Math-Rock

Drawing Hills – Bunch Of Bushes (2017)

Die Zeit ist wieder reif für neue Bands und Veröffentlichungen aus dem Bereich des instrumentalen Post-Rock. Besonders, wenn eine Gruppe so roh und unverblümt zu Werke geht wie Drawing Hills aus Colmar. Nah an Basel gelegen, haben sich vier Mannen daran gemacht, rohe Energie und raue Aufnahmespuren zurück in die Welt des lautmalerischen Rock zu führen.

„Bunch Of Bushes“ ist das erste Resultat und zeigt mit drei knackigen Liedern gleich auf, dass hier nicht nur dynamisch mit der Lautstärke gespielt wird, sondern ohne lange Umwege wilde Riffs und hartes Schlagzeug ins Rampenlicht gestellt werden. Damit erinnern Drawing Hills an die experimentelle Frühphase des Genres und passt gut zwischen die Grössen der Neunziger.

Dank druckvoller und satter Produktion, einem spannungsreichen Songwriting und viel Mut zum Lärm ist dieses erste Lebenszeichen von Drawing Hills mehr als geglückt und sollte nicht nur Fans der Stilrichtung ansprechen. Lieder wie „Birch (Le Désespoir des Singes)“ sind vielmehr auch für Liebhaber von Fugazi und Konsorten eine neue und gut verdaubare Portion Post-Rock.

Anspieltipps:
Juniper, Birch (Le Désespoir des Singes)

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Monoglot – Wrong Turns and Dead Ends (2017)

Ihr sucht noch einen Weckton, ein Lied, das euch am Morgen garantiert aus den Träumen reisst? Dann würde sich der „Wake Up Song“ von Monoglot bestens anbieten, dürfen hier Saxophone und Gitarren in wunderbaren Sätzen die geraden Rhythmen für immer verknoten und alle Gehirnzellen in Alarmbereitschaft bringen. Mathrock mit einer grossen Prise Jazz, das zweite Album dieser multilateralen Band macht keine Gefangenen.

Wobei man bei Stücken wie „N192“ schon gefesselt dasteht und mit grossen Augen, Ohren und offenem Mund den Musikern aus Deutschland, Island und der Schweiz zuhört. Was früher bei King Crimson brutal und düster erspielt wurde, das darf hier mit Sonnenlicht und Schwung passieren. Monoglot haben für ihr zweites Album nicht nur extrem viel geübt, sondern auch unzählige Einfälle zu packenden Kompositionen zusammengewoben. Die Lieder auf „Wrong Turns And Dead Ends“ wirken dabei aber immer schlüssig und pendeln wunderbar zwischen Avantgarde, hochkomplexem Rock und eindringlichen Melodien.

Ohne Gesang, dafür mit gleich zwei Tenorsaxophonen positionieren sich Monoglot neben vielen anderen Bands und zeigen der verkappten Jazz-Gesellschaft, dass man alte Tugenden sehr wohl mit modernen und rockigen Zutaten erweitern kann. Das darf auch mal sanft schunkelnd erklingen („Swing“) oder in den Fusionhimmel aufsteigen („Mess“), experimentier- und entdeckerfreudig ist es immer. Alle, die beim Konsum also gerne gefordert werden und viel verdauen können, denen ist „Wrong Turns And Dead Ends“ stark ans Herz – oder den Magen – gelegt.

Anspieltipps:
N192, Swing, Suna Rosa

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Alpha Male Tea Party – Health (2017)

Alpha Male Tea Party – Health
Label: Big Scary Monsters, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Math-Rock, Instrumental Rock

Bei Alpha Male Tea Party handelt es sich nicht um eine verschlüsselte, militärische Einladung zu Tee und Kuchen, sondern um eine instrumentale Rockband aus Liverpool, die weder mit Gewalt noch ernster Problembekämpfung wirklich viel am Hut hat. Vielmehr steht die Musik der Künstler für abwechslungsreichen und immer wunderbar unverkrampften Math-Rock. Gitarrenlastige Lieder also, die sich weder vor schnellen Taktwechseln noch speziellen Rhythmen scheuen. In all diesen technischen Spielereien versteckt sich aber so manche tolle Melodie.

