Marillion

Live: Marillion, Z7 Pratteln, 17-07-28

Marillion
Freitag 28. Juli 2017
Z7, Pratteln

„Living in f e a r / Year after year after year / Can we really afford it? / We have decided to start melting our guns as a show of strength“ – es birgt eine gewisse Ironie, wenn diese Zeilen laut durch das Z7 in Pratteln schallen. Die Schweiz ist schliesslich nicht bekannt dafür, sich offen gegen Waffenexporte aufzustellen und versteckt sich lieber hinter der Angst vor Job- und Wohlstandsverlust. Es tat den Besuchern also mehr als gut, mit Marillion für einen Abend neue Denkweisen aufgezeigt zu bekommen. Und genau dies macht das neuste Album „F E A R“ schliesslich – es hält der Welt und unseren Gedanken einen Spiegel vor.

Dass die englischen Art-Rocker ihren Auftritt in der Konzertfabrik also mit der gesamten Darbietung ihrer neusten Scheibe begannen, machte mehr als Sinn. Ihr neustes Werk, welches ausgeschrieben auf den Namen „F*ck Everyone And Run“ hört, ist nämlich nicht nur meisterlich komponiert und endlich wieder sehr progressiv, sondern eine melodische und klangliche Reise durch alle Eckpfeiler des Marillion-Universums. Obwohl die Band nun bereits über ein Jahr damit unterwegs ist, werden weder Musiker noch Besucher müde. Warum auch, zeigten sich die Musiker um Sänger Steve Hogarth doch weiterhin spielfreudig und frisch.

Es war vielleicht der grossen Hitze in der Halle zu verschulden, dass die Künstler ein paar Mal über ihre eigenen Songs stolperten – doch die immer schillernde Persönlichkeit von Hogarth überspielte dies mit Witz und Charme. So durften die Gitarren bei „The New Kings“ laut werden, die Keyboards bauten Schlösser bei „Sounds That Can’t Be Made“ und die Rhythmus-Fraktion trotzte jeder Falle. Marillion live zu erleben, ist und bleibt ein sicherer Wert. Nur schade, verliess sich die Band nach „F E A R“ etwas zu stark auf ihre neueren Hits. „Beyond You“ war zwar hübsch, aber zu wenig bissig; „King“ immer eindrücklich mit der Videountermalung, aber etwas zu oft gehört.

Auch bei den Zugaben mit „Easter“ und „Neverland“ gab es eigentlich keine Überraschungen und die angenehme Süsse blieb erhalten. Aber na gut, wer die Besucher emotional und körperlich so stark mit seiner Musik mitzureissen vermag, der darf sich auch für einmal mit der sicheren Seite begnügen. Schön war auch zu sehen, dass das Z7 aus allen Nähten platzte – endlich, und nach 38 Jahren Zusammenhalt und Kreativität bei Marillion auch mehr als verdient!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Isildurs Bane & Steve Hogarth – Colours Not Found In Nature (2017)

Isildurs Bane & Steve Hogarth – Colours Not Found In Nature
Label: Ataraxia, 2017
Format: CD im Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Rock

Dass Isildurs Bane aus Schweden endlich wieder ein Album veröffentlicht haben, ist schon für sich eine kleine Sensation. Denn seit 2003 durfte man kein neues, vollwertiges Werk der wandelbaren Progressive Rock Band mehr entdecken – und jetzt ist die Gruppe, welche sich 1976 gegründet hatte, mit neuem Sänger zurück. Kein geringerer als Marillion-Frontmann Steve Hogarth hat sich für „Colours Not Found In Nature“ Texte ausgedacht und darf diese auch in seiner unvergleichlichen Art darbieten.

Das ist nicht nur ein Glücksfall für alle Fans von Marillion, sondern auch die perfekte Ergänzung der Musik von Isildurs Bane. Das Album pendelt zwischen modernem und vielschichtigem Art-Rock, Jazz-Passagen wie in den glorreichen Zeiten von Zappa und reduziertem Kammerspiel. Das Kollektiv jongliert mit Marimba, Streicher, Klarinette und der klassischen Rock-Besetzung – und zaubert damit emotionale Melodien, meisterhafte Arrangements und weite Kompositionen.

