Hip-Hop

Live: Open Air Basel, Kaserne Basel, 17-08-10 bis 12

Open Air Basel
Bands: Archive, Chinese Man, Bilderbuch, Bombino, Allah-Las, Mammut, Fai Baba, Denner Clan
Donnerstag 10. bis Samstag 12. August 2017
Kaserne, Basel

Es muss nicht immer riesig und eng sein, es reichen kleine Momente der Freude und eine liebevolle Gestaltung. Genau darum ist das Open Air Basel auch weiterhin ein Geheimtipp für Freunde der guten Livemusik. Und obwohl das Festival vor der Kaserne dieses Jahr bereits drei Tage andauerte, war von Grössenwahn nie etwas zu spüren. Mit maximal drei Bands pro Abend auf der grossen Bühne gab es keine Hast, und die Musiker konnten ihre Sets etwas ausdehnen. Ebenso war das Drumherum perfekt auf die Feier abgestimmt und man konnte sich lecker verpflegen, Kleider kaufen oder tauschen und für sinnvolle Organisationen spenden.

Wenn auf der Bühne dann mal keine Künstler sich verausgabten und die Lichter aus blieben, dann fand man plötzlich mitten auf dem Kasernenplatz eine Band, die zwischen Ständerlampe und Vogelkäfig ein paar akustische Songs zum Besten gab. Oder hinter der grossen Bar erklang plötzlich Synthie-Pop, wunderbar frech vorgetragen von We Invented Paris – sogar mit einem Cocktail-Mischer. Da war es manchmal schon fast einerlei, aus welchem Grund man eigentlich an diese Freiluftkonzerte gereist war – das Rahmenprogramm rechtfertigte jede Sekunde. Aber natürlich waren auch die Hauptacts mehr als zufriedenstellend.

Allen voran natürlich die abschliessenden Archive aus England, welche das Open Air samstagnachts mit ihrer dröhnenden Show beendeten. Zwar ohne Holly Martin, dafür mit einer fesselnden Mischung aus alten und neuen Songs auf der Bühne, verflog die Show innert kürzester Zeit. Was mit „Driving In Nails“ begann, baute Berge aus „F*ck U“, „Distorted Angels“ und „Bullets“, um dann mit „Controlling Crowds“ und „Numb“ noch wuchtiger zu enden. Ein perfekt gesetzter Schlusspunkt also, wobei auch Chinese Man diese Aufgabe am Freitag mit Bravour übernahmen. Ihre Mischung aus Hip-Hop, World und modernster, elektronischer Musik war ein Multimedia-Spektakel und Basswunder.

Da hielt es Bombino aus Nigeria am Donnerstag noch etwas einfacher und liess seine grossartige Mischung aus Tuareg-Gitarren und Blues-Rock für sich sprechen. Mit ungewohnten Melodien und packenden Rhythmen tanzte man quer über den Platz. Auch Bilderbuch waren alles andere als normal, alleine dank dem Vorhang aus tanzenden Sneakers. Dazu der extrovertierte Indie-Art-Punk, die frechen Texte und perfekt platzierten Ansagen – Österreich hat eine neue Superguppe. In diese Sphären vorzudringen versuchten auch die Allah-Las aus Kalifornien, ihr eher zurückhaltender Blues-Folk vermochte aber leider nicht so zu packen.

Da hielt die Schweizer Fraktion mit Fai Baba und Denner Clan schon wilder dagegen und zeigte bereits in den hellen Stunden am Donnerstag, dass Surf-Rock oder ausufernder Indie immer noch an ein heutiges Festival gehören. Wie auch der Ecken schlagende Rock der Isländer Mammút, die nicht nur Erinnerungen an Björk wach werden liessen, sondern mit tollem Gesang und guten Einfällen mehr als glücklich machten. Wie auch das gesamte Open Air, was erneut bewies, dass Basel einfach stilvoll ist und bei der Musik mehr als guten Geschmack beweist. Das nächste Jahr sind wir auf jeden Fall wieder mit dabei.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: arms and sleepers, Dynamo Zürich, 17-06-01

arms and sleepers
Support: Silentbass
Donnerstag 01. Juni 2017
Werk21, Zürich

Du erreichst die Schweiz und was ist das erste was du tust? Endlich in den Burger King etwas essen gehen – eine logische Schlussfolgerung für Mirza Ramic, Verfechter des eher fettigen Essens. Aber trozt all diesen Ablenkungen und den hohen Temperaturen im Saal des Werk21 in Zürich war der Künstler mehr als bereit, ein treibendes Konzert mit arms and sleepers zu spielen – und bot zugleich eine der seltenen Chancen, seine Musik mit Band zu erleben. Denn oft zeigt sich Ramic mit Gerätschaften und Keyboards alleine, diesen Donnerstag wurde die packende Mischung aus Post-Rock und instrumentalem Trip-Hop aber mit Schlagzeuger und Organist dargeboten.

