Italien

Prologue Of A New Generation – Mindtrip (2017)

Band: Prologue Of A New Generation
Album: Mindtrip
Genre: Progressive Metal / Djent

Label/Vertrieb: Antigony
VÖ: 23. Juni 2017
Webseite: Prologue Of A New Generation auf FB

Modeströmungen, man findet sie auch immer in der Musik. Kein Wunder also, setzt sich plötzlich ein neues Untergenre durch und lässt Bands an jeder Ecke spriessen. In der brutalen Welt des modernen und progressiven Metal wird die kalte und kompromisslose Komplexität seit einigen Jahren in Form des Djent von vielen Musikern zelebriert, neu wollen auch Prologue Of A New Generation ihren Senf dazugeben. Doch leider fehlt den Italienern das zwingende Element.

Mit etwas mehr als 30 Minuten ist ihr Debütalbum „Mindtrip“ nicht nur in der Laufzeit knackig, sondern lässt Gitarre und Bass so manche Knochen und Hoffnungen brechen. Die fünf Musiker sind versiert und haben keine Angst vor extremen Taktwechseln und mathematischen Überlegungen zwischen den einzelnen Songteilen. So sind Lieder wie „Karmic Law“ oder „Black Hands“ eine furiose Mischung aus Hardcore, Metal und Bruchrechnen mit Keyboard. Prologue Of A New Generation haben sich den Djent also genau angeschaut und verinnerlicht, schauen aber zu sehr auf ihre Vorbilder.

Was bei Gruppen wie Periphery oder Meshuggah für Begeisterungsstürme gesorgt hatte, das wirkt bei Prologue Of A New Generation leider etwas ermüdend. Die Band findet zwar das Gleichgewicht zwischen brutalem Geschrei, extremen Klangattacken und melodiengetragenen Zwischenteilen, viele Lieder auf „Mindtrip“ wirken aber zu austauschbar. Somit werden sich Liebhaber und Komplettisten der Stilrichtung diese Scheibe sicher in die Sammlung stellen, wirkliche Erkenntnisse und Überraschungen bleiben beim Genuss aber leider aus.

Anspieltipps:
Black Hands, Karmic Law, Neverbloom

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Baryonyx – Fuori Il Blizzard (2016)

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Baryonyx – Fuori Il Blizzard
Label: Ghost Label Record, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Alternative, Synth-Pop

2007 begannen zwei Herren in Livorno mit der spannenden Idee, die Rockmusik mit einer elektronischen Herangehensweise neu zu definieren. Matteo Ceccarini und Antonio Morelli versuchten diesen Gedanken über mehrere Umwege umzusetzen und landeten nun für die erste LP vpn Baryonyx wieder im selben Boot. „Fuori Il Blizzard“ kombiniert dabei fröhlichen Pop-Rock, den gewisse schon bei Jovanotti antrafen, und alternative Synthformationen, welche die klassischen Strukturen gerne etwas aufbrechen. Kurzweilig bleibt dieses Album also auf jeden Fall.

Nach einem zurückhaltenden Intro findet man sich gleich in einer Umgebung wieder, die vom Blizzard berührt wurde. Gitarren und Schlagzeug wurden durchgeschüttelt und Keyboards übernehmen regelmässig deren Aufgaben. Das macht die Lieder spürbar anders – Baryonyx sind aber keine verrückten Wissenschaftler, welche alle Konventionen sprengen. Klar lebt „Bonacciale“ von seinem digitalen Beat und der Gesang wird immer wieder verfremdet; Rock und Wave gehen aber auch gerne geteilte Wege. „Fuori Il Blizzard“ könnte somit viel wilder sein.

Es ist dem Songwriting von Baryonyx zu verdanken, dass man ihnen diese zaghaften Schritte verzeiht. Das Album macht Spass und lässt sich gut anhören, ab „Trilobyte“ landet man immer mehr im Club. Schön aber, dass hier alle tolerant sind und auch Lederjackenträger hereingelassen werden. So feiert man zusammen die Neugier in der Musik und lässt bei „Voce 84“ die Disco beben. Wenn sie diese zwei Gegenpole nur noch griffiger kombinieren würden, wären die Italiener bestimmt bald weit bekannt.