Herzstück ist der Longtrack „The Love And The Affair“, bei welchem die elegische Art von Steve Hogarth die Klangspiele zwischen düsteren Angriffen und versöhnlichen Öffnungen perfekt ergänzt. Seine Geschichten verleihen der Musik von Isildurs Bane eine neue Tiefe und etwas mehr Eingängigkeit. „Colours Not Found In Nature“ ist somit nicht nur für alte Begleiter der Schweden ein Muss, sondern auch eine der schönsten Prog-Scheiben in diesem Jahr.

Anspieltipps:
The Random Fires, The Love And The Affair, Incandescent

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Steve Hogarth With RanestRane ‎– Friends, Romans (2017)

Steve Hogarth With RanestRane ‎– Friends, Romans
Label: Poison Apple, 2017
Format: Doppel-CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Art-Rock

Es begab sich in Rom, im Jahre 2015 – ein einzelner Mann stellte sich auf die Bühne und bewirkte emotionale Regungen bei vielen Menschen. Ein einzelner Mann? Nein, vielmehr suchte sich der Herr bei weiteren Gesellen Unterstützung und zauberte somit ohne doppelten Boden oder falschen Erwartungen eine wunderbare Stimmung hervor. Doch wann ist dies jemals anders, wenn Steve Hogarth, Frontmann von Marillion eines seiner Solokonzerte gibt?

„Friends, Romans“ wurde auf seiner Solotour 2015 in Rom aufgenommen und bietet nun auch zwei Jahre später immer noch mehr Vergnügen ab Konserve, als jedes Festmal bei den Galliern jemals bewirkt hatte. Und der Künstler liess dabei nichts aussen vor, um seine Fans und Freunde zu bedienen. Denn während einem wunderbaren Abend erhielt man neue Interpretationen von geliebten Hits und vergessenen Kleinoden. Die Hälfte des Auftrittes bestritt h alleine mit Keyboard und Gerätschaften, vor sitzenden Menschen und geheilten Seelen.

Und auch wenn die zweite Hälfte mit der Band RanestRane bestritten wurde, Songs wie „Estonia“, „80 Days“ 0der „Runaway“ wirken immer noch genauso zerbrechlich, wie wenn sie Steve Hogarth als H Natural zelebriert. Genau bei diesen Passagen merkt man auch auf diesen CDs, dass das Wirken von Marillion einfach alle Dämme bricht. So freut man sich über „Cover My Eyes“, jubelt bei „Easter“ und verneigt sich vor „Hard As Love“. Denn egal mit wie vielen Musikern auch immer, dieses Material überstrahlt in seiner Intensität fast alles – und das Leben wird neu erfunden.

Anspieltipps:
Hard As Love, Afraid Of Sunlight, House, Estonia

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

2016 – Der Rückblick, die Listen

2016 – du warst kein einfaches Jahr. Nicht nur prallten praktisch jeden Tag Freud und Leid auf heftigste Weise zusammen, nein auch die Künstler- und Musikwelt musste sich von vielen Grössen verabschieden. So begann das Jahr mit dem Tod meines Helden David Bowie, kurz nach der Veröffentlichung seines neusten und wahrlich grossartigen Albums „Blackstar“ – und nahm sich dann in jedem Monat weitere Legenden. Leonard Cohen, Prince, Gene Wilder, Alan Rickman, Harper Lee, Umberto Eco und viel zu viele mehr. Es ist somit schwierig, eine Rangliste der besten Werke zu erstellen, möchte man doch all diese Seelen ehren.

Auch ist der Konsum aktueller Veröffentlichungen dank meiner Mitarbeit bei Artnoir in schwindelerregende Höhen gestiegen, was eine Beschränkung auf zehn Scheiben schier unmöglich macht. Somit muss ich dieses Jahr etwas mogeln – es gibt nun eine Top Ten für die Platten aus aller Welt, und eine weitere für Musik aus der Schweiz. Dabei allerdings sind mit diesen 20 Alben aber zu viele nicht beachtet. So gab es beispielsweise Grossartiges von Frost*, Leonard Cohen, Radiohead, PJ Harvey, James Blake, Rihanna, Wilco, Periphery, Wolf People, Moscow Mule und so weiter. Doch regelmässige Leser dieser Seite oder von Artnoir werden meine Texte zu deren Werken ja bestimmt mitgekriegt haben. Darum hier die Listen:

