Leech

Live: Leech, ISC Bern, 16-10-27

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Leech
Support: Egopusher
Donnerstag 27. Oktober 2016
ISC Club, Bern

Es ist ein Zeichen grosser Qualität, wenn eine Band, welche nur instrumentale und oft sehr lange Lieder spielt, das Publikum mit wenigen Klängen und Andeutungen einer Melodie in Aufruhr versetzen kann. Leech waren in ihrer Musik noch nie um eingängige Momente und Läufe verlegen, live lässt sich dies natürlich wunderbar ausnutzen. So wurde auch am ausverkauften Konzert im ISC Club in Bern vor den Songs immer gerne ein wichtiger Bestandteil angetönt – nur um auch gerne zuerst in Soundkulissen zu verschwinden. Es zeigte sich ebenso, dass die Gruppe aus Zofingen als Konzert immer einen Besuch wert ist, egal wie oft man sie bereits gehört hat.

Wunderbar auch, dass sie sich mit Egopusher zwei Brüder im Geiste als Support voranstellten. Denn das Duo aus Zürich weiss nicht nur, wie man mit komplexen Themen in der Komposition umgehen muss, sie beherrschen auch ihre Instrumente perfekt. Nur mit Schlagzeug, Geige und Synthies zauberten Giannelli und Preisig Lieder hervor, die den einengenden Ansatz einer Zwei-Mann-Band nicht einmal aus den Augenwinkeln betrachteten. Über wabernde Basstöne, fein und exakt gespielte Trommeln und kratzende Violin-Saiten ergossen sich Einfälle und schier ausserirdische Momente. Immer Instrumental gehalten vermögen Egopusher mit ihren Konstruktionen der Musik zu fesseln und immer wieder zu überraschen.

Eine Gabe, die auch Leech während ihrer Karriere nie verloren haben. Ihr Sound hat sich zwar über die Jahre etwas verändert und weiss nun auch die leisen Stellen vermehrt zu schätzen, auf einer Bühne ist die Truppe aber immer noch eine schlagkräftige Wucht. Unvergessliche Gitarrenläufe wie bei „The Man With The Hammer“ oder „Inspiral“ lassen die Leute immer noch ausrasten und jubeln, der kleine Konzertraum im ISC war schnell brechend gefüllt und ein freundlicher Pogo entstand. Da störte es auch nicht, dass die Lautstärke von Leech in diesem Raum fast etwas zu gross war.

Aber dieser Krach stand den Jungs ganz gut, es gefällt mir, dass sie ihre Lieder nun teilweise etwas abänderten und gewisse Stellen ungeschminkter präsentierten. Wobei natürlich weiterhin Orgel, Keyboard und Glockenspiel für diese typischen Leech-Melodien sorgten – bevor alles wieder unter der wilden Wucht dreier Gitarren versank. „Hands Full Of Hearts, Heart Full Of Head“ passte nicht nur als Einstieg in den Abend, sondern auch als Motto zum Schaffen der Band. Selten gab es eine instrumentale Post Rock-Gruppe in der Schweiz, die so eigenständig funktionierte – und dies über Jahrzehnte.

Dieser Bericht erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Bergmal Festival, Dynamo Zürich, 16-10-22

Photo von Angela Michel

Photo von Angela Michel

Bermal Festival
Bands: 65daysofstatic, EF, Leech, Glaston, Besides, Jardin De La Croix, Arms And Sleepers, Rome In Reverse, Cataya, Flieder, Shriduna, Dirty Purple Turtle, Death Of A Cheerleader
Samstag 22. Oktober 2016
Dynamo, Zürich

Es war eine tierische Angelegenheit, diese Erstausgabe des Bergmal Festivals im Dynamo in Zürich. Komplett dem Post-Rock und seinen experimentellen Auswüchsen verschrieben, liessen die Veranstalter nicht nur viele Musiker auffahren, sondern verteilten Wale um das Gebäude und dessen Fassade, begrüssten Schildkröten als Tanzdompteure und bescherten wohl so manchem Besucher am darauffolgenden Tag einen Besuch des Katers. Und wer nicht flink wie ein Gepard zwischen den Bühnen und Stockwerken wechselte, der verpasste wohl einige Blutegel und Highlights.

