Luzern

Live: Granular, Schüür Luzern, 17-12-01

Granular
Support: Visions In Clouds
Freitag 01. Dezember 2017
Schüür, Luzern

Wenn es etwas zu feiern gibt, dann lädt man am besten seine Freunde ein. Und wenn diese auch gleich noch einen Grund zur Freude mitbringen, dann ist der Abend doch komplett. Dies dachte sich auch die Luzerner Band Granular, die am Freitagabend in der Schüür ihr erstes Album „XI“ taufte – und dazu Visions In Clouds mit auf die Bühne holte, die ebenfalls aus der Stadt mit dem Touristenüberfluss stammen und vor kurzen eine neue EP veröffentlicht haben. Kein Wunder also, standen bereits vor Showbeginn leere Champagnerflaschen im Saal.

Die Musik von Granular eignet sich sowieso perfekt, um von bitteren Stoffen zu auflockernden und bunt schmeckenden Getränken zu wechseln. Ihre Lieder hat die Band, welche früher unter dem Namen Augustine’s Suspenders die Leute zum Tanz animierte, nämlich im Bereich des modernen Pop angesiedelt. Ob bereit für die Radiowellen, soulig angehaucht oder dann doch lieber mit Indie-Gitarren versehen, eingängig ist die Musik der jungen Männer immer. Alsbald bewegten sich die Zuschauer dann auch zu „Something In Between“ oder „I Need You“ und genossen die Emotionalität zwischen farbigem Licht und bestrahlten Schlagzeugbecken.

Sicher, es fehlte vielleicht manchmal etwas die dunkle Seite des Klangs – doch vielseitigen Pop zu vernehmen, kann ja auch ganz gut ins Wochenende führen. Schön auch zu sehen, dass nicht nur viele Freunde von Granular anreisten, sondern die Band spielfreudig über den Leuten thronte und fleissig ihre Instrumente wechselte. Endlich wurde auch geklärt, wie man das Album nun aussprechen darf: Eleven. Das passt ja schlussendlich auch perfekt zum weltoffenen Klangbild dieser Scheibe.

Eher introvertiert und nachdenklich gaben sich die Lieder bei Visions In Clouds. Locker zwischen New Wave-Zitaten, Post-Punk-Gebrummel und Indie-Höhengefühl wechselnd, versanken nicht nur Musiker und Besucher in tiefen Schatten und blauem Licht. Die ganze Welt wurde für einen Moment kühler, polyphone Synthies und stringente Schlagzeugwirbel zur Familie. Und da die Luzerner seit neustem auf dem Pariser Label Manic Depression zuhause sind, nutzten sie diesen Anlass, um einen Song von Crying Vessel zu covern. Man ist in dieser kleinen Szene halt schnell eine Gemeinschaft.

Dieser beizutreten legten Visions In Clouds allen Anwesenden ans Herz und boten den besten Grund mit der kompletten Darbietung ihrer neusten EP „Levée En Masse„, deren Stücke sich zwischen schnell und treibend und melancholisch-verträumt bewegen. Musik für den Winteranfang, die zwar den Schnee nicht so schmelzen lässt wie bei Granular, aber die Hoffnung an Geborgenheit auch niemals aufgeben würde.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Warhaus, Schüür Luzern, 17-11-22


Warhaus
Support: Ursina
Mittwoch 22. November 2017
Schüür, Luzern

Wie schnell sich ein Club doch noch füllen kann, ist immer erstaunlich. Zu Beginn des Abends war der Barraum der Schüür in Luzern nämlich noch eher spärlich mit Besuchern bestückt, doch als Maarten Devoldere dann zusammen mit seiner Band die Bühne betrat, gab es praktisch keinen freien Zentimeter mehr. Warhaus haben sich innert weniger Monate und mit nur zwei Studioalben einen Ruf erarbeitet, der auch am Mittwochabend viele Menschen aus ihren warmen Wohnungen lockte – und dies zu Recht. Gut gelaunt und voller Elan präsentierten sie das neue Album „Warhaus“ und brachten einige zum Schmachten.