So lädt auch das dritte und neuste Album „Health“ dazu ein, die komplizierten Bruchrechnungen zu vergessen und auf heroischen Riffs über Stolpersteine zu segeln. Besonders perfekt zeigen dies Alpha Male Tea Party in der Mitte des Albums mit „Powerful And Professional“, hier wechseln sich trockene Licks mit schwelgerischen Tonfolgen ab. Zu hektisch werden die Stücke aber auch sonst nicht, vielmehr hält die Band das perfekte Gleichgewicht zwischen Technikschau und Genuss. Dank dem experimentellen Anspruch und den vielen Effekten fehlt einem auch nie der Gesang.

Wer sich also für Bands wie Three Trapped Tigers interessiert, der wird auch an „Health“ seinen Gefallen finden. Das Album groovt, es schwingt elegant dahin, es lässt aber auch immer wieder den Boden erzittern. Ob wild wie bei „Ballerina“ oder nahe an den schrägen Geräuschen von Battles bei „Some Soldiers“, hier gibt es immer etwas zu lachen und geniessen. Die drei Jahre Arbeitsinvestition seit dem Zweitling „Droids“ zwischen Tourleben und Alltag haben sich also wahrlich gelohnt.

Anspieltipps:
Ballerina, Powerful And Professional,

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Lingua Nada / Paan – Split (2017)

Lingua Nada / Paan – Split
Label: Kapitän Platte, 2017
Format: Vinyl
Links: Discogs, Lingua Nada, Paan
Genre: Experimental, Math-Rock, Noise, Punk

Kaum will man die Platte anschauen oder auflegen, purzelt einem ein handgemalter Flamingo entgegen. Das wunderbare Pink passt sich super der bunten Gestaltung dieser Split-LP aus dem Hause Kapitän Platte an. Und ist erstaunlicherweise eine perfekte Ergänzung zur Musik, offenbaren das Tier wie auch das Vinyl unter dem süsslichen Aussehen einen angriffigen Charakter. Hier gibt es von zwei Bands aus Leipzig Musik zwischen Lärm-Experimenten, Krach-Rock und Antihaltung.

Lingua Nada sind vor allem ungezügelt, laut und komplex. In kurzen Songs zerlegen sie den Indie-Rock des vergangenen Jahrhunderts mit tausenden von Verzerrungen und schneiden die Takte auseinander. Was in der elektronischen Musik seit längerem von Künstlern wie Amon Tobin oder Cristian Vogel gemacht wird, darf nun endlich auch punkig den Math-Rock explodieren lassen. Lieder wie „Franca“ oder „Nom Noms“ sind dabei genau so nervös wie belohnend. Aufdrehen, vor dem Mund schäumen und die Welt erzittern lassen.

Die zweite Seite der bespritzten Platte will nicht immer gleich von Höhepunkt zu Höhepunkt hetzen, Paan geniessen den Aufbau. Dagegen stellen sie keinen Gesang, sondern Geschrei – hier treffen Screamo und Post-Hardcore in engstem Raum aufeinander und schubsen sich gegen dreckige Stützen. Mit Melodien, die von chaotischen Gitarren gespielt werden und einem Schlagzeug, das auf der Überholspur lauert. Auch aus Leipzig stammend, halten sie Lingua Nada die Waage mit drei längeren Songs – und schaben einem das Trommelfell aus den Ohren.

Wer sich also nicht vor der Wildheit fürchtet, der kann sein Plattenregal mit einer rohen und schier nadelschmelzenden Scheibe erweitern. Wie gewohnt ist diese Veröffentlichung des Bielefelder Labels extrem liebevoll aufgemacht und wartet mit Inlay und Beilagen auf. Wer also das Gehör vor lauter Erregung verliert, der findet immer noch genügend Gründe, um die Scheibe mit den Augen zu geniessen.

Anspieltipps:
Lingua Nada – Franca, Lingua Nada – Nom Noms, Paan – Yamaha

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Wild Throne – Harvest Of Darkness (2016)

Wild Throne - Harvest Of Darkness

Wild Throne – Harvest Of Darkness
Label: Roadrunner Records, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Math-Rock, Prog

In der englischen Sprache gibt es für einen überraschenden und etwas hinterhältigen Angriff den Begriff „sucker punch“ – und genauso verhält sich das Album von Wild Throne. Die junge Band aus den USA haben mit ihrem Erstling „Harvest Of Darkness“ nicht nur die Stilrichtungen verprügelt, sondern klingen nach einer Armee aus erfahrenen Kriegsdienern. Spastischer Progressive Rock für alle Zappelphilippe unter euch – wer diese Scheibe angeht, sollte zuerst tief Luft holen.