Mit 13 Acts war das Bergmal schliesslich nicht zurückhaltend und deckte alle Geschmäcker von Metal über Electronica bis hin zu experimentellem Instrumental-Rock ab. Erstaunlich war dabei, dass der klassische Post-Rock mit seinen gitarrenbeladenen Laut-Leise-Liedern eher selten anzutreffen war. Neben der schwedischen Gruppe EF, welche mit grossen Posen und vielen klanglichen Steigerungen den Abend beendeten, waren vor allem Besides eine Band, welche die Konventionen selten brach. Wenn zuoberst auf dem Line-up aber 65daysofstatic stand, dann wusste man sehr früh: Hier werden Grenzen gesprengt.

Bevor aber die Engländer mit ihren wuchtigen, krachenden und frequenzverzerrenden Liedern das Fest für die Roof Stage schlossen, schwärmten die Leute wild umher. Jardin de la Croix eröffneten den wunderbaren Abend mit technisch wilden Songs, laut und kompromisslos auf der Cellar Stage. Meterhoch über ihnen sassen Shriduna auf ihren Stühlen und erzählten Geschichten mit langen Gitarrenmelodien auf der wunderbar ausgeleuchteten Bühne. Wer dann auch mal Knöpfchen und Tasten sehen wollte, der war bei Flieder wunderbar aufgehoben. Loops, Glockenspiel und hübsche Synthies – zurückhaltender als Dirty Purple Turtle, denn die brachten mit ihren Effektgeräten die vorhandene Anlage stark an ihre Grenzen.

Laut und wild – zwei Adjektive, die sich auf die meisten Auftritte am Bergmal Festival anwenden lassen. Cataya waren ein Höhepunkt mit ihrer cineastischen Soundwand, welche alles vor sich plattwalzte und vor Drone keine Angst zeigte. Belesen und mit Gesang tummelten sich auch Death Of A Cheerleader in Gebieten mit heftigen Ausbrüchen und nahe an Bands wie Crippled Black Phoenix. Rome In Reverse und Arms And Sleepers hielten sich mit Wutmomenten am DJ-Pult zurück und liessen die Beats und Hooks aus den Chaospads hofieren. Sehr sympathisch, und bei letzterem mit vielen netten Sprüchen inmitten der tanzenden Besucher. Schön, nebst all diesem Headbangen auch mal die Beine zappeln zu lassen.

Harte Riffs, geniale Strukturen und Akzente aus der Orgel brachten bei Leech schliesslich alle Köpfe in Bewegung. Die Gruppe aus Zofingen bewies erneut, mit ihrer Musik ganz klar auf internationalem Höchstniveau zu spielen. Zwar gab es einige Schnitzer, Songs wie „The Man With The Hammer“ sind live aber immer eine orgiastische Wucht. Auch Glaston meisterten ihr Heimspiel perfekt – erstaunlich, welche Leistungen ein Mensch erbringen kann. Denn in der Gruppe spielte ein Organisator selber mit und holte sich somit wenige Minuten der Entspannung. Mit viel Klavier und tollem Schlagzeugspiel geriet auch so mancher Zuhörer ins Träumen.