Dies lag aber nicht nur an dem optisch positiven Eindruck, den die vier Mannen an den Instrumenten hinterliessen, sondern auch an den Kompositionen selber. Warhaus haben sich unter der Federführung von Devoldere nicht nur als eigenständige Band neben Balthazar emanzipiert, sondern mit ihrer Mischung aus verruchtem Indie, lockerem Jazz und nächtlicher Lust wahre Songperlen erschaffen. Was auf Platte oft leicht fragend und etwas zurückhaltend erschient, wurde in der Schüür zu einer direkten Aussage und einem lauten Ausrufezeichen. Das verschmitzte Spiel zwischen Frau und Mann wurde ohne Sängerin Sylvie Kreusch eine direkte Schlagseite ohne Konfrontation, ein Einblick in die Liebespsyche des männlichen Wesens.

Dank dem spontanen Eingreifen einer jungen Konzertbesucherin und der Übernahme der zweiten Stimme bei „Love’s A Stranger“ wurde Warhaus dann aber doch noch die Stirn geboten, und Devoldere zeigte sich ehrlich erfreut und überrascht. Vielleicht ein Grund, wieso er sich manchmal etwas verzettelte? Wie auch immer, dank vielen Interaktionen mit dem Publikum, einem singenden Spaziergang durch die Ränge und langer Mitsingaktion wurde das Konzert zu einer Feier für die eigene Sinnlichkeit und dem Verbund zwischen Künstler und Fan. Bald bewegten sich alle zu den mitreissenden Takten von „Mad World“, „The Good Lie“ oder „Against The Rich“ und jubelten ausgelassen.

Schön auch, dass sich die Band immer wieder Raum nahm, und Stücke wie „Machinery“ zu lauten und wilden Jam-Sessions ausarten liessen, mit geloopten Bläsern verstärkten und jeden Nachtclub auseinandernahmen. Bei Warhaus wird nun also nicht mehr geflüstert und gestreichelt, jetzt wird kräftig angepackt und gekratzt.

Dagegen gab sich Ursina mit Bassbegleitung Martina richtig zaghaft, spielte aber nicht ohne Charme und liess so manche Melodie wie einen schönen Traum erklingen – ein leichtes Vorspiel also. Ob nun Graubünden oder Belgien, Reize gibt es überall und in Luzern trafen alle im richtigen Moment aufeinander.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Cold Reading – Sojourner (2017)

Cold Reading – Sojourner
Label: KROD Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Emo, Indie

In Luzern zu leben ist eigentlich kein Grund zu grosser Traurigkeit, aber eine schöne Stadt vor den Alpen macht schliesslich noch keinen Sommer. Wenn die ersten Klänge von „Books & Comfort“ erklingen, könnte man trotzdem kurz denken, im Popprogramm des lokalen Radios gelandet zu sein. Denn Cold Reading starten ihre neuste EP „Sojourner“ mit hellen Gitarren und lockerer Melodien, driften aber bald in die kratzenden Riffs und Schreie ab.

Wer sich nach dem Fachbegriff für Informationserschwindelung im Gebiet der Magier und Mentalisten benannt hat, dem geht es schliesslich um alle noch so kleinen menschlichen Regungen. Cold Reading halten somit die oft schwarze Flagge des Emo-Rock hoch und zeigen spätestens beim Titelsong alle wichtig Eigenheiten dieses Genres. Mehrschichtige Gitarrenmelodien, Ausbrüche und eindringlicher Gesang – sanft unterlegt von Beats und einem kleinen Lichtschimmer am Horizont. Ein definitives Ende will hier niemand.

Das lädt auch gerne dazu ein, diese neue EP mehrmals anzuhören, was die gelungen komponierten Lieder sehr wohl zulassen. Cold Reading klingen nämlich nicht nur viel grösser als ihre Heimatstadt Luzern, sie sind auch seit 2014 mit ihrer Musik dabei, das Gebiet des Indie umzugestalten. Eine EP die wie ein Album klingt und den Raum zu den internationalen grossen zusammenschrumpfen lässt? Hier die leichteste Übung und ein Glücksfall für alle Fans der emotionalen Rockmusik.

Anspieltipps:
Books & Comfort, Sojourner, Scratches

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Moped Lads, Schüür Luzern, 17-03-03

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Moped Lads
Freitag 03. März 2017
Schüür, Luzern

Immer die gleiche Kleidung tragen, wer macht dies schon gerne? Mit der Zeit sind auch die besten Stücke abgenutzt und etwas schmutzig – darum braucht es immer wieder eine Auffrischung. Nachdem bereits das X-Tra zur Besichtigung einlud, zog nun die Schüür in Luzern nach und eröffnete die neu gestaltete Bar. Nebst Ansprachen und Häppchen gab es natürlich auch etwas auf die Ohren – feinster Punk-Rock von den Moped Lads.

