Hallenstadion

Live: Yello, Hallenstadion Zürich, 2017-11-30

Yello
Donnerstag 30. November 2017
Hallenstadion, Zürich

Das gab es wohl noch nie: Eine legendäre Band spielt im Hallenstadion in Zürich und fast alle Besucher sehen die Künstler zum ersten Mal live! Wenn man die Geschichte der Electro-Pioniere Yello aber kennt oder genauer betrachtet, dann ist dies nur eine weitere Merkwürdigkeit in ihrer fast 40 jährigen Bandhistorie. Es war schliesslich für lange Zeit nicht mehr realistisch gewesen zu hoffen, Dieter Meier und Boris Blank einmal überlebensgross auf einer Bühne zu bestaunen. Nach ausverkauften Konzerten in Berlin haben die Herren aber daran Gefallen gefunden und sich nun auf eine kleine Tour durch die deutschsprachigen Gebieten gewagt – und natürlich auch in Zürich angehalten. Aber nicht alles Gelbe ist Gold.

Wer seine Musik nie wirklich live darbot und somit auch nicht mit einem Publikum kommunizieren musste, der wirkt automatisch etwas verkrampft. Dies wurde auch Yello schnell zum Verhängnis, wussten sie die meiste Zeit nicht so wirklich, wie auf der Bühne zu stehen und was zu sagen. Das führte zu unfreiwillig komischen Ansagen und Kommentaren, geplant aber nicht geübt. Allerdings war der Dadaismus schon immer ein tonangebendes Element bei der Musik dieser Band, sei es nun in Silbenfolgen, Effekten oder Videoproduktionen. Auch die Show, welche vor allem das neue Album „Toy“ vorstellte, nutzte immer wieder Elemente daraus. Auf einem riesigen Screen fügten sich alte und neue Aufnahmen zu einer geschmacksvollen Präsentation zusammen, Blank versah alte Tracks mit neuem Klangvolumen.

Schön aber, dass auch Klassiker wie „Bostich“ oder „The Evening’s Young“ nicht komplett überarbeitet wurden. Mit einer Liveband versehen, welche sich vor allem durch die Bläsersektion bemerkbar machte, wurde das digitale zwar fassbarer, die Synthies knarrten und piepsten aber wie früher. Basswelle um Basswelle wurde aus dem Datenverkehr eine menschliche Darbietung – und die Stimme von Dieter Meier ist eh immer ein Highlight. Als Gegenpol zu seiner männlichen Erotik erschienen mehrmals die britisch-malawische Sängerin Malia und die Chinesin Fifi Rong im Scheinwerferlicht und machten aus „The Rhythm Divine“ oder „Lost In Motion“ anschmiegende Popstücke. Genau diese klinische Performance liess aber gewisse Risse im Mythos von Yello sichtbar werden.

Klar, ihre letzten Alben waren eher Werke, die sich im Gebiet des alternativen Pop mit Jazz-Anleihen sesshaft machten. So war auch im Hallenstadion meist die Gemächlichkeit der grosse Gewinner, wirklich wild wurden Yello nur mit „Do It“ oder „Si Senor The Hairy Grill“ – aber trotzdem hinterliess dies einen etwas hohles Gefühl. Über die Jahrzehnte haben Meier und Blank mit ihren Kompositionen unzählige Stilrichtungen und Bands beeinflusst, das war auch in Zürich immer wieder zu spüren. Nur leider ging bei diesem Auftritt etwas die Abenteuerlust und verruchte Stimmung verloren. „Vicious Games“ oder „Oh Yeah“ mal in einem Konzert erleben zu dürfen, herrlich. Doch die Erwartungen und Vorstellungen hat das Duo leider an diesem Donnerstagabend nicht komplett erfüllen können. Den Enkelkinder wird man es trotzdem erzählen.