Etwas verwirrt ist man beim Titellied aber schon, denn Wild Throne klingen hier sehr verdächtig nach den damals geliebten und genauso durchgeknallten The Mars Volta. Hektische Rhythmen, konstant ändernde Gitarrenfiguren und ein Gesang, der sich selber nicht zwischen Geschrei und schnellem Erzählen entscheiden kann. Hier wirbelt die Musik wild umher und greift nach allem, was nicht sofort wegrennt. „Harvest Of Darkness“ benötigt bis zum vierten Lied „Lone Lust“ Zeit, um sich etwas zu entspannen. Dann darf auch der Bass grummeln und Joshua Holland am Mikrofon schwelgen. Doch nur wenige Minuten später bricht die Gruppe wieder mit jeder Vernunft und schichtet Akkorde und Takte wie bei einer Jenga-Partie auf Kokain.

Wem The Dillinger Escape Plan immer zu extrem war, der findet bei Wild Throne die perfekte Mischung aus Kamikaze-Kompositionen und Drogen-Dröhnen. „Harvest Of Darkness“ ist das perfekte Mittelmass aus kurzen Songs und ausufernden Instrumentalpassagen. Und das schönste ist, die Entdeckungsreise endet nie – tausend Durchgänge lang mosht man sich durch Ideen. Wer sich also gerne musikalischen Herausforderungen stellt, der findet hier eine grossartige Scheibe mit Gefühl hinter der Brutalität.

Anspieltipps:
Harvest Of Darkness, Blood Maker, The Wrecking Ball Unchained

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Adebisi Shank ‎– This Is The Third Album Of A Band Called Adebisi Shank (2014)

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Adebisi Shank ‎– This Is The Third Album Of A Band Called Adebisi Shank
Label: Sargent House, 2014
Format: CD im Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Math-Rock, Experimental

Jesses, da platzt mir ja gleich die Glühbirne. Was hier unter der Flagge von Rock-Musik gezüchtet und gebraut wurde, das durchbricht nicht nur alle Schallmauern der Konventionen, sondern benötigt schon eine gewisse Tendenz zum Ausdauerwahn. Sicherlich, viele Stücke halten sich an die Laufzeit von weniger als vier Minuten – doch diese kleinen Momente reichen aus, um uns alle durch das 20-stöckige Fitness-Center zu jagen und danach sogar noch zu verklopfen.

Adebisi Shank, die verrückten Kobolde aus Irland, haben mit ihrem dritten Album einen zappeligen Wicht auf die Strasse gelassen, den man so selten antrifft. Nicht nur wagen es die drei Musiker, Rhythmen und Takte völlig belanglos in stetem Wechsel aufzulösen, sondern auch Math-Rock mit Anleihen der Haarspray- und Leggingszeit zu mischen. Gut gelaunt treffen nun Stadionposen mit umgehängtem Keyboard auf extreme Angriffe von Gitarre und Schlagzeug. Saxophon und heroische Posen vor Scheinwerfern sind keine Unart – Adebisi Shank sind in beiden Welten zu Hause.

Genau dieser Umstand macht aus „This Is The Third Album …“ nicht bloss ein weiteres Rock-Werk für Mathematiker und Menschen, die bereits alles einmal gehört haben, sondern vermag mit seinem Witz und Spielfluss alle zu unterhalten. Und wenn man sich bei Songs wie „Thundertruth“ von den Battles gefangen genommen fühlt, liegt man nicht ganz falsch. Adebisi Shank umhüllen sich auch gerne mit dieser ausserweltlichen Form, um ein Werk voller Melodien, Einfällen, Holzhämmern und Streichelbewegungen zu erschaffen. Alleine glaubt man dies nicht.

Anspieltipps:
Big Unit, Mazel Tov!, Sensation

Mountains – Catskill EP (2015)

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Mountains – Catskill EP
Label: Eigenveröffentlichung, 2015
Format: Download
Links: Bandcamp, Band
Genre: Post-Hardcore, Emo-Math-Pop

German below.