Bevor aber die neue Bühne und längere Bar gleich wieder zerlegt wurden, durfte man alles in Augenschein nehmen. Der Raum wirkt dank der neuen Einteilung nun grösser, man hat mehr Platz vor der Bühne und eine bessere Fassstation für das Getränkeangebot. Die Mitarbeiter des Kulturlokals wurden in die Umgestaltung miteinbezogen und durften beispielsweise das Farbkonzept in der Garderobe eigens bestimmen. Auch präsenter sind nun die altehrwürdigen Stützen im Raum, endlich hat sogar die Bühne eine solche Ergänzung erhalten.

Während des Umbaus war die Schüür nie lange geschlossen, somit mussten einige Baustellen immer wieder unterbrochen und die Bar schon fast mühsam oft ein- und ausgeräumt werden. Doch der Aufwand hat sich gelohnt, der vielseitige Kulturort ist wieder gewappnet für jegliche Arten von Veranstaltungen und Luzern umso öfters eine Reise wert. Dass dies mit Lokalmatadoren gefeiert wurde versteht sich von selbst. Die Moped Lads stehen seit vielen Jahren für kratzenden, unsauberen und angriffigen Punk.

Mit ihrer neuen Platte „Maximum PR“ und alten Hits stiegen sie auf die Bühne und wirbelten die Leute durcheinander. Einige waren zwar etwas überrumpelt von der wilden Art der Musiker und den direkten Ansagen, doch dieser Stil soll ja anecken. Und das nächste Mal wird die Party einfach auf die Apéroplatten verlegt, dann gibt es Käsescheiben und Parolen zwischen die Zähne. Womit wir auch wieder bei den dreckigen Klamotten wären …

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Knöppel, Schüür Luzern, 16-12-21

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Knöppel
Support: Jack Stoiker
Mittwoch 21. Dezember 2016
Schüür, Luzern

Bierflaschen, aber jetzt echt überall. Reihenweise am Bühnenrand, zerbrochen am Boden, praktisch leer in meiner Hand und zahlreicher als die Besucher – Jack is back, und die anonymen Alkoholiker drehen durch. Nicht nur die zum Glück, sondern ganz viele Wichser aus der Inner-, Ost- und Sonstwoschweiz wagten sich vor den heiligen Tagen noch einmal nach Luzern in die Schüür, um die Punk-Sau rauszulassen. Knöppel ist nicht nur das inländische Musikhighlight 2016, sondern auch live ein Grund um den Mittwochabend in Alkohol und Musik zu ertränken.

Denn Jack Stoiker hat sich nach vielen Jahren in musikalischem Abseits (Wow, grossartige Witz du Wichser) wieder nach vorne gedrängt und mit seiner neuen Band Knöppel das herrliche Mundart-Punk-Album „Hey Wichsers“ veröffentlicht. Darauf findet man nicht nur 18 schrammige und unsaubere Lieder, irgendwo zwischen kaputter Gitarre und besoffenem Sänger, sondern auch fantastisch absurde Texte im St.Galler-Dialekt. Was auf den ersten Blick debil zu sein scheint, stellt sich nach kurzer Zeit als oft sehr grossartige Gedankengänge über die aktuelle Welt – oder zumindest den Alltag der Schweiz – heraus. Und somit war es auch klar, dass man als Besucher der Schüür nicht nur laut mitjohlen konnte, sondern immer wieder Tränen lachte.

Natürlich nimmt sich eine Band wie Knöppel auch nicht bierernst (Stark, du Wichser) und konnte somit nicht nur mit ihren kaputt wirkender Musik in klassischer Dreierbesetzung punkten, sondern auch mit wirren Ansagen und grossartigen Anheizern für das Publikum. Wobei dieses bereits von der ersten Minute an gewilligt war, den Abend zu einer lauten und wunderbaren Party zu machen. Die Texte wurden konstant mitgesungen, die Band beklatscht und Midi in Dialoge miteinbezogen. Dies machte den Auftritt eine wunderbar gelassene Sache und Musiker wie auch Besucher fühlten sich wohl. Oder vielleicht waren auch die überproportional vielen Frauen im Publikum der Grund.