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Top Ten 2016 – Alben
1. David Bowie – Blackstar
2. Jarlath Henderson – Heads Turned, Hearts Broken
3. Nick Cave & The Bad Seeds – Skeleton Tree
4. Moby & The Void Pacific Choir – These Systems Are Failing
5. Dream The Electric Sleep – Beneath The Dark Wide Sky
6. The Hotelier – Goodness
7. Marillion – F*ck Everyone And Run
8. Touché Amoré – Stage Four
9. Underworld – Barbara, Barbara We Face A Shining Future
10. Thrice – To Be Everywhere Is To Be Nowhere

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Top Ten 2016 – Schweiz
1. Knöppel – Hey Wichsers
2. One Sentence. Supervisor – Temporär Musik 1-13
3. King MCH, effelav & Saruco – Hous der ond fegg di
4. Yello – Toy
5. Spencer – We Built This Mountain Just To See The Sunrise
6. Al Pride – Hallavara
7. Container 6 – Beschti Zyt
8. The Shamanics – Shamanic
9. The Beauty Of Gemina – Minor Sun
10. Wolfman – Modern Age

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Und ja, auch bei den Konzerten war es nicht so einfach, wenn auch klarer. Mit 85 besuchten Veranstaltungen (Konzertabend = 1, Festivaltag =1) stieg auch diese Zahl in absurde Höhen. Doch was macht man nicht alles für seine Journalistenkarriere? Wobei ich 2017 dies nicht zu übertrumpfen versuche, gesund wäre es wohl nicht. Und ja, in dieser Liste findet man einige übliche Verdächtige, aber Musik ist schlussendlich Emotion und gewisse Talente berühren mich halt am stärksten.

Top Ten 2016 – Konzerte
1. Marillion – 19.07.2016 – Huxley’s neue Welt, Berlin
2. Massive Attack – 21.07.2016 – Paléo Festival, Nyon
3. Underworld – 27.08.2016 – Zürich Open Air, Rümlang
4. Patti Smith – 29.06.2016 – Volkshaus, Zürich
5. Bruce Springsteen – 31.07.2016 – Stadion Letzigrund, Zürich
6. Ventil – 01.10.2016 – A-Synth Fest, St.Gallen
7. Battles – 12.08.2016 – Open Air Basel
8. Motorpsycho – 06.05.2016 – Fri-Son, Fribourg
9. Ellie Goulding – 28.02.2016 – Hallenstadion, Zürich
10. Gaia – 15.10.2016 – Oxil, Zofingen

Immer nur etwas zu hören ohne die Bilder dazu zu haben, ist doch auch doof, oder? Darum hier die besten Filme des Jahres. Wer die nicht kennt, sofort anschauen.

Top Ten 2016 – Filme
1. Toni Erdmann – Regie: Maren Ade
2. Arrival  – Regie: Dennis Villeneuve
3. Spotlight  – Regie: Thomas McCarthy
4. The Revenant – Regie: Alejandro Gonzalez Inarritu
5. Bezness As Usual – Regie: Alex Pitstra
6. Captain America: Civil War  – Regie: Russo Brothers
7. Everboy Wants Some! – Regie: Richard Linklater
8. Demolition – Regie: Jaen-Marc Vallée
9. Nocturnal Animals – Regie: Tom Form
10. The Lobster – Regie: Giorgos Lanthimos

Ausser Konkurrenz:
Nick Cave & The Bad Seeds – One More Time With Feeling

Marillion – Waves And Numb3rs (2016)

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Marillion – Waves And Numb3rs
Label: Racket Records, 2016
Format: Doppel-CD
Links: Facebook, Band
Genre: Art-Rock

Es ist immer noch ein magischer Moment, wenn nach vielen Jahren, noch mehr CDs und viel zu wenigen Konzerten den Erstkontakt mit einer Band wieder neu aufleben kann. Marillion, die grossartigen Art-Rocker aus England, begleiten mich schon lange durch alle Gemütslagen und alles begann damals mit dem Kauf des „Anoraknophobia“-Albums, der Platte, die 2001 für die Gruppe nicht nur Pop und Prog vereinte – sondern als weltweit erstes Crowdfunding-Werk das Business veränderte. An ihrem persönlichen Festival in Holland, dem Marillion-Weekend Port Zeland, gab sich die Band 2015 die Ehre, ebendiese Platte komplett darzubieten. Dank „Waves And Numb3rs“ kann man das Konzert nun unendlich geniessen.