Anspieltipps:
Mondo A Calori, Ergosfera, Trilobyte

Dieser Text erschient zuerst bei Artnoir.

Ru Fus – In Fabula (2016)

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Ru Fus – In Fabula
Lbael: Ghost Label Record, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Alternative Rock, Noise

Eigentlich ist es einfach – man braucht ein Schlagzeug, das trocken aufgenommen wird, einen Bass, der die Saiten tief vibrieren lässt und eine Gitarre, die alle Verzerrungsgeräte im Dorf eingsammelt und angehängt hat. Voller Elan werden diese Mittel nun gemeinsam gegen einen langweiligen Abend in Pisa eingesetzt und schon bebt der italienische Boden. Ru Fus wissen, dass Proto-Grunge und Noise Rock noch immer für zappelige Stunden sorgt.

Hinter dem witzigen Namen verbirgt sich Emiliano Valente, einer der alten Hasen in der dortigen Musikszene und fingerfertiger Saitenspieler. Zusammen mit einem Sänger und Schlagzeuger gibt es mit „In Fabula“ nun zwölf Songs, die uns allen plötzlich lange Haare wachsen und uns Luftinstrumente spielen lassen. Ru Fus verlassen dabei die Gebiete des Proberaums, das Album klingt schnell aufgenommen, dreckig produziert und voller Lust auf krachende Nächte. Wieso sollte man wilden Stoner Rock polieren? Ein lärmiges und verzerrtes Lied voller Energie macht schliesslich mehr Spass.

Klar, „In Fabula“ dreht die Entwicklung in der Rockgeschichte nicht um, auch wirken viele Songs etwas zu gleichförmig. Für Liebhaber der abgenutzten Gitarren und Liebesbekundungen an die impulsiven Momente im Leben ist das Wirken von Ru Fus aber gut geeignet. Lange Überlegungen zum Songwriting und der Produktion sollte man sich aber keine machen. Aber wer will dies schon nach mehreren Bieren in dunklen Stunden? Und so schräg wie „Oblivion“ klangen Pearl Jam schliesslich schon lange nicht mehr.

Anspieltipps:
Around My Brain, Oblivion, Blackest Rain

DustInEyes – Rat Race (2016)

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DustInEyes – Rat Race
Label: Slip Trick Records, 2016
Format: Download
Links: Band, Facebook
Genre: Rock

Es macht doch einen Unterschied, ob sich Musiker voller Tatendrang erst vor kurzer Zeit zu einer Band zusammengeschlossen haben, oder bereits seit vielen Jahren zusammen musizieren. Ja, auch im direkten und wilden Rock spürt man dies, da könnt ihr Anzugsträger noch so lange abschätzig lachen. Bestes Beweismaterial liegt nun aus Italien vor, DustInEyes melden sich nach einer mehrjährigen Veröffentlichungspause mit ihrem neusten Werk zurück – „Rat Race“ jagt dabei nicht nur Nagetiere durch die Gassen.

Ausgerüstet mit einem Heisshunger auf laute Musik und lange Nächte – verstärkt mit einer neuen Sängerin – machen sich die drei Mannen auf, mit ihrem sleazigen Rock voller Sexappeal die Türen nicht nur durchzutreten, sondern in kleine Späne zu verwandeln. „Rat Race“ ist ein Nonstop-Erlebnis voller Hormonschübe, heavy Riffing und einer Aggression, die man sonst im Punk vorfindet. Auch wenn man denken sollte, bereits alle erdenklichen Variationen eines arschtretenden Songs gehört zu haben, DustInEyes überraschen die Hörer mit gelungenem Songwriting, geschickt gesetzten Soli und blastmässigen Austritten. Sicherlich, über die gesamte Laufzeit kann dies nicht immer gleich stark funktionieren und einiges wirkt etwas sauber, aber die Gruppe scheisst drauf und kippt lieber Bier über die Fehler.