Oder, dass Jack Stoiker sich gleich selber als Support begleitete und somit den Fans endlich wieder die Gelegenheit bot, seine alten Hits wie „Uf em Liintuech“, „Die Tütsche sind blöd“ oder „Regina“ zu geniessen. Stoiker mit elektrischer Gitarre, begleitet von Marc Jenny am Kontrabass und im Anzug gekleidet, führte schnell in den niveauvollen Abend ein. Und plötzlich wurden einem nicht nur neue Punk-Welten geöffnet, sondern auch Alltagsmomente erschienen in neuem Licht. Oder gar nicht mehr, wegen diesem heimtückischen Gebräu in braunen Flaschen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Interstellar, KKL Luzern, 16-11-05

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Interstellar Live
21st Century Symphony Orchestra
Samstag 05. November 2016
KKL, Luzern

Wenn die Welt stirbt, versucht der Mensch, um jeden Preis sein Fortbestehen zu sichern – egal ob man dazu Tausende opfern und die Zukunft gar in den Sternen suchen muss. Konzipiert um in einer fremden Galaxis eine neue Kolonie zu starten, dienen die Lazarus-Missionen genau diesem Zweck. Das Problem ist nur, einen passenden Planeten zu suchen und herauszufinden, wer das Wurmloch neben dem Saturn erschaffen hat. Ob der ehemalige NASA-Astronaut Cooper ahnt, auf was er sich hier eingelassen hat?

2014 begeisterte Meister-Regisseur Christopher Nolan mit seinem Sci-Fi-Epos „Interstellar“ Kritiker und Kinobesucher gleichermassen. Der Film ist bildgewaltig, intelligent und perfekt inszeniert. Dank dem grossartigen Drehbuch, korrekter Physik und fantastischen Schauspielern erregt der Streifen auf viele Weisen – unter anderem auch dank der wahrlich eindrücklichen und andersartigen Musik, komponiert von Hans Zimmer. Die kreativen Köpfe hinter der Produktion entschieden sich schon sehr früh dazu, dem Soundtrack eine zentrale Rolle im Film zuzuspielen. Nolan ging sogar soweit, dass der neo-klassische Score in vielen Szenen die Dialoge und Geräusche überlagerte.

„Interstellar“ ist somit perfekt geeignet, um live mit Orchester aufgeführt zu werden – ein ehrgeiziges Projekt für das Schweizer 21st Century Symphony Orchestra unter der Leitung von Gavin Greenaway. Denn die Musik wurde nicht nur für ein Orchester geschrieben, sondern beinhaltet auch Stücke für vier Pianos und als Hauptelement eine Kirchenorgel. Glücklicherweise existiert eine solche Orgel im Konzertsaal des KKL in Luzern, und mit Roger Sayer konnte der Organist für das Projekt begeistert werden, der das Instrument schon für den Film eingespielt hatte. Als Besucher erwartete einen während der drei Aufführungen somit eine klangliche Wucht, die das Filmerlebnis noch einmal intensiver gestaltete.

Im ehrwürdigen und akustisch atemberaubenden Saal einen solch mitreissenden Film wie „Insterstellar“ mit live gespielter Musik zu erleben, war eine komplett neue Erfahrung. Natürlich war der Streifen schon damals im Kino eine Wucht, jetzt aber die einleitenden Klänge von „Dreaming Of The Crash“ zu vernehmen, bei „Years Of Messages“ Tränen zu vergiessen und beim alles übertreffenden „Imperfect Lock“ mitzufiebern und die Musik im gesamten Körper zu spüren, war fantastisch. Für alle, die sich für Filmmusik interessieren, die etwas neben der Norm stattfindet, ist eine Live-Präsentation von „Interstellar“ bestimmt eine der grössten Erfahrungen. Etwas, das am Samstagabend im KKL auch mit stehender Ovation bedankt wurde und noch lange in Erinnerung bleiben wird. Schön, dass das Orchester auch fast 20 Jahre nach seiner Gründung immer noch mit solchen Perlen überraschen und überzeugen kann.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: IAMX, Schüür Luzern, 16-11-02

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IAMX
Mittwoch 02. November 2016
Schüür, Luzern
Setlist