Und gleich nach wenigen Minuten war klar: Dieser klangliche Druck tut den neuen Lieder vom Album „Life Is Everywhere“ mehr als gut. Die Beats wurden zu wilden Anfeuerungen, die elektronischen Spielmittel zu umfassenden Wänden und sogar Gitarrenmelodien mischten sich unter die Basis. Schnell versank man in den Songs und bewegte sich im Takt wie ein Grashalm vor dem Subwoofer. Begleitet von tollen Animationsfilmen hüpften arms and sleepers von Stück zu Stück und zeigten, dass auch Liebhaber der Gitarrenmusik nicht vor Hip-Hop Angst haben müssen.

Einander die Furcht zu nehmen war allgemein ein grosses Thema an diesem Konzert – geht es fur Ramic doch nicht nur darum Musik zu spielen, sondern sich dem Publikum anzunähern. Als Solokünstler steht er inmitten der Besucher, mit seiner Band zwar auf der Bühne, aber doch immer zu einem Schwatz bereit. So durfte man auch in Zürich vor den Zugaben, welche auch den Post-Rock wieder in das Dynamo brachten, dem Künstler Fragen stellen und viel Witziges erfahren. arms and sleepers beweisen somit erneut, dass diese Gruppe zu den wohl sympathischsten Musikern überhaupt gehört – und weiss dies auch mit ihren Darbietungen zu unterstreichen.

Silentbass war da eher das pure Gegenteil, was aber kein Nachteil bedeutete. Denn gemäss seinem Namen gab es bei diesem Supporting-Auftritt keine grossen Reden, sondern effektvoll veränderte Bassläufe, modulierte Klänge und mit Loopgeräten geschichtete Lieder. Die Lieder flossen schier übergangslos ineinander und liessen bei vielen die Gedanken in die Ferne schweifen. Auch hier gab es wunderbare Animationsfilme, welche den Post-Rock des Duos perfekt untermalte und das Spiel an den Instrumenten war genau so träumerisch wie die Bilder. Normal war an diesen Konzerten wenig – und das muss auch nicht sein.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

24Dias – Planet Paradise (2017)

24Dias - Planet Paradise

24Dias – Planet Paradise 
Label: Eigenveröffentlichung, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Rap

„I ha en Cheque vo de Bank aber no kei Money / Tusigernote hani / Falte Origami / Payday sali!“ Genau solche, mit viel Herzblut intonierte und sich spitzbübisch reimende Sätze machen die erste Veröffentlichung von 24Dias aus. Benji Häberli, der junge Künstler aus Zofingen, weiss genau, dass er damit alle harten Herze für sich gewinnt. Eine Woche nach dem Erscheinen von „Planet Paradise“ – und ein paar Tage mehr seit dem Kometeneinschlag beim Cypher von SRF Virus – ist es nun allen klar: An diesem Talent kommt keiner vorbei, die Worte stapeln sich einfach zu hoch in der Gegend.

24Dias hat sich, wie schon vor dem Start dieses neuen Projektes, dem Rap verschworen. Clever mischt er dabei die Gangster-Attitüde mit dem Alltagsleben einer Kleinstadt in der sauberen Schweiz. Wobei, clean sind hier wohl nur die Nasenlöcher vor dem Koksen. Wie Benji in seinen wunderbar fliessenden Texten aufdeckt, sind wir doch alle die gleichen Verbrecher. Wenn auch die einen ihre Taten mit viel Geld und Scheinheiligkeit tarnen – aber auf „Planet Paradise“ geht es um dich und ihn. Dazu werden Sätze herausgepresst, es wird geknurrt und verschmitzt gelacht. Und welcher Rapper in der Schweiz webt schon Begriffe wie Ratrac über einen fetten Beat? Eben.