 

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Nick Cave & The Bad Seeds, Hallenstadion, Zürich, 17-11-12

Nick Cave & The Bad Seeds
Sonntag 12. November 2017
Hallenstadion Club, Zürich

Lange hatte ich Angst vor diesem Konzert, vor dieser Begegnung. Die Last und Trauer des Verlustes schienen unüberwindbar, nicht nur von Seiten Nick Caves sondern auch von mir. Das Album „The Skeleton Tree“ und der begleitende film „One More Time With Feeling“ haben tiefe Narben in uns allen gezeichnet und die Wahrnehmung zur Person und Musik für immer verändert. Als dann aber nach dem geglückten Tourstart die Meldung kam, Nick Cave And The Bad Seeds seien mehr als froh, endlich wieder den Kontakt zu den Fans mit Konzerten zu erleben, stimmte dies auch mich hoffnungsvoll. Was sich an diesem stürmisch nassen Sonntagabend dann im Hallenstadion auf intensivste Weise bestätigte.

Vom ersten Ton an, egal ob durch das perfekt gewählte Intro mit „Three Seasons in Wyoming“ (ein Lied vom neusten Soundtrack „Wind River„) oder „Anthrocene“ mit den echten Personen auf der Bühne, war der Auftritt eine Läuterung und ein Beben emotionaler und klanglicher Tiefe. Nick Cave And The Bad Seeds sind keine Band, Musiker oder Künstler, es sind Schamanen, Teufel und Götter – Wesen, die wie Leuchtfeuer vor uns stehen, in uns greifen und unser Dasein umstülpen. Es reichten dazu einzelne und extrem zerbrechliche töne („Into My Arms“) oder dann doch Lawinen an Tonfolgen und Ergüsse die Stücke wie „From Her To Eternity“ zu Ganzkörpererlebnissen machten. Kein Lied war vor dieser bestialischen Klangwucht sicher, die Musiker steigerten sich in Rage.

Dies war auch nötig, denn weiterhin fühlt es sich wie Messerstiche ins Herz an, wenn man Nick Cave dabei zuhörte, wie er die Lieder „Jesus Alone“ oder „The Distant Sky“ intonierte. Der dunkle Schleier wurde zwar nach einigen Songs vom Bühnenrand entfernt und machte Platz für eine eindrückliche Lichtuntermalung, in den Songs steckt er aber für immer und bleischwer. Um all dies kollektiv erträglich zu machen, stürzte sich der Australische Künstler und schwarze Magier der Rockmusik immer wieder in die Leute, liess sich anfassen und legte seine Hände erlösend auf die Köpfe der Besucher. Lieder mit gewissem Schalk wie „Red Right Hand“ brachen die Schwere von vorangegangenen Songs auf, am Ende des Konzertes tauchte Cave nicht nur in den Besucher ein, er lud sie gleich scharenweise auf die Bühne ein.

„And some people say it’s just rock and roll /Oh but it gets you right down to your soul“ – Ein Mantra, das man am Ende der letzten Zugabe „Push The Sky Away“ immer wieder aufsagen möchte. Nick Cave And The Bad Seeds haben in Zürich kein Konzert gespielt, sie haben sich selber und alle Anwesenden die Energie gegeben, unser Aufenthalt auf diesem Planeten zu überstehen. Ob es sich um verlorene Familienmitglieder handelt, Gesellschaften, die sich nicht mehr humanistisch zeigen, oder dem persönlichen Unvermögen, in der Welt klar zu kommen – der Schmerz wurde universal mit Gesang, Gestik, Musik und Berührung gemeinsam angegangen.

Und während sich der Frontmann in seinen Geschichten und Gedanken verlor, die Worte ausspukte, schrie oder flüsterte, wirbelte Warren Ellis zwischen den Instrumenten hin und her, führte wie Rasputin die Band von einem Highlight zum anderen. Live sind Nick Cave And The Bad Seeds nämlich eine fesselnde Urgewalt und bewiesen dies mit alten Klassikern wie „Stagger Lee“ oder aktuellen Schönheiten wie „Magneto“. „Nothing really matters, nothing really matters when the one you love is gone“, doch wir machen weiter und sind gemeinsam da. Und um mehr ging es vielleicht gar nie.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Elton John, Hallenstadion Zürich, 16-12-08

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Elton John
Donnerstag 08. Dezember 2016
Hallenstadion, Zürich Oerlikon