Am ersten Abend des Weekends wurden also von der Band und den Fans nicht nur kapuzenbestückte Jacken angezogen, sondern auch Nischeninteressen gross geschrieben. Von dem eröffnenden Rocker „Between You And Me“, über die melancholische Sinnierung „When I Meet God“ bis hin zu dem krachenden Abschluss „If My Heart Were A Ball It Would Run Uphill“ gab es über eine Stunde Marillion der frühen Nullerjahre. Die Band gab sich dabei nicht nur äusserst spielfreudig, sondern verlieh dem Album neue Energie. Marillion sind live immer eine Wucht, somit gewinnt auch „Anoraknophobia“ in jedem Belang von dieser Darbietung. Besonders Steve Hogarth am Gesang, Mark Kelly an den Synthies und Steve Rothery an der Gitarre wachsen über sich hinaus.

Sicherlich, gewisse Lieder stecken noch etwas zu stark im eher süsslichen Gewässer der Neunziger – mit Hits wie „Separated Out“ oder der spannenden Gegenwartsbetrachtung „This Is the 21st Century“ finden sich aber auch viele abwechslungsreiche Highlights. Und mit drei Zugaben füllen Marillion gleich fast die zweite Scheibe – wobei besonders beim elegischen „Three Minute Boy“ auch die Zuschauer sich verausgaben. Gerade hier zeigt sich wieder, dass dieser Abend speziell war – man spürt es an den Reaktionen, den Musikern und den emotionalen Versionen und Ansagen. „Waves And Numb3rs“ gehört in jede gute Sammlung eines Marillion- und Art-Rock-Liebhabers, und wird für immer mit dem originalen Album verbunden sein.

Anspieltipps:
Quartz, If My Heart Were A Ball It Would Run Uphill, Three Minute Boy

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

(Die Videoaufnahme stammt zwar vom Weekend 2011, aber ihr könnt es euch bestimmt vorstellen.)

Live: Marillion, Radiant Bellevue Lyon, 16-12-11

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Marillion
Support: John Wesley
Sonntag 11. Dezember
Radiant Bellevue, Lyon
Setliste

Es reicht eine Bewegung mit der Hand, eine klare Geste, und der gesamte Saal bleibt still. Wo sonst lauter Applaus aufbranden würde, herrscht Konzentration und Stille – erneut bewies Steve Hogarth, dass es selten einen Frontmann gibt, der so charismatisch ist wie er. Er leidet mit seinen Charakteren in den Texten, übernimmt für jedes Lied neue Rollen und fordert das Publikum mit seiner direkten und auch gerne frechen Art zur Interaktion auf. Sicherlich, beim letzten Konzert der „FEAR“-Europatour waren die Musiker von Marillion ein wenig ermüdet, Hogarth liess sich dies aber zu keiner Sekunde anmerken. Und auch in Lyon waren wieder alle Augen auf ihn gerichtet.

Mit ihrem neusten Album „F*ck Everyone And Run“ im Gepäck erklommen Marillion mit ihrem spannenden und weltoffenen Art-Rock erneut die Höhen der Szene und konnten grosse Erfolge feiern. Kein Wunder, sind doch Lieder wie „The New Kings“ oder „Eldorado“ einfach nur grossartig. Live laden diese Epen zum Versinken und Davonschweben ein, machen mit den Inhalten und perfekt passenden Visuals nachdenklich – und zeigen das grosse Können der Musiker in der Gruppe. Bereits mit dem eröffnenden „The Invisible Man“ zogen die Herren alle Register und steigerten sich von einem sanft pochenden Stück zu einem wahren Orkan. Ihre ureigene Version von Progressive Rock fesselt immer noch, besonders in einem Land wie Frankreich, in dem die Leute in grosser Zahl zu den Konzerten erscheinen.

Somit war der Auftritt auch von Anfang bis Ende ein gefeierter Abend im packend gefüllten Radiant. Lyon hörte aufmerksam zu, sang bei alten Klassikern wie „Easter“ oder „Kayleigh“ laut mit und war ganz aus dem Häuschen bei Krachern wie „Sugar Mice“ oder „Neverland“. Und gerade diese ausdrucksstarken Lieder, die mit ihren Refrains einem das Herz schier zerreissen, waren auch an diesem Abend das Highlight. Marillion vermitteln mit ihrer Musik ein wunderbares Gefühl und Momente wie „Afraid Of Sunlight“ oder „Sounds That Can’t Be Made“ brennen sich tief im Gedächtnis fest. Und somit spielt es überhaupt keine Rolle wo die Band auftritt, sie sind immer superbes!

