Muse

Live: Muse, Hallenstadion Zürich, 16-05-11 / 12

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Muse
Support: De Staat
Mittwoch 11. Mai 2016 / Donnerstag 12. Mai 2016
Hallenstadion, Zürich Oerlikon
Setliste Mittwoch
Setliste Donnerstag

Wie, dasselbe Konzert gleich zweimal besuchen, an direkt aufeinanderfolgenden Tagen? Was für viele Leute wohl nur ein Grund zum Kopfschütteln ist, sorgt bei Gleichgesinnten – in dem Fall Musikfanatikern – für anerkennendes Nicken. Bands wie Muse sind schliesslich nicht nur bekannt dafür, live mit ihren Instrumenten, sondern auch mit ihren ausgefallenen Shows zu überzeugen. Somit lohnt es sich meist, unterschiedliche Perspektiven an Konzerten einzunehmen. Für die neuste Welttour haben sich die Engländer dazu entschieden, die Bühne in die Mitte der Halle zu stellen und sich somit unter die Fans zu mischen. Natürlich mit viel Projektion, Licht und Spielereien. Doch kann sich die Musik in einem solchen Technikkrieg noch behaupten?

Das Trio Bellamy, Howard und Wolstenholme spielt sich seit Beginn seiner Karriere mit viel Energie und Können in die Herzen der Konzertgänger. Obwohl die Musik sehr technisch daherkommt, spürt man von dieser Schwierigkeit in den melodramatischen Stücken wenig. Muse spielen selbst lange, ausgeklügelte Lieder wie „Citizen Erased“ locker runter – wobei dies am Mittwoch leider einer der wenigen Ausflüge in die harte Vergangenheit war. Mit ihrer Drones-Tour setzt die Band erneut auf Hits und aktuelle Lieder – das Album will schliesslich beworben werden. Ausnahmen wie „Bliss“, „Time Is Running Out“ oder „Hysteria“ freuten die langjährigen Begleiter – „Mercy“, „Undisclosed Desires“ oder „Starlight“ neue Liebhaber und Radiohörer. Die Mischung machts, doch leider griff die Band in Zürich oft in den sicheren Topf und vergass somit viele Highlights ihrer älteren Werke und verlor sich etwas in den elektronischen Klängen.

Die Konzerte waren ganz klar auf die multimediale Show ausgelegt und oft sorgten lange Intros und Videos daher für Unterbrüche. Das liess nicht nur das Tanzbein stocken, sondern auch etwas Kraft aus der Darbietung fliessen. Muse versteckten sich zu oft hinter ihren Leinwänden, Drohnen, drehenden Plattformen und Synths. Sicherlich, die Band war noch nie besonders kontaktfreudig, doch im Hallenstadion griffen sie zu selten zu den dreckigen Gitarren- und Basstönen. Wobei an dieser 360°-Bühne und den bunten Farben nichts auszusetzen ist, besonders vom Sitzplatz aus wurde man regelrecht von der Grösse und der genialen Choreografie erschlagen. Als Besucher im Getümmel blieb einem davon vieles verwehrt, Muse waren dafür fast in Griffweite und tobten mit den anderen Leuten.

Und wenn klanglich nicht immer alles stimmte, dann darf man wohl die Schuld der Kombination aus komplexer Bühne und Hallenstadion zuschieben. Oder war Matthew doch etwas angeschlagen? Denn irgendwie fehlte allem etwas Energie und Druck. Die Konzerte in Zürich machten somit zwar Spass und setzten Massstäbe bei der Bühne – für die Art-Rock Gruppe war es aber eher ein mittelmässiger Anlass. Das konnten sie auch schon ausgewogener, denn Momente wie „Knights Of Cydonia“, in denen alles aufging, gab es zu selten – der Spielraum fehlte.