Und dann eben die Explosion bei 65daysofstatic – ein Erlebnis zwischen Musik, Licht, Körper und Technik. Die Band präsentierte am Bergmal nicht nur ihr neustes Album, sie liess auch in die Vergangenheit blicken. Mit vielen Liedern von „Wild Light “ und „The Fall Of Math“ war man im Himmel der Off-Beat-Rhythmen, Math-Rock Attacken und elektronischen Schwerthieben. Ein perfekter Auftritt an einem genialen Abend – das Bergmal Festival sorgte für viele Stunden voller Glück und Freude. Liebevoll veranstaltet, perfekt durchgeplant und herzensgut, ein strahlendes Licht für Freunde des Post-Rock und all seinen hübschen Verwandten. Als Besucher (und bestimmt auch als Musiker) kann man den Organisatoren nur danken und hoffen, dass es 2017 eine weitere Auflage geben wird. Die Meere der experimentierfreudigen Rockmusik sind schliesslich tief, und mit Walen schwimmt man immer wieder gerne.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Photo von Angela Michel.

Photo von Angela Michel.

25 Jahre KiFF Fest mit Leech, KiFF Aarau, 16-05-27

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KiFF Fest
Mit: Leech, Agent Fresco, Al Pride, Palko!Muski, Stranded Heroes
Freitag 27. Mai 2016
KiFF, Aarau
Bilder Konzert: Kathrin Hirzel

Wisst ihr noch was ihr vor 25 Jahren gemacht, oder wann ihr zum ersten Mal dem KiFF einen Besuch abgestattet habt? Wohl weniger, dafür wird allen das grosse Fest zum 25. Jahr Kulturbetrieb in der Futterfabrik noch lange im Kopf bleiben. Das Konzert- und Partylokal in Aarau hat sich mit seinen Nachbarn herausgeputzt und bot während zwei Tagen ein Fest der Sonderklasse. Nicht nur mit Bier und Bratwurst, sondern mit vielen Attraktionen, Konzerten, Ausstellungen und einem denkwürdigen Auftritt einer Regionalband.

Doch bevor sich die Massen in den aufgewärmten Saal bewegten, genoss man draussen und in diversen Räumlichkeiten die Gelegenheit, neue Freunde und alte Unbekannte zu treffen. Wer sich nicht wegzaubern liess oder zu viele Umrundungen mit dem Karussell machte, der fand Spass und Hirnfutter an der Buchvernissage zu „Blackstage“, den Kunst- und Fotoausstellungen oder bei einer Partie Ping-Pong. Zwischen Sonnenstrahlen und Schattenmustern begaben sich die Gäste auf Reisen zu alten Veranstaltungen und kommenden Anlässen. Denn ein solches Fest wird schliesslich auch immer gerne dazu genutzt, sich gegenseitig mit Anekdoten zu übetrumpfen.

Viel zu erzählen werden auch Agent Fresco zu Hause in Island haben. Die sympathische Gruppe musste sich mit den sommerlichen Temperaturen auseinandersetzen, wurde dafür umso wärmer von allen Gästen empfangen. Kein Wunder, faszinierte die Band mit ihrer treibenden Mischung aus Mathcore, Metal, Post-Rock und sogar Pop. Ihre Lieder wechselten die Ausrichtung genau so schnell wie sich die Leute im Saal einfanden, die harten Instrumentalpassagen wurden herzoffen von dem melodiösen Gesang bemustert. Erstaunlich, wie druckvoll und vielfältig die nur vier Musiker ihre Stücke klingen liessen. Ein echter Geheimtipp und perfekter Kandidat, um den Rock-Teil des KiFF Fest zu starten.

Mit Leech folgten dann ein sicherer, wenn auch selten gehörter Wert. Die fantastischen Post-Rock-Veränderer aus der Umgebung von Zofingen spielen viel zu selten Konzerte und somit war die Show im KiFF ein echtes Highlight. Auch weil die Gruppe die Gelegenheit nutzte, den Geburtstag mit ihrem eigenen Jubiläum des Debüt-Albums zu verbinden. Das freute nicht nur die Band, denn Leech spielten endlich wieder viele Lieder von „Instarmental“. Wilde Angriffe, unendlich hohe Türme aus Gitarren und Orgel, Pausen, um alle Fäuste in die Luft zu strecken und mitreissende Melodien. Erstaunlich, dass es eine kleine Band aus der Schweiz braucht, um den Post-Rock endlich spannend und neu zu gestalten. Wieso schafft dies sonst keine Band? Wir dürfen also hoffen, dass Leech die Schweiz und das Umland bald wieder mit neuem Material und vielen weiteren orgiastischen Abenden beehren.

