Luisa

Interview mit Lùisa – Loops und Träume

luisa_img-20151126-wa0000Lùisa – eine junge, moderne und sehr talentierte Künstlerin aus Hamburg – bereist seit einigen Jahren die Bühnen der Welt und verzaubert mit ihrem New-Folk. Ich erhielt die wunderbare Gelegenheit der Musikerin ein paar Fragen zustellen.

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Zuerst möchte ich mich bei dir für diese Interview-Gelegenheit bedanken. Seit deinem Auftritt 2015 in Zürich begleitet mich deine Musik – wobei besonders ein Lied die Schuld trägt. „Vision“ ist einer dieser perfekten Popsongs. Wie erschafft man als Solokünstlerin denn solche Lieder? Wie transportiert man die Vorstellung in die Realität?
Vielen Dank für das Kompliment, ich freu mich, dass dir „Vision“ so gut gefällt! Die Inspiration eines Songs kommt meistens aus den Bildern vor meinem inneren Auge – bei „Vision“ waren es Traumbilder, die mich sehr beeinflusst haben. Das Schreiben von Songs ist am Anfang ein sehr intuitiver Prozess, meist mit der Gitarre, einigen Loops, und reduzierten Beats – Melodien entstehen dabei eigentlich wie von selbst.
Dann, etwas rationaler, webe ich dieses Grundnetz weiter, schreibe das Arrangement – bei „Vision“ zum Beispiel, wollte ich eine Klanglandschaft, die schwebend und traumhaft ist; aber auch einen Song, der immer tiefer in das Gefühl reingeht und sich stetig aufbaut, wobei der Beat natürlich eine wichtige Rolle spielt. Bei meinem Album „Never Own“ habe ich zusätzlich auch mit dem Schlagzeuger Benito Pflüger und dem Produzenten Filippo Cimatti zusammengearbeitet: Unsere Ideen haben sich immer gut ergänzt.

Dein Kreativprozess funktioniert live sowohl mit Band wie auch alleine auf der Bühne. Was kommt deiner Vorstellung von der Figur Lùisa am nächsten?
Es ist für mich auf jeden Fall beides reizvoll und die Musik schreibe ich so, dass beide Performance -Formen umsetzbar sind. Ich arbeite viel mit Live-Loops und Samples, die können aber auch von einem Schlagzeuger live gespielt werden. Die Soloperformance wirkt in Clubs absoluter, auf einer großen Festivalbühne ist ein voller Schlagzeugsound auch schön. Lùisa ist aber ein Soloprojekt – Soloperformances zeigen also stärker meinen wahren Kreativprozess.

Sind Loops verlässlicher als feiernde Begleiter?
Hehe, sowohl Loops als auch die Begleiter sind zuverlässig, freundlich mit mir und nicht allzu feierwütig! Wenn ich mit Band unterwegs war, waren meine Kumpanen meist früh im Hotelbett und haben sich’s mit einem Bierchen gemütlich gemacht. Ich bin noch losgezogen – beim Frühstück hat sich dann gezeigt, wer von uns die richtige Entscheidung getroffen hat.

Gibt es denn überhaupt eine Trennung zwischen dem Alltagsleben und den Stunden auf den erleuchteten Bühnen, oder bist du immer komplett du selbst?
Ich bin ich selbst, aber ich nehme an, dass das Selbst aus vielen verschiedenen Teilen besteht – auf der Bühne kommt ein Teil meines Selbst zum Ausdruck, der in der Alltagswelt nicht ständig präsent ist oder präsent sein kann. Ich lasse mich auf die Beschaffenheit der jeweiligen Welt ein. Ich konzipiere meine Rolle als Bühnenmusikerin auch nicht komplett durch – das Wichtige ist für mich empathisch mit der Bühnensituation umzugehen, spontan, möglichst unbefangen und unvoreingenommen zu sein. So gibt man dem Moment einen
einzigartigen Wert und auch die Möglichkeit, eine Verbindung zwischen der Musik, dem Musiker und dem Publikum tiefer und einmalig entstehen zu lassen. Sich auf den Moment einzulassen – das inspiriert mich auf jeden Fall auch für die Stunden, in denen ich nicht auf
der Bühne stehe.