Look at the genre names up there more closely. What a mess right? Categorization in the music business it’s always a bit tricky: Mostly the terms work pretty well for most bands but there are always some groups that just cannot by specified. Mountains from South Korea (their origin is actually also a mess) place their first EP „Catskill“ equal between all styles but make a beautiful pose.
When the three men, living in South Korea and all English teachers, present themselves as math-rock band the audience quickly expects a loud banging and crashing sound. But the three songs that are presented here are actually the exact opposite. Gentle instrumentation and airy tone distance Mountains from the thrashing groups in the area of ​​Math Hardcore. The singing is always clear with no screams, the instruments were recorded nicely and never blend into a chaos The song structures are immediately visible and do not beat you half to death. Thought the pieces stay jumpy this music will also please people who are listening to indie pop. Thanks to the vocals by the two Englishmen (thought one is Iranian) and one Canadian (really Korean) this songs could origin on the British islands and also the songwriting gives hunches like that. Especially „Restarts“ or the hookine of „Vacant Today“ testify to a keen sense of melody and catchiness.
Certainly three songs and less than ten minutes of music are not nearly enough to judge the band. But „Catskill“ is fun and a wonderfully loose and airy version of math-rock. It whets the appetite for more. „Out Of Sight, Out Of Mind“ the second EP by Mountains will be released in September. A band to remember and to support.


Schaut euch mal diese Genre-Bezeichnungen genauer an, was wird hier nicht alles wild durcheinander geworfen? Mit der Kategorisierung bei der Musik ist es ja immer so eine Sache: Meist treffen Begriffe ziemlich gut die Musik, doch immer wieder gibt es eine Band, die sich einfach nicht festlegen will. Mountains aus Süd-Korea (wobei auch das nicht so klar ist) setzen sich mit ihrer ersten EP „Catskill“ gleich zwischen alle Stühle, machen dabei aber eine wunderbare Figur.

Wenn sich die drei Herren, wohnhaft in Süd-Korea und allesamt Englischlehrer, als Math-Rock Band vorstellen, erwartet man schnell ein lautes Geballer und krachende Musik. Doch die hier präsentierten drei Lieder sind eigentlich genau das Gegenteil. Mit sanfter Instrumentierung und leichter Wirkung entfernt sich die Musik von dem Geprügel anderer Gruppen im Umfeld des Math-Hardcore. Der Gesang ist immer klar ohne Schreie, die Instrumente wurden sauber aufgenommen und vermengen sich nie zu einem Chaos, die Songstrukturen sind sofort ersichtlich und schlagen dich nicht halbtot. Lieber schmeicheln die Stücke mit emotionalem Gesang und starkem Ausdruck. Obwohl es immer zappelig bleibt, diese Musik gefällt auch Menschen, die sich Indie-Pop anhören. Das liegt sicherlich stark am Gesang der zwei Engländer (von denen einer Iraner ist) und des Kanadiers (eigentlich Koreaner) – man denkt dabei gleich an die britischen Inseln – aber auch am Songwriting. Besonders „Restarts“ oder die Hookline von „Vacant Today“ zeugen von viel Gespür für Melodie und Eingängigkeit.

Sicherlich, drei Lieder und knapp zehn Minuten Musik reichen bei weitem nicht aus, um die Band abschliessend zu beurteilen. „Catskill“ macht aber Spass, ist eine wunderbar lockere und luftige Variante des Math-Rock und macht Appetit auf mehr. Gottlob erscheint bereits im September die zweite EP von den Mountains: „Out Of Sight, Out Of Mind“. Eine Band zum Merken und Unterstützen.

Anspieltipps:
Nothing New, Restarts

The Hirsch Effekt – Holon: Agnosie (2015)

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The Hirsch Effekt – Holon: Agnosie
Label: Long Branch Records, 2015
Format: Deluxe Box mit Vinyl, CD, Poster, Noten, Kleber, Plektrum, Tasche, Wundertüte
Links: Discogs, Band
Genre: Math-Rock, Hardcore, Post

Wie brutalkomplex kann Musik sein? Wie weit kann man sich als Band wagen, ohne völlig den Boden zum Rationalismus zu verlieren? Sehr weit, wie The Hirsch Effekt aus Deutschland zum wiederholten Male beweisen, denn auch der dritte Teil ihrer Holon-Reihe lotet die Grenzen der harten Musik aus und kennt keine Zurückhaltung. Dass die Platte dabei nie die Erdung verliert, ist dem Songwriting der Gruppe zuzuschreiben, denn an der Leine kann man diese Songs nicht halten.