Vor vielen Jahren schenkte mir meine Grossmutter eine Kassette, auf der die Musik zu einem gewissen Film über Löwen und deren Monarchie zu finden war. Doch ich fand schon damals die Rückseite interessanter, gab es da schliesslich viele Lieder eines Musikers zu entdecken, der mit seiner Stimme und dem Klavier perfekte Songs ausformulierte. Und wär hätte gedacht, dass ich viele Jahre später eben diesen Sir Elton John bei einem 20. Auftritt im Hallenstadion bewundern dürfte? Das englische Talent war zwar mit seinen 69 Jahren nicht mehr der agilste, doch an seiner Show liess er wenig zu wünschen übrig.

Kein Wunder, weiss Elton John doch mit so vielen Hits zu jonglieren, dass der Auftritt in Zürich sehr schnell vorüber war. Sicherlich, viel Gewicht lag auf den Balladen und ausgedehnten Versionen seiner Stücke – somit gab es gewisse Momente, in denen man eher im Sitz versank als wild zappelte. Doch wenn der Herr im glitzernden Anzug (mit Initialen bestickt) seine Finger flink über die Klaviatur gleiten liess, kam Leben in das Stadion. „The Bitch Is Back“, „Philadelphia Freedom“, „I’m Still Standing“ oder „Have Mercy On The Criminal“ – hier wurde der Rock’n Roll und Boogie ausgepackt, hier bewegte sich auch die ältere Generation mit viel Freude.

Erstaunlich war, wie wenig Platz seinem bereits 32. Studioalbum „Wonderful Crazy Night“ eingeräumt wurde. Mit nur zwei Liedern war der Gegenwartsmoment sehr kurz, „Looking Up“ unterhielt aber besonders mit der visuellen Zusammenfassung von Elton Johns Karriere. Auf dem riesigen Screen flitzten Brillen, Muster, Farben und ausgefallene Kostüme umher und thronten über der Band. Allgemein waren die Showelemente zwar unauffällig, aber perfekt ausgearbeitet – was auch auf seine Begleitband zutraf. Die Musiker sind Meister ihres Fachs und spielten freudig, durften aber leider nie aus den vorgelegten Bahnen ausbrechen. Dies bewirkte zusammen mit dem eher schlimmen Klang im Hallenstadion eine sehr klinische Wirkung. Wo ist hier das Rebellentum? Hervorzuheben sind allerdings Perkussionist John Mahon und die alten Begleiter Davey Johnstone an der Gitarre und Nigel Olsson am Schlagzeug.

Und wenn schon Klischees bedient wurden, dann durfte mein Herz sich auch bei Liedern wie „Your Song“, „Don’t Let The Sun Go Down On Me“ oder „Goodbye Yellow Brick Road“ erweichen. Sicherlich ist ein solcher Abend das perfekte Programm für Menschen, die zu Hause pflichtbewusst ihre 10-CD-Sammlung verstauben lassen – aber Elton John suchte viel den Kontakt zu den Besuchern, spielte ein Klaviersolo vor „Rocket Man“ und steuerte seine Mannen sogar in eine Jam-Session während „Levon“. Da vergab man dem Anlass sogar das Aufblitzen einer Doppelhalsgitarre oder das unvermeidliche Lodern der Kerze im Wind.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Jean-Michel Jarre, Hallenstadion Zürich, 16-11-18

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Jean-Michel Jarre
Support: Marco Grenier
Freitag 18. November 2016
Hallenstadion, Zürich Oerlikon

Unsere Welt wird bestimmt von Formen, klaren Strukturen und logischen Resultaten – sogar Aspekte wie Emotionen und Schicksal lassen sich mathematisch darlegen. Was für nicht wenige in der heutigen Zivilisation immer mehr die Wahrheit darstellt, wird teilweise auch von Künstlern seit vielen Jahren zelebriert. Zampano und hochverehrter Elektronikpionier Jean-Michel Jarre aus Frankreich weiss mit seinen Kompositionen die Geometrie der Musik klar aufzulösen und neu zu formen. Dies hat sich auch im 21. Jahrhundert mit seinen Kollaborationswerken „Electronica“ nicht geändert.