Anfangs erwähnt ist „Vision“ von deinem Album „Never Own“ ein ganz besonderer Song – genauer gesagt die Wirkung des unscheinbaren Wechsels bei 3:34 Minuten. Wie gelingt einem als Musiker ein solch hypnotischer Moment?
Vielen Dank – ich finde es schön, dass du sagst, der Moment sei hypnotisch, in „Vision“ geht es um das Hypnotische, das Traumhafte. Ich glaube, es ist gut, wenn man dem Ursprungsgefühl erst genug Raum gibt sich frei zu entwickeln und es dann im Arrangement zu stärken und in Szene zu setzen versucht.

Gerät man oft in die Gefahr, seine eigenen Lieder zu überladen, zu stark zu bearbeiten oder nicht mehr loslassen zu wollen?
Das ist natürlich immer eine sehr verlockende Gefahr! In Zeiten, in denen so viele Sample-Datenbänke, Plug-Ins und auch Inspirationsquellen wie die Musik anderer Musiker so zugänglich sind, kann man sich in den potentiellen Möglichkeiten verlieren. Wenn ich das beim Songschreiben oder beim Produzieren merke sage ich mir: „Soo, genug für heute!“ Ich geh dann mal raus, treff ein paar Freunde, trinke mal einen Wein und setzte mich ein anderes Mal wieder dran. Die Musik hat eine Sogkraft auf mich, manchmal muss man
sich aber auch zum Abstand zwingen.

Du bereist seit mehreren Jahren nun Europa als Begleitung von anderen Bands oder für dich selbst. Wie ist es als junge Frau, die Welt so kennen zu lernen?
Es ist wirklich toll! Ich bin dieses Jahr quasi das ganze Jahr getourt und habe so viele unglaublich tolle Ort entdecken dürfen. Im Januar die polnischen und tschechischen Winterlandschaften, weiter nach Paris, London, Amsterdam. In der Schweiz habe ich im März zwischen verschneiten Bergen auf einem Festival in Andermatt gespielt und im gleichen Monat im blühenden, frühlingshaften Rom. Nebst der tollen Erfahrung zu reisen und neue Orte zu entdecken, sind es natürlich auch die offenen und begeisterungsfähigen Menschen, die man in der Musikszene trifft, die das Touren schön machen. Ob nun das Publikum, die Techniker, die Veranstalter – ich hatte mit allen auf meinen Europatouren tolle Erfahrungen.

Wird man als hübsche Frau auf der Bühne oft sexualisiert, oder sticht dein Talent alle Vorurteile aus?
Jeder Mensch hat Vorurteile und es ist wichtig daran zu arbeiten, dass man sie loslässt. Ich habe schon oft Sätz gehört wie „Das hätte ich dir ja gar nicht zugetraut.“ Oder „Klein, blond, zierlich und dann so eine Stimme“. Solche Kommentare zeigen ein sexistisches Denken, aber leider auch, dass es wenig Musikerinnen gibt. Es ist derzeit noch ungewöhnlich, dass Frauen Musik schreiben und produzieren und dann auf der Bühne ihre Kompositionen darbieten. Das hat sicher verschiedene Gründe, z.B. gibt es nicht viele weibliche Rollenvorbilder in dem Bereich an denen sich junge Musikerinnen orientieren können und die ihnen Zuversicht geben. Gut aussehende, tanzende Pop-Sängerinnen gibt es zu Genüge, aber ich spreche von weiblichen Vorbildern mit einer umfassenderen künstlerischen, musikproduzierenden Tätigkeit, in der die Performance nur ein Teilaspekt ist.
Es ist also eine Art Teufelskreis und es ist gut den zu durchbrechen indem man zeigt, dass man durchaus als Künstlerin in einer Männer dominierten Musikszene seinen selbstbestimmten Platz finden kann. Vorurteile mit einem wissenden Lächeln zu brechen ist eher meine Methode als mich über Vorurteile am laufenden Band zu beklagen. Aber als mir einmal ein besoffener Affe vor der Bühne zugeschrien hat, ich soll mich doch endlich ausziehen, hab ich ihn danach ziemlich zusammengefaltet. Schön, dass er dann kleinlaut wurde. Es gibt durchaus Grenzen.

