Jeans For Jesus

Live: Oltenair, Schützi Olten, 17-08-04

Oltenair
Bands: My Sleeping Karma, Jeans For Jesus, Giobia, One Sentence. Supervisor, Alois, Saint Tangerine Convention
Freitag 04. August 2017
Schützi, Olten

Es war echt an der Zeit, dass diese Kleinstadt an der Aare endlich ihr eigenes Festival erhielt. Alleine wegen der schweizerischen Bezeichnung für diese Art von Musikveranstaltungen – „das Open Air“ – war es nur logisch: Willkommen am ersten Oltenair beim Kulturzentrum Schützi. Aufgeteilt in einen rockigen Start am Freitag und einen Hip-Hop-lastigen Samstag wurde hier weise überlegt und grossartige Acts gebucht. Wir mischten uns also noch so gerne unter die Besucher und Künstler.

Die Ehre, als allererste Band überhaupt auf der Bühne vor der Schützi auftreten zu dürfen, fiel Saint Tangerine Convention aus Zürich zu. Mit vielen neuen Bandmitgliedern und etwas zickigen Verstärkern breitete die Truppe ihren  Vintage Rock auf dem Platz aus und liess ihre mehrstimmigen Gitarrenmelodien im Nebel verschwinden. Und wie es sich heute für die Rockszene gehört, wurde die Musik auch hier mit psychedelischem Anteil aufgelockert. Alois aus Luzern versuchten sich danach als erste Band im Saal eher am Gegenteil – reduzierter Indie-Pop mit Hipster-Einschlag. Sanft plätscherten die Songs dahin, leicht elektronisch geschminkt und nie ohne innere Ruhe.

Irgendwo zwischen hypnotischer Stille und wilden Ausbrüchen hantierten auch die Badener One Sentence. Supervisor. Ihre mitreissende Neuauflage des Krautrock, kombiniert mit schon fast heroischen Melodien und einem unglaublich perfekt spielenden Schlagzeuger, war auch in Olten wieder ein Gewinn für die Szene und die Leute. Perfekt, dass mit dieser internationalen Musik auch die Überleitung zu Giöbia aus Italien perfekt funktionierte – zeigte das Quartett doch eine wuchtige und laute Version von spannendem Psychedelic Rock.

War dieser Abend allgemein stark diesem Genre zugeneigt, wurde es ab jetzt auch lauter und träumerischer. Wobei Jeans For Jesus aus Bern die Blaupausen der standardisierten Musik mit ihrem Anti-Pop auf komplett andere Weise zerlegten. Mit grosser Lichtshow und einer gelungenen Mischung aus Liedern ihrer beider Alben hiess es ab jetzt: Ausgelassen tanzen. So wuchs „Kapitalismus Kolleg“ zu einem kontemporären Medley an, die Band spielte das Publikum in einen Rausch.

Genau der Zustand, den man für den Abschluss mit My Sleeping Karma aus Deutschland brauchte. Denn hier gab es wuchtige Breitseiten zwischen Space, Psychedelic und Stoner – manchmal keck an Monkey3 erinnernd. Mit einem Gitarristen wie ein Fels und wunderbaren Synthie-Klängen liess man die Schützi noch ein letztes Mal davonfliegen. Somit war dies nicht nur der perfekte Abschluss, sondern der Zenit eines meisterlichen Startes für das Oltenair. So kann es noch viele Jahre und Nächte weitergehen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Jeans For Jesus – P R O (2017)

Jeans For Jesus – P R O
Label: Universal, 2017
Format: Download
Links: FacebookBand
Genre: Future-Pop, Mundart, Electronica

Die Antihaltung geht weiter, die Dekonstruktion aller Modeströmungen und Traditionen gewinnt. Auch mit ihrem zweiten Album schert sich die Berner Band Jeans For Jesus weder um aktuelle Standards noch den hübschen Schein. „P R O“ nimmt den Mundart-Pop weiterhin in die Mangel und zeigt der heutigen Generation und vor allem der Hipster-Strömung, dass eine gehörige Tracht Prügel in musikalischer Form mehr bringt als jeder Hashtag. Da stört es auch zu keiner Sekunde, dass die Band nun bei Universal zu Hause ist und nebst dem Album auch gleich ein Parfüm nachreicht.