Diese Scheiben waren auch der Grund für seinen Besuch im Hallenstadion in Zürich, das sich für diesen Abend wieder einmal in seiner gesamten Grösse und komplett bestuhlt zeigte. Ein Umstand, der Segen und Fluch zugleich war – schliesslich nutzt Jean-Michel Jarre gern die ohrenbetäubenden Bässe und Beats, die alle Stahlträger erschüttern. Der Musiker forderte somit seine Verehrer konstant zum Mitklatschen und lautem Jubeln auf, die Leute getrauten sich aber erst nach direkter Bewilligung des Grossmeisters, vor der Bühne zu tanzen. „Brick England“, die Zusammenarbeit mit den Pet Shop Boys, ist aber auch perfekt geeignet, um die Hüften zu schwingen.

‎Neben den Herren aus England schaute noch Edward Snowden bei „Exit“ digital vorbei, für den Rest der Show belebten Jarre und seine zwei Mitmusiker die Halle instrumental. Natürlich durften Ausschnitte von „Oxygène“ und „Équinoxe“ nicht fehlen, sogar einen Ausblick auf das kommende Album „Oxygène 3“ erhielt man bei der Zugabe – der Grossteil der Gleichungen und trigonometrischen Erklärungen von Klangbildern gehörten aber neuen Stücken. Wild zuckendes wie „Conquistador“, sphärisches wie „The Heart Of Noise“ oder technisch abgefahrenes wie die Laser-Harfen-Version von „The Time Machine“.

Sowieso – der Magier mit Bits und Bytes zauberte Melodien an futuristischen Gerätschaften, tausendfach knopfbestückten Synths, iPads und verlor sich auch bei der Gitarre nicht im Abgrund zwischen Mensch und Technologie. Vielmehr nutzte Jean-Michel Jarre diese Mittel, um seinen Auftritt zu erweitern. Er liess seine Handgriffe von einer Kamera am Kopf filmen, verband Publikumsaufnahmen mit der visuellen Show, liess Laserstrahlen und LED-Gitter im Verband leuchten und verbog den Zeitstrahl mit seinen Dreiecken aus Melodien. Er wurde seinem Ruf als Liveereignis gerecht, nur schade war das Publikum oft etwas /// Error: EMOTION UNKNOWN. REBOOT.
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Live: Placebo, Hallenstadion Zürich, 16-11-16

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Placebo
Support: The Joy Formidable
Mittwoch 16. November 2016
Hallenstadion, Zürich Oerlikon
Setlist

Sicher kennst Du dieses Gefühl: Du feierst deine Geburtstagsparty und bestenfalls noch ein rundes Jubiläum oder eine Schnapszahl – und irgendwie hast du Angst, dass die Party dann doch keine Überraschungen bergen wird. Vielleicht ist es zu Beginn wie vermutet, die Gäste müssen sich zuerst an alles gewöhnen und beginnen zögerlich mit dem Feiern. Doch plötzlich wird es wild und du wachst am nächsten Morgen auf und denkst nur noch – wow. Genau so war es beim Jubelkonzert von Placebo auf ihrer 20-Jahre-Melancholie-Tour, auf eine Eingewöhnungszeit folgte die grosse Sause.

Der Halt in Zürich war eine Ehrensache, ist das Publikum in der Schweiz doch schon seit Anbeginn der Karriere der düsteren Rocker immer zahlreich und mehr als begeistert. So auch an diesem Herbstabend im Hallenstadion – man erschien dunkel gekleidet und voller Freude und liess sich von einer wunderbar durchmischten Setliste mitreissen. Sicherlich setzen Placebo – welche auch hier wieder mit wunderbar grosser Band auffuhren – einige Male auf Klassiker und immer noch unwiderstehliche Hits, aber geschenkt. Wenn eine Band wie die Meister aus London in ihrem Werdegang so viele Gassenhauer angesammelt haben, dann darf man sich auch für einmal auf diesen ausruhen und die Thematik des Abends darauf aufbauen.

Brian Molko mit superkurzen Haaren, scheinbar immer noch Jahrzehnte jünger als er eigentlich sein sollte, führte seine Musiker von „Pure Morning“ über „Devil In The Details“ zu neueren Krachern wie „Loud Like Love“. Stefan Olsdal stand schlacksig daneben am Bass und betörte ebenfalls mit dem Piano, doch meist waren Placebo in dieser neusten Inkarnation laut und majestätisch. „Space Monkey“ liess den Saal erbeben, eine rockige und schnelle Version von „Song To Say Goodbye“ liess den packend gefüllten Innenraum wild tanzen. Nach einem Set voller trauriger und schwerer Lieder wurden die Hemmungen abgestreift, und erst bei den Zugaben mit „Teenage Angst“ oder „Infra-Red“ zeigte man sich wieder in depressiver Stimmung.

Und wie es sich für eine Rückschau gehört, wurde das Konzert mit dem Videoclip zu „Every You Every Me“ eingeleitet und während der Show auf grossen Screens mit Einblendungen und wilden Visuals untermalt. David Bowie schaute virtuell bei „Without You I’m Nothing“ vorbei, an Leonard Cohen wurde gedacht und der krönende Abschluss erfolgte mit der Huldigung an Kate Bush – „Running Up That Hill“ ist in der Version von Placebo einfach unschlagbar. Da passte es auch, dass The Joy Formidable als Power-Trio den Abend einleiteten und schon einmal mit ihrem energetischen Rock die Girlanden etwas ansengten und Stühle am Küchentisch umwarfen. Denn eine solche Geburtstagsfeier sollte schliesslich bei niemandem so schnell in Vergessenheit geraten.

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Live: PJ Harvey, Hallenstadion Zürich, 16-10-25

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PJ Harvey
Dienstag 25. Oktober 2016
Hallenstadion Club, Zürich Oerlikon

Langsam und schier andächtig erhebt sich hinter der Bühne eine Wand aus rechteckigen Formen – spärlich beleuchtet und doch extrem wirkungsvoll dank dem überlegten Spiel zwischen Licht und Schatten. Fast unmerklich erscheint dieses einzige Schmuckelement hinter den Musikern und schier übersieht man diese Bewegung. Denn an diesem Auftritt wurde nichts dem Zufall überlassen, hier passiert nichts spontan und ohne Regie. Das Konzert von PJ Harvey und ihrer Band im zum Club verkleinerten Hallenstadion war weit mehr als nur live dargebotene Musik – es war ein künstlerisch wertvolles Spiel zwischen Klang und Theater.

Ohne eine Vorgruppe und in einem straffen Zeitgewand zelebrierte Polly Jean Harvey ihre Musik als konsequente Weiterführung ihres bisherigen Schaffens. Das Rock-Gewand wurde abgestreift, auf der Bühne begleiteten sie neun Musiker an diversen Instrumenten. Immer wieder wechselten die Talente ihre Position und liessen Blechblasinstrumente, perkussive Eruptionen oder tiefe Keyboardharmonien in den Saal gleiten. Die Präsentation von „The Hope Six Demolition Project“ bediente sich unzähliger Erscheinungsarten und war einmal ein zerbrechlich akustisches Pflänzchen, nur um gleich wieder als Bagger elektrische Gitarren und laute Bässe zu zerdrücken.

Der Auftritt wurde zu einem kompletten Geschöpf, PJ Harvey war hypnotisierend in ihren Bewegungen und zog stimmlich alle in ihren Bann. Wie ein dunkler Elf leitete sie die Zuschauer mit ihrer Stimme von tiefen Erzählungen zu hohen Sternenlagen. Ohne Kommunikation zum Publikum ergab sich eine fragile Atmosphäre – man glaubte schier, die Musik verschwände, wenn man den Blick von der Bühne abwenden würde. Es war ein ergreifender Abend, der mit späterem Verlauf auch noch in der Vergangenheit der Künstlerin grub – in seiner reinen Form durch die Zugaben aber fast gestört wurde.

Trotzdem, einen solch perfekten Live-Moment erfährt man viel zu selten. Es war die Elimination von Ego und Personen, komplett dem Inhalt dienend. Und PJ Harvey verlangt mit ihrer Musik ja schon seit langem tiefe Aufmerksamkeit, ihre Lieder sind politische Reportagen und Weltbetrachtungen. Dank genialer Ausleuchtung, noch besseren Musikern und der eigenen, herausragenden Stimme brillierte die Musikerin in Zürich für viel zu kurze Stunden.

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Live: Schiller, Hallenstadion Zürich, 16-10-10

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Schiller
Montag 10. Oktober 2016
Hallenstadion, Zürich Oerlikon

Egal von welcher Seite, egal in welchem Sinne – Schiller2016 im Hallenstadion war ein zweistündiger Ritt, der im grossen Stil ausgeführt wurde. Man fühlte sich zurückversetzt, mitten in die Schlussszene von „Close Encouter Of The Third Kind“ – vor den Augen der Zuschauer stieg ein helles und buntes UFO auf. Unter den Lichtern dröhnten tiefe Basslinien und dazwischen schauten glänzende Augen auf talentierte Musiker. Christopher von Deylen unter seinem Künstlernamen Schiller zu erleben, ist mehr als nur ein weiteres Konzert voller elektronischer Musik.

Seit Beginn des neuen Jahrtausends verbindet der deutsche Künstler mit seiner Musik nicht nur Länder und Altersschichten, sondern auch viele Genres. Was in einem Lied als knarrender Techno beginnt, kann innerhalb weniger Takte zu einem symphonischen Erguss werden – nur um dann gleich wieder in die Gebiete der hitverdächtigen Synth-Pop Lieder zu versinken. Sicherlich, gerade im Stadion wirkten die minutenlangen Klangeruptionen viel stärker als ein Song mit sülzigem Text – aber bei Schiller ist dieses Spiel mit den Polen ein wichtiger Bestandteil des Wirkens. Man liess sich von der Musik in die Lüfte heben, tanzte vor den Stuhlreihen und schloss verträumt die Augen.

Schiller kamen aber nicht nur in die Schweiz, um mit dem neuen Album „Future“ alte Fans erneut zu bekehren – natürlich wurde die absolut gewaltige Licht- und Klangshow auch für ein mitreissendes Best Of-Programm aufgebaut. Zwischen perfekt synchronisierten Farbwechseln, tausenden von Scheinwerfern und beweglichen Lichtracks ertönten „Das Glockenspiel“, „Playing With Madness“ und „Schiller“. Mit wechselnden Sängerinnen und einer gut gelaunt aufspielenden Band wurden die Synthwände quadrophonisch ergänzt. Man tauchte in tiefblaue Welten, schwamm zwischen Musikwellen und zog sich an hellen Lampen wieder an die Oberfläche. Freunde der zugänglichen Electronica, des freundlichen Trance und des gefühlvollen Pop wurden von einem wunderbaren Auftritt überwältigt.

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Live: Muse, Hallenstadion Zürich, 16-05-11 / 12

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Muse
Support: De Staat
Mittwoch 11. Mai 2016 / Donnerstag 12. Mai 2016
Hallenstadion, Zürich Oerlikon
Setliste Mittwoch
Setliste Donnerstag

Wie, dasselbe Konzert gleich zweimal besuchen, an direkt aufeinanderfolgenden Tagen? Was für viele Leute wohl nur ein Grund zum Kopfschütteln ist, sorgt bei Gleichgesinnten – in dem Fall Musikfanatikern – für anerkennendes Nicken. Bands wie Muse sind schliesslich nicht nur bekannt dafür, live mit ihren Instrumenten, sondern auch mit ihren ausgefallenen Shows zu überzeugen. Somit lohnt es sich meist, unterschiedliche Perspektiven an Konzerten einzunehmen. Für die neuste Welttour haben sich die Engländer dazu entschieden, die Bühne in die Mitte der Halle zu stellen und sich somit unter die Fans zu mischen. Natürlich mit viel Projektion, Licht und Spielereien. Doch kann sich die Musik in einem solchen Technikkrieg noch behaupten?

Das Trio Bellamy, Howard und Wolstenholme spielt sich seit Beginn seiner Karriere mit viel Energie und Können in die Herzen der Konzertgänger. Obwohl die Musik sehr technisch daherkommt, spürt man von dieser Schwierigkeit in den melodramatischen Stücken wenig. Muse spielen selbst lange, ausgeklügelte Lieder wie „Citizen Erased“ locker runter – wobei dies am Mittwoch leider einer der wenigen Ausflüge in die harte Vergangenheit war. Mit ihrer Drones-Tour setzt die Band erneut auf Hits und aktuelle Lieder – das Album will schliesslich beworben werden. Ausnahmen wie „Bliss“, „Time Is Running Out“ oder „Hysteria“ freuten die langjährigen Begleiter – „Mercy“, „Undisclosed Desires“ oder „Starlight“ neue Liebhaber und Radiohörer. Die Mischung machts, doch leider griff die Band in Zürich oft in den sicheren Topf und vergass somit viele Highlights ihrer älteren Werke und verlor sich etwas in den elektronischen Klängen.

Die Konzerte waren ganz klar auf die multimediale Show ausgelegt und oft sorgten lange Intros und Videos daher für Unterbrüche. Das liess nicht nur das Tanzbein stocken, sondern auch etwas Kraft aus der Darbietung fliessen. Muse versteckten sich zu oft hinter ihren Leinwänden, Drohnen, drehenden Plattformen und Synths. Sicherlich, die Band war noch nie besonders kontaktfreudig, doch im Hallenstadion griffen sie zu selten zu den dreckigen Gitarren- und Basstönen. Wobei an dieser 360°-Bühne und den bunten Farben nichts auszusetzen ist, besonders vom Sitzplatz aus wurde man regelrecht von der Grösse und der genialen Choreografie erschlagen. Als Besucher im Getümmel blieb einem davon vieles verwehrt, Muse waren dafür fast in Griffweite und tobten mit den anderen Leuten.

Und wenn klanglich nicht immer alles stimmte, dann darf man wohl die Schuld der Kombination aus komplexer Bühne und Hallenstadion zuschieben. Oder war Matthew doch etwas angeschlagen? Denn irgendwie fehlte allem etwas Energie und Druck. Die Konzerte in Zürich machten somit zwar Spass und setzten Massstäbe bei der Bühne – für die Art-Rock Gruppe war es aber eher ein mittelmässiger Anlass. Das konnten sie auch schon ausgewogener, denn Momente wie „Knights Of Cydonia“, in denen alles aufging, gab es zu selten – der Spielraum fehlte.

Sehr witzig und frisch kamen De Staat aus Holland daher. Die Band leitete beide Abende mit einer wilden Mischung aus Alternative Rock, Electro und Hip-Hop ein und machte das Beste aus der grossen Bühne. Obwohl die Halle meist noch spärlich gefüllt war, konnte ihre Musik einige Leute mitreissen und man versuchte in den mehrstimmigen Sprechgesang einzusteigen. Dazwischen holperten Synths vorbei, Gitarren kratzten an den Hallenträgern und das Schlagzeug füllte die leeren Plätze an den Rängen. Ein überraschend anderer Einstieg in das Spektakel.

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Live: a-ha, Hallenstadion Zürich, 16-04-04

Bilder von Anna Wirz: http://awfoto.ch/

Bilder von Anna Wirz: http://awfoto.ch/

A-ha
Support: Max von Milland
Montag 04. April 2016
Hallenstadion, Zürich Oerlikon
Setliste
Bilder: Anna Wirz

Jeder hat eine verbindende Geschichte mit a-ha – und genau darum füllen die Herren aus Norwegen 34 Jahre nach ihrer Gründung noch immer die grossen Hallen. Meine Verbindung beginnt in der Kindheit, bei James Bond und somit einer meiner ersten CDs. „The Living Daylights“ ist ein altes Lied, das im Hallenstadion erst spät Zürich erbeben liess. Doch man traf sich in der Mitte – wohl das Motto des gesamten Abends. Und egal, mit welchem Gefühl man nach Hause