Glaubst du, es ist noch möglich die Welt mit Musik positiv zu ändern? Dein Album ist europaoffen und hoffnungsvoll. Ist dies deine Wahrnehmung von Deutschland?
Ich denke auf jeden Fall, dass es möglich ist, mit Musik die Welt positiv zu verändern. Ob es explizit politische Texte sind oder nicht: Musik kann Menschen verbinden; Musik kann therapeutisch und kathartisch wirken; durch Musik können wir uns anders wahrnehmen. Sie kann uns helfen, die Welt nicht mehr nur im Licht eines neoliberalen Utilitarismus zu begreifen – sondern die Welt wieder als einen Ort voller Magie wahrzunehmen. Zumindest trifft alles auf mich zu. Ich gehe davon aus, dass ich als Musikerin auch die gesellschaftliche Aufgabe habe, dies weiterzugeben.
Gleichzeitig gewinne ich viel daraus, dass ich einige europäische Sprachen lerne und mich auf der Tour in der jeweiligen Sprache mit den Menschen verbinden kann. So fühle ich mich insgesamt eher als Europäerin als als Deutsche, das war schon immer so und hängt auch mit meiner Familie zusammen. Aber was ist europäisch? Wichtig finde ich es auch, offen zu sein für ein Europa, das sich wandelt und neu erfindet, z.B. durch Menschen, die nicht hier geboren wurden. Ich persönlich nehme ein Großteil der Deutschen hoffnungsvoll und europaoffen wahr und auch eine Politik gutheißen, die keine Zäune und Grenzen baut. Aber es gibt auch in Deutschland – wie überall in Europa derzeit – starke Tendenzen zum Rechtspopulismus und zur kulturellen Überheblichkeit, die aus Angst und Vorurteilen entstehen oder dem Gefühl, selbst politisch vernachlässigt zu sein. Da muss man gegenwirken.

luisa_photo-by-marie-hochhaus-3_swWie weit greift denn konkret Hamburg in dein Songwriting ein?
Ich würde sagen, dass mich der Ort in dem ich lebe auch immer künstlerisch prägt. Ich gehe mit meinem Umfeld immer eine Art Osmose ein. Ich bin nicht ursprünglich aus Hamburg sondern wuchs in einem Haus mit großer Familie, Hunden und Katzen direkt am Wald auf, war somit jeden Tag in der Natur. So habe ich dort mit 17 unter großen Linden meine ersten Songs geschrieben. Auch in meiner Ästhetik bin ich durch diese Prägung eher naturverbunden. Aber je länger ich in Hamburg wohnte habe ich auch die urbane Welt kennen und lieben gelernt und merke, dass die Eindrücke und Einflüsse aus dieser Stadt auch meine neue Lebensrealität und meine Inspiration sind. Das hört man auch in der Musik und wird man in neuen Kompositionen sicher auch hören.

Nebst all deinen Konzerten wurdest du nun auch an die Universität eingeladen. Wann hast du zwischen all diesen Verpflichtungen Zeit, uns allen ein neues Album zu schenken?
Ich war dieses Jahr wirklich viel unterwegs um mein Album „Never Own“ zu spielen; klar habe ich nebenbei auch geschrieben. Momentan widme ich mich wieder ausgiebiger dem Schreiben und Produzieren und spiele in den kommenden Monaten weniger Konzerte. Die Resultate teile ich aber erst wenn ich zufrieden bin. Aber könnte schon sein, dass es im nächsten Jahr etwas Neues zu hören gibt.

Und wann kommst du wieder auf einen Besuch in der Schweiz vorbei?
Ich toure echt super gern in der Schweiz und hatte dort nur tolle Erfahrungen! Also komme ich sehr gern, wenn ich eine neue CD für euch habe.