Sehr witzig und frisch kamen De Staat aus Holland daher. Die Band leitete beide Abende mit einer wilden Mischung aus Alternative Rock, Electro und Hip-Hop ein und machte das Beste aus der grossen Bühne. Obwohl die Halle meist noch spärlich gefüllt war, konnte ihre Musik einige Leute mitreissen und man versuchte in den mehrstimmigen Sprechgesang einzusteigen. Dazwischen holperten Synths vorbei, Gitarren kratzten an den Hallenträgern und das Schlagzeug füllte die leeren Plätze an den Rängen. Ein überraschend anderer Einstieg in das Spektakel.

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TesseracT – Polaris (2015)

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TesseracT – Polaris
Label: Kscope, 2015
Format: CD im Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Metal

Schräge Takte, metallener Bassklang der unter die Kniescheibe zieht, harte Riffs und dann plötzlich: Wunderbare Keyboardflächen, mitreissender Gesang und emotionaler Abschluss. Das eröffnende Lied von „Polaris“ zieht gleich alle Register, um dann fliessend in „Hexes“ überzugehen und dabei an Muse oder den Prog-Künstler t zu erinnern.‎ TesseracT zeigen auf, wie Prog-Metal im Jahre 2016 klingen kann, ohne den Stil zu verleugnen oder in tief eingefahrene Furchen abzudriften. Intelligent, durchdacht und trotzdem organisch fliessend.

Wie es der Labelwechsel zu Kscope bereits andeutete, ist die neuste Platte der Engländer keine reine Übung in technischer Überlegenheit und Härtegrad. Das Genre wird von der Band geschickt mit Rock und dessen vielfältigen Zusätzen verwoben – besonders berauschend mit dem Art-Rock. Kein Song auf „Polaris“ will nur mit seinen Muskeln beeindrucken, sondern findet immer wieder einen Weg, um die Augen glänzen und die Gedanken schweifen zu lassen. Arrangiert sind die Lieder wahrlich grossartig, einzelne Liedteile greifen vor, nach oder ineinander. Mit Mut zur harmonischen Gewalt und der einschüchternden Harmonie verzaubern TesseracT Herz und Kopf zugleich. Dabei dürfen die Musiker schwelgen, alles leise entstehen lassen und Lieder ganz sanft streicheln – ohne die Gefahr zu laufen, „Polaris“ im Kitsch zu verschenken. Wie Steven Wilson erreicht die Band eine homogene Verbindung aller Stile. Im Gegensatz zum Prog-Gott wird hier der Wut auch viel Platz gelassen, der Metal drückt durch und knallt alles an die Wand. Die dabei entstandenen Flecken sind aber schöner als manches Gemälde.

Wer sich zwar gerne mit Prog-Metal beschäftigen würde, aber immer von dessen Wildheit und den Frickeleien abgeschreckt wurde – oder über den Pathos mancher Bands kotzen könnte – der findet bei TesseracT endlich wieder einen sicheren Hafen. „Polaris“ ist aufregend, gefühlvoll, wild an den richtigen Stellen und abwechslungsreich. Obwohl eigentlich nichts Neues oder Fortschrittliches versucht wird, erhält man hier Musik von höchster Güte. Somit auch endlich eine Band, die von den langweiligen und bekannten Pfaden abweicht. Und all dies mit einer grossartig druckvollen Produktion.

Anspieltipps:
Hexes, Utopia, Seven Names

Media Monday #237

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Schon ist das Jahr wieder zwei Lückentexte vom Medienjournal alt.

1. Für einen entspannten Filmeabend hab ich mir in letzter Zeit so einige Filme auf Netflix gegönnt, die schon lange in meiner Liste lauerten. Dabei hab ich festgestellt, dass der Streaminganbieter die Wertungen ziemlich passend für mich vorschlägt. Entweder schau ich nun zu viel oder ich bin sehr durchschaubar. Beides klingt irgendwie nicht so super.