Wer dem KiFF zwar gratulieren wollte, aber den Rock eher anzieht als hört, fand in der Nacht bei Electro und Techno viele Möglichkeiten, die gezeigten Beine in Bewegung zu versetzen. Oder bei Palko!Muski als Zigeuner zu tanzen, mit den Badener Al Pride eine Kiste voller Pop zu durchwühlen oder einfach da zu sein. 25 Jahre Kulturbetrieb sind eine grossartige und wunderschöne Leistung und mit dem Fest hat sich das KiFF perfekt gefeiert und präsentiert. Es war eine dieser Nächte, die nie enden sollten. Danke allen Helfern, Mitwirkenden, Freiwilligen und dir. War schön dich zu sehen.

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Then They Flew – Stable As The Earth Stops Spinning (2015)

Then They Flew Cover

Then They Flew – Stable As The Earth Stops Spinning
Label: No Label, 2015
Format: Download
Links: Facebook, Bandcamp
Genre: Post-Rock

German below.

Does Post-Rock always sound the same regardless of its origin? Mostly, but Then They Flew from Portugal know how to give their music its own identity. To achieve this the band does not have to lay hands on traditional sounds of their homeland but proves a fresh mind and soft handling of the conventions. It does not matter who flies away, with this album we all end stable on our feet again. Rotation or not.

„Stable As The Earth Stops Spinning“ is the first publication by the group and celebratesthe instrumental music in five songs. Of course are the guitars in the foreground and present multiple interlocking riffs and melodies for the best. The tones often change multiple times during a song and Post-Rock poses as a wolf in sheep’s clothing. Noise, Hardcore and Hard-Rock are trying to smuggle into the party and luckily are tolerated after their discovery. Already with the first song „La Lys“ ignite Then They Flew an explosion of ideas and have no hesitation. Every element is immediately introduced and alluded, the song can drift in all directions without nervousness. „Rooftop“ starts more or less classic but then lifts the hard vibes constantly higher and is getting wilder. Behind the crashing facade one may discover wonderful organ and bass lines, the band proves their skills especially in such violent places. It is worthwhile to dig into the pieces and remove the obvious harmonies and layers. In the embodiment Then They Flew remind of Leech – the Swiss group, which take Post-Rock from a completely different direction.

Although Then They Flew blast out with three guitars,on their debut release can enough subtleties and playroom be found. Strings are permitted as well as tons of effect and voice samples. Without being overwhelmed with all these resources the band avoids the traps and annoying representations of Post-Rock. Each passage reveals new ideas, the production and songwriting convincing from the first time on. The album is on Bandcamp – and you can pay what you want. So, what are you waiting for?


Klingt Post-Rock unabhängig von seiner Herkunft immer gleich? Meistens, doch Then They Flew aus Portugal vermögen es, ihrer Musik eine eigene Identität zu verleihen. Hierzu muss sich die Band nicht an traditionellen Klängen ihrer Heimat vergreifen, sondern beweist frischen Geist und einen lockeren Umgang mit den Konventionen. Egal wer nun alles davonfliegt, mit diesem Album landen wir alle wieder stabil auf unseren Füssen. Da kann sich drehen was will.