Besten Dank für deine Antworten – und natürlich deine tolle Musik.
Vielen Dank für deine tollen Fragen!

Die besten Alben 2015

Was war das für ein Musikjahr! Praktisch jede wichtige Band und fast jeder einflussreiche Künstler oder Künstlerin hat die Welt mit einer neuen Scheibe beglückt (oder verärgert). Gegenüber dem eher schwachen Jahrgang 2014 ging im 15 die Post ab. Trotzdem, wie immer gab es auch in den letzten zwölf Monaten Kandidaten, die alles überstrahlten, die vom ersten Hördurchgang bis zum Weihnachtstag im Herzen und Kopf blieben.

Für mich als freischaffenden Musikjournalist brachte das Jahr auch einige Entwicklungen. Der Blog wurde immer beliebter, die Leserzahlen stiegen mit jedem Beitrag. Zum Glück hat sich auch meine Schreibe verbessert und verärgert somit weniger Geniesser von 17408sound. Ganz spannend wurde das Leben mit der Entscheidung, beim Team von ArtNoir mitzuwirken. Nicht nur erhielt ich dadurch die Möglichkeit, Alben und Platten kritisch zu betrachten, sondern darf nun auch Interviews mit Bands führen und Konzerte als Auftrag besuchen. Das erweitert nicht nur den eigenen Horizont!

Wenn es aber darum geht, die zehn wichtigsten und besten Alben zu bestimmen, dann war es auch in diesem Jahr nicht einfacher als sonst. Aber man kann sich ja nicht schwach zeigen, darum hier meine Top Ten 2015:

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  1.  Steven Wilson – Hand.Cannot.Erase
    Gott steht an der Spitze, wie könnte es anders sein. Bereits zum vierten Mal begeistert Herr Wilson mit einem Soloalbum, und vermengt auf „Hand.Cannot.Erase“ nicht nur New Prog und Art-Rock, sondern auch Pop und Electronica zu einem wunderschönen Konzeptwerk über vergessene Leben und Menschen. Ergreifende Melodien, intelligente Texte und schwelgerische Harmonien – genial.
  2.  Jamie XX – In Colour
    Schon damals schrieb ich in der Kritik, dass dies wohl das wichtigste Werk der elektronischen Sparte im aktuellen Jahr sein wird. Und für mich ist es „In Colour“ bis heute geblieben. Jamie Smith hat sich von The XX losgesagt und ein House-Techno-Garage Album geschaffen, das wie eine Wundertüte der Englischen Electroszene funktioniert. Mit bewegenden Liedern und tanzbaren Momenten.
  3.  Sufjan Stevens – Carrie & Lowell
    Er ist und bleibt der Meister des verkopften und herzoffenen Singer-Songwriter. Nachdem Stevens sich auf den letzten Alben dem Noise und der experimentellen Electronica zuwandte, gab es mit „Carrie & Lowell“ nun eine Rückkehr zu den leisen und intensiven Tönen. Gitarre, Banjo und Gesang – mehr braucht man nicht um glücklich zu weinen oder traurig zu lachen.
  4.  Periphery – Juggernaut: Alpha / Omega
    Doppelalben können eben doch funktionieren, sogar im wilden Gebiet des Djent-Metal. Die Amerikaner von Periphery prügeln sich auf zwei Platten durch dick und dünn, vergessen dabei aber nie Emotion und Melodie. Ob der Emo, College-Rock oder Prog an die Tür klopft, alles vermengt sich zu einer unwiederstehlichen Masse. Tut weh, aber du magst es ja.
  5.  Rangleklods – Straitjacket
    Nachdem das erste Album des dänischen Duos vor allem die dunklen Beats beschwörte, findet man sich mit „Straitjacket“ in allen möglichen Formen der Tanzmusik wieder. Sicher, die 90er sind wieder da, doch Rangleklods können noch viel mehr. Intelligente Strukturen, fesselnde Melodien und nachdenkliche Texte. Ab in den dunklen Club, oder zum Interview.
  6.  Luisa – Never Own
    Eine junge Frau aus Hamburg, ihre Gitarre, ihr Loopgerät. Mehr braucht es nicht um die Leute zu verzaubern. Zum guten Glück funktionieren die Lieder auch mit Band und ab Platte wunderbar.
  7.  Jovanotti – Lorenzo 2015 CC
    Lorenzo ist und bleibt der Beste. Egal ob Eurodance, nachdenkliche Texte oder Worldmusik, der Mann kann alles und schafft es auch bei einem Album mit 30 Songs nie zu langweilen.
  8.  Torres – Sprinter
    Düster, wild und verzerrt. Die neuste Platte von Torres ist ein schwarzes Grunge-Werk voller Einflüsse des Singer-Songwriter und tiefen Abgründen. Nichts für schwache Gemüter.
  9.  Lonely Robot – Please Come Home
    New Prog oder doch melodischer AOR? Wie auch immer, was John Mitchell hier auf die Beine gestellt hat ist supertoll. Das Album tropft nur so vor grossartigen Gitarrenriffs, wundervollen Melodien und tollen Gastauftritten.
  10.  Halma – Granular
    Musik ohne Text, Füsse ohne Boden. Die Hamburger lassen jeden Zuhörer ins All entschweben und verzücken mit spannende Gitarrenriffs. Macht süchtig und glücklich.

