mogwai

Live: Mogwai, Kaserne Basel, 17-10-26

Mogwai
Support: Sacred Paws
Donnerstag 26. Oktober 2017
Kaserne, Basel

Heilige Pfoten und Dämonen mit Fell – was nach einem flauschigen Abend im verzauberten Zoo klingt, war der normale Rock-Wahnsinn am Donnerstagabend in der Kaserne in Basel. Glasgow besuchte die Schweiz und zeigte, dass die lokale Musikszene Schottlands mit extrem unterschiedlichen Bands aufwarten kann. Kein Wunder also, war die Halle stark mit Neugierigen befüllt und schon fast mit tropischem Klima ausgestattet. Doch bevor die Helden des Abends, die Post-Rock-Grösse Mogwai, die Bühne für sich behaupten konnten, gab es einige Überraschungen zu erleben.

Das Duo, zeitweise Trio, Sacred Paws aus Glasgow und London gibt nicht nur in ihrer Biografie an, sich immer mit viel Inbrunst zu bemühen – sie zeigten diesen Willen auch live. Der Stilkontrast zwischen Vorband und Hauptact hätte zwar nicht grösser sein können, die Frauen stürzten sich aber mit so viel Spielfreude und Ausgelassenheit in ihren Jangle Pop, dass man nach wenigen Takten automatisch mit Kopf und Körper wackelte. Schon fast hyperaktive Schlagzeugrhythmen und Gitarrenfiguren wurden von quierligem Gesang begleitet und zeigten, dass nicht alles aus dem Norden instrumental und schwer sein muss.

Aber auch Mogwai selber haben nicht zuletzt mit ihrem neusten Album „Every Country’s Sun“ bewiesen, dass Humor immer einen grossen Platz in ihrer Musik einnehmen wird. Was früher in merkwürdigen Album- und Songnamen ausgelebt, dann von Synthies und Sprachsamples weitergeführt wurde, darf jetzt in „Disco-Stücken“ münden. „Party In The Dark“ wurde auch gleich als zweites Lied in der Kaserne dargeboten und liess den Post-Rock mit lautem Shoegaze und Gesang in neue Gebiete eintreten. Für Puristen wohl ein Moment der Überwindung, in der Bandgeschichte aber eine logische Weiterentwicklung.

Denn wenn Lieder wie „Remurderd“ mit Synthiespuren das Basler Publikum erquicken können und sich das knackige Songformat bei Mogwai bereits seit Jahren bewährt hat, dann liegen die Intuitionen der Musiker bestimmt nicht falsch. Auch wenn ich mir teilweise ein längeres Ausharren auf gewissen Riffs oder Melodien gewünscht hätte, diese konzentrierte Form ihrer Lieder machte viel vom Reiz aus. Wirklich gross wurde dies natürlich mit den sehr lauten, von bis zu drei Gitarren dargebotenen Stücken wie „2 Rights Make 1 Wrong“ oder die Zugabe „We’re No Here“. Ob nun die Erde bebte oder der Gleichgewichtssinn von den Schallwellen verwirrt wurde, die Schotten strahlten nicht nur dank ihrer eindrucksvollen Lichtshow.

Mit zwei neuen Tourmitgliedern Cat Myers (Schlagzeug) und Alex Mackay (Gitarre), vielen frischen Songs wie dem dunklen „Old Posions“ und einer grossen Spielfreude, bewegten sich die Mitglieder von Mogwai zwischen Scheinwerfern, Strobo und raumfüllenden Lichtinstallationen und zeigten, dass sie live zu einer unglaublichen Wucht aufspielen – und dies nach mehr als 20 Jahren Bandgeschichte! Post-Rock klang selten so lebendig und liess die Leute zu einigen Tanzbewegungen hinreissen. Da sollte auch das Füttern nach Mitternacht kein Problem darstellen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Minor Victories – Minor Victories (2016)