Lieder wie „Ground Zero“ oder „Money Bars“ sind stark produziert und locken mit voluminösem Sound, tollen Melodien und passenden Samples. Und im Gegensatz zu all diesen Möchtegernpropheten im Schweizer Hip-Hop gibt es hier Spass und viele Freude über Wortspiele und schnittige Flows. Mit „Garden Eden“ erhält die EP sogar einen Ruhepol zwischen den tighten Angriffen – doch ganz tröstet dies nicht darüber hinweg, dass nach vier Tracks bereits alles wieder vorbei ist. Egal, Life’s A Bitch And Then You Die!

Anspieltipps:
Ondergang, Ground Zero, Money Bars

King MCH, effelav & Saruco – Hous der ond fegg di (H.D.O.F.D.) (2016)

King MCH - Hous der ond fegg di

King MCH, effelav & Saruco – Hous der ond fegg di (H.D.O.F.D.)
Label: iGroove, 2016
Format: Download
Links: Facebook, King MCH
Genre: Rap, Hip Hop

„Eusi Gsellschaft zerstört so mänge Buebetroum – well alles langsam aber sicher usem Rueder louft.“ Das neuste Album von Marc Hofer, der auch hier wieder unter seinem Pseudonym King MCH zuerst die Gassen von Zofingen und danach die ganze Welt beschreitet, ist ehrlich und direkt. „Hous der ond fegg di“ lässt schon mit seinem Titel klare Worte gelten – hier geht es nicht um die typischen Rap-Klischees und grossgekotztes Gehabe. Das direkte Leben und die persönlichen Empfindungen stehen an erster Stelle und machen aus diesem Hip-Hop-Werk aus dem Aargau ein Meisterstück.

Zusammen mit effeLAV und Saruco hat uns King MCH eine Scheibe vor die Füsse gepfeffert, die auch seltene Geniesser des Rap nach ein paar Durchgängen plötzlich in den Schlund ziehen. Wer mitdenkt, findet sich plötzlich in einer neuen Welt wieder, verspürt dank einzelnen Zeilen Gänsehaut und will mit King MCH für seine Aussagen trinken gehen. Wir leben in der Schweiz nicht in einem schlechten Gebiet, trotzdem zerstört uns die Geldgier der Konzerne und Politiker sukzessive die Moral und Lebensgrundlagen. Aber sich damit abfinden geht nicht. Conscious Rap direkt aus deiner Heimat, „HDOFD“ äussert natürliche Bedürfnisse und Ängste.

Was zuerst noch ohne grossen Zusammenhang scheint, wird von King MCH und seinen Freunden auf „HDOFD“ immer stärker zu einem undurchdringlichen Netz gedichtet. Wir sind Menschen mit Bedürfnissen – pack deine scheiss Arroganz weg. Mit dem Titeltrack folgt der resignierte Abschluss: Gib bloss nicht diesen Texten die Schuld für deine Misere, den Jungs hier ist egal was du tust. Alle konsumieren und vernichten somit die anderen – da will auch King MCH nicht dafür gerade stehen. Hous der ond fegg di! Es ist nicht einfach – aber simpel ist diese Aussage: Wenn du ein Schweizer Rap-Album in diesem Jahr brauchst, dann dieses!

Anspieltipps:
Schwarze Schnee, Nacht & Näbel, Stärnestroub, Hous der ond fegg di!

Live: Open Air Basel, Kaserne Basel, 16-08-12-13

Basel OA-2016_MBohli_4

Open Air Basel
Freitag 12. August 2016
Battles, The Cinematic Orchestra, Serafyn
Samstag 13. August 2016
Beginner, Talib Kweli, The Benjamin Keys Show
Kasernenplatz, Basel

Der Aargau trinkt sich durch das Heitere Open Air, in Zürich ravt man durch die Strassen und Bern feiert die Strassenmusik. Basel hingegen beweist einen Sinn für guten Geschmack und zeigt während zwei Tagen auf dem Kasernenplatz spannende Bands und Momente voller Glück. Das Basel Open Air blieb auch 2016 ein Fest in kleinem Rahmen und mit viel Stil, dieses Jahr thematisch in Rock und Hip-Hop aufgeteilt. Und wer auch ohne live gespielte Lieder auskommt, der konnte sich am Nachmittag am kostenlosen NomiDance in die Freiheit tanzen.