Da dies nicht ausreicht, hier noch 15 weitere tolle Scheiben.
Müsst ihr auch unbedingt hören und kaufen. Nur nicht ganz so dringen wie Plätze 1-10.

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Lùisa – Never Own (2015)

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Lùisa – Never Own
Label: Nettwerk, 2015
Format: CD im Digipak
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Pop, Folk

Zwischen Livedarbietung und Studioaufnahme liegen meist Welten. So muss man als leidenschaftlicher Musikhörer oft feststellen, dass gewisse Effekte und Momente leider nicht von der Bühne auf die Platte transportiert werden können. Bei Luisa hatte ich diese Befürchtung, spielte sie live doch alleine auf und verzauberte mit ihren Fähigkeiten an den Loopgeräten, ihrer rauen Stimme und dem wundervollen Lachen. Glücklicherweise haben sich meine Bedenken sehr schnell in Luft aufgelöst, denn auch auf ihrem ersten Album auf dem Nettwerk-Label umgarnt uns die Musikerin aus Hamburg mit all ihrem Talent.

„Under The Wild Skies“ lässt eine schüchterne erste Begegnung zu, die Künstlerin singt das Lied mit sanfter Begleitung und ohne grosses Tamtam, aber auch mit schöner Steigerung gegen den Schluss. Wer nun aber befürchtet, eine gehauchte und fast nicht hörbare Platte gekauft zu haben, der sei beruhigt: Schon mit dem zweiten Song gesellt sich zur Gitarre und den feinen Synthspuren eine volle Band hinzu. Zwar bleiben die Musiker unaufgeregt und spielen nur die Spuren und Noten, die auch wirklich dem Song dienen, kreieren aber ein wunderbar volles Hörerlebnis. Elektronische Spielereien wie ein sanfter Beat oder Flächen aus dem Keyboard machen das Album wandelbar, ein erstes Highlight erreicht man mit dem leichtfüssigen „Vision“. Sofort krallt sich das Stück im Kopf fest und lässt nicht mehr los, auch dank der wunderbaren Stimme von Luisa, die mit ihrem heiser und tief anmutenden Gesangsstil viel Charme verbreitet. Diese Wirkung wird durch die authentischen und wahrhaftigen Texte unterstützt. Ebenso dadurch, dass sich die talentierte Künstlerin nicht von den Möglichkeiten überfordern liess, sondern ihre Ideen mit viel Raum präsentiert. Den Liedern haftet somit etwas Anmutiges an, zwischen den Klängen kann man sich umschauen und genau forschen. Auch beim Französisch gesungenen Text in „L’Hiver En Juillet“ stolpert man somit nicht, es fügt sich alles perfekt zusammen.

