft man in eine Sackgasse. Bei Neo Noire sind wir alle zu erfahren, als dass wir uns dreinreden lassen würden – dafür haben wir bereits zu viele Jahre im Musikbusiness auf dem Buckel. Innerhalb der Band ist die Situation bei uns generell speziell: Fredy Rotter (Git/Vox) ist gleichzeitig auch unser Labelboss (Czar of Crickets), David Burger (Drums) ist unser Manager (Inhaber von Radicalis) und ich habe das Album produziert. Somit haben wir eine sehr gute und funktionierende Infrastruktur innerhalb der Band und können Entscheidungen selber fällen, was natürlich auch die Verantwortung steigert.

In der Schweiz – oder zumindest in gewissen Szenen – hat euer erstes Album „Element“ eingeschlagen wie eure Riffs einfahren, nämlich heftig. Für euch war dies bestimmt nicht verwunderlich, oder?
Die fantastischen Reaktionen aus aller Welt auf unser Debüt „Element“ sind auch für uns überraschend und natürlich sehr cool. Wir sind als Band sehr entspannt an das Songwriting und die Produktion herangegangen und haben uns keine grossen Gedanken darüber gemacht, wem die Songs gefallen könnten. Wir haben lange und sehr hart daran gearbeitet, bis wir als Band komplett hinter dem Album stehen konnten. Offensichtlich haben wir aber glücklicherweise damit bei vielen schlussendlich einen Nerv getroffen – was uns natürlich sehr freut.

Man kann den Erfolg nie planen und der Grunge ist eigentlich nicht mehr hoch im Kurs – jetzt ist auch noch Chris Cornell gestorben. Ist es da sinnvoll, mit dieser Stilrichtung das Glück zu suchen?
Wir sehen uns eigentlich in keiner Weise als Vertreter einer Grunge-Szene. Grunge war für mich immer eine Erfindung der Medien und ich selber assoziiere am ehesten Bands wie Mudhoney, Nirvana und die Melvins mit „Grunge“. Unsere Musik, die wir ja selber Hybrid Rock nennen, ist ganz einfach die Schnittmenge der persönlichen musikalischen Vorlieben von uns vier in der Band. In den vielen sehr guten Album-Reviews wurden wir sehr oft mit Bands der 90er wie Janes Addiction, Tool oder den Smashing Pumpkins verglichen, was für uns natürlich ein Kompliment ist. Trotzdem wurde auch immer herausgehoben, dass wir diesem Sound ein gehöriges Upgrade verpasst haben. Wir haben innerhalb der Band (und auch aufgrund des grossen Altersunterschieds) zu viele verschiedene musikalische Vorlieben, als dass wir ein einzelnes Genre bedienen wollen würden. Das würde uns als Musiker viel zu sehr limitieren.

Soundgarden waren aber bestimmt auch einen Einfluss auf eure Musik. Was hatte sonst auch noch etwas zu sagen, wenn auch nur unterbewusst?
Mir persönlich gefielen Soundgarden von den vielen Bands zu dieser Zeit fast am besten. Die Band zeigte sehr viele verschiedene musikalische Facetten und schrieb zeitlose Songs. Für mich waren Soundgarden allerdings mit ihren nicht überhörbaren Black Sabbath- und Led Zeppelin-Einflüssen immer mehr dem Classic Rock-Genre zuzurechnen, und ich habe den diesbezüglichen „Grunge-Stempel“ eigentlich nie begriffen. Wir verfolgen mit Neo Noire ein ähnliches Verständnis: Die letzten 50 Jahre haben in der Rockmusik fantastische Bands und Genres hervorgebracht. Wenn man sich keine Grenzen auferlegt, ist dies ein herrliches Tummelfeld, um sich auszutoben. Ich glaube gerade auch deshalb ist noch mit einigen Überraschungen von uns zu rechnen.

An der Plattentaufe in der Kaserne in Basel habt ihr gezeigt, dass eure Musik auch live ein Kracher ist. Was gefällt dir selber mehr, auf der Bühne zu stehen oder im Studio neue Songs zu finden?
Danke, schwierig zu sagen. Für mich ist der Entstehungsprozess eines Songs immer mit sehr viel Magie verbunden. Am spannendsten finde ich als Musiker und Produzent aber immer noch die Umsetzung im Studio. Du kannst vieles richtig oder falsch machen – und mit dem Ergebnis musst du ein Leben lang klar kommen. Aber auch live zu spielen finde ich nach wie vor sehr geil.