Wobei am Freitag zu den späteren Stunden die geraden Tanzschritte verunmöglicht wurden. Direkt aus New York eingeflogen boten Battles eine Erleuchtung im Bereich der musikalischen Neuerfindung. Als Trio veränderten sie nicht nur die Klänge ihrer Instrumente bis zur Unkenntlichkeit, sondern fusionierten Art-Rock, Jazz, Pop und experimentelle Electronica zu einer neuen Art von Musik. Komplex, faszinierend und neuartig – ein perfekter Abschluss für den ersten Abend. The Cinematic Orchestra gingen zuvor nicht ganz so weit, begeisterten aber mit wunderbar durcharrangiertem Jazz – gefühlvoll und unaufgeregt.

Der Start in die Konzertnächte gehörte an beiden Abenden einer Gruppe aus Basel – freitags betörten Serafyn mit drei weiblichen Stimmen, Cellos und harmonischem Folk-Pop. Und samstags wurde der Rap mit Soul, Funk und Blues aufgelockert. The Benjamin Keys Show füllten den eher spärlich besuchten Platz mit vielen guten Einfällen. Doch lange blieb es nicht leer, denn als Talib Kweli seine intensiven Sprechattacken über die Kaserne schallen liess, fand man vor der Bühne eine begeisterte Masse. Conscious Rap aus den Staaten, voller Angriffslust und gesampelter Wucht.

Die wahre Party stieg danach aber bei Beginner – der legendären Rapkombo aus Hamburg, welche sich in Basel mit Jan Delay zeigte. Ihre Zeilen wurden von hunderten von Besuchern mitgesungen, ihre Beats trafen punktgenau die Magengrube. Mit einer visuell beeindruckenden Show erhellten sie die Nacht und beendeten das diesjährige Basel Open Air mehr als gelungen. Schön, dass man zwischen den grossen Massenveranstaltungen weiterhin kleine Oasen voller hochkarätiger Musik finden kann.

Basel OA-2016_MBohli_5 Basel OA-2016_MBohli_3 Basel OA-2016_MBohli_2 Basel OA-2016_MBohli_1

Moby – Porcelain (2016)

Moby_Porcelain_CD_MBohli

Moby – Porcelain
Label: Little Idiot, 2016
Format: 2 CDs in Digipak
Links: Discogs, Künstler
Genre: Techno, Dance, Hip-Hop

Zusammenstellungen der bekanntesten Lieder sind eine gute Möglichkeit, einen vergessenen oder inspirationsarmen Künstler wieder bekannter zu machen. Moby hätte dies eigentlich nicht nötig, der amerikanische Pionier der elektronischen Tanzmusik ist bis heute in aller Munde und überrascht immer wieder mit neuen Aussagen und Songs. Mit seinem Buch „Porcelain“ gibt es nun aber viele gute Gründe, die musikalischen Anfänge seiner Karriere noch einmal genauer zu betrachten. Und da bietet die gleichnamige Best-Of einige Rechtfertigungen, um die eigene Sammlung mit dem Set zu erweitern.

Moby taucht in seinem Buch tief in die 90er-Jahre ein und erzählt von seinen Anfängen als DJ und Musiker, erklärt die damalige Szene und bleibt dabei immer sehr persönlich. Schnell entsteht beim Lesen somit die Lust, selber an den Partys teilzunehmen und die beschriebenen Songs anzuhören. „Porcelain“ macht dies nicht nur möglich, es versammelt sogar zum ersten Mal bestimmte Mixe und Lieder des Künstlers auf einer Scheibe. Endlich gibt es „Natural Blues“ neben „Go! (Woodtick Remix)“, dazwischen poltert der frühe House und sogar der Gabber. Man fühlt sich versetzt auf Raves, direkt neben dem jungen Moby am Keyboard. Sicherlich hört sich manches heute etwas angestaubt an, die Tracks machen aber immer noch sehr viel Spass.

Um die Zeitreise perfekt abzurunden, bietet die zweite CD eine Auswahl an Stücken, die Moby damals gerne in seinem Studio, seiner Wohnung oder im Club gehört hat. Daraus hört man nicht nur Inspiration und Ansporn, sondern auch einen Querschnitt durch die damalige Szene in New York. Trance und Dance geben Hip-Hop und Punk die Hand, Hauptsache eine starke Attitüde. Hier gibt es vieles zu entdecken und noch mehr zu geniessen, denn die damalige Zeit ist einem selten so nahe wie mit dieser herzvollen Zusammenstellung von Moby.