Ein etwas anderer, aber trotzdem sehr gelungener Auftritt bot John Wesley als Vorprogramm. Der Gitarrist und Sänger stellte sein neustes Werk „A Way You’ll Never Be“ komplett alleine vor und begann seine Darbietung mit nur einer elektrischen Gitarre bewaffnet. Was bei mir zuerst für Verwunderung sorgte und einige Bedenken hervorrief, wechselte nach ein paar Minuten aber in Entspannung. Wesley liess sich von einem Backing Track begleiten, Schlagzeug, Bass und Keyboards erklangen somit wie von Geisterhand. Eine etwas merkwürdige Entscheidung, dem Herren beim Spielen zuzusehen ist aber immer eine wahren Freude. Besonders mitreissend waren seine akustischen Lieder, hier war die Mischung aus Art-Rock und ergreifenden Texten perfekt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Marillion – Fuck Everyone And Run (FEAR) (2016)

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Marillion – Fuck Everyone And Run (FEAR)
Label: EAR Music, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Art-Rock

Es braucht etwas Zeit und Geduld, nicht zu vergessen die Aufmerksamkeit – aber dann sie die wunderbaren Momente wieder da. Die hymnischen Zeilen wie „Too Big To Fail – Too Big To Fall“ oder das Lament in „Living In FEAR“, die wunderbar integrierte Elektronik, welche „The Leavers“ sanft übernimmt – und immer wieder die Ausbrüche mit grossen Gitarrentönen auf voller Breitseite. Marillion haben es selber bereits angekündigt, nun ist es klar: Ihr 18. Album „Fuck Everyone And Run (FEAR)“ ist definitiv das Werk der Art-Rocker in diesem Jahrzehnt.

Die politische Betrachtung unserer Gesellschaft, der darin herrschenden Gier und Ungerechtigkeit, ist ein Stück Musik voller Lichtblicke und als Gesamtheit nicht nur eine formidable Rückkehr in Richtung Progressive Rock, sondern immerzu bezaubernd. Marillion verlassen sich zwar auf ihre bekannten Fähigkeiten und Motive, vermögen ihre in Jams gesammelten Ideen aber so zündend zu kombinieren wie schon lange nicht mehr. „Fuck Everyone And Run“ verfügt nicht nur über drei Longtracks, sondern ist ein in sich geschlossener Kreislauf, der bestenfalls nicht in Einzelteile zerlegt wird. Wie bereits bei „Brave“ wirken alle Arrangements und Melodien als Gesamtheit am besten.

Steve Hogarth zeigt erneut, dass er der perfekte Frontmann und Sänger für die intensive und gefühlvolle Musik ist. Er fleht, wütet, sinniert und geht in der Musik komplett auf. Marillion wissen tiefgreifende Fragen wie „Why is nothing ever true?“ nicht abschliessend zu beantworten, angriffige Lieder wie „The New Kings“ sind aber wichtig und ungewohnt positionsbeziehend. Durch den Verband aus diesen intelligenten Texten und den faszinierenden und sich immer bewegenden Sounds erhält man mit „Fuck Everyone And Run“ das perfekteste Album der Band seit „Marbles“. An dieser Scheibe wird dieses Jahr kein Fan des Genres vorbei kommen.

Anspieltipps:
El Dorado, White Paper, The New Kings

Marillion – Marbles Live (2005)

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Marillion – Marbles Live
Label: Intact Recordings, 2005
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Rock, Prog

Meilensteine findet man in jedem Katalog einer langjährig aktiven Band. Alben, die nicht nur den Klang der Gruppe festigten, sondern auch bei Kritikern und Fans für immer ihren Platz erhielten. Marillion besitzen einige solcher Wendepunkte, „Marbles“ gehört auf jeden Fall dazu. Und da sich die Art-Rocker aus England unregelmässig auf gesunde Weise selber feiern lassen, gibt es fast jede Veröffentlichung auch als Live-Album. Aufgenommen 2004 in London, kann man hier ohne Unterbrüche und in korrekter Reihenfolge das Grosswerk geniessen.