2. Das Konzertjahr 2016 fing gar nicht mal so stark an, mittlerweile bin ich aber froh, mir selber eine Pause gegönnt zu haben. Nachdem ich 2015 68 Konzerte besucht habe (Rechungsweise: 1 Festivaltag = 1 Konzert), war diese Pause bestimmt nötig. Spätestens am 19.01.16 geht es dann aber mit frischer Energie wieder weiter. Und einige Highlights sind jetzt schon gebucht: Ellie Goulding in Barcelona, Muse und Schiller in Zürich und Marillion an meinem Geburtstag in Berlin. Yay!

3. Die wohl coolste Gastrolle in einer Serie einem Film hatte David Bowie in „The Prestige“, und sonst bei all seinen Auftritten. Der Mensch war ein scheinender Stern, eine Quelle an unendlicher Kreativität und ein Genie. Und jetzt, wenige Tage nach der Veröffentlichung von „Blackstar“ und seinem 69. Geburtstag schweigt seine Stimme für immer. Bitte nicht, so etwas will ich nicht erleben müssen. 😦

4. „Zombieland“ nimmt das Genre der Zombiethriller so gepflegt aufs Korn, dass man praktisch im Sekundentakt lachen und klatschen muss. Jedes Klischee wird umgangen und entlarvt, die Figuren sind wunderbar atypisch und herrlich durchgedreht. Und dann noch Bill Murray als sich selber? Wundervoll.

5. Es war längst überfällig, dass die Bilder in den Filmen wieder ausdrucksstärker werden. Die Kameraarbeit, Bildkomposition und Ausführung in „The Revenant“ hat mich darum einfach nur umgehauen. Wie da mit rein echten Licht gearbeitet, die Natur eingefangen und zelebriert wurde, erinnerte mich sogar an die Meditationen eines Terence Malick.

6. „A Brief History Of Seven Killings“ konnte ich kaum noch aus der Hand legen, denn das Monsterwerk von Marlon James offenbart unter der Komplexheit eine tiefe und reife Beobachtung von Jamaica. Die Handlung spannt sich mit über 70 Figuren über drei Jahrzehnte und der Autor spielt absolut grandios mit Dialekten und Sprachen. Wuchtig und nicht immer einfach, aber fesselnd und absorbierend. Zu Recht wurde das Buch mehrfach ausgezeichnet, schon jetzt ist es ein Klassiker. Mehr dazu auf Goodreads.

7. Zuletzt habe ich „Mud“ gesehen und das war ein wunderbarer Film, weil die Mischung aus „Coming Of Age“ Drama und Charakterstudie mit Krimi wunderbar rund aufgeht. Die Bilder der heissen Südstaaten-Landschaften sind wunderschön, die Schauspieler saustark. Allen voran natürlich Matthew McConaughey, der hier schon wieder beweisst, dass er zu den Besten gehört.

Muse – Drones (2015)

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Muse – Drones
Label: Warner Bros. Records, 2015
Format: CD im Digipak, mit DVD
Links: Discogs, Band
Genre: Stadion-Art-Rock

Da sind sie also wieder, die Herren Bellamy, Howard und Wolstenhome, besser bekannt als Stadionrocker Muse. Ihre Rückkehr beäugte ich zuerst aber sehr vorsichtig, hat das Trio bei mir doch den Schritt von Lieblingsband zu „ok, aber leider nicht relevant“ geschafft. Grund dafür waren vor allem die Studioalben, die leider mit den Jahren immer überladener und wirrer geworden sind. Was zuerst knalliger Art-Rock war, wurde Kaugummi-Oper. Mit „Drones“ gelobt die Band nun aber Besserung, wenn auch noch nicht in alter Form.