Anspieltipps:
Go! (Woodtick Remix), Rock The House, Feeling So Real
Pacific State (808 State), Pause (Run DMC), Dream Frequency (Feel So Real)

Spectateur – Yateveo (2016)

Speactateur_Yateveo

Spectateur – Yateveo
Label: The French Touch Connection, 2016
Format: Download
Links: FacebookBandcamp
Genre: Hip-Hop, Beats, Electronica

Schon fast lakonisch kündigt das Label The French Touch Connection die neuste Scheibe vom französischen Beat-Bastler Spectateur an: Elf Stücke, davon neun instrumental gehalten und zwei mit Rap. Dabei lauert hinter „Yateveo“ doch so viel mehr als nur diese einschränkenden Prinzipien des Hip-Hop und der Beats. Natürlich geht es hier vordergründig um die Beats, um den Eindruck und die krass verschränkten Arme. Doch Spectateur ist auch ein Verfechter der Melodien und Synths – eine tolle Mischung.

„Hip Hop / It’s Bigger Than You And I“, darum umgibt sich der Musiker aus Angers gerne mit Freunden und Gleichgesinnten. Bei Tracks wie „GMOS“ lässt er seine Klänge dazu gerne etwas in den Hintergrund treten, die Beats bleiben reduziert. Aber auch da kann es der Künstler nicht lassen und lässt immer wieder Synthspuren und Keyboardlaute zwischen die Sätze tropfen. „Yateveo“ ist ein netter Wolf im Schafspelz, besonders dann, wenn sich die Musik alleine austoben darf. Wer dann reine Beats erwartet wird entführt, denn plötzlich gaukelt einem die Platte Trip-Hop und Electronica vor. Man sitz nickend auf dem Sofa und gönnt sich ein Drink zu „Sorry“, besucht den Tron-Club mit Daft Punk mit „Skylus“ und lebt die multikulturellen Aspekte Frankreichs bei „Bipolar Every Days“. Denn die Klänge aus den Computern und Drum-Machines wirken nie wie Roboter, sondern wie nette Leute und lebensfrohe Gestalten. Wenn sich die Takte beim Intervalltraining duellieren, hört man entzückt zu und geniesst die ruhigen sowie die heftigen Momente ohne Gehetze.

Spectateur hat hier Klangwelten geschaffen, die zwar aus einem Genre mit fetten Autos und noch fetteren Wörtern stammen, in ihrer Reinheit aber umso stärker strahlen können. Seine Tracks sind immer spannend und man ist froh, dass die Melodien und Beats nicht durch Sprechgesang verdeckt werden. Für alle, die also wieder einmal mit verschränkten Armen im Wohnzimmer wippen und dabei doch die elektronischen Spielereien grinsend verfolgen möchten, „Yateveo“ ist ein wunderbar passendes Album.

Anspieltipps:
GMOS, Bipolar Every Days, Skylus

Nevermen – Nevermen (2016)

Nevermen_Nevermen_MBohli

Nevermen – Nevermen
Label: Lex Records, 2016
Format: Vinyl im Gatefold
Links: Discogs, Band
Genre: Avantgarde, Hip-Hop, Electronica

„Nevermen“ – ein Album, das als Rezept nicht nur verwirrend komplex, sondern auch nur für talentierteste Köche geeignet wäre. Die Musik, welche die Menschheit hier erwartet, ist nicht nur neu – sondern auch gefährlich. Wie schnell könnte eine solche Mischung aus Hip-Hop, Rock und Electro als miserables Experiment in den Abgründen der Musikwelt landen. Doch die Talente hinter dieser neuen Gruppe vermögen ein solches Unterfangen locker zu stemmen. Ihre Namen? Mike Patton, Babatunde Adebimpe und Adam Drucker – zusammen sind sie Nevermen, die Zukunft.