DustInEyes haben von ihren grossen Vorbildern gelernt – egal ob Metal oder Hard Rock, die Zutaten ergeben hier die perfekte Party-Bowle und Flo reisst mit ihrer rauen und präsenten Stimme den Fokus oft an sich. Der Blues darf bei „Another Day“ mittanzen, Lemmy wird mit einem Motörhead-Cover geehrt. „Rat Race“ macht somit Spass und hat extrem Power, für dosenvernichtende Rocker ist die Scheibe ein gefundenes Fressen. Da macht auch der Staub in den Augen nichts aus, Songs wie „Ask The Dust“ sind einfach rattenscharf. DustInEyes sind zurück, und dieses Mal fällt nicht nur das römische Imperium.

Anspieltipps:
Ask The Dust, Another Day, Fame & Quids

Jovanotti – Lorenzo 2015 CC (2015)

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Jovanotti – Lorenzo 2015 CC
Label: Universal, 2015
Format: Doppel-CD im Mediabook
Links: Discogs, Künstler
Genre: Pop, Rock, Indie, Dance

Jovanotti ist ein Zauberer, ein Arbeiter, ein unmögliches Phänomen. Seit Jahren ist der Künstler aus Italien nicht zu bremsen und bringt in kurzen Abständen Alben voller wunderbarer Lieder heraus. Dabei spart er weder an Einfällen noch an der Menge. Auch bei „Lorenzo 2015 CC“ erwarten den Hörer wieder 30 Stücke, verteilt auf zwei CDs. Wirklich wahnsinnig ist dabei, dass diese lange Platte erneut super geworden ist und keinen Reinfall bietet. Wie schafft man so etwas nur?

Sicherlich lässt sich Lorenzo bei seinen Liedern von anderen Musikern und Produzenten unterstützen und der Kreativprozess gleicht einem Bandverhalten. Doch die endgültigen Entscheidungen fällt immer noch der Meister selber, sonst würde er vor ungenutzter Kreativität platzen. Auch „2015 CC“ ist wieder eine Weiterentwicklung seiner Karriere und bunte Rückschau im Gleichen geworden. Bereits mit dem ersten Lied lässt er die Herzen hüpfen und die Augen nass werden: „L’Alba“ ist ein mitreissendes und wunderschönes Lied über verpasste Chancen und neue Möglichkeiten. In unverkennbarer Art singt und spricht uns Jova aus der Seele und lässt die Musik auf genau diese melancholisch-verträumte Art aufspielen, die mich immer extrem mitnimmt. Dass die Band gegenüber den älteren Alben nun noch etwas elektronischer unterwegs ist, passt perfekt. Zwar erinnern gewisse Lieder zu Beginn etwas an Eurodance, Jova verführt aber immer auf der gesunden Seite der Tanzfläche. Die Produktion ist topmodern und schafft locker den Sprung von Dance zum Indie und Folk-Rock. Dabei wagte der Musiker sich sogar in Gewässer, die an Arcade Fire und ähnlich opulente Bands erinnern. Seine eigene Identität ist aber nie gefährdet, gerade auch wegen der überlegten und sinnvollen Texte. Egal ob Jovanotti über soziale Themen, aktuelles Weltgeschehen oder Ungerechtigkeiten singt, er schafft dies immer mit einer sehr prosaischen Sprache. Die Lockerheit geht ebenso nie verloren, Weltfreude bleibt.

Auf der zweiten CD begeben wir uns mit dem Italiener auf Weltreise und machen nicht nur in Sizilien Halt, sondern vernehmen auch Einflüsse und Rhythmen aus Afrika oder Südamerika. Ob die Bläser aufspielen, Gitarren gezupft werden oder Synths Wände aufbauen, hier wird alles organisch und einheitlich. „Lorenzo 2015 CC“ ist somit ein sehr zeitgemässes Album voller Rock, Indie und Pop. Es funktioniert dabei wie ein Karrierenüberblick und hat so viele tolle Momente vorzuweisen, dass man zuerst etwas überwältigt davorsteht. Mit der Zeit erschliessen sich aber die Schichten und das Werk reisst total mit. Ein weiterer Triumph von Lorenzo.