Dass Muse schon immer eine politisch interessierte und wachsame Band waren, ging dank all dem Kitsch gerne vergessen. Wie der Name vom neusten Album aber schon sagt, war es Bellamy auch dieses Mal wichtig, rockuntypische Themen aufzugreifen und zu verarbeiten – gerade weil der unbemannte Krieg mit Drohnen und Robotern immer mehr Wirklichkeit wird und die Feigheit im Kampf noch stärker fördert. Ob es an einer Stadion-Band liegt, diese Punkte aufzugreifen, sei mal dahingestellt; ich sehe es auf jeden Fall gerne, wenn Musiker wieder politischer auftreten. Und mit diesem geerdeten und realistischen Thema kam bei Muse auch der Rock zurück. Die Band gibt selber zu, sich auf den letzten Platten (und besonders auf „The 2nd Law“) etwas im Prunk und den Möglichkeiten verloren zu haben, nun aber die Umkehr wagen. Die Songs sind kompakter, dem Klang für drei Menschen angepasst, verfügen über viel Groove und Gitarren und dürfen auch gerne kurz sein. Man darf sich vom Eröffnungsstück „Dead Inside“ nicht täuschen lassen, die R’n’B- und Dance-Aspekte fallen auf dem restlichen Album komplett weg. Alles klingt wieder mehr nach „Absolution“ oder „Black Holes…“, fällt aber auch oft in die Falle der eigenen Repetition. Gerade Stücke wie „Psycho“ klingen doch sehr wie Selbstzitate. Klar, die Band hat ihren eigenen Stil und Klang erarbeitet, doch die Riffs und Gesangsmelodien erinnern mehrmals zu stark an andere Lieder in ihrem Repertoire. Zusammen mit den meist zu plakativen und schematischen Texten hinterlässt das Werk etwas zu oft einen bitteren Nachgeschmack. Auf praktisch jede Enttäuschung folgt aber ein Glücksmoment, sei dies nur ein interessantes Gitarrenspiel zwischen den Zeilen oder ein böse grummelnder Bass. Bei „Reapers“ klappt dann zum ersten Mal alles und der Song steigt sofort in die Bestenliste auf. Warum nicht mehr davon?

„Drones“ ist Mittelmass, so Leid es mir tut, dies zu schreiben. Die Band hat sich zwar erholt und den Kopf aus dem Kitsch-Treibsand gehoben, verfängt sich aber in Plattitüden und zu einfachen Lösungen. Muse machen wieder mehr Spass und rocken fast wie früher, haben aber musikalisch nicht mehr viel Neues zu sagen – das zeigt auch die Operette am Schluss des Albums. Vielleicht wäre es doch an der Zeit, sich neu zu orientieren. Live ist die Truppe aber immer noch ein Muss.

Anspieltipps:
Dead Inside, Reapers, Defector

Live: Muse – Sonisphere, Expopark Biel, 15-06-06

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Sonisphere Festival: 
Muse, Incubus, The Hives, Bonaparte, Gustav & Les Hellbrothers
Samstag 06.06.2015
Expopark Nidau, Biel / Bienne

Es war ein Tag der Einschränkungen, wobei die meisten dieser Kompromisse zu einem besseren Resultat führten. Gerade beim krönenden Abschluss des Art-Rock Trios war ich mehr als glücklich, dass Zurückhaltung eine Rolle spielte. Aber beginnen wir doch beim Anfang, denn dieser war sommerlich und gut gelaunt. Ein paar Biere und Schwimmzüge im Bielersee, das liess schnell vergessen, dass die offizielle Badi nur für VIP-Gäste zugänglich war. Und ohne Wasser hätte man es nicht ausgehalten, denn die Sonne brannte unerbittlich herunter. Darum fiel die Entscheidung auch gegen die erste Band, welche auf dem ehemaligen Expogelände in Nidau spielte – wir wagten uns erst aufs Gelände, als Bonaparte die Bühne betraten.

Eine weise Entscheidung, denn das Sonisphere Festival bot wenig Schatten und eine drückende Hitze in der Masse. Daher war der Gang zum Bierstand beliebter als der Weg zum Bühnenrand. Bonaparte boten ein gelungenes Konzert, allerdings kann ihr Songmaterial leider nicht gänzlich überzeugen. Textlich immer sehr aktuell und schmunzelnd, musikalisch aber etwas verstaubter Indie-Tronic-Rock. Schade, denn wirkliche Partystimmung kam nicht auf. Auch die Schweden The Hives waren nicht mein Ding. Ihre wilde und provozierende Art, alternative Rock zu spielen findet seit Jahren Anklang, die Band hat sich aber auch festgefahren. Es ist zwar lustig, Pele und seinen Kumpels zuzuschauen und zuzuhören, aber mir fehlt die Substanz.