Es ist immer wieder schön, wenn man neue Platten entdecken darf, die etwas wagen. Mike Patton, seines Zeichens Vorsteher von Faith No More und abenteuerlicher Tüftler‎, baut seine gesamte Karriere auf den Fortschritt auf und fand darum als Dirigent und Schneider bei den Nevermen einen perfekten Job. Über Jahre hinweg haben Adebimpe und Drucker zusammen gespielt und aufgenommen, doch nie fanden sie die richtige Form ihrer Ergüsse. Jams mit fast einer halben Stunde Länge, welche von alternativem Rock über Break Beat zu Ambient wechseln, waren doch etwas zu viel. Mit dem Einfluss von Patton würde nicht nur das Trio komplett, sondern die Lieder fanden eine passende Form. Wobei natürlich auch jetzt die Stilbrüche und Übergänge immer noch waghalsig sind. Im Minutentakt knallt uns die Band neue Genres vor die Füsse und schmückt alles mit wilden Gitarren- und Syntheskapaden aus. Darüber werden fantastisch ausformulierte Zeilen gerappt und gesungen, trotz der Komplexität wird man bei „Nevermen“ sofort süchtig und aufgeregt. Selten hört man so perfekt ausformulierte Lyrics, welche sich grossartig gegen D’n’B, verträumten Indie und experimentellen Avantgarde behaupten.

„Nevermen“ ist bereits jetzt und ganz klar eine der besten Platten in diesem Jahr. Nevermen sind eine Band, die sogar noch grösser ist als der Begriff Supergroup – und mit ihrer Musik alle Erwartungen und Vorstellungen übertrifft. So schön kann es sein, wenn man endlich auf intelligente Weise alle Regeln bricht. Mit jedem Lied werden neue Türe aufgestossen, alles bisher Dagewesene auf den Kopf gestellt und Musik von Grund auf neu erfunden. Worte genügen hier nicht – nur Ehrfurcht.

Anspieltipps:
Treat ‚em Right, Mr. Mistake, At Your Service

Den Sorte Skole – Indians & Cowboys (2015)

DenSorteSkole_Indians_MBohli

Den Sorte Skole – Indians & Cowboys
Label: Eigenveröffentlichung, 2016
Format: Doppelvinyl im Gatefold, mit Booklet
Links: Discogs, Band
Genre: Remix, Electronica, Jazz, Funk, Hip-Hop

Wisst ihr noch damals, als ihr zusammen mit den Nachbarskindern um die Sandkasten und Sträucher herumgerannt seid, mit den Ästen in den Händen und den Knalllauten aus dem Mund? Die Schwarz-Weiss-Sicht der Welt war doch so einfach, und so gerecht. Die bösen Indianer wurden vertrieben, die guten Cowboys und Verteidiger der Länder siegten. Und all dies, kurz bevor die Mütter zum Abendessen gerufen haben. Den Sorte Skole aus Kopenhagen räumen jedoch mit diesen geschönten Erinnerungen auf und zeigen der Musikwelt, dass eben nicht immer alles in den klar geregelten Bahnen verläuft.

Zuerst wird gleich bei der Deutung des Titels damit aufgeräumt, dass Indianer aus Amerika stammen. Denn wie es die Bezeichnung schon sagt, begeben wir uns hier klanglich und stimmungsmässig in den Osten. Das Duo der schwarzen Schule bringt uns auf ihrem neusten Album die fremden Klänge der indischen Szene näher. Ob man sich da an Klischees aus Bollywood oder den letzten Urlaub erinnert fühlt, fern und ungewohnt bleibt es über weite Strecken. Doch dies ist wunderbar, denn die Musik von Den Sorte Skole will nicht einfach sein, sie will Fragen aufwerfen, fordern und zum genauen Hinhören zwingen. Die DJs versuchen sich bereits zum vierten Mal in Albumlänge an dem Kunststück, eine gesamte Platte nur mit genial kombinierten Samples zu bestreiten. Im Gegensatz zu „Lektion III“ entfernen sich die Künstler aber etwas vom Hip-Hop und Funk, und tauchen tiefer in die Welten des Jazz und elektronischen Remix ein. Dabei bleibt aber immer alles organisch, zusammengemischt aus unzähligen Platten und unbekannten Werken. Dem Vinyl liegt ein dickes Heft bei, in dem nicht nur jede benutzte Quelle aufgelistet wird, sondern auch Hintergrundinfos zur Verfügung stehen. Dies macht es zwar nicht immer einfacher, die abenteuerliche Mischung aus unzähligen Genres zu verstehen, man taucht aber umso tiefer in das Mysterium der Gruppe ein.