„Stable As The Earth Stops Spinning“ ist die erste Veröffentlichung der Gruppe und zelebriert in fünf Liedern die instrumentale Musik. Natürlich stehen die Gitarren im Vordergrund und dürfen gleich mehrfach und ineinander greifend Riffs und Melodien zum Besten geben. Die Klangfarben wechseln dabei oft mehrfach während einem Lied, und der Post-Rock gibt sich als Wolf im Schafspelz. Noise, Hardcore und wilder Rock versuchen sich an die Party zu schmuggeln und werden glücklicherweise nach ihrer Entdeckung geduldet. Bereits bei ersten Song „La Lys“ zünden Then They Flew ein Feuerwerk an Ideen und zögern keinen Moment zu lange heraus. Alles wird sofort eingebracht und angespielt, das Lied kann ohne Nervosität in alle Richtungen driften. „Rooftop“ startet wieder etwas klassischer, schraubt dann aber die Härte unablässig hoch und wird immer wilder. Hinter der krachenden Fassade darf man wundervolle Orgel- und Bassläufe entdecken, die Band beweist gerade bei solchen heftigen Stellen ihr Können. Es lohnt sich, in den Stücken zu graben und die offensichtlichen Harmonien und Ebenen zu entfernen. In der Ausführung erinnert somit gerade dieses Stück an Leech – die Schweizer, welche den Post-Rock auch aus völlig anderer Richtung angehen.

Auch wenn Then They Flew mit drei Gitarren ordentlich austeilen, findet man auf ihrem Erstwerk genügend Feinheiten und Raum für Spielerei. Streicher sind ebenso erlaubt wie Effektgewitter und Sprachsamples. Ohne mit all diesen Mitteln überfordert zu sein, umgeht die Band die Fallen und ausgelutschten Darstellungen von Post-Rock. Jeder Durchgang offenbart Neues, die Produktion und das Songwriting überzeugen auf Anhieb. Und dann gibt es das Album erst noch zu einem selber wählbaren Preis auf Bandcamp. Worauf also noch warten?

Anspieltipps:
Rooftop, Evergreen / Aftermath, Owls

Leech – The Stolen View (2007)

„Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben die mein Leben am stärksten beeinflusst haben und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Leech – The Stolen View
Label: Eigenveröffentlichung, 2007
Format: Doppelvinyl
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Rock

Gegen Ende der Nullerjahre wurde aus dem Nischenprodukt Post-Rock ein Massenphänomen. Überall schossen neue Bands aus dem Boden, Musikmagazine füllten ihre Reviewseiten mit instrumental rockenden Scheiben. Auch ich fand mich plötzlich in der Welt der Laut-Leise-Dynamik wieder, vergass Gesang und wurde von Gitarren durch die Lüfte getragen. Dass eines der besten Alben in der Stilrichtung dabei ganz in der Nähe meiner Heimat Zofingen entstanden ist, wusste ich damals noch nicht. Bald aber änderte sich diese Blindheit dank diversen Konzertbesuchen und dem Kauf von „The Stolen View“. Ein bis heute epochales Glanzstück und phänomenales Beispiel für instrumentale Musik.

Die Aargauer Band Leech macht eigentlich nicht viel anders als die meisten ihrer Post-Rock-Kollegen auch. Ihr Rock ist klar instrumental gehalten, stützt sich auf mehreren Gitarren und einer Orgel ab, und bietet Stücke mit Längen von bis zu fast 20 Minuten. Auch das Spiel der Klangwand gegen die leisen Passagen beherrscht die Truppe aus dem Effeff. Trotzdem, „The Stolen View“ bietet meilenweit bessere Musik als tausende andere Platten aus dem Genre. Lieder wie „Silent State Optimizer“ oder „Totem & Tabu“ hantieren nicht nur mit den Bestandteilen des Stils, platzieren die Fragmente am richtigen Ort und verbinden alle Künste des Handwerks, nein. Sie beweisen auch das richtige Gespür für Melodie, Gefühl und Innovation. Langsam bauen sich die Stücke auf, in sich drehenden Kreisen und immer intensiver gespielten Läufen, steigern sich bis zur Spitze um dann über den Hörer wie eine Welle einzubrechen. Was live mit bis zu drei Gitarren gleichzeitig gespielt wird, funktioniert auf Platte dank Overdubs genau so gut. Hier geht es weniger um Lautstärke, sondern um den Druck und sich umgarnenden Spielereien von Keyboard und Gitarren. Anstelle sich immer gleich wieder zurückzunehmen und den Aufbau neu zu starten, lassen Leech die Wand einfach stehen und klettern rauf, um sie noch dicker zu bauen.

Viel Einfluss auf die Faszination haben die einfach zu erfassenden und eingängigen Melodien. Dieser Post-Rock muss nicht hundertmal angehört werden, um die songübergreifenden Melodienbögen und Spannungen zu verstehen. Weil aber nichts billig ist, bleibt es auch nach Jahren immer noch aufregend. Mit „The Man With The Hammer“ verfügt die Platte sogar über den „Pophit“ der Band, ein Lied, das sich live bis zum Ausrasten des Publikums steigert und steigert. „The Stolen View“ war die Rückkehr von Leech nach einer langen Pause, ein Monument, das von keiner anderen Band – und auch von den Schweizern selber – wohl jemals übertroffen wird. Live übrigens auch immer eine geniale Erfahrung.

Anspieltipps:
The Man With The Hammer, Inspiral, Totem & Tabu

Live: Leech, Alte Kaserne Zürich, 14-09-26

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Leech, Support: Marblewood und Glaston
Freitag 26.09.2014
Alte Kaserne, Zürich

Eine Band aus der Umgebung Zofingen lässt ihr Gitarren singen und Zürich erscheint, eigentlich erstaunlich. Doch bei Leech spielt es langsam keine Rolle mehr wo (im geografischen Sinn) ihre Konzerte statt finden, die musikalische Qualität hat einen sehr guten Ruf und das zu Recht. Denn mit ihrem instrumentalen Postrock haben sie sich als eine der besten Bands in der Schweiz positionieren können und begeistern auch dann, wenn sie nur ein Konzert im Jahr geben und dies sogar mit Gast-Schlagzeuger bestreiten.

Einer ganz anderen Herausforderung mussten sich zu Beginn des Abends aber die jungen Zürcher Leute von Glaston stellen. Der Auftritt in der alten Kaserne war ihr allererster, mehrere Wochen vor der offiziellen EP-Taufe. Ein wenig war ihnen die Nervosität dann auch anzumerken, sie verfügen aber jetzt schon über genügend Professionalität um ein Konzert ohne grosse Pannen zu bestreiten. Die Musik ist instrumental gehalten und bewegt sich im Fahrwasser von Prog und Post-Rock. Zusammengehalten vom Schlagzeuger sind ihre Stücke vielfältig und erfreuen mit spannenden Wechsel. Ein Name den man sich merken muss, auch wenn die Lieder teilweise noch Feinschliff benötigen.

Marblewood aus Zürich sind ganz klar routinierter, lieferten hier als zweite Band somit auch einen bodenständigen Auftritt ab. Für mich war ihr stark psychodelischer und jamhafter Bluesrock dann aber doch zu langatmig. Sicherlich ist es löblich, dass die Band ihre Songformate live sprengt und wie im Bandraum spontan ausweitet. Doch wenn die Stücke dann minutenlang vor sich hin blubbern wurde es mir etwas zu langweilig. Ihre Instrumente beherrschen die Typen und Bassistin aber sehr gut, auch die Keyboard-Begleitung fügte sich gut ins Rockbild ein.

Das Problem der Langeweile kennen Leech nicht. Auch wenn viele Lieder von ihnen die Marke der magischen zehn Minuten überschreiten, bleibt es immer packend und mitreissend. Gitarrenwände wecken jeden auf der in der gemütlichen Sofaecke döst, alle Köpfe bewegen sich im Takt. Wenn die Songs nicht von melodiäsen Orgeln und Synthies bestimmt werden, regieren die harten Riffs. Somit driftet die Band gerne auch in harte Gebiete ab, Post-Metal könnte man fast sagen. Das dazu gewisse Zuschauer erfreut ausrufen, „die können einfach alles“, wird von meiner Seite ganz klar unterstrichen. Da die Band momentan kein neues Material vorweisen kann, wurden alte Klassiker und Hits gespielt. Besonders die aktuellen Alben „The Stolen View“ und „If We Get There One Day…“ wurden stark beachtet, kein Wunder, schliesslich sind hier meiner Meinung nach auch die besten Songs drauf. Egal ob Turbolina, The Man With The Hammer oder Totem And Taboo, das Publikum feiert die Band und gröhlt und klatscht. Die Musik transportiert die Emotionen extrem gut und dank den treuen Konzertbesuchern muss hier Niemand überzeugt werden. Was zu hoffen ist, dass die Band bald ein neues Album und eine längere Tour ankündigt. Dann wohl ohne Gast-Drummer Alessandro Giannelli, der aber seine Arbeit mehr als super erledigte. Wer die Umbesetzung nicht mitgeteilt bekam, dachte er spiele seit eh und je bei Leech. Alles in allem war es somit ein hammer Abend mit grossartiger Schweizer Musik. Und da soll noch einer sagen, die Schweiz kann nur Mist wie Baschi oder Plüsch vorweisen.

Marblewood_Live_MBohli  Glaston_Live_MBohli

Alle Jubeljahre wieder

Es ist vollbracht, die ersten 100 Beiträge im Blog sind geschrieben und publiziert. Zeit Musik als Lebensinhalt zu betrachten und dabei mir selbst die Frage zu stellen ob ein solches Onlinejournal sich positiv oder eher negativ auf den Musikkonsum auswirkt.

Jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr, Musik ist ein zentraler Punkt in meinem Tun hier auf der blauen Kugel. Egal ob ich zu Hause bin, am arbeiten, unterwegs oder bei Freuden: Musik ist präsent und ein aktiver Beitrag. Verständlich, dass eine solche starke Beziehung zu einer Tätigkeit einem Wandel unterliegt, der Alltag unterliegt schliesslich auch steter Veränderung. Bei mir hat sich so der Fokus immer weiter in Richtung komplexe und innovative Musik verschoben. Es reicht nicht mehr aus mit interessanten Standardsongs ein Album zu füllen, es muss das gewisse Etwas beinhalten und vielleicht sogar Grenzen überschreiten. Somit werden auch abgefahrene Avantgarde-Alben gerne gehört, viele Musik muss und will ich mir erarbeiten. Die Zeiten des Radiopop oder Britpop / Indie sind mehr oder weniger komplett vorbei. Was aber für immer bleibt, sind gewisse Alben die mich verändert haben und seit Jahren wichtige Begleiter geblieben sind. Dabei ist es oft nicht die Machart oder Substanz die an erster Stelle steht, sondern den emotionalen Einfluss auf mein Leben. Auf dem Bild hier eine Auswahl oder besser gesagt der Kern. In den folgenden Monaten werde ich genauer auf diese Platten eingehen.

MBohli_Lieblingsalben

Durch den Blog höre ich die Musik nun wieder fokusierter. Ich will schneller etwas erfassen und heraushören, wieso nun dieser Song oder diese Platte gut oder eben schlecht ist. Dadurch wird es manchmal schwierig, Musik ohne Hintergedanken zu geniessen. Bei jeder Platte die ich auflege will ich sofort werten. Musik wird etwas mehr zu einer Arbeit, aber solange dies nicht Überhand nimmt gibt es hier kein Grund zur Aufregung. Natürlich wird der Konsum nicht kleiner, denn nun will ich möglichst über alle relevanten Alben schreiben. Aber das ist je nach Ansichtspunkt auch eine tolle Ausrede.

Abschliessend seid auch ihr gefragt. Was wollt ihr in Zukunft im Blog lesen? Welches Album muss besprochen werden, welchen Band vorgestellt? Kennt ihr selber Leute die musizieren und hier als Portrait reinpassen? Fehlen euch Themen, wie beispielsweise Musikvideos oder dergleichen? Meldet euch und macht mit. Musik ist Gemeinschaft, ist Leben.