Anspieltipps:
L’Alba, Tutto Acceso , Il Mondo E Tuo (Stasera), Perché Tu Ci Sei

Live: Jovanotti, Hallenstadion Zürich, 15-12-10

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Jovanotti
Donnerstag, 10.12.2015
Hallenstadion, Zürich Oerlikon

Wer sich intensiv mit unserer Welt beschäftigt, Dinge hinterfragt und sich informiert, der kann schnell mutlos und depressiv werden. Auch ich finde mich momentan in einer Situation, in der alles schwieriger erscheint, zu viel Ungerechtigkeit, zu viel Antipathie. Und dann kehrt das Gefühl der Einigkeit zurück, ein Mann und seine Musik machen die Welt wieder einen besseren Platz. Jovanotti besuchte das Hallenstadion in Zürich und gab der Schweiz Liebe, Melodie und Zusammenhalt.

Der italienische Megastar füllt in Europa Stadien, in seinem Heimatland ist er für euphorische Ausbrüche verantwortlich. Davon war auch in Oerlikon viel zu spüren, das zum grössten Teil italienisch sprechende Publikum zeigte sich von Beginn an ausgelassen und jubelfreudig. Lorenzo hüpfte selber, während den etwa 30 Songs voller Freude pausenlos über die Bühne – mehr Ball als Mensch. Ein unglaublich energetisches Konzert nahm seinen Anfang, die Lieder gingen ineinander über, ausruhen durfte niemand. Aber weder Publikum noch Jovanottis grosse Band wollte dies, lieber liessen sie Schlagzeug, Perkussion, Bläser oder Keyboards heiss laufen. Jova selber bewegte sich über den Steg in die Meute und gab einzelne Songs ganz reduziert mit Gitarre oder E-Drum zum Besten.

Als der Künstler dann plötzlich beim Mischpult auftauchte und dort herumturnte, fühlte man den Menschen hinter dem Namen. Ehrlichkeit und Authentizität machen nicht nur viel von seiner Musik aus, sondern spielten auch bei der Show eine Rolle. Trotz der enormen Grösse fühlte man die Intimität, die Welt und alle Menschen sind eins, wir halten zusammen und müssen positiv denken. Songs wie „L’ombelico del mondo“ oder „Penso Positivo“ erfuhren die Bearbeitung einer weiteren Dimension mit dem riesigen HD-Screen, dem aufwändigen Licht und den Laser. Videos und Filmsequenzen unterstrichen die kritischen und sozial engagierten Texte und Botschaften. Und sogar für Leute wie mich, die dem italienischen nicht mächtig sind, war der Auftritt selbsterklärend und wundervoll.

Ob „Sabato“ oder „Ragazzo Fortunado“, das Konzert gab den Leuten und mir Kraft und den Glauben an unsere Menschheit zurück. So lange es solche Leute wie Jovanotti gibt, wird es auch Hoffnung geben. Mit der Tour zu seiner neusten Platte „2015 CC“ gelang dem Musiker ein weiterer Triumph voller Gefühl und Grösse. Spätestens jetzt bin ich sein Fan und werde ihn hoffentlich noch viele weitere Male auf der Bühne erleben dürfen.

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Verdena – Endkandez Vol.1 (2015)

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Verdena – Endkandez Vol.1
Label: Black Out, 2015
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative Rock

Unglaublich was einem auf „Endkadenz Vol. 1“ bereits in den ersten Liedern empfängt: Wilde Gitarren, Schreie, hüpfende Rhythmen, leise Melodien, grosse Gesten. Und das waren erst drei von 13 Stücken – Wahnsinn! Die italienische Alternative Rock Gruppe Verdena hat 2015 ein neues Doppelalbum auf den Markt gebracht, das aber kundenfreundlich in zwei Teile gesplittet wurde. Volume 1 hab ich mir vor einiger Zeit gekauft und war gleich sofort verliebt in die Platte. Was das Trio an Tiefe und Vielfältigkeit offenbart, sucht seinesgleichen.