„Never Own“ ist ein vielfältiges und wunderbar anzuhörendes Folk-Pop-Album geworden. Luisa kam für mich aus dem Nichts und strahlte gleich aus der Masse der Musikerinnen heraus. Ihre Lieder verfügen über Kanten, gelungene Ideen und immer wieder wunderschön geschriebene und gespielte Abschnitte. Dieser Künstlerin steht noch viel bevor, und uns hoffentlich weitere so gute Alben von ihr wie dieses hier.

Anspieltipps:
Vision, Wouldn’t Mind, More

Live: Oh Land, Papiersaal Zürich, 15-06-19

Oh Land_Live-1_MBohli

Oh Land
Support: Lùisa
Freitag 19.06.2015
Papiersaal, Zürich

Verdammt war das geil! Man sollte viel öfter irgendwelchen Empfehlungen oder Vermutungen folgen, und dabei Neues entdecken. So ergab sich die Idee, Oh Land in Zürich anzuschauen, nur weil ein guter Freund von mir das Lied „Half Hero“ auf Youtube entdeckte und es grossartig fand. Warum auch nicht, schliesslich konnten wir nicht viel verlieren. Denn auch wenn die Musik uns nicht gefallen hätte, immerhin ein Lied wäre gut gewesen. Aber es kam alles anders.

Schon beim Supporting Act Lùisa aus Hamburg war uns klar, das wird eine tolle Angelegenheit. Die hübsche Musikerin trat ganz alleine auf die Bühne, packte sich die Gitarre und legte los. Umkreist von Elektronik und Instrumenten bearbeitete sie das Loop-Gerät, spielte Drumpatterns, Rhythmen, Gesangsspuren und Akkorde ein, und sang dazu ihre wunderbaren Songs von dem Album „Never Own“. Dabei verzauberte sich nicht nur mit ihrem Lachen, sondern zeigte echtes Können und Gespür für die Musik. Auch wenn nicht jeder Loop perfekt sass und sie sich manchmal etwas in der Ausrüstung verhaspelte, es war eine wunderbare Angelegenheit. Und für sie das allererste Konzert in der Schweiz, und eindeutig nicht zum letzten Mal.

Auf der Bühne wurde alles Dunkle weggeräumt und den weissen Instrumenten Platz gemacht. Dass alles und sogar der Teppich rosa waren, begriffen wir erst am Ende des Konzertes. Weiss hätte aber auch gepasst, kam doch Nanna Oland Fabricius und ihre Bandkumpels in witzigen Kleidern auf die Bühne. Die Männer durften sogar nicht ganz bequem aussehenden Perücken ihre Musik spielen, beschränkten sich dabei oft auf die repetitiven Muster des Techno. Electro-Drum, kurze Gitarrenlicks und viel Synth. Die Musik von Oh Land ist eine freche Mischung aus Pop und elektronischer Party, die Songs verhalten sich dabei wie kleine Kinder die im Wald spielen. Aus der ferne ist alles friedlich, aber sobald man nach ihnen schaut, fällt man in die Fallgrube der Balgen und alle tanzen rundherum. Nanna war selber der grösste Wildfang, hüpfte über die Bühne, kam nie zur Ruhe und gab sich voll dem Auftritt hin. Die gute Laune steckte das Publikum an wenigen Liedern an, es wurde mitegewackelt und gesungen. Auch die kurzen Anekdoten zwischen den Stücken sorgten für Unterhaltung, die Band und Künstlerin hatten sichtlich Spass an ihrem Auftritt.

Nach einem fulminanten Abschluss mit einer Wall Of Sound, Zugaben und viel Jubel war es dann vorüber, und die Band hatte zweite neue Fans gewonnen. Mindestens. Dass Nanna danach selber noch am Merchandise-Stand für einen Schwatz zu haben war, sich auch ohne zu meckern für alle Selfies bereit stellte, machte die Musikerin gleich noch sympathischer. Es war ein super Abend, Oh Land und Lùisa lohnen sich echt.

Luisa_Live_MBohli  Oh Land_Live-2_MBohli