Wenn man eine Band innerhalb eines Jahres drei Mal auf ihrer Tour besucht, dann müssen Musik und Präsentation schon sehr fesselnd und bedeutsam sein. Wobei auch der Wechsel der Auftrittsorte immer wieder für neue spannende Momente sorgen kann – die Schüür Luzern kannte ich bisher sogar nur vom Namen her. Wenn also Chris Corner mit seinem Dark-Wave-Flaggschiff IAMX zum Tanze ruft, dann lasse ich mich nicht zwei Mal bitten. Mit „Everything Is Burning“ hat die Gruppe vor kurzem ihre neuste EP veröffentlicht und somit die Tour zum Album „Metanoia“ in Verlängerung gebracht. Nach Aarau und Winterthur galt es nun, die Stadt in der Zentralschweiz zu besuchen.

Wer in sein Set mit drei Krachern wie „No Maker Make Me“, „Happiness“ und „Nightlife“ einsteigt, der beweist zwei Dinge: Als Künstler muss er seinem Publikum nichts mehr beweisen, hier dürfen auch die grossen Hits gleich zu Beginn beben – und ein spärlich besuchter Auftritt ist für IAMX noch lange kein Grund, spärlich mit der Energie umzugehen. Denn obwohl nur erstaunliche wenige dunkel gekleidete Personen das Lokal aufsuchten, entwickelte sich gleich mit den ersten Klängen eine wunderbare Stimmung. Tanzen, jubeln, schreien und mitfühlen – bei IAMX geht es auch immer darum, sich von der Umgebung und den Zwängen zu lösen.

Was in der oft brachialen Synth-Pop Musik bestens funktioniert und in einzelnen Stücken zu absurden Steigerungen führt, überträgt sich sehr schnell auf die eigenen Emotionen. Man leidet mit Corner, stampft seine Füsse auf den Boden und vollbringt kunstvolle Tanzbewegungen. Dabei wird man eins mit der düsteren Lichtshow, vermengt sich mit den grusligen Videoprojektionen und schlüpft zwischen Stimmeffekten und Keyboards hindurch. Egal ob man dabei vor Gefühlen schier verzweifelt wie bei „North Star“ oder auch mal schunkelnd zu „Screams“ die Augen schliesst – Empathie und Zusammengehörigkeit sind die treibenden Elemente.

Diese Themen, die von IAMX sehr oft direkt in den Songtexten thematisiert werden, entfalten live extreme Intensität. Wobei ein Konzert von der Gruppe auch ganz schnell zu einem kollektiven Rave anwächst und die Musiker sich gerne verausgaben. Toll, dass auch eher selten gehörte Stücke wie „You Stick It In Me“ oder „This Will Make You Love Again“ die Schüür erschütterten und den Gang in die nasskalte Nacht mehr als rechtfertigten. Denn wer beherrscht den Wintereinbruch schon besser als Chris Corner?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Steven Wilson, Blue Balls Luzern, 16-07-25

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Steven Wilson
Support: Zola Jesus
Montag 25. Juli 2016
KKL Luzernersaal, Luzern

Wer hätte gedacht, dass an diesem Montagabend das verbindende Element am Blue Balls Festival in Luzern ein solch kleines sein würde. Es waren nicht der Musikstil oder die Showelemente – es waren nackte Füsse. Fast jedem ist bekannt, dass der Progmeister und gefeierte Musiker Steven Wilson seine Auftritte stets ohne Schuhe abliefert. Doch diese befreite Art des Spielens fand man bereits viel früher beim KKL vor – Pari San aus Berlin zeigten auf dem Vorplatz mehrere Male ihr Können und Parissa Eskandari tanzte mit nackten Sohlen neben Paul Brenning. Dazwischen fand eine spannende Mischung aus Beatbox, Electro und ausdrucksstarkem Gesang seinen Platz.

Ein geglückter Einstieg in den eigentlichen Konzertabend im Luzernersaal, der die Sonnenstrahlen schnell in Vergessenheit geraten liess. Mit Zola Jesus fand eine Gestalt ihren Platz auf der Bühne, bei der man sich ihrer Menschlichkeit nicht immer sicher war. Begleitet von zwei Herren an Synths, Posaune und Trommel erschuf die junge Sängerin eine Art Exorzisten-Pop – direkt am letzten Tag vor dem Weltuntergang gespielt. Düstere Klanglawinen voller geköpfter Beats, rostiger Melodien und über allem Zolas Gesang. Egal ob mit oder ohne Mikrofon, gross auf der Bühne oder erstaunlich klein mitten im eher spärlichen Publikum – ihre Stimme und die treibende Musik überraschten so manchen Prog-Fan.