Zuerst fällt sicherlich das merkwürdige Klangbild auf. Die Instrumente werden alle extrem verzerrt und verrauscht präsentiert. Die Klänge scheinen aus einem alten Verstärker zu purzeln, alles überschlägt sich selber. Auch die Stimmen kratzen und quietschen, klare und stille Momente findet man nicht. Dabei zeugt die Abmischung von einer unglaublichen Wucht mit enormer Grösse. Egal wie stark alles verzerrt wird, man spürt den Druck und die Lebendigkeit. Somit sind Verdena nur schwierig mit anderen Bands zu vergleichen und machen sich total einzigartig. Hilfreich ist hierbei natürlich auch der Gesang auf Italienisch. Obwohl ich die Sprache nicht verstehe und es auch nicht meine liebste ist, eignet sie sich perfekt um Gefühle und Meinungen auf „Endkadenz“ auszudrücken. Emotionen kommen ungefiltert beim Hörer an, Melancholie mischt sich mit Wut und einer erdrückenden Intensität. Die Musik kann bei dieser Vielfalt mithalten und präsentiert die Gruppe mal als episch, laut und wild rockende Menschen („Ho Una Fissa“), dann wieder als gemütlich aufspielende Zeitgenossen („Nevischio“). Egal ob akustisch, verstärkt oder gar mit elektronischen Spielereien unterlegt, Verdena sind immer Meister und behalten Grenzen im Blickfeld.

Obwohl dies erst Teil eins darstellt, ist das Album erstaunlich lang und voll gestopft – positiv betrachtet. Alle Lieder bersten schier vor Ideen und Experimenten, zu keinem Zeitpunkt wird man der Musik überdrüssig. Dank dem eigenen Klangbild und der ausgewogenen Mischung feiert man „Endkadenz Vol. 1“ von vorne bis hinten ab. Und genau so sollte eine alternative Auslegung eines Genres doch funktionieren. Weg mit den Schubladen und Klischees, her mit der eigenen Identität. Endlich wieder einmal eine Platte, die überrascht und freudig erstaunt.

Anspieltipps:
Ho Una Fissa, Sci Desertico, Rilievo

Live: U2, Pala Alpitour Torino, 15-09-05

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U2
Samstag 05.09.2015
Pala Alpitour, Torino
Setlist

Nun ging es also endlich los, nachdem ich die Tickets für meine Fanatismustour schon im Dezember 2014 ergattert hatte: Das erste Konzert von U2 hiess mich willkommen. Da nutzte ich die Gelegenheit und unternahm einen zweitägigen Trip nach Turin in Italien. Gereist wird natürlich im Zug, das führte mich über Mailand. Da momentan die Expo in der Stadt zu Gast ist, war am Bahnhof einiges los. Doch mit genügend Zeit zum Umsteigen lernte ich die nette Eigenheit der italienischen Eisenbahn ohne Stress kennen: Bis kurz vor Abfahrt ist nicht bekannt, auf welchem Bahnsteig ein Zug fährt. Ebenso muss man vor dem Eintritt in die Halle sein Ticket zeigen, fast wie im Flughafen. Die Stadt konnte ich mir aber nicht anschauen, nur das im Faschismus erbaute Gebäude des Hauptbahnhofes. Eindrücklich, trotz des traurigen Hintergrunds.

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Turin war dann nur noch eine Stunde entfernt. In der Stadt angekommen, war ich gleich überwältigt: So viele schöne Gebäude, alte Strassen mit Pflastersteinen und überall Strassenbahnen – echt hübsch und angenehm gelassen hier. Für mehr als einen kurzen Spaziergang durch die verkehrsfreie Altstadt mit unzähligen Geschäften und Eisbuden reichte es nicht, und ich bewegte mich sobald in Richtung Stadion. Schliesslich würden schon in wenigen Minuten die vier Männer aus Irland auf der Bühne stehen und das ausverkaufte Pala Alpitour in Jubel versetzen. Dank dem Genuss des Fanclub-Vorverkauf konnte ich seelenruhig mein Ticket am Schalter abholen und noch ein Shirt kaufen. In der Halle „musste“ ich mich mit einem Sitzplatz begnügen, doch dies stellte sich als perfekter Einstieg in meine Konzertreihe heraus. So konnte ich die grossartig inszenierte Show ungestört geniessen und bin nun bereit, mich bei den kommenden fünf Konzerten ins Getümmel zu werfen.