Dauert die Arbeit im Studio mit Neo Noire denn lange?
Oh ja. Da wir das Album in Eigenregie aufgenommen und produziert haben, hat dieser Prozess sehr viel Zeit in Anspruch genommen – insgesamt ein Jahr. Wir sind zu sehr Perfektionisten, als dass wir uns schnell zufrieden geben würden und wir lieben es, sehr viele verschiedene Dinge auszuprobieren. Dies alles kostet Zeit und Energie. Aber auf das Ergebnis sind wir mehr als stolz.

Was wird uns denn die Zukunft von Neo Noire bringen? Bald einen Studio-Nachschlag?
Wir werden sicherlich noch einige Zeit mit dem aktuellen Album touren, und so schnell ist nicht mit einem neuen Album zu rechnen. Im Herbst geht es auf eine Tour nach Spanien, danach folgt eine Tour durch die Schweiz, Deutschland und vielleicht auch Skandinavien. Trotzdem sind wir aber bereits daran, neue Ideen auszuprobieren. Doch dieser Prozess dauert bei uns eben immer etwas länger.

Neo Noire und Artnoir(e) – eigentlich die perfekte Kombination für die Musikszene?
Genau und exakt auf den Punkt gebracht! Ich hoffe, wir werden noch oft miteinander zu tun haben.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Neo Noire – Element (2017)

Neo Noire – Element
Label: Czar Of Crickets, 2017
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Grunge, Alternative Rock

Eine neue Generation in die Musik vergangener Jahrzehnte einzuweihen, geht auf zwei Arten: Man spielt den jungen Menschen die besten Platten der grössten Bands ab und schwärmt ihnen aus den eigenen Erinnerungen vor. Oder man gründet zusammen mit Freunden eine neue Band und komponiert Musik, die die zeitlichen Grenzen durchbricht. Szene-Urgesteine Frederyk Rotter und Thomas Baumgartner haben genau dies gemacht und beleben mit dem Debütalbum von Neo Noire nicht nur den Grunge.

Man merkt der Truppe die Erfahrung und die Leidenschaft vom ersten bis zum letzten Ton an, und auch woher die Inspiration kommt. Denn jeder Ton und jeder Akkord in „Save Me“ trieft nur so von Alice In Chains-Atmosphäre. Hier gibt es diese leidenschaftlichen Gitarrenriffs, die schweren Drums und den herausgepressten Gesang. Dabei steigen Neo Noire aber weit über die Sphären der Zitate hinaus und musizieren sich wie Götter durch lange Songs, mitreissende Arrangements und die passenden Solos. Gerne schauen da die Geister von Smashing Pumpkins oder Jane’s Addiction vorbei.

„Elements“ weiss in den richtigen Momenten sich in Prügeleien zu stürzen („Shotgun Wedding“), oder wann man sich der eigängigeren Substanz zuwenden muss. Damit haben Neo Noire ein Album aufgenommen, das mich so stark überrascht hat wie selten eines im Alternative Rock. Die Musik holt nicht nur ein schier vergessenes Genre in den Alltag zurück, sie zeigt auch, dass Rock immer noch virtuos und voller ansteckender Ehrlichkeit gespielt werden kann. Vielleicht ist es doch wieder an der Zeit, die Flanellhemden aus den Schränken zu holen und an Konzerten wild den Kopf zu schütteln.

Anspieltipps:
Save Me, Shotgun Wedding, Spark

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Neo Noire, Kaserne Basel, 17-05-12

Neo Noir
Support: Hathors
Freitag 12. Mai 2017
Kaserne, Basel

Man konnte nicht anders, als sich immer wieder anzuschauen und etwas zu grinsen – denn was man hier hörte, brachte nicht nur viele Erinnerungen, und sondern auch Freude zurück. Und gibt es etwas schöneres für eine Band, als beim Publikum diese Gefühle auszulösen? Neo Noire sind natürlich keine Jungspunde ohne Erfahrung und wissen genau, wie man in den Leuten mit Musik Dinge auslösen kann. Und obwohl es sich bei diesem Auftritt um die Plattentaufe ihres ersten Albums „Element“ handelte, standen hinter den Instrumenten viele Jahre mit noch mehr gespielten Songs.

GURD, Zatokrev, Disgroove, Slag in Cullet – was einen tollen Abend an einem Festival ergeben würde, kumuliert sich hier zu einer neuen Art von Supergroup. Die Künstler Thomas Baumgartner, Frederyk Rotter, Franky Kalwies und David Burger finden sich im Alternative Rock und bringen mit ihrer Musik momentan nicht nur Basel zum Beben. Das erste Album von Neo Noire schlug ein wie damals die erste Welle des Grunge – und holt sich aus dieser Zeit die besten Eigenschaften. Die Gitarren türmten sich auf, der Gesang war zweistimmig und der Klang breit und wuchtig.