Und hier wird gleich von Anfang an alles geboten, denn mit „The Invisible Man“ steigen Marillion mit einem langen und mehrteiligen Stück in das Konzert und die Platte ein. Von gehauchten Stellen bis zu markerschütternden Ausbrüchen – das freut die Progköpfe. Und genau so unterschiedlich gepolt geht es auch weiter. Bandtypisch mit wunderschönen Melodien und Texten zum Mitsingen pendelt man zwischen eingängigen Tracks wie „You’re Gone“ und „Fantastic Place“, sowie spannenden Arrangements wie den „Marbles“-Zwischenspielen. Das Album steigert sich mit jeder Minute und findet am Ende mit „Neverland“ ein Schlussbouquet mit der Wucht eines Vulkans. Eleganter und schwelgerischer Art-Rock, Vorkenntnisse nicht benötigt.

Marillion fanden in London ihre Hochform und spielten mit Freude, Konzentration und Elan. Im Gegensatz zu der Studio-Version findet „Marbles“ hier einen grösseren Druck und h lebt als Frontmann wie auch Sänger auf der Bühne viel stärker auf. Somit eignet sich diese Live-Ausgabe des immer wieder überzeugenden Albums auch für alle, die bereits mehrfache Variationen dieser Lieder im Regal auffinden. Mit „Estonia“ wurde noch eine Zugabe mit eingepackt, welche das Erlebnis wunderbar abrundet. Marillion live ist immer die richtige Wahl – egal ob ab Konserve oder direkt vor einer Bühne.

Anspieltipps:
The Invisible Man, Fantastic Place, Neverland

Live: Marillion, Huxley’s Neue Welt Berlin, 16-07-19

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Marillion
Support: Lifesigns
Dienstag 19. Juli 2016
Huxley’s Neue Welt, Berlin
Setliste

Gewisse Erfahrungen lassen sich fast nicht erklären, denn mit jedem Versuch geht etwas in der Übertragung verloren. Somit ist es nicht einfach, das Konzert von Marillion in Berlin wörtlich darzulegen – es hatte für mich eine extrem tiefreichende Bedeutung. Nicht nur ist die Art-Rock Gruppe aus England seit einigen Jahren eine meiner liebsten Bands, sie spielten dieses Jahr nun genau an meinem Geburtstag in der deutschen Hauptstadt. Welche Kombination könnte besser sein? Somit umging ich alle Partys und Feten in der Schweiz und besuchte das Huxley’s Neue Welt.

Nachdem ich Marillion schon am Rock The Ring bejubeln durfte, hiess es nach dem Support von Lifesigns – einer neu formierten Neoprog-Band mit viel Kitsch und Melodie – Lichter an für die Clubshow. Und gleich mit dem ersten Song „The Invisible Man“ erfüllten mir die Musiker einen Wunsch. Das lange und wirkungsvoll aufgebaute Stück zeigte gleich alle Stärken der Gruppe: Leidenschaftlicher Gesang von h, grossartiges Melodienspiel zwischen Keyboard und Gitarre, druckvolle Ausbrüche und sehnsüchtige Stille. Diese Punkte wurden durch schönes Licht, passende Filmprojektionen und ein aufmerksames Publikum noch verstärkt.

Und im Gegensatz zu den bereits erlebten Auftritten fanden Marillion in Berlin die perfekte Mischung aus mitreissenden Hits und nachdenklichen Schwelgereien. „Power“ gegen das neue „The New Kings“, das emotional heftige „Afraid Of Sunlight“ und der Kracher „Quartz“. Die Musik, die Texte, die Darbietung – alles überflutete mich auf intensivste Weise und ich verlor mich komplett in dem Konzert. Mit „You’re Gone“, „Neverland“ und sogar dem Epos „Ocean Cloud“ ging mehr als nur ein Traum in Erfüllung. Marillion liessen mich eines der besten Konzerte in meinem Leben erfahren. Als zur zweiten Zugabe dann noch die „Kayleigh“-Suite präsentiert wurde, war dies wie der berühmte Zucker – übertreffen kann man ein solches Erlebnis wohl kaum.