U2 kamen um 20.30 Uhr auf die Bühne – zuerst Bono, der sich auf der B-Stage blicken und das Publikum zu „People Have The Power“ von Patti Smith mitsingen liess. Gerne kamen alle dieser Aufforderung nach und es zeigte sich bereits hier, dass das italienische Publikum nicht nur grossartig mitsingt, sondern aus wahren Fans besteht. Keine Zurückhaltung, volle Euphorie und Glückseligkeit. So wurden auch die neuen Lieder von „Songs Of Innocence“ tosend empfangen. Der „Innocence“-Abschnitt bestand vor allem aus neuen Stücken, die nicht nur tief in die Vergangenheit der Band eintauchen, sondern auch persönliche Dinge wie den frühen Tod von Bonos Mutter behandeln. Dank der genialen Untermalung mit Licht und Bild konnte man förmlich durch die Zeit reisen. Zwischen den Bühnen und in der Mitte der Halle befand sich ein gewaltig grosser LED-Screen auf dem Filme, Figuren und Liveaufnahmen gezeigt wurden. In der Mitte dieser Konstruktion befand sich ein Gang, so konnten die Bandmitglieder zwischen den Bildern hin und her gehen und wurden interaktiv mit einbezogen. Selten habe ich eine solch durchdachte Inszenierung von einem Thema gesehen, hier lohnt es sich echt, einen übersichtlichen Platz einzunehmen.

Musikalisch kann die Band natürlich auch nichts falsch machen, zeigten sich die Mannen doch sehr spielfreudig und brachten in fast jeden Song ein Snippet ein. The Edge bearbeitete sein Effektbrett und entlockte der Gitarre faszinierende Klänge, Larry und Adam hielten sich wie gewohnt etwas im Hintergrund und legten den Boden für die Hits. Und davon gab es genügend: „Vertigo“, „Sunday Bloody Sunday“, „Where The Streets Have No Name“, „Beautiful Day“ und so weiter. Klassischerweise durfte eine junge und hübsche Dame – hier Elena aus Neapel – zu „Mysterious Ways“ mit Bono tanzen und ihn in Verlegenheit bringen, und dann wurden gleich vier Jungs aus dem Publikum geholt um mit der gesamten Band auf der „experience“ Bühne „Desire“ zu spielen – genial. Etwas bedächtiger wurde es dann beim Apell an alle, Flüchtlinge willkommen zu heissen und alle Menschen gleich zu behandeln. Beginnend mit „Zooropa“ war dies wohl der eindrücklichste Teil der Show, für den Bono auch den Text von „Pride (In The Name Of Love“) änderte. Sicherlich kann man hier sein Gutmenschentum verurteilen, doch er hat Recht! Und es gehört zur Aussage von U2 und ihrer Musik. Gerade wenn sich tausende von Menschen aus vielen Ländern zusammen in Italien einfinden und somit Ausländer sind, aber gemeinsam eine Welt und ein Gedankengut teilen, dann muss dieser Zustand auch auf den Alltag übertragen werden. Musik verbindet und schnell werden Unbekannte zu Freunden. So lernte ich eine Frau aus Turin kennen, einen Mann aus Irland und ein Paar aus München, welche ich wohl wiedersehen werde. U2 lehren uns, diese Verbindungen in unserem ganzen Leben zu erhalten und immer menschlich zu bleiben.

Beim Zugabenblock war die Stimmung somit noch besser und Liebe füllte den Saal. Und nach einer grossartigen Version von „City Of Blinding Light“ stürmte plötzlich Zucchero auf die Bühne und sang laustark bei „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ mit. Das war für die Italiener natürlich eine echte Ehre und ein perfekter Abschluss für diese mitreissenden zwei Stunden Musik. Ich bin sehr beeindruck von dieser neuen Tour und die Band zeigte sich von ihrer besten Seite. Die nächsten Konzerte in Berlin kann ich kaum erwarten.

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Hier noch einige Bilder von Turin selber. Die Stadt lohnt sich echt, denn nebst oben erwähnten Punkten findet man auch leckeres Essen (wenn nicht in Italien, wo dann), supergut gekleidete Menschen, Freundlichkeit, unzählige Museen und viele grüne Parkflächen und Nebenquartiere.
Also los liebe Leute: Ab nach Italien.

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