Im Gegensatz zum Debüt findet man hier auf Anhieb zwar keine riesigen Hits, dafür Lieder mit Tiefgang und versteckten Reizen. So will uns „Europe“ mit französischem Text glaubhaft machen, dass die Zeit von „La Boum“ nie enden wird, „Schulden“ holt als Zwischenspiel den funky Bass in den elektronischen Pop und „Tell Em“ nimmt die Kommunikation und Darstellung der Jugend auseinander. Dank den Texten positionieren sich Jeans For Jesus an der richtigen Ecke in der Stadt und lassen in „Puli“ auch gleich eine Hymne für die Toleranz aus dem Stall. Allgemein findet man auf „P R O“ viele Thesen für das Andersdenken, für das Einlassen auf Experimente. Mit hoher Gesangsstimme und oft gerne auch billigen Synthie-Effekten werden Lieder aufgebaut und umgeworfen.

Jeans For Jesus zeigen 2017, dass es wohl nirgends sonst in der Schweiz eine gleichwertige Band gibt. Hier trifft die Mundart-Sitte auf Future-Pop und Retro-Wave – gemischt mit Electronica, Rap und Rückbau. Und obwohl man mit gleich 18 Songs etwas grossspurig auftritt, wird das Album weder langatmig noch repetitiv. In jedem Stück gibt es wieder neue Einfälle und sanfte Angriffe, da braucht es auch keine Gitarren, um die Finger zu Luftübungen antreten zu lassen. „P R O“ zementiert nicht nur die Stellung der jungen Gruppe, es strahlt auch in Neonfarben über den Einheitsbrei und die Kantonsgrenzen hinaus. Ich bin dafür.

Anspieltipps:
Europe, Puli, Pierce The System, Wosch No Chli Blibä

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Jeans For Jesus, Kiste Baden, 15-02-21

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Jeans For Jesus
Samstag 21.02.2015
Kiste Club, Baden

Die Jeans aus Bern sind wieder unterwegs und erlebten am Samstag gleich eine Premiere: Das erste live gespielte Konzert im Kiste Club in Baden, präsentiert von Inox Live. Eine spannende und doch passende Wahl des Lokals, bewegt sich die Musik der jungen Künstler stark im Umfeld der Club-Musik. In der Kiste wurden für den Auftritt einige Umstellungen im Raum vorgenommen und eine provisorische Bühne eingebaut. Diese bot gerade knapp genügend Platz für die fünfköpfige Band und deren Material. Und wenig war es nicht, was Jeans For Jesus da auf die Bühne geschleppt hatten. Massig Keyboards und Synths, Chaospads und Effektgeräte, Sampler und so weiter. Aber ihre Musik muss mit all diesen Klangspielereien und elektronischen Färbungen live produziert werden, ohne dabei das Lied aus den Augen zu verlieren.

Pünktlich starteten die Mannen in ein Set voller Hits, denn mit „Estavayeah“ oder „L.A.“ wird die Band nun oft im Radio gespielt. Meine Highlights waren aber „Matrix“ und das Abschliessende „Kapitalismus Kolleg“. Dazwischen spielte sich die Truppe voller Energie und Lust durch ihr Debütalbum und das eben erst erschienene Remixalbum. Dank dieser neusten Veröffentlichung wagen sich die Jeans nun auch live ihre Stücke auszubreiten, gegen den Schluss in eine heftige D’n’B oder Techno-Nummer umzuwandeln und instrumental zu toben. Das gefällt sehr und fügt sich wiederum auch herrlich in den Spielort ein. Bei diesen Passagen wurde das Publikum meist am lautesten, wobei es sonst vor allem damit auffiel, konstant lautstark zu schwatzen. Sorry Leute, aber das war echt scheisse. Wieso kreuzt ihr an einem Konzert auf, um dann währen 90 Minuten mit euren Freunden zu plaudern? Klappe zu und mithören. Dann macht auch eine unbekannte oder kleine Band mehr Spass, als mit einer vorgefertigten Antihaltung im Raum zu stehen.