Dank den langsam aufziehenden Wolken wagten wir uns bei Incubus nach vorne. Zwar verhinderte der „Golden Circle“ einen freien Gang, doch die Bühne war genügend gross, um die Amerikaner im Blick zu halten. Die Gruppe um Brandon Boyd ist nicht nur seit Jahrzehnten aktiv, sondern prägte eine Zeit lang stark den Mainstream mit ihrer eigenen Mischung aus Surf-Rock und Einflüssen des Hip-Hop und Scratching. Obwohl die neusten Platten nicht mehr so überzeugen, sind Incubus live immer noch eine tolle Band. Ob man nun kommt um Brandons Körper zu bewundern, alte Hits zu feiern oder bei neuen Balladen mitzusingen – alles wurde geboten. Leider verhinderte der aufkommende Wind eine gute Abmischung, die Musik war aber besser als ich es erwartet hatte.

Highlight und Grund meiner Anreise waren dann aber ganz klar Muse. Die Mannen aus England gehörten lange zu meinen Lieblingsbands und begeisterten immer restlos mit ihren Shows. Zwar gilt auch hier bereits zum vierten Mal das Manko der schlechter werdenden Alben, aber die Band ist und bleibt einer der besten Liveaufspieler. Von Anfang bis Ende gaben sie Vollgas und rockten sich durch eine gelungene Festival-Setlist voller Hits und Fanfavoriten. Mit nur vier Liedern vom neuen Album „Drones“ bot das Konzert genügend Platz, um alte Bekannte ins Rampenlicht zu stellen. Zu wenig Scheinwerfer bot die Bühne dazu echt nicht, von überall her blitzte und strahlte es. Dazu quadratmeterweise Bildschirme mit Animationen und Filmsequenzen. Das Trio war schon immer bekannt für ihre gewaltigen Shows, schön war aber auch zu sehen, dass sich die Herren nun wieder etwas zurückhalten. Keine Schauspieler und Akrobatik mehr, kein unnötiger Bombast. Mit ein paar Konfetti und Ballons sind die Menschen mehr als glücklich, denn hier gab es wieder mehr rockende Momente. Springen, tanzen, schwitzen und mitgröhlen, so muss es sein. Und auch wenn am Ende des Abends noch viele Lieder fehlten: Muse lohnen sich weiterhin.

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The Pineapple Thief – All The Wars (2012)

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The Pineapple Thief – All The Wars
Label: KScope, 2014
Format: Doppelvinyl im Gatefold, mit Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Rock, Art-Rock

Am Schluss steht das Epos. „Reaching Out“ fügt endlich alle alten Teile und neuen Elemente von The Pineapple Thief zu einem fast zehn Minuten dauernden Ritt durch den New-Prog. „I Adore You“, sanft aber bedrohlich startet das Lied. Unter der Oberfläche brodelt es und nach knappen vier Minuten wird aus dem Popsong plötzlich eine stille Suite, die genüsslich den Hörer auf die Folter spannt, den Refrain mit Geigen und viel Emotion wiederholt, das Orchester immer mehr einbindet und dich plötzlich anspringt und mit einem harten Takt und Chorgesang zum Höhepunkt steuert. Einen solch guten Aufbau fand man bis zu dieser Stelle an keinem Punkt des Albums, und der Schlusspunkt ist grandios gesetzt. The Pineapple Thief erreichen einen neuen Level.