Dass Zola Jesus barfuss umherkroch musste sein, schliesslich war für Herr Wilson der Teppich bereits ausgelegt. Und der benötigt weder Schuhe noch falsche Tricks, um seine eigene Neugeburt des zeitgenössischen Progs mit voller Bravour aufzuführen. Weiss die Musik des Künstlers seit Jahrzehnten zu begeistern, haben die Liveshows mit dem neusten Album „Hand.Cannot.Erase“ eine neue Ebene erreicht. Fantastische Videountermalung, spannende Lichtspielereien und eine Begleitband, die mit ihrem technischen Können alles in den Schatten stellt. Auch dank der bunten Mischung aus Stücken seiner Soloalben und alten Klassikern von Porcupine Tree erreicht Steven Wilson immer mehr den Zustand des perfekten Konzertes.

Depressive Härten bei „Sleep Together“ oder „Index“ wechselten sich mit melancholischer Schönheit bei „Lazarus“ und „Happy Returns“ ab. Ausufernde Instrumentalpassagen liessen die Besucher genau so platt zurück wie die traurigen Botschaften in Videos und Texten – das Konzert von Steven Wilson war in jedem Belang ein mit- und hinreissendes Erlebnis. Obwohl er sich als Zeremonienmeister und Ansagenkönig etwas zurückhalten und der Screen wegen dem Festival-Logo verkleinert werden musste – jeder Besucher verliess den Luzernersaal glücklich und begeistert. Wilson bewies erneut, dass er im Art-Rock und Prog zurecht einem Gott gleicht.

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Live: Kraftwerk 3D, KKL Luzern, 15-11-17

 

Kraftwerk
Dienstag 17.11.2015
KKL, Luzern

Klare Linien, begrenzte Flächen, perfekte Rundungen – alles ist berechnet und weicht nicht von der Norm ab. Woraus erschliesst sich denn bei der abstrakten Technik ein Reiz? Wer, ausser der Hornbrillenträger und Kellerkinder, vertieft sich hinter Formeln und absehbaren Abläufen? Scheinbar Musikfanatiker, Liebhaber der Deutschen Klangszene und Interessierte aus allen Altersschichten. Denn wenn sich im Konzertsaal des KKL in Luzern vier Roboter wackelnd zu synthetischen Klängen bewegten, löste dies grossen Jubel aus. Eine verrückte Welt, in der wir uns befinden.

Kraftwerk aus Düsseldorf provozieren seit ihrer Gründung 1970 mit genau diesen merkwürdigen Aspekten. Die Urväter des Elektropop und Idole ganzer Künstlergenerationen wissen auch 2015 immer noch mit ihrem Kling-Klang und Bildfluss zu beeindrucken. Natürlich sind sich die Tüftler um Ralf Hütter nicht zu schade, sich neuste Technologien zu Eigen zu machen. Warum also nicht die Lieder mit optischer Tiefe verzieren? Was an Bass und Synthwellen schon für Höhen und Tiefen sorgt, wurde dank angepasster Bühnenshow und mit kleinen Helfern aus Karton auch in den Sehnerven zu einem wilden Ritt. Ob man mit dem Model über den Laufsteg ging, die Tour de France mitten im Feld mitfuhr oder mit einem Satellit über Luzern schwebte, ein 3D-Kinofilm war nichts dagegen. Die Bühne wurde erweitert, das Farbenspiel eindrücklich geometrisch bestritten.

Somit schafften es die Herren hinter ihren Kontrollpults, clever und unbemerkt die alten Geschichten neu an die Leute zu bringen. Denn bei Kraftwerk ist eigentlich klar, dass man weder neue Musik noch Visuals erwarten sollte. Nötig haben es die Musiker nicht, schliesslich können sie noch unzählige Jahre an ihrem Legendenstatus knabbern, ohne jemals zu hungern. Und immer noch lösen Lieder wie „Radioaktivität“, „Autobahn“ oder „Computerliebe“ frenetischen Jubel aus. Dank der wuchtigen Soundanlage und der perfekten Akustik im Konzertsaal wurde man regelrecht in die Sitze gedrückt und durchgeschüttelt. Bässe so tief wie die Wunden, die Atomkatastrophen hinterlassen haben; Melodien so schneidend, wie die Linien der Aerodynamik. Klanglich erneuert und mit extremer Fülle ausgestattet zeigten Kraftwerk einmal mehr ihr Genie. Egal ob Minimal, Techno oder Synthpop, ohne diese Mensch-Maschine gäbe es wenig davon.