Die Band liess sich aber nichts von diesem Missstand anmerken und gab alles. Rave und Indie fügten sich zusammen, untermalt von Mundartgesang und Gitarrenmelodien. Sehr schön war auch – wie immer – „Toucher“, das grandios umkomponierte Züri West Cover, hier in Begleitung mit einem Umbau eines Stückes von Youth Lagoon. Diese Lieder fügten sich nicht nur gut in den Klangkosmos der Jeans ein, sondern strahlten genau so wie ihre Eigenkompositionen. Bei denen musste ich wieder einmal merken, wie grossartig die Texte sind. Seit der kurzlebigen Kunstfigur Blusbueb, gab es im Mundart-Bereich keine Musikgruppe mehr, die so treffend und beissend die aktuelle Situation in der Schweiz beschreibt. Ich bin wieder einmal neu, und immer noch konstant, von ihnen begeistert.

Sorry für den Bilderklau liebes Inox-Team, aber meine Fotos waren etwas subobtimal.

Jeans For Jesus – Remix / Mixtape (2015)

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Jeans For Jesus – Remix / Mixtape
Label: Iracible, 2015
Format: Kassette, Download
Links: Bandcamp, Band
Genre: Pop, Indie, Elecotronica, Mix

Die Mundartüberraschung des letzten Jahres legt nach: Jeans For Jesus haben vor dem diesjährigen Tourstart eine Kassette auf den Markt geworfen. Ihr habt richtig gelesen, eine altertümliche MC, wie cool! Da wohl wenige dieses Format noch abspielen können, dient der Klangträger mehr als Sammlerobjekt. Denn mit jeder Bestellung wird ein Download-Code ausgeliefert, mit dem man das Mixtape und die Sammlung der einzelnen Mixe runterladen kann. Somit sind alle zufrieden und tanzen im Wohnzimmer.

Wobei man sich den Weg zur Tanzfläche auch zuerst erkämpfen muss, denn die schiere Masse an Musik erschlägt einem fast. Nebst dem Mixtape mit je 30 Minuten Vergnügen, bietet der Download sage und schreibe 42(!) Interpretationen und Versionen. Dies macht es nicht einfach, die Spreu vom Weizen zu trennen. Doppelalben brauchen Zeit, und ich gehöre nicht zu den Menschen, die innerhalb kurzer Zeit unzählige Versionen vom gleichen Lied hören können oder wollen. Aufteilen auf mehrere Tage und bereitlegen für Homepartys, das ist der bessere Umgang mit dieser Masse. Interessant ist dabei, dass die Jeans in den letzten Monaten viele Bekanntschaften geschlossen haben. Ihre Konzertreise führte nicht nur zu vielen Anhängern, sondern auch zu neuen Freunden in den Musiker- und Künstlerkreisen. Somit haben sich mit der Zeit Kollaborationen, Verfremdungen und Erweiterungen ihrer Musik angesammelt, die nun gebündelt präsentiert werden. Um diese stilistische Vielfalt in den Griff zu kriegen, wandten sich die Berner an den brasilianischen DJ Fernando Costa, der – ohne ein Wort Mundart zu verstehen – all diese Puzzlestücke zu einem Mixtape zusammensetzte. Auch Live-Aufnahmen, Samples oder Spracheinspielungen kommen dabei zum Einsatz.

Die „Euro“-Seite des Tapes ist dabei mehr auf Baller und Prolo angelegt, „Dollar“ bietet dagegen eher den beruhigten Mix. Für meine Hörgewohnheiten stellt der Mix aber oft eine etwas wirre Angelegenheit dar, denn vieles wird kurz angeschnitten und fallen gelassen. Überlaute Einspielungen und Erwähnungen des DJs überlagern die Musik. Das Tape wird somit wohl weniger in der gemütlichen Stube, sondern am Strand und mit Alkoholbegleitung laufen. Trotzdem ist all dies eine spannende Rückschau auf ein turbulentes Jahr und den imposant aufsteigenden Stern von Jeans For Jesus. Ich bin gespannt, was die innovative Gruppe 2015 bietet.