Was vor einigen Jahren noch vergleichsweise zahm mit „Holon: Hiberno“ begann, fand auf dem Zweitling und unglaublich intensiven Konzeptalbum „Holon: Anamnesis“ den vorläufigen Höhepunkt. Mit Orchester, Chor und Popmomenten kannten die Band und ihre Musik kein Halten mehr. Zu Recht stellten sich nun einige die Frage, wie will man ein solches Monstrum übertreffen? The Hirsch Effekt sind ehrlich und sagen: Weniger ist Mehr, dafür voller Wut und Wucht. „Holon: Agnosie“ beginnt zwar, als wäre zwischen den Alben nicht viel passiert und knallt den Math-Rock mit Streichern und viel Pathos an die Stirn, zweigt aber dann bald ab. Die orchestralen Bestandteile verschwinden, die Band baut Dämme aus trockenem Beton und spitzen Eisenstäben. Trotzdem gelingt es der Gruppe, ihre Musik mit vielen Details auszustatten. Es ist kein sinnloses Geknüppel, es ist durchdachtes Arbeiten. Eine solch wilde Symbiose aus diversen Stilen braucht eine leitende Spur, ansonsten verliert sich die Musik im Chaos. Und genau das war schon immer die Stärke des Trios, gehen ihnen doch Taktwechsel, krumme Rhythmen und harte Breaks leicht von der Hand. Kongenial mischen sie diese krassen Abschnitte mit hymnischen Gesangsstellen, eingängigen Melodien und Parolen. Die Texte bleiben dabei gerne mal etwas kryptisch, lassen sich aber gut mitsingen. Nicht nur Tocotronic wissen mit der Deutschen Sprache umzugehen, denn Zeilen wie „Des Nachts kommen sie wieder / die Schönen und die Schlechten / tarnen sich als Trost / und spenden Agnosie“, kann man nur feiern. Dass auf dem Album „Fixum“ seinen zweiten Auftritt hat stimmt schon, schliesst dieses Werk doch einen Abschnitt in der Hirsch-Geschichte ab.

Der fulminante Mix aus Math, Hardcore, Art, Post und Metal ist formvollendet und braucht genau so viel Energie, wie er abgibt. „Holon: Agnosie“ ist erneut ein Meisterwerk der brutalen Musik, hat aber ein weiches Herz und kann sogar Trost spenden. Die Musiker sind technisch noch versierter geworden, bauen unendlich viele Riffs und Licks in die Stücke. Dank dem beiliegenden Notenheft zu „Agnosie“ kann man bestaunen, was sich die Jungs hier alles ausgedacht und gemerkt haben. Sowieso, das Deluxe-Set birst nicht nur mit Musik, sondern auch Material wie Postern, Aufklebern, Tasche und einer Wundertüte voller Hirsch-Vergangenheit. „Holon: Agnosie“ wird also würdig präsentiert und ist bereit, euer Wohnzimmer auseinander zu nehmen. Danach fühlt ihr euch darin aber wohler, garantiert.

Anspieltipps:
Agnosie, Bezoar, Fixum

Periphery – Juggernaut: Alpha / Omega (2015)

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Periphery – Juggernaut: Alpha / Omega
Label: Century Media, 2015
Format: Doppelvinyl im Gatefold, mit Inlays
Links: Discogs, Band
Genre: Djent, Prog-Metal, Math-Rock

Juggernaut ist eine unaufhaltsame Kraft / Energie, die alles auf ihrem Weg vernichtet. Unaufhaltbar bahnt sie sich ihre Spur und walzt alles nieder. Dieser metaphorische Begriff dient der US-Amerikanischen Band als mehr als passender Albumtitel, denn ihr neustes Werk ist eine unglaubliche Wucht. Unterteilt in zwei Platten mit dem Titelzusatz Alpha respektive Omega prügeln Periphery wild auf die Hörer ein. Dabei fallen vor allem zwei Dinge auf: Wie melodisch das Doppelalbum geraten ist, und wie zwingend beide Scheiben zusammengehören.

Oft zeigte die Musikhistorie auf, dass solche doppelten und langen Alben überladen sind. Gerne würde man diese Veröffentlichungen zurechtstutzen und der Band zeigen, dass es die Hälfte des Materials auch getan hätte. Periphery aber schaffen das Unglaubliche und verlieren während der über 80 Minuten Spielzeit nie den Fokus. Ihre Lieder bleiben auf „Alpha“, wie auch auf „Omega“ knackig, zielgerichtet und spannend. Extrem viel Faszination übt dabei ihre Mischung aus harten und technischen Passagen und hochgradig eingängigem Gesang aus. Beim Überlied „Alpha“ auf der ersten Platte wird dies perfektioniert: Die Band startet mit einer Melodie, die aus einem Computerspiel zu stammen scheint, wechselt auf harten Progmetal mit tobenden Wechsel, der Sänger stimmt ein und singt mit klarer Stimme. All dies steigert sich bis zum Refrain und jetzt geschieht das wunderbare: Die nun gewählte Melodie ist wunderbar stimmig und scheint direkt aus dem College-Rock zu stammen. Klingt merkwürdig, passt aber extrem gut zusammen. Genau mit diesen wechselhaften Stimmungen spielt die Band im gesamten Album. Auf lautes Geschrei folgt eine sanfte Gitarre, auf Haken schlagende Rhythmik folgt ein ruhiges Keyboard. Immer wieder auch werden Melodienfetzen, Textzeilen oder Harmonien aufgegriffen und verbinden die Lieder. Das Album ist somit nicht nur ein sehr langer Wurm an willkürlich gewählten Songs, sondern weist eine durchdachte Struktur auf.