Minor Victories_Vinyl_MBohli

Minor Victories – Minor Victories
Label: Play It Again Sam, 2016
Format: Vinyl mit Download
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative, Shoegaze

Was haben die Bands Slowdive, Editors und Mogwai gemeinsam? Ihre Musik setzt auf Emotionen, egal wie hart und fremd die Instrumente klingen. Somit ist es nur logisch, dass auch der verrauschte Stil des Shoegaze unter dieser Federführung zu etwas ergreifend anderem wird. Hinter „Minor Victories“ stecken nämlich Sängerin Rachel Goswell, die Gitarristen Stuart Braithwaite und Justin Lockey sowie Filmemacher James Lockey – von eben erwähnten Gruppen. Ihr Debüt ist aber mehr als nur eine Projektplatte einer weiteren Supergruppe, es ist ein lebendiges Wesen.

Wie durch einen dichten Wald kämpft man sich bei „Minor Victories“ durch die Klangschichten, hinter jeder stark verzerrten Gitarre lauert eine weitere, dazwischen pflanzen sich das hallende Schlagzeug und die mehrstimmigen Astralgesänge hin. „A Hundred Ropes“ überrascht mit einer treibenden Basis und dem fesselnden, elektronischen Rhythmus. Was Archive gerne einsetzen, sind sich auch Minor Victories nicht zu schade für. Und genau jetzt beginnt das Zitatereichen, denn diese Veröffentlichung dockt an viele Musikalische Erinnerungen an. „For You Always“ klingt wie ein verschollenes Lied von Stars – Liebe durch zweistimmige, schräge Erzählweise thematisiert, später denkt man bei gewissen Stellen an alte Bekannte wie Arcade Fire.

Minor Victories verlieren sich aber nie in den Methoden anderer Künstler, sondern fügen all diese Bestandteile zu einem runden Album zusammen. Ob man in die endlosen Wellen des Post-Rock oder die verrückten Spielereien des Electro eintaucht, die Musikerinnen und Musiker haben ihre Talente aufregend verknüpft und in monatelanger Arbeit gemeinsam Songs erschaffen, die immer wieder Neues offenbaren. So klingt der druckvolle Shoegaze des neuen Jahrhunderts, ohne die Gefühle zu vergessen.

Anspieltipps:
A Hundred Ropes, For You Always, The Thief

Mogwai ‎– Music Industry 3. Fitness Industry 1. (2014)

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Mogwai ‎– Music Industry 3. Fitness Industry 1.
Label: Rock Action, 2014
Format: 12inch mit Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Rock, Electronica

Da die Industrie unterstützt werden muss, wagen sich auch die sehr lauten Post-Rocker wieder einmal an das EP Format. Eine schwarze 12inch Platte steckt in einer hübschen, mit geometrischen Formen verzierten Hülle. Das Design nimmt dabei klar Anleihen an dem auch in diesem Jahr erschienenen Werk „Rave Tapes“, dies geht auch mit dem Inhalt einher. Die A-Seite mit „Music Industry 3“ bietet drei neue Mogwai-Lieder, klanglich im Spektrum des Mutteralbums zu orten. Der Auftakt mit „Teenage Exorcists“ überrascht dabei gleich mehrfach: Das Lied ist ein Lied, keine minutenlange Klangorgie. Es wird gesungen, die Musik verschwindet in einem rauschenden Vorhang, der auch dem alternativen Rock aus den 90ern zierlich stand. Mogwai können also auch Pop. Mit den zwei weiteren Songs wird aber wieder der instrumentale Post-Rock bedient, man will seine Hörer ja nicht auf ganzer Linie überfordern. Verzerrte Gitarren, hübsch klingende Synthies und tiefe Bässe. Eine konsequente Fortsetzung des letzten Albums, eine tolle Ergänzung und gelungene Nachspeise. Mogwai beweisen, dass auch Momente, die es nicht auf ihre Alben schaffen, mehr als wert sind gehört zu werden.

„Fitness Industry 1“ auf der B-Seite schaut noch einmal zurück auf das Hauptalbum, die Feldstecher haben allerdings Blanck Mass, Pye Corner und Nils Frahm in den Händen. Sie machen aus den Songs „Remurdered“, „No Medicine For Regret“ und „The Lord Is Out Of Control“ eine Collage mit viel Beat und Melodie. Gerade Blanck Mass (von den Fuck Buttons, oder alleine als grandioser Ambient-Künstler unterwegs) überzeugt mich mit dem düsteren und verzweifelten Ansatz seiner Interpretation. Das Schlagzeug wird zu einem polyphonen Beat ausgeweitet, die Synthies klingen nun noch mehr nach Tron als bei der Originalversion – so machen Remixe Spass. Aber auch die anderen Herren wissen die Originale spannend zu verändern, auch wenn eher in den ruhigen Hausen gebastelt wird.

Diese zweigeteilte EP ist eine gelungene Angelegenheit und macht sich im Regal mehr als gut neben den Platten der Band. Fans und Freunde dürfen beherzt zugreifen – besonders da diese 12inch ziemlich günstig zu haben ist.

Anspieltipps:
Teenage Excorcists, Re-Remurdered (Blanck Mass)

Mogwai – Rave Tapes (2014)

Mogwai Rave Tapes Vinyl

Mogwai – Rave Tapes
Label: Rock Action Records, 2014
Format: Vinyl mit 7inch, Downloadcard
Links: Discogs, Band
Format: Post-Rock

Instrumentaler Post-Rock ist eine Musikrichtung mit cineastischer Seite. Da die Lieder ohne Gesang und Text auskommen müssen, brauchen die Melodien unterhaltsam und fesselnd zu sein, zugleich Welten vor den Augen des Zuhörers aufzubauen. Dank Genrebegründer wie GY!BE nutzen die meisten Bands dazu das Laut-Leise Schema und brachiale Soundwände, um eine möglichst fesselnde Wirkung zu erreichen. Mogwai gehören ebenfalls zu diesen Musikern, besonders als Liveband sind sie einer der Lautesten.

Passenderweise haben die Schotten in ihrer Karriere mehrere Soundtracks für Film und Fernsehen geschrieben, diese unterscheiden sich meist mit ihrer Sanftheit von den regulären Alben. Nun aber beginnen sich die zwei Welten zu verschmelzen. Mit Rave Tapes beweisen Mogwai, dass ihnen ein gemächlicheres Gewand sehr wohl steht. Viele Songs sind nach der Auftragsarbeit zu „Les Revenants“ übrig geblieben und fanden im Album Verwendung. Auch die elektronischen Klänge werden neu stärker gewichtet. Viele Songs starten mit Melodien aus dem Keyboard oder werden von Sythieflächen untermalt. In ihrer Gesamtheit entsteht somit ein entspanntes Werk ohne die Vergangenheit zu verleugnen. Drei Lieder werden zusätzlich mit dem Element Gesang / menschliche Stimme ergänzt. Wunderbar anzuhören im Schlusslied „The Lord Is Out Of Control„, Vocoderharmonien. Etwas speziell dagegen „Repelish“, denn darin erzählt ein Mann die Hintergründe zu versteckten Botschaften auf alten Vinylscheiben. Musikalisch bleibt der Song sehr zurückhaltend und repetitiv. Gerade in solchen Momenten wünsch man sich kurz, den Mogwai doch stärker verärgert zu haben um seine Wutausbrüche und tobenden Anfälle zu erleben. Wenigstens kann man sich die Dosis Klangwand noch an den Konzerten holen.
Trotzdem ist mit Rave Tapes ein starkes Album gelungen und eignet sich auch für ruhigere Momente ganz prächtig, gerade wegen den klanglichen Veränderungen gegenüber den Vorgängern.

Anspieltipps:
Remurdered, Master Card, The Lord Is Out Of Control