Bereits mit dem ersten Song zeigten Neo Noire voller Selbstbewusstsein und Energie, wie wundervoll Rocksongs doch sein können. Von einer aufwändigen Lichtshow in helles Licht gehüllt legte die Band los und liess Stücke wie „Save Me“ oder „Shotgun Wedding“ durch den Saal schallen. Und egal wie stark diese Momente an Alice In Chains oder Smashing Pumpkins erinnerten, die Herren haben mit ihrer Musik auch eine eigene Identität erschaffen. Kleine Ausschweifungen des Post-Rock, ein paar heftige Trommelwirbel aus dem Metal – alles für einen perfekten Musikabend.

Auch Hathors aus Winterthur liessen keinen Stein auf dem anderen, als sie die Leute in den Abend einstimmten. Ihr gewaltig rumorender Noise-Rock mit Grunge-Mustern hatte viel Schwung und die Band bewies, dass sie mit ihrem aktuellen und dritten Album „Panem Et Circenses“ einige Lieder erschaffen hat, die einem das Brillengestell vom Kopf weghauen. Breitbeinig, wie ein Tiefdruckgebiet voller Rhythmen und Riffs und mit viel Spiellust – echter Rock ist eben doch keine Angelegenheit für langweilige und abgekämpfte Musiker.

 Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: New Model Army, Salzhaus Winterthur, 16-10-24

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New Model Army
Support: Neo Noire
Montag 24. Oktober 2016
Salzhaus, Winterthur

Spätestens wenn man direkt in Justins Sullivan Augen schaut und die Intensität und Absichten spürt dann weiss man, dieser Konzertabend ist nicht wie jeder andere – New Model Army sind aber auch keine Band wie eine zweite. Somit war es endlich wieder nötig und schön zu erleben, dass die Koryphäe aus England für drei Auftritte in die Schweiz zurück kehrte. Mit im Gepäck das neuste Album „Winter“ und nebst ihrer unglaublich mitreissenden Songs auch einige Überraschungen. Winterthur mag eine längere Anreise entfernt sein, für solche Stunden lohnt sich aber jede Strapaze.

Der Abend im Salzhaus begann aber mit frischem Wind, denn die Existenz von Neo Noire aus Basel lässt sich noch fast in Stunden beschreiben. Nach vielen Begegnungen und Konzerten gründeten nämlich die bekannten Gesichtern Fredy Rotter und Thomas Baumgarnter mit Franky Kalwies und David Burger eine neue Truppe. Und deren Musik klingt nicht nur nach vieler Erfahrung, sondern hat mächtig Druck. Sie spielten Haare schwingend lange Rock-Stücke mit Stoner-Elementen und tollen Breaks. Rotters hohe Stimme gab den passenden Kontrast zum lauten Klang, sogar der Grossvater Blues durfte mitschwingen.

Erdiger und direkter präsentierten sich New Model Army. Auch über 35 Jahre nach der Gründung steht die Band immer noch wie ein Monolith in der Landschaft und weiss mit ihrer intelligenten Musik für Entzückung zu sorgen. Egal ob man die Musiker seit Jahrzehnten auf ihrem Weg begleitet oder als kompletter Novize in Winterthur landete, der Auftritt machte aus Unbekannten beste Freunde und aus Unwissenden begeisterte Anhänger. Lieder wie „51st State“ oder „Angry Planet“ erklangen voller Emotionen und Protest, das Publikum gab sich der Gruppe hin und von der ersten Sekunde an tobte ein Pogo-Kreis im Salzhaus. Diese ansteckende Stimmung sorgte auch auf der Bühne für Freude – trotz der störenden Pfeiler, welche die Musiker voneinander trennten.

Doch Profis wie New Model Army liessen sich davon nicht stören und warfen mit Violinistin Shir-Ran Yinon einen wunderbaren Gast in die Meute. Ihre Melodien trafen sich mit der Gitarre und Keyboard, die Perkussion unterstütze die saftigen Trommelein und vermengte alles mit einem Überraschungselement. Die ureigene Musik der Gruppe bliebt während jeder Sekunde aufregend und perfekt dargeboten, „Winter“ hielt auf beste Art und Weise Einzug. Mitsingen, mittanzen, mitdenken. Solange es Bands gibt, die sozialen Anspruch und wilden Post-Punk Wave so mächtig verbinden, ist unsere Welt doch nicht ganz verloren.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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