Anspieltipps:
L.A. (Stephan Eicher), Matrix (Pamela Méndez & Luzius Schuler), Estavayeah (Scarlett Johanson), L.A. (Kalabrese)

Die besten Alben 2014

Weihnachtszeit ist Listenzeit. Schon als Kind schrib man in süsser Krackelschrift ein Zettel mit all diesen tollen Spielsachen voll, in der Hoffnung, zumindest die Hälfte davon unter dem Baum vorzufinden. Nachdem man diese beschützte Zeit hinter sich gelassen hat, kauft man sich Lego und Playmobil nun einfach selber – schliesslich arbeitet man ja nicht ohne Grund. Aber ohne Listen will ich weiterhin nicht auskommen, gerade als Ordnungsmensch. Naheliegend und für diesen Blog interessant: Die 10 besten Alben 2014, die besten Konzerte, die besten Songs, die besten Musikvideos, die besten Filme. Es gibt viel zu ordnen, aufzuschreiben und zu bewerten, gerne geschieht dies auch unter Freunden zu einem gesunden Glas Hopfensaft.

2014 war musikalisch gesehen ein gutes Jahr, viele Veröffentlichungen waren von hoher Qualität und lohnten sich gegen Goldmünzen in die Wohnung zu schleppen. Was allerdings fehlte, war ein Ausreisser. Keine Platte überstrahlte alle anderen, keine Band erschuf ein Meisterwerk für alle Zeiten. Somit hatte ich echt Probleme, eine Top Ten zu erstellen und die richtige Reihenfolge zu eruieren. Wie immer gilt hier natürlich: Die Wertungen sind komplett subjektiv und werden von keinem zweiten Menschen so gesehen. Sehr wahrscheinlich habe ich auch genau die Platte verpasst, die euch am besten gefällt. Hier seid ihr gefragt, schreibt und diskutiert mit. Denn wie gesagt, 2014 hat so einiges Bermerkenswertes auf die Plattenteller serviert.

Top 10-2014_MBohli

Gewonnen hat dieses Jahr:
Anathema – Distant Satellites
Die wunderschön traurige Mischung aus Art-Rock, sphärischen Klängen und Melancholie blieb bei mir am stärksten haften. Das Songwriting der Band wird auf dieser Platte perfektioniert und führt den Weg der Vorgänger konsequent weiter. Mit neuen Ideen, wie der stärkeren Einbringung von elektronischen Beats, und Besinnung auf alte Tugenden, ist ein träumerisches Werk voller Sehnsucht, Liebe und Leben entstanden.

Auf dem zweiten Platz hat sich in letzter Sekunde noch ein unbekanntes Gesicht eingeschlichen. Das unbetitelte Debüt von Antemasque ist ein spassiges Kind von zwei bekannten Musikern: Omar Rodriguez-Lopez und Cedric Bixler spielen nach „At The Drive-In“ und „The Mars Volta“ wieder zusammen. Songs voller Freude, auf einem festen Fundament voller Gitarren und Gesang.

Die Bronzemedaille holen sich Archive mit ihrem Film-Musik Projekt Axiom. Ihr Konzeptwerk der monochromen Ambient-Electronica funktioniert sowohl mit den utopischen Bildern, als auch ohne. Grandioser Aufbau, wundervolle Wände. Zum träumen und fürchten.

Zu allen weiteren Alben in der Bestenliste finden sich die Reviews ebenfalls auf diesem Blog, gesammelt im Review-Index. Viel Spass beim nachlesen, nachhören und beurteilen. Dass fast alle Cover vor allem Schwarz in den Vordergrund stellen, sagt übrigens nichts über mein Jahr aus. 😉

Und hier noch mehr tolle Musik, die es aber knapp nicht auf das obere Bild geschafft hat. Auch hier gilt: Alle Platten wurden auf diesem Blog vorgestellt und besprochen.
Das beste Werk aus der Schweiz war für mich die EP von Moscow Mule.

