Hout

Various Artists – Hout Couture (2017)

Wenn man sich schon ein eigenes Kleid schneidert, dann darf dieses auch etwas extravagant sein. Das dachten sich auch diverse Musikerinnen und Musiker in den Städten Berlin und Basel, als sie zusammen mit Radicalis im Jahr 2017 das Sublabel Hout Records gründeten. Ein völlig neues und freies Spielfeld für experimentelle und andersartige Musik, immer leicht im Jazz fischend, aber sich nie unterordnend. Und mit „Hout Couture“ werden alle zur ersten Vorstellung eingeladen.

Mit neun Tracks erhält man nicht nur einen wunderbaren Überblick über die Bandbreite und Möglichkeiten von Hout, sondern auch ebensoviele Bands mit insgesamt 28 Künstlern. Kein Wunder also, klingen die Resultate sehr unterschiedlich, vom schwebenden Einstieg mit „ed lik mil“ über böse Gesichter in dunklen Bars („59 to 1“) bis hin zu Kompositionsherausforderungen am Ende. Man trifft alte Bekannte wie Monoglot oder freut sich über neue Entdeckungen wie Fleeb – ein Duo, das im elektronischen Pop nahe Julia Holter startet, dann aber doch am Claraplatz landet.

Und wenn „Hout Couture“ vorerst ein Ende findet, dann geht die Suche nach mehr Material und genaueren Infos zu den Künstlern erst richtig los. Ja, die hiesige Szene ist am erstarken, nicht nur in den dunklen und harten Gebieten – und mit Hout Records haben alle Freunde des Leftfield und der Avantgarde ein neues Zuhause gefunden. Da benötigt auch ein alter Mann keinen Weckruf mehr.

Anspieltipps:
Fleeb – kamikaze, onhaufen Deluxe – 59 to 1, Monoglot – Wake Up Song

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Monoglot – Wrong Turns and Dead Ends (2017)

Ihr sucht noch einen Weckton, ein Lied, das euch am Morgen garantiert aus den Träumen reisst? Dann würde sich der „Wake Up Song“ von Monoglot bestens anbieten, dürfen hier Saxophone und Gitarren in wunderbaren Sätzen die geraden Rhythmen für immer verknoten und alle Gehirnzellen in Alarmbereitschaft bringen. Mathrock mit einer grossen Prise Jazz, das zweite Album dieser multilateralen Band macht keine Gefangenen.

Wobei man bei Stücken wie „N192“ schon gefesselt dasteht und mit grossen Augen, Ohren und offenem Mund den Musikern aus Deutschland, Island und der Schweiz zuhört. Was früher bei King Crimson brutal und düster erspielt wurde, das darf hier mit Sonnenlicht und Schwung passieren. Monoglot haben für ihr zweites Album nicht nur extrem viel geübt, sondern auch unzählige Einfälle zu packenden Kompositionen zusammengewoben. Die Lieder auf „Wrong Turns And Dead Ends“ wirken dabei aber immer schlüssig und pendeln wunderbar zwischen Avantgarde, hochkomplexem Rock und eindringlichen Melodien.

Ohne Gesang, dafür mit gleich zwei Tenorsaxophonen positionieren sich Monoglot neben vielen anderen Bands und zeigen der verkappten Jazz-Gesellschaft, dass man alte Tugenden sehr wohl mit modernen und rockigen Zutaten erweitern kann. Das darf auch mal sanft schunkelnd erklingen („Swing“) oder in den Fusionhimmel aufsteigen („Mess“), experimentier- und entdeckerfreudig ist es immer. Alle, die beim Konsum also gerne gefordert werden und viel verdauen können, denen ist „Wrong Turns And Dead Ends“ stark ans Herz – oder den Magen – gelegt.

Anspieltipps:
N192, Swing, Suna Rosa

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.