Obwohl – das Spiel mit den Harmonien, die Wechselwirkung von leisen Stellen mit Keyboard und Geige gegen die Ausbrüche mit voller Band im Bereich des Art-Rock und Prog, das beherrscht die Band wahrlich grossartig. Bruce Soord steht als Bandleader nicht nur am Mikrofon, sondern schreibt auch alle Songs der Ananasdiebe. Mit „All The Wars“ führt er dabei die harte und Stakkatogitarre ein, die Riffs kräftig anspielt, aber sogleich auch wieder verstummen lässt. Dieses Element zieht sich durch fast alle Songs, weiss aber genügend variiert zu werden, um nicht zu langweilen. „Burning Pieces“ steht damit am Anfang auch gleich als erstes Highlight. Unglaublich gross wird es meiner Meinung nach dann mit „Last Man Standing“. Eine wabernde Gitarre und der tolle Gesang von Soord leiten das Thema ein, der Refrain wird sanft dargeboten und mit Keyboards untermalt – „Why Did You Leave Me Standing?“ Doch die Verwunderung wird Wut, die Gitarre drücken hart an die Magenwand und wollen Antworten. Der freche Umgang mit Pausen und der Stille verleit dem Song eine unglaubliche Dynamik, so dass der eigentliche Ausbruch brutaler klingt als er eigentlich ist. Dass danach mit dem Titellied bedächtige 3 Minuten folgen, ist komplett richtig und gibt der Dramaturgie des Albums noch mehr Kraft.

„All The Wars“ wird wohl nicht jedem Begünstiger der Band gefallen, weiss aber Einflüsse wie Porcupine Tree oder Muse gut in den Stil der Band einfliessen zu lassen. Das Album ist mit seinen eher an Rocksongs orientierten Stücken knackig und wuchtig. Obwohl es seine Zeit braucht und sich erst nach und nach erschliesst, gefällt mir das Album nun unglaublich gut. Es macht Spass die Songs zu hören, man kriegt Lust Luftgitarre zu spielen und geniesst den New-Prog der zeigt, dass es nicht immer unzählige Tempiwechsel braucht, um spannend zu bleiben. The Pineapple Thief befinden sich auf dem richtigen Weg.

Anspieltipps:
Last Man Standing, All The Wars, Reaching Out

Das dazu passende Getränk:
Ananassaft, gestohlen, nicht gekauft.

Flood Of Red – Throw (2014)

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Flood Of Red – Throw
Label: Superball Music, 2014
Format: CD im Digipack, mit Poster
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative, Stadion, Post-Hardcore

Debütalben können sich als Meilensteine herausstellen oder als kleine Vorausahnung für kommende Platten einer Band. Flood Of Red aus Schottland haben in Eigenregie bereits zwei EPs und eine CD herausgebracht, wagen mit „Throw“ nun aber den Schritt zum professionellen Label. Somit kann dieses Album als ersten Gehversuch im neuen Bandkapitel angeschaut werden und es macht dabei eine sehr gute Figur. Flood Of Red mischen verschiedene Stilrichtungen im Mixer und stellen einen Shake auf den Frühstückstisch der wohl allen Gästen mundet.

Wenn man sich das Album zum ersten Mal anhört fallt vor allem auf, wie viele Bands die man kennt (und mag) sich raushören lassen: Muse, Thursday, Biffy Clyro, U2 und Konsorten. Dabei werden aus jeder Soundwelt Anleihen genommen und mit dem eigenen Charme der Band kombiniert. Sehr spannend ist, dass hier alles homogen erscheint und sich völlig selbstverständlich ergänzt. Prog mässige Wechsel treffen auf Hardcorebreaks und werden mit dem epischen Gesang und den himmelhohen Gitarren von Stadionrock kombiniert. Die Lieder rasen dabei oft in sechs Minuten oder weniger durch die halbe moderne Rockwelt und grasen alle Felder komplett ab. Eine anregende Sache, denn wie oft sind Rockplatten heutzutage doch eher langweilige Eigenzitate? Mit ihrer „Mach Alles selbst“-Einstellung klingen die Jungs dabei eine Spur sympathischer als so manch andere Gruppe im Business. Das Pathos wird dabei nicht vergessen, erscheint aber nicht als moralisches Vehikel sondern gründliche Unterstützung der Songstruktur. Man kauft ihnen diese Momente – die direkt aus den grössten Stadien der Welt purzeln – ab und will danach immer noch mit ihnen durch die Gassen ziehen.