„Juggernaut“ ist ein phänomenales Album. Es besticht mit technisch grossartig gespieltem Math / Djent / Prog (oder wie man diese Richtung zurzeit auch immer nennt), verzaubert mit Melodien zum mitsingen und ist technisch auf höchstem Niveau. Die Band zeigt sich zu keiner Sekunde einfallslos und schlägt immer wieder unerwartete Wege ein. Chorgesang erklingt, Balladen werden angedeutet und dann wieder mit dem Vorschlaghammer gnadenlos abgerissen. Bereits nach dem ersten Anhören blieb das Doppelalbum im Hinterkopf – und die Lust es immer wieder zu geniessen, nimmt nur noch mehr zu. Atemberaubend.

Anspieltipps:
MK Ultra, Alpha, The Bad Thing, Omega

Alright The Captain – Contact Fix (2015)

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Alright The Captain – Contact Fix
Label: Eigenveröffentlichung, 2015
Format: Vinyl mit Download
Links: Bandcamp, Band
Genre: Instrumental, Math-Rock, Post-Rock

Wie es sich für eine Band gehört, die mit dem Banner Math-Rock unterwegs ist, werden gleich ab der ersten Sekunde die Melodien und Klänge wild durcheinandergewirbelt. Das Keyboard brummt und reisst immer wieder aus, die Gitarren schlagen Haken und verwirren das zappelnde Schlagzeug. Alright The Captain wissen genau, wie man solche Musik spielen und präsentieren muss. Ihr zweites Album „Contact Fix“ wurde dank Kickstarter-Kampagne nun endlich veröffentlicht und macht Spass.

Geglückt ist der Band dabei nicht nur die Musik, sondern auch die Präsentation. In klarer Qualität und guter Produktion lassen sich die technisch anspruchsvollen Lieder gut analysieren. Dass solche Musik viel Aufmerksamkeit erfordert, liegt auf der Hand. Mit einer Spielzeit von einer knappen halben Stunde wurde dem hier auch Rechnung getragen. Das Album bleibt konstant interessant, überrascht mit Wendungen und tollen Einfällen, und lässt sich gut regelmässig und mehrmals anhören. So ist je nach Song ein anderes Instrument vorherrschend, mal das Keyboard, dann wieder die Gitarren oder gleich der Bass. Chaotische Momente mit wirren Klangspielereien und atemlosen Passagen mischen sich gerne mit Abschnitten, die auch dem Post-Rock zugeteilt werden können. „Eagle Hands“ bietet dabei den ersten Aussichtspunkt nach dem steilen Aufstieg, aber nicht ohne Geröll und wackeligen Steinen unter den Füssen.

Schön, dass die Band bereits auf ihrem zweiten Album so erfahren und durchdacht daherkommt. Hinter der offensichtlich abgefahrenen Fassade von Math-Rock, stecken nämlich viel Überlegungen und Abwägungen. Dass alle Melodien und Läufe zu einem einheitlichen Körper zusammenfinden, ist keine simple Aufgabe. Doch bei Alright The Captain ergeben die Lieder Sinn, es wird nicht die Technik über die Musik und das Album gestellt. Effekte und Sprachsampels finden ihren Platz, genauso wie Metal-artige Ausbrüche in „Ben And Barbara“. Für Fans der komplexen und eher härteren Rockmusik ist das Album „Contact Fix“ ein netter Happen zwischendurch. Und eine Band, die Songtitel wie „I’m Not Smart I Don’t Have All That Book Learning Stuff“ verwendet, kann nur sympathisch sein.

Anspieltipps:
Baltirific, Eagle Hands, I’m Not Smart I Don’t Have All That Book Learning Stuff

Das dazu passende Getränk:
Long Island Ice Tea – alles drin und gut abgestimmt.