Wie immer könnte man sich nun fragen, was die Künstler denn an ihren Stehpulten zwei Stunden lang machen. Doch all diese Fragerei ist hinfällig, handelt es sich hiermit schliesslich um eine Symbiose aus Technik und Fleisch. „Die Roboter“ wurde dann als Zugabe von ebendiesen präsentiert, um danach noch einmal darauf hinzuweisen, dass wir auf einem Planet der Visionen leben. Boing Boom Tschak – rauschende Ohren, zuckende Augen, pochendes Gehirn – alte Elektroliebe löscht sich nicht.

Live: Element Of Crime, Blue Balls Festival, 15-07-24

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Element Of Crime
Freitag 24.07.2015
Blue Balls Festival / KKL, Luzern

Konzerte sitzend zu schauen ist immer eine etwas spezielle Angelegenheit. Die Stimmung kann nicht so intensiv werden wie bei einer tanzenden Meute, die Zuschauer wirken eher zurückhaltend. Aber immer wieder einmal kommt eine Band um die Ecke, bei der ein Saal voller Stühle nicht stört. Element Of Crime sind keine Punks, keine Rocker oder wilde Bühnensäue, das Konzert im edlen Konzertsaal des KKL statt finden zu lassen, war deshalb eine gute Entscheidung. Schon alleine das Ambiente des Raumes und die Wirkung der perfekten Akustik veredlen den Abend.

Die Band aus Deutschland trat pünktlich auf die Bühne und begeisterte vom Einstieg „Damals Hinter Dem Mond“ bis zur allerletzten Zugabe „Dieselben Sterne“. Dazwischen füllte sich die Halle mit zwei Stunden Musik und wunderbaren Liedtexten. Die Gruppe unterhält seit 1985 mit ihrer eigenen Mischung aus Pop, Chanson und Rock. Obwohl die Lieder immer reduziert bleiben und oft nach demselben Schema ausgeführt werden, Langeweile kennt man nicht. Trompete (wunderbar von Sänger Sven Regener gespielt), Saxophon und Klarinette unterstützen die Rockformation mit Akzenten und Melodien. Dank neun Studioalben ist die Auswahl gross, die Männer zeigten eine glückliche Hand bei der Songauswahl, natürlich mit dem Fokus auf das neuste Werk „Lieblingsfarben und Tiere“. Ob neue Lieder wie „Dunkle Wolke“ oder alte Klassiker wie „Weisses Papier“, es gab über 20 Gründe um sich die Hände wund zu klatschen. Auch bei den wunderbaren Ansagen von Regener zwischen den Songs blieb die Stimmung auf einem Hoch. Seine humorvollen und spitzen Sprüche brachen den Schmuddel in den hübschen Saal. Wie gut der Abend war merkte ich, als „Delmenhorst“ nicht einmal das Highlight darstellte. Element Of Crime wurden ihrem Ruf gerecht und füllen das Gebäude nicht nur mit Musik, sondern Emotion und Stimmung. Unterstützt durch eine grossartige Lichtshow wurde das Konzert dem Ort gerecht.

Und da es keine Vorband gab, haben wir uns vor dem eigentlichen Auftritt die wunderbare Künstlerin Heidemann am Seeufer angeschaut. Alleine mit vielen Geräten und Reglern bewaffnet, sang sie Lieder zwischen 80er Jahre Pop, House und Pop. Eine erstaunliche Leistung, spielte sich doch gleichzeitig Bass, sang und bediente die Knöpfe. Als die New Yorkerin dann noch ein Abba Song coverte und diesen zu eigen machte, war ich vollends überzeugt. Ein toller Einstieg in einen hübschen und musikalischen Abend. Das KKL leuchtete an diesem Freitag von innen und aussen mit gleicher Strahlkraft.

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