„Throw“ ist ein Album das in vielen Lagern Anklang finden kann, Progger mögen es für die eigenwillige Vertracktheit, Rocker für die Gangart, Leute aus den 90er für die Texte und Atmosphäre und alle wegen den grossen Melodien und emotional dargebotenen Lyrics. Mit der Zeit lassen sich allerdings auch ein paar Abnutzungserscheinungen feststellen, diese wiegen aber nie so stark auf, dass man das Album im Regal verstauben lassen möchte. Ein Welt rettendes Album ist es nicht, aber ein Werk das wohl fast jeden zufrieden stimmt. Die Band ist auf dem richtigen und sehr attraktiven Weg.

Anspieltipps:
Throw, Whispers And Choirs, White Russian

The Pineapple Thief – Magnolia (2014)

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The Pineapple Thief – Magnolia
Label: KScope, 2014
Format: Doppelvinyl im Gatefold, Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Prog, New Artrock

Stehen wir an der Schwelle zum neuen Prog Zeitalter? Nachdem diese Musikart in den Siebzigern zu der vorherrschenden Richtung wurde, stürzte sie auch gleich so schnell wieder in die Versenkung. Durch den New-Artrock und Neoprog wiederbelebt erfreut sich Prog seit den Nullerjahre einer wachsenden Fangemeinschaft welche nun in eine weitere Phase eintritt. Bands wie Porcupine Tree oder Muse habe einem grossen Publikum aufgezeigt, das Prog nicht nur für Nerds und Althippies ist, sondern alles bedeuten kann was man will. The Pineapple Thief stehen nun an der Spitze einer neuen solchen Gruppe und bringen frischen Wind in das Genre.

Denn obwohl die Band – oder besser gesagt Bruce Soord und seine Mitmusiker – schon seit einigen Alben dabei sind, starten sie erst jetzt richtig durch. Der Vorgänger „All The Wars“ gab die Marschrichtung vor: eingängige und knackige Songs mit guten Riffs und spannenden Harmonien. Das grossartige Werk „Magnolia“ führt dies nun konsequent weiter. Soord hat seine Musik weiter komprimiert (was hier aber nichts mit Kompromiss zu tun hat) und heraus gekommen sind zwölf Lieder unter fünf Minuten, kein epischer Longtrack, kein unnötiges Gewurstel. Dabei blieben die typischen Ananasdieb-Merkmale erhalten, wie die stakkatoartigen Gitarren und der melodische Gesang von Soord. Wie gut es der Musik aber getan hat zusammengestrichen zu werden zeigt sich gleich beim Eröffnungslied: Harte Gitarren, tolle Drums, sanfter Zwischenteil und wuchtiges Finale. Oder beim Titelsong der wie ein Popsong startet und mit dem leisen Gesang beeindruckt. Dann der verhaltene Refrain mit verzerrten Stimmen und wunderbar hallenden Akkorden. Und gegen Ende des Albums werden in „Sense Of Fear“ nicht nur Muse sondern auch Porcupine Tree zitiert aber ohne zu kopieren. Grandios!

Dabei vergisst Soord nie das Herz und Gefühl in den Songs, lässt die Lieder von Streicher und tollen Synthies begleiten, verbindet Harmoniebögen und rockt dann hart davon. Mit Magnolia ist die Band nun ein grosser Schritt weiter gekommen und hat das Potential dazu, als Speerspitze einer neuen Proggeneration dazustehen und die Musik ideenreich in die Zukunft zu führen. Gerne laufe ich mit.

Anspieltipps:
Simple As That, Magnolia, Sense Of Fear