„Indians & Cowboys“ nennt sich nicht nur wie ein abenteuerlicher Nachmittag in der Sonne, es bietet auch Musik die sich perfekt für alle Möglichkeiten eignet. Mal abstrakt und verschwörerisch, dann wieder tanzbar und fröhlich. Den Sorte Skole beweisen ein weiteres Mal, dass sie unmögliches wahr machen und aus dem schier unendlichen Fundus an Musik aus der globalen Welt etwas komplett neues zaubern können. Man muss kein Vinylsammler sein, um diese Lust zu verstehen – alleine ein kleines Interesse an Musik und Experimentiergeist löst bei diesem Album unzählige Gefühle aus. Ein handwerkliches und stimmungsvolles Meisterwerk.

Anspieltipps:
Kalaidon, No More, Artifacts

Rihanna – ANTI (2016)

Rihanna_Anti_MBohli

Rihanna – ANTI
Label: Westbury Road Entertainment, 2016
Format: CD im Digipak, mit Booklet und Poster
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: R’n’B, Electronica, Hip-Hop

Es gab diesen Moment, in dem alles Sinn machte. Plötzlich fügten sich die Teile in das Gesamtbild ein, die Verbindungen schlossen sich und das Staunen machte sich breit. Denn eigentlich erwartete ich nicht viel – sicherlich mochte ich einige Lieder und Momente der Sängerin. In meiner Sammlung befand sich jedoch nur ein Album, und ihre Karriere verfolgte ich nicht wirklich. Doch wenn in „Goodnight Gotham“ plötzlich das Sample von Florence + The Machine erklingt, die Nacht düster wird und bedrohlich elektronische Klänge das Album kapern, waren jegliche Bedenken wie weggeblasen.

„ANTI“ ist ein Album, dass nicht nur lange in Arbeit war, sondern auch viele Leben sah. Über mehrere Jahre wurden einzelne Songs veröffentlicht, die Sängerin aus Barbados hielt die Öffentlichkeit an der langen Leine. Und dann plötzlich ist die neuste Scheibe da, gratis und für jeden zugänglich im Internet. Schon das Cover mit seiner verschobenen Darstellung eines Mädchens mit Krone sagt den Wandel voraus. Wo Rihanna zuvor doch oft für schmalzige Balladen und überproduzierte R’n’B-Ausgeburten stand, ist „ANTI“ nun genau sein Titel. Die Musik dreht der Vergangenheit den Rücken zu und erlaubt der Sängerin endlich, ihre Stimme auch in fremdlicher Umgebung auszubreiten. Die Lieder auf ihrem achten Studioalbum sind oft karg, gefährlich und weit entfernt von fröhlicher Club-Musik. Einzelne Gitarrenriffs schneiden sich durch düster gestimmte Synths, die Beats sind wackelnd und stolpern über die Texte, Opulenz hat sich schon lange verabschiedet. Was zuerst abstossend sein will, wächst mit der Zeit zu einer faszinierenden Kollaboration aus unzähligen Produzenten und Künstlern. Denn auch hier liess sich Rihanna die Lieder von einer gewaltigen Liste von kreativen Köpfen massschneidern. Dabei driftet sie mit „Kiss It Better“ in den Gitarren-Pop ab, besucht bei „Needed Me“ Jamie XX und Co. und lässt sich dann blutend aber zufrieden nach Hause tragen.

„ANTI“ ist ein Kaleidoskop aus falscher Erwartungshaltung, Gegenstimme und Eigenständigkeit. Rihanna hat sich endlich von ihren Fesseln losgelöst und ein Album unter ihrem Namen veröffentlicht, das weite Kreise anspricht. Schon immer stand die Sängerin für interessant geschriebene Lieder und gut produzierte Musik, doch erst jetzt kamen der Dreck, die Unvernunft und die Schnittwunden dazu. Die neuste Platte ist voller Überraschungen und Abgründe. Und bietet endlich allen Menschen die Gelegenheit, sich mit dieser Welt anzufreunden und melancholisch mitzutanzen. Wenn auch krumm.

Anspieltipps:
Kiss It Better, Needed Me, Same Ol‘ Mistakes, Goodnight Gotham