Weitere Alben-2014_Mbohli

Some day surely someone must help us… – Playlist 7//14

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Part 7//14 – Some day surely someone must help us…
Juli 2014

1. Marillion – Gaza // Live
(A Sunday Night Above The Rain – Holland, 2014)

Der schreckliche Konflikt im Gazastreifen hört nicht auf, er wird immer schlimmer. Dass Marillion dazu ein Lied veröffentlichten und sich klar gegen die Gewalt und für keine Seite positionieren ist nahvollziehbar. Dass es ein fast 20 minütiges Epos mit unterschiedlichen Teilen und spannender Struktur wird konnte aber keiner ahnen. Die Band zeigt sich hier agressiv und laut, sanft und melodisch, tieftraurig und doch hoffnungsvoll. Dazu der unter die Haut gehende Text von h der alles aus den Augen von unschuldigen Jugendlichen im Gazastreifen zeigt. Ein Meisterwerk, wichtig, grandios und zum weiter verbreiten.
Bitte, stoppt diesen Krieg!

2. Marillion – Sounds That Can’t Be Made // Live
(A Sunday Night Above The Rain – Holland, 2014)

Dieses Lied ist ein unerklärlicher Fall: Bietet es doch eher bekannte Klänge und ein unspektakulärer Ablauf im Marillion-Kosmos, trotzdem hat es mich vom ersten Moment her total berührt und gepackt. Vom gleichnamigen Album stammend verführen mich die tollen Synthies, Gitarren und der wunderbare Schluss immer wieder in neue Welten. Die Live-Version aus Holland ist noch besser als die Studiovariante.

3. Anathema – Closer // Live
(Universal, 2013)

Vor Marillion spielten Anathema am diesjährigen Night Of The Prog Festival auf der Loreley und boten nebst vielen Songs vom aktuellen Album Distant Satellites auch ein paar alte Klassiker. Closer (hier als Live-Aufnahme von der letzten Tour mit Orchester) ist ein eher kryptischer Song mit verwobenem Gesang und viel Elektronik. Aber dann der unglaubliche Ausbruch!

4. IQ – Frequenzy
(Frequenzy, 2009)

Auch am NotP live bestaunt boten die Neoprog-Könige auf dem Album Frequenzy wieder echte Brecher. Das Titellied haben sie auf der Loreley live dargeboten, aber auch als Studioaufnahme überzeugt dieser Longtrack mit marschierenden Drums / Gitarren, viel Keyboards und dem unvergleichlichen Gesang von Nicholls. So muss dieses Subgenre klingen, so müssen Progsongs aufgebaut sein.

5. Tim Bowness – Songs Of Distant Summers
(Abandoned Dancehall Dreams, 2014)

Werden wir nun etwas ruhiger, der diesjährige Sommer war schliesslich eher ein stiller mit vielen nachdenklichen, grauen Tagen. Dazu liefert Tim Bowness mit seinem neuen Soloalbum den perfekten Soundtrack. Songs Of Distant Summers ist voller Melancholie, traurigem Gesang, wunderschönen Klavierakkorden und sphärischen Synthieflächen. Alleine geniessen und Tränen vergiessen oder zusammen auf dem Balkon stehen und die Regentropfen zählen.

6. Massive Attack – Girl I Love You
(Heligoland, 2010)

Manchmal braucht man eben doch ein Konzert um missachtete Lieder lieben zu lernen. Mit dem Auftritt am diesjährigen Montreux Jazz Festival konnte mich die Band verzaubern, dabei spielten sie auch Songs vom „aktuellen“ Album Heligoland. Girl I Love You hat mich dabei umgehauen. Der rollende Bass, die trippigen Schlagzeugbeats, verzerrte Gitarren und trauriger Gesang: Eigentlich ein moderner Klassiker der Band. Endlich weiss ich das Lied auch zu schätzen.