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Live: Queen und Marillion, Rock The Ring, 16-06-17

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Rock The Ring
Queen, Marillion, Stefanie Heinzmann
Freitag 17. Juni 2016
Autobahnkreisverkehr Betzholz, Hinwil
Setlist Marillion
Setlist Queen + Adam Lambert
Bilder Queen: Mischa Castiglioni

Ist dieses Festival im Zürcher Oberland die Quadratur des Kreises, oder einfach nur eine verrückte Idee? Schliesslich wurden in Hinwil auch dieses Jahr wieder Bühne, Essensstände und sogar ein Riesenrad inmitten des Autobahnkreisverkehrs Betzholz aufgestellt. Drei Tage, die sich dem alten und neuen Rock verschrieben haben, zuerst aber vor allem vom Verkehr beherrscht werden. Die Anfahrt mit dem Auto gestaltete sich freitagstypisch mühsam, das Festival-Gelände konnte die Atmosphäre des TCS-Trainingscenter nicht komplett verdrängen. Und dann brauste als Pausenunterhaltung noch die Patrouille Suisse über die orange behüteten Köpfe.

Doch keine Angst, zwischen all diesem Rummel und der Vermengung merkwürdiger Gegensätze fand man immer wieder tolle Konzerte und musikalische Glanzstücke. Der Auftakt mit Shambolic Shrinks brachte die wilden Gitarren zum Sonnenschein, Stefanie Heinzmann vertrat das Wallis mit ihrer souligen und festen Stimme. Auch wenn eher im Pop zuhause, liess sie viel Jubel aufkommen. Denn bereits jetzt war das Gelände voller Besucher, Rock The Ring hat sich in kurzer Zeit einen Namen gemacht und lockt eine grosse Zahl an Gästen an. Aus allen Altersklassen finden sich für drei Tage Liebhaber des klassischen Rock zusammen, feiern die alten Hits und erleben ihre vergangenen Momente noch einmal.

Und davon gab es bei Marillion genug – die Art-Rock Legende aus England setzte für eine Stunde auf ihre Hits und brachte so manches Herz in Verzückung. Gestaltete sich der Beginn ihres Auftrittes mit Songs wie „Cover My Eyes“ oder „Easter“ etwas achtzigerlastig und voller bunter Keyboards, drehten sie den Spiess dann um und liessen die druckvollen Wellen ihres modernen Sounds über die Ringrocker schwappen. „Sounds That Can’t Be Made“, „King“ und der brachiale Schluss mit ihrem Meisterstück „Neverland“ – die Klangwände bauten sich bis zu den aufziehenden Wolken auf. h bewies erneut, dass seine sympathische Art jedes Publikum mitreisst, Marillion sind immer noch aktuell und wundervoll.

Eine Wiedergeburt erlebte man mit dem meisterhaften Schluss: Queen und Adam Lambert beehrten die Schweiz und tauchten Hinwil während eines sintflutartigen Regenfalls in musikalische Liebe und ehrenhafte Erbverwaltung. Nicht wenige hatten wohl Zweifel, wie gut Queen ohne Freddy Mercury funktionieren können. Doch wir alle wurden vom besten Gegenteil überzeugt. Hit reihte sich von Beginn an Hit, Brian May bespielte mit seinen Zauberfingern die Saiten, Roger Meddows Taylor trommelte sich auch im fallenden Wasser heiss. Und dazwischen immer wieder Adam Lambert, in Federjacke, engen Hosen und mit futuristischen Sonnenbrillen. Er versuchte nicht die Legende zu kopieren, sondern nahm Lieder wie „Don’t Stop Me Now“, „I Want It All“ oder „Hammer To Fall“ und machte sie stimmlich zu seinen eigenen. Variabel, unterhaltsam und treffend zeigte er sich und verlieh dieser Reinkarnation von Queen viel Leidenschaft.

Man verliess das Gelände von Rock The Ring zwar total durchnässt, aber mit einem Grinsen und vielen bekannten Melodien auf der Zunge. Die Königin war da, zeigte sich in ihren besten Kleidern und liess nichts vermissen. Mit grosser Show, noch mehr Gefühl und perfekten Momenten wie „Under Pressure“ im Regen, „Who Wants To Live Forever“ mit Lasershow oder Freddys Besuchen auf der Leinwand war das Konzert ein voller Erfolg. Danke für diese Möglichkeit.

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