Metalcore

Of Mice And Men – Defy (2018)

Ist es die Schuld von Howard Benson und Chris Lord Alge, dass „Defy“ so geschliffen und leicht klingt? Der Produzent und Mischer waren nämlich auch schon mit Bands wie My Chemical Romance oder Green Day tätig – da bleibt vom harten Getue nicht mehr so viel übrig, oder? Auf jeden Fall findet man auf dem fünften Album von Of Mice & Men eine klassische, wenn auch etwas sanftere Version des modernen Metalcore und neu auch nur noch Aaron Pauley am Mikrofon. Seit 2016 ist Austin Carlile nämlich nicht mehr Teil der kalifornischen Gruppe und versucht nun anderswo sein Glück.

Wer nach diesem ersten Abschnitt nun die Single „Warzone“ anhört und denkt: Was schreibt der denn? Ja, dieses Stück ist zu Beginn eines der wirklich brachialen und wunderbar wilden Höhepunkte auf der Platte. Of Mice & Men lassen sich hier zu Power-Riffing und wildem Geballer hinreissen, nicht ohne den melodischen und harmonischen Refrain zu vergessen. Meist aber bleibt die Gruppe im harten Metal und sauberen Gesang. Stücke wie „Vertigo“ oder „Sunflower“ machen aber trotzdem viel Spass und laden Fans aller Geschlechter und Altersgruppen vor die Bühne. Gesamtheitlich stimmt für mich die Balance zwischen Brutalität und Sanftheit aber nicht wirklich.

Dazu kommt leider auch ein eher mittelmässiges Cover von Pink Floyds „Money“ – das würde auf „Defy“ ganz klar nicht fehlen. Denn Of Mice & Men sind genügend Sattelfest im Songwriting und spielen geschickt mit der Eingängigkeit. Ihr neustes Werk ist somit eine klare Aussage, dass sie auch zu viert weiterhin Energie und Kraft besitzen, wenn auch nun eher etwas vom wuchtigen Metalcore entfernt auftreten (siehe „If We Where Ghosts“). Für Liebhaber der Band und der Stilrichtung sollte der Kauf dieser Platte aber bestimmt keine schlechte Entscheidung sein.

Anspieltipps:
Vertigo, On The Inside, Warzone

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Aemera – Arcturius (2017)

Nicht immer muss es Jahre dauern, bis eine Band ihr erstes Album auf die Beine gestellt hat. Aemera haben sich zu Beginn des Jahres 2017 gegründet und legen nun, wenige Monate später, bereits ihre erste Scheibe vor. Wenn es passt, dann funktioniert es halt. Wobei auf „Arcturius“ keinesfalls Neulinge zugange gehen – besteht die Truppe doch aus Musikern, die zuvor bei Buried Undead aus Mulhouse und Reding Street aus Basel spielten. Und mit geballter Kraft wird hier nun der Djent neu akzentuiert.

Vom ersten Takt an legen Aemera mit Wucht und kanalisierter Energie los, pendeln zwischen hartem Shredding, brutalen Riffs und elegischen Flächen. „Nova“ zeigt dies instrumental und mit vielen Breakdowns, „Lvthn“ holt sich Rap dazu und „Waves“ zelebriert den melodiösen Gesang vor wilden Gitarrenwellen. Es ist wunderbar anzuhören, wie vielseitig und abwechslungsreich die Band hier aufspielt und sich somit vor Grössen wie Tesseract nicht verstecken muss.

Spannend finde ich an „Arcturius“ vor allem, dass die hochkomplexe Technik schlussendlich gar nicht die Hauptrolle tragen muss. Aemera gönnen sich eingängige Passagen, Farbtupfer wie die Sitar („Foresight“) und harte Blasts und Wechsel, die eher beim Metalcore als Progressive Rock gängig sind. Das Album ist somit eine freudige Angelegenheit für viele Freunde der härteren Gangart und bevorzugt weder Mathematiker noch extreme Querdenker – auch dank der wunderbar gelungenen Produktion.

Anspieltipps:
Nostromo, Waves, Foresight

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Speaking With Ghosts – Illuminated (2017)

„Illuminated“ ist an vielen Stellen ein typisches, modernes Metalcore-Album, das es mir etwas schwierig macht. Denn mit diesem Werk spielen Speaking With Ghosts aus Chicago zwar sofort in der Liga der grossen Recken mit, vermögen es aber selten, dem Genre auch neue Impulse zu geben. Der zweite Song „Roadblocks“ zeigt dies perfekt auf: Mit heftigen Breakdowns versehen, Wechsel zwischen Gesang und Geschrei und immerzu hyperaktiven Gitarren macht der Song zwar alles richtig, will aber in all dieser Fülle auch zu wenig.

Es ist somit nicht verwunderlich, werden Fans von Parkway Drive oder August Burns Red hier auf den Zug aufspringen und glücklich für Speaking With Ghosts in den Mosh steigen. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, knallt die Musik doch wunderbar rein, ist dynamisch produziert und wechselt immer wieder zwischen eingängigen und sehr brutalen Stellen. Pop-Metalcore könnte man dies wohl nennen, „Illuminated“ hält es nämlich nie lange im Fleischwolf auf.

Somit haben Speaking With Ghosts ein Album veröffentlicht, dass Liebhaber des Genres auf jeden Fall freuen und begeistern wird – viele andere aber etwas ratlos zurücklässt. Ja, ich verstehe die Anziehung, welche diese fünf Musiker mit ihrer Musik hier ausstrahlen, für mich selber versinkt „Illuminated“ aber etwas zu stark in den Konventionen der Stilrichtung. Und somit ist diese Platte einfach.

Anspieltipps:
Woven In Gold, Relapse, Dreamwalker

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

August Burns Red – Phantom Anthem (2017)

Band: August Burns Red
Album: Phantom Anthem
Genre: Metalcore

Label/Vertrieb: Spinefarm / Fearless
VÖ: 6. Oktober 2017
Webseite: augustburnsred.com

„Phantom Anthem“ ist ein Paradebeispiel für das gelungene Weiterführen einer Tradition und das Einflechten neuer Ideen in ein festgefahrenes Genre. Denn im Gegensatz zu unzähligen anderen Bands, die heutzutage im Stil des Metalcore wüten, haben es August Burns Red auch auf ihrem achten Studioalbum geschafft, Komplexität, Härte und Vielseitigkeit auf eine Scheibe zu pressen. Und wie gross diese Leistung ist, wird einem spätestens bei Monstern wie „Hero Of The Half Truth“ oder „Generations“ bewusst.

2003 in Lancaster gegründet, mischten die Amerikaner schnell technisch anspruchsvollen Metal und melodische Grooves zu einem neuartigen Erlebnis. Bestes Beispiel ist „The Frost“: Hier treffen Doublebass auf prügelnde Strophen und umherflitzende Gitarren auf helle Glockenklänge. Es wird somit schnell zu einem fordernden Stück Metal, das immerzu frisch klingt. August Burns Red benötigen keine billigen Breaks, keine tausend Mal vernommenen Gesänge, hier legen sich Bass und Gitarre zu Wettkämpfen in der Präzision an, Hard-Rock-Riffs werden mit Pech überzogen und dann gesprengt.

Was uns mit „Phantom Anthem“ vorliegt ist somit das beste Argument für all die Stänkerer, die bei Metalcore immer gleich die Augen verdrehen und von „Mädchen-Metal“ sprechen. August Burns Red legen eine wahre Tour de Force hin und gönnen weder ihren Körpern, Instrumenten noch Hörern auch nur eine kleine Pause, sondern sind auch 2017 immer noch die erste Anlaufstelle für knüppelharte Musik mit hinter sich gelassenem Tellerrand und grosser Perspektive. Aber Achtung: Laut ist es, zu jeder Sekunde.

Anspieltipps:
Hero Of The Half Truth, The Frost, Generations

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Eskimo Callboy – The Scene (2017)

Band: Eskimo Callboy
Album: The Scene
Genre: Metalcore / Trancecore

Label/Vertrieb: Century Media
VÖ: 25. August 2017
Webseite: eskimocallboy.com

Seit vier Alben durchpflügen Eskimo Callboy nun mit ihrem Trancecore die Szenen und spalten dabei nicht nur die Meinungen – hier fliesst auch viel Alkohol. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Bands im Bereich des Metalcore und Post-Hardcore vertritt diese deutsche Truppe keine wirklichen politischen Meinungen, sondern lässt in ihren Liedern lieber die Lust zur Party und zum Sex freien Lauf. Das passt zum Klanggerüst, treffen hier doch Trance-Riffs auf harte Blasts und wildes Geschrei. Es stellt sich aber auch sieben Jahre nach der Bandgründung die Frage: Wie ernst darf man „The Scene“ nehmen?

Mit ihrer gleichnamigen Single zeigten Eskimo Callboy schon sehr gut, was auf ihrem vierten Album geboten wird. In einem Hochglanzclip marschieren attraktive Frauen in Zeitlupe, die Band feiert sich dazu auf der perfekt ausgeleuchteten Bühne. Tiefgang und wirkliche Überraschungen gibt es keine, dies findet man auch in den zwölf weiteren Stücken von „The Scene“ nicht. Zwar pendelt die Band zwischen eher direkten Prüglern wie „New Age“ oder „Shallows“ und Komikmaterial wie „Nightlife“ und „MC Thunder“, Genre-Revolutionen finden aber nie statt. Und obwohl immer alles heftig reinknallt, der Metal von Techno-Elementen ausgefräst wird und die Band locker aufspielt – es wirkt etwas mühselig.

Aber schlussendlich ist wohl jeder selber Schuld, der sich mit diesem Album zum Nachdenken anregen will. Eskimo Callboy (ein übrigens auch etwas fragwürdiger Name) haben nur ein Ziel: Let’s Party! Und damit erreichen sie im oft brutal harten Gebiet des Metalcore dieselbe Wirkung wie Good Charlotte oder Avril Lavigne im Punk. Wenn bei „Rooftop“ plötzlich noch Rap dazukommt oder „Frances“ von weiblichem Gesang umgarnt wird, dann lockt die Band sogar Pop-Fans in ihre Fänge. Also Bier kaltstellen, Lautstärke aufdrehen und am nächsten Morgen mit Kater wieder aufwachen.

Anspieltipps:
The Scene, Shallows, Rooftop

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Atena – „Possessed“ (2017)

Band: Atena
Album: „Possessed“
Genre: Metalcore / Hardcore

Label/Vertrieb: Indie
VÖ: 27. Oktober 2017
Webseite: Atena auf FB

„Death Eating“ bringt nicht nur extrem harte Blasts und Growls, sondern auch das Geschrei des Hardcore inklusive dessen modernstem Klangbild – und Rap! Ja genau, Atena geben sich nicht mit Gesang, tierischen Urlauten und überbordenden Emotionen zufrieden, es hält auch der Sprechgesang bei „Possessed“ Einzug. Bevor jetzt aber alle davonlaufen: Diese Mischung geht perfekt auf und zeigt wie auch der Rest dieses dritten Albums, dass sich die Norweger zu Recht um keine Grenzen scheren.

Denn seit 2013 versuchen die Musiker, Djent, schweren Metal und Hardcore auf aufregende Weise neu zu mischen und mit diversen Einflüssen zu garnieren. So lauern in „Church Burning“ digitale Rückkopplungen und „Oil Rigs“ platzt schier vor Bombast und Chor. All dies fügt sich auf „Possessed“ zu eine Album zusammen, das in etwas mehr als einer halben Stunde eine grosse Bandbreite menschlicher Emotionen und Stimmungen abzudecken vermag und damit immer unterhält und mitreisst. Atena finden hier die perfekte Mischung aus Melodie, Zugänglichkeit und alles zerstörender Wucht.

Und genau dank dieser Mischung, welche extrem durchdacht durch die Boxen dringt und damit keine Stilrichtung brüskiert, wirkt dieser moderne Metal völlig neu und anders. Sicherlich ist Atena nicht die erste Gruppe, welche mit dem Hardcore tanzt und die Mathematik etwas aus dem Djent entfernt hat – aber einer der wenigen Namen, die auf gesamter Linie damit gewinnen. „Possessed“ wirkt somit nicht nur extrem eindringlich und packend, es dient auch als Verstärker eigener Empfindungen und hat einen extremen Wiederholungswert. Nieder mit den Schubladen.

Anspieltipps:
Confessional, Death Eating, Oil Rigs

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Alazka, Kiff Aarau, 17-09-23

Alazka
Support: Imminence, Across The Atlantic
Samstag 23. September 2017
KiFF, Aarau

Zuerst müssen wir für einmal etwas klarstellen: Warum verstecken sich viele Leute hinter dieser harten Fassade, den Tattoos und den heftigen Breakdowns, mögen aber die Eingängigkeit und sozusagen den Pop genau so gut? Vielleicht sollten wir dann gewisse Bands und Genres doch nicht mehr kategorisch ablehnen, wenn man zu Covers von One Direction in den Mosh steigt und Melodien auch von Taylor Swift stammen könnten. Aber tja, gerade im Metal war dies ja schon immer schwierig. Der Abend im KiFF war trotzdem mehr als solche Fragen, allen voran dank Alazka.

Die Band aus Deutschland ist auf Tour um ihr erstes Album „Phoenix“ vorzustellen und hat auch in Aarau bewiesen, dass ihre leidenschaftliche und immer energiereiche Version von Metalcore vor allem dank den zwei Sängern perfekt aufgeht. Sauberer Gesang und wildes Geschrei wurden aufgeteilt, die Mannen an den Mikrofonen ergänzten sich so gut wie die Gitarrenriffs mit den Bassläufen. Dass die Band meistens auf elektronische Backtracks und Verstärkung verzichtete, liess die Musik ehrlicher und direkter erscheinen. Alazka hatten Spass und liessen dies das Publikum spüren. Ob springende Gäste oder lautes Mitsingen, die Musiker hatten den Raum im Griff.

Dies erreichten Imminence zuvor auch, die Schweden konnten auf langjährige Fans zählen und liessen zum ersten Mal am Abend grosse Moshpits entstehen. Ihre Musik war teilweise das härteste was man an diesem Abend hören durfte, wechselten in ihren Songs aber auch immer wieder gerne in die eingängige Seite. Auch wenn manchmal etwas der Druck fehlte, wussten die Musiker sehr gut, wie man heftige Breaks den Leuten vorlegt und die Fans in den ersten Reihen zum ausrasten bringt. Und mit dem reisserischen „This Is Goodbye“ wurde der perfekte Schlusspunkt gesetzt.

Schade konnte der Abend nicht so gut starten wie er sich entwickelte. Denn die Amerikaner Across The Atlantic stolperten teilweise über die Abmischung und kleine Ungereimtheiten und die Lieder holten die Besucher nicht ganz so stark ab, wie sie eigentlich sollten. Es ist aber immer schön zu sehen, wie frische und aufstrebende Bands mit viel Spass ein ziemlich hart umkämpftes Gebiet wie den Metalcore angehen und somit die Leute alleine durch ihre Ausstrahlung schon begeistern. So war dieser Abend nicht nur eine Reise um die Welt, sondern auch eine kurze Einführung in verschiedenste Herangehensweisen dieser doch nicht immer so krassen Version von Metal.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

The Contortionist – Clairvoyant (2017)

The Contortionist – Clairvoyant
Label: SPV, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Prog Metal, Metalcore

Seit 2009 bewegt sich die amerikanische Progressive Metal Band The Contortionist am Rande des Wahnsinns. Ihre Alben waren ambitionierte Klangtänze und waghalsige Verbunde zwischen Death Metal, Prog und extremem Wechselspiel. Seit 2014 wandelte sich die Gruppe aber und führte nicht nur neue Mitglieder ein, sondern führte ihre Songs näher an eine Beruhigung. Wie viele moderne Prog-Truppe erhielten emotionaler Gesang, grosse Melodienbögen und eingängige Passagen ab „Language“ mehr Raum. Kein Wunder also ist das vierte Album „Clairvoyant“ eine direkte Fortsetzung dieses Weges und öffnet sich noch weiter.

Dabei ist es nicht schwierig, die jammernden Stimmen der festgefahrenen Fans zu hören: Das Album ist zu wenig brutal, The Contortionist sind zu Pop! Sicherlich werden vor den neuen Liedern wie „Godspeed“ oder „Absolve“ die komplizierten Werke von Bands wie King Crimson nicht mehr erbleichen, doch mit dieser neuen Verschiebung des Songwriting wurde die Musik umso vielschichtiger und zusammengehörender. „Clairvoyant“ ist nämlich nicht nur eine Kette aus Songs, sondern ein Album, das sich einem inneren Aufbau und einer Kohärenz fügt. „Monochrome“ umrahmt mit langsamem Aufbau und Soundwucht das Werk, dazwischen fügt jedes Stück neue Erkenntnisse hinzu.

The Contortionist haben somit erreicht, was auch Bands wie Periphery oder Leprous geschafft haben: Die geniale Vermengung aus progressivem Metal mit wunderschönen Harmonien, ausdrucksreichem Gesang und einer Produktion, die jeden Takt in Hochglanz erstrahlen lässt. Dank Stücken wie „The Center“ oder „Return To Earth“ mangelt es der Platte in keinem Bereich an Etwas und die Gruppe beweist, dass hier weder Ausverkauf noch Einfallslosigkeit regiert – sondern grossartiges Musikschaffen.

Anspieltipps:
Monochrome (Passive), Clairvoyant, Return To Earth

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Alazka – Phoenix (2017)

Alazka – Phoenix
Label: Arising Empire, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Metalcore

Die Geschichte von Alazka beginnt mit Abbrüchen, Enden und Ergänzungen – und hätte eigentlich völlig anders passieren sollen. Denn als sich die Musiker aus Recklinghausen, Deutschland, 2012 zusammenfanden, musizierte man noch unter dem Banner Burning Down Alaska und hatte andere Mitglieder am Start. Eine erste EP wurde veröffentlicht und man wollte durchstarten – doch erst mit der Erweiterung durch den zweiten Sänger Kassim Auale und dem Wechsel zu Alazka war klar: Jetzt geht es mit dieser Gruppe im Gebiet des melodischen Metalcore richtig los.

„Phoenix“ ist also ein perfekt gewählter Albumtitel, und man hört der Musik auf diesem Debüt auch an, dass sich dahinter viele Stunden des Schreibens und Spielens verbergen. Songs wie „Ghost“ oder „Empty Throne“ sind schlank ausformuliert und können die Ideen dahinter perfekt rüberbringen. Immer wieder kombinieren Alazka modernste Melodienführungen von Keyboard und Gitarre mit harten Ausbrüchen und grossen Riffs. Dabei werden die typischen Klischees des Metalcore oft auch gerne ausgelassen und mit Geschrei und Ausdruck gleitet die Band in den Post-Hardcore. Cleaner Gesang und ein Anspruch, der schier im Pop landet, erden die Gruppe, bevor die Wut überhandnimmt.

Sicher, nicht alles auf „Phoenix“ funktioniert gleich gut – und manchmal hat das Album kleine Probleme mit der Spannungskurve. Aber für eine erste Scheibe ist dies eine wahrlich beachtliche Leistung – besonders wenn es so gut aufgeht wie bei „Everglow“. Schön, dass Alazka es somit nun endlich geschafft haben, die Heimat hinter sich zu lassen und die Metalcore-Szene international zu erobern. Auf weitere Entwicklungen darf man mehr als gespannt sein.

Anspieltipps:
Ghost, Everglow, Legacy

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Silverstein – Dead Reflection (2017)

Silverstein – Dead Reflection
Label: Rise Records, 2017
Format: CD in Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Hardcore, Metalcore

Stetig und in Abständen von wenigen Jahren veröffentlicht die kanadische Band Silverstein seit 2000 ihre Alben – doch zur wirklichen Weltberühmtheit wollte es einfach nie ganz reichen. Vielmehr waren die Musiker vor etwas mehr als zehn Jahren die heimlichen Helden in den Schlafzimmern der Emo-Jünger – und schafften es mit einigen Hits in die Herzen vieler Jugendlichen. Nun steht nach einigen Besetzungswechsel und Stilveränderungen mit „Dead Reflection“ der neuste Wurf bereit – und tot ist hier nichts.

Vom ersten Lied über der Single „Retrograde“ bis hin zu „Whiplash“ kennen Silverstein – welche sich nach dem Kinderbuch-Autor Shel Silverstein benannt haben – keine Zurückhaltung. Ihre Gitarrenriffs peitschen durch die Gegend, der emotionale Hardcore wird mit Chorgesängen aus dem College-Punk ergänzt und das Schlagzeug wirbelt sich durch die Songs. Auffällig ist dabei aber, wie weit sich die Band in den Metalcore hineinwagt. Hier gibt es wuchtige Breaks und laute Blasts, Screams und eingängiges Spiel.

„Dead Reflection“ ist somit ein Werk, dass immer wunderbar reinknallt und sich selten eine Pause erlaubt. Natürlich, Silverstein präsentieren auch hier balladeske Momente und zeigen kurz die Zerbrechlichkeit von Brand New und Konsorten, der Grundstein sind aber die groovenden Angriffe. Um vollends damit neue Fans zu gewinnen bleibt die Mischung hier aber etwas zu durchschnittlich – doch immerhin bleibt die Band auf hohem Niveau. Und erhält damit vielleicht nun endlich eine grössere Bekanntheitsstufe.

Anspieltipps:
Retrograde, Aquamarine, Whiplash

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.