7. The Brian Jonestown Massacre – Vad Hände Med Dem?
(Revelation, 2014)

Das Kollektiv mit dem witzigen (?) Bandnamen bietet seit jahren eine eigene Mischung aus Rock, Folk, Psychedelic und weiteren Unterarten der aktuellen und vergangenen Musikgeschichte. Das neue Album weiss zu überzeugen, besonders der in schwedisch gesungene Opener ist mitreissend. Lässt sich auch gut dazu tanzen.

8. Jeans For Jesus – Toucher // Cover
(Jenas For Jesus, 2013)
Leider leider finde ich das Lied nicht als Link im Netz, aber kauft euch einfach das komplette Album der jungen Berner Band. Ihre neuartige Musik in Kombination mit Gesang in Mundart ist erfrischend und weckt wie eine Zitrone am Morgen. Das Züri West Cover Toucher zeigt auch, wie gut es die Jungs verstehen Musik zu verändern ohne die Eigenheiten zu verlieren. Das tolle Lied wird nach ihrer Dubstep-Electronica-Core Behandlung noch besser!

9. Ben Klock – Gold Rush
(One, 2009)

Der Abschluss führt diesen Monat in den Club (und nein, ich war nicht an der Street Parade), und zwar in einen düsteren und etwas gruseligen. Ben Klock vom Berghain-Label Ostgut Ton bietet Dark Minimal-Techno und brennt mit tiefen Bässen, knisternden Synthies und harten Beats deine Trommelfelle an. Was du willst nicht tanzen? Na gut, breche ich dir halt die Beine.

Jeans For Jesus – Jeans For Jesus (2013)

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Jeans For Jesus – Jeans For Jesus
Label: Jeans For Jesus, 2013
Format: Vinyl mit Downloadcode, Booklet
Links: Band
Genre: Mundart, Electronica-Avantgarde-Core Pop

Die Schweiz ist halt doch wie die Berner Zeitung, die Prominenz und das Boulevard doch nicht unterhaltsam. Jeder hat sein Platz, jeder Stein am richtigen Ort und wehe wenn dies Jemand ändern oder mit seinen Ideen verunstalten will. Denn das wahre Glück kann man sich schliesslich kaufen, das kurbelt die Wirtschaft an und sichert die eigene Anstellung. Ob dabei noch Platz für die Liebe bleibt? Teilweise, denn schlussendlich ist dies doch auch nur ein Mittel zum Zweck und Hollywood sprach schon davon bevor jemand anderes das Wort in den Mund nahm.

Aber wisst ihr was? Packen wir doch unsere Rucksäcke und verschwinden nach Estavayer, dort gibt es den lauschen Zeltplatz am See. Sonne, Wasser, Bier und Musik. Warum nicht Schweizer Klänge von Jeans For Jesus? Die sprechen doch all die oben erwähnten Punkte an und vermischen in ihrer Musik nicht nur Aspekte von Hip-Hop, Avantgarde, Electronica und Pop sondern Woah, was war das? Der Gesang ist ja Mundart! Berndeutsch! Psst, hört mal genauer hin: „niemert steit am morge’n uuf / niemert steut dr Wecker ufe buuch / snooze / niemert secklet us’m huus“

Nicht nur macht dies die Musik interessanter, nein es stellt etwas völlig neues dar. So eine Band gab es bis jetzt wohl noch nie, diese Kombination aus schleppenden Wörtern und brandaktuellen Klangspielereien. Dabei sind die Texte immer frisch gehalten, weisen experimentierungsfreudige Strukturen auf und werden in verschlafener Sprache rezitiert. Weibliche Unterstützung bring bunte Farbspritzer auf die Leinwand, die Musik pendelt zwischen Pop, The XX, moderner Electronica und Dubstep. Wie grandios all dies funktioniert beweist auch der Züri West Cover Song „Toucher“, ein bereits saustarkes Lied wird noch besser und beweist: Man kann gute Musik auch frisch aufbereiten und einem neuen Publikum zugänglich machen. Die Band hat sich somit innert kürzester Zeit mit ihren Eigenheiten ein Platz im grossen Spielfeld der nationalen Lieder erkämpft und gibt diesen nicht mehr her. Und obwohl manchmal auch Erinnerungen an Bands wie Deichkind an die Oberfläche kriechen ist dies nie ein negativer Punkt. Die Originalität siegt dabei immer und wenn Sätze wie „Au dy huere apps hei mr ds warte verlehrt“ erkllingen ist die Band nicht nur extrem nahe am Zeitgeist, nein sie weiss auch genau wie aktuelle Themen und Probleme anzusprechen sind und wie man den Hörer wachrüttelt und bei Stange hält. Jeans For Jesus sind der erste Teil der faszinierenden Zukunft in der Schweizer Musikszene!

Und schluss endlich ist es doch so:
„lüt rede über lüt, lüt rede über nüt, nüt rede über nüt“.

Anspieltipps:
Estavayeah, L.A., Kapitalismus Kolleg

Live: Imagine Festival Basel, 14-06-07

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Imagine Festival Basel
Matthew & The Atlas, Wolfman, Jeans For Jesus, HVOB
Samstag 07.06.2014
Barfüsserplatz Basel

Jedes Jahr Anfang Juni bebt in Basel auf dem Barfi der Boden, das Imagine Festival bietet zwei Tage lang Musik, Kunst, Aufklärung und tolle Atmosphäre. Die Konzerte sind gratis, das Festival gegen Rassismus lebt von Spenden. Zwischen den auftretenenden Bands kann man sich an den Essensständen verköstigen, Bier trinken, Karaoke singen oder mit anderen über Sexualität, Menschenrecht und das Leben diskutieren. Dieses Jahr war ich zum dritten Mal dabei und fühlte mich wie immer wohl, die Festival-Saison 2014 ist offiziell eröffnet.

Die erste Band die am Samstag in meine Ohren drang war Matthew & The Atlas, netter und entspannter Folk aus den UK. Obwohl ich nur wenige Lieder mithörte, gefiel mir die Band mit ihrem charismatischen Sänger und der Musik die genial zum Sommerabend passte. Besonders wenn der mehrstimmige Gesang einsetzte war ich vollends überzeugt.

Schnell musste aber der Standort gewechselt werden, denn auf der Klosterhofbühne gaben Wolfman aus Zürich ein Stelldichein. Die Newcomer-Band aus der grossen Stadt verbindet in ihren Songs Pop, Electro und Dance auf tolle weise und begeisterte die Zuschauer. Schwingende Gitarrenakkorde, tiefe Synthiebässe, Drumpatterns und die tolle Stimme von Katherina Stoykova bilden super Songs, zu finden auch auf dem 2013 veröffentlichen Debüt „Unified“.

Ebenfalls ganz am Anfang der Karriere steht die Truppe Jeans For Jesus aus Bern. Eine wahre Überraschung, werden in ihrer Musik doch spannende Elemente wie Hip-Hop, Electro oder Indie in den Mixer geworfen und genial zu einem neuen Stil verbunden, und dann das ganze mit Mundart-Gesang geschmückt. So etwas habe ich noch selten gehört und bringt frischen Wind in die Szene. Das könnte der Beginn von etwas Grossem sein, noch grösser als die grandiose Cover-Version von „Toucher“ von Züri West. Unbedingt reinhören und danach gleich das Erstwerk bestellen, momentan auch als streng limitierte Vinyl-Pressung erhältlich.

Den musikalischen Abschluss des Abends bildeten auf der grossen Bühne HVBO (Her Voice Over Boys) vom „Stil Vor Talent“ Label. Wie es der Name schon sagt, macht das Trio intensive elektronische Musik im Bereich Deep-House und Anna Müller aus Wien singt dazu. Eine willkommene Abwechslung im sonst doch instrumental gehaltenen Genre. Der Barfi war zu diesem Zeitpunkt gut gefüllt, die Sonne weg und die Stimmung auf dem Höhepunkt, alle tanzten. Ein mehr als gelungener Schlusspunkt für das Imagine 2014, nächstes Jahr bin ich gerne wieder mit dabei und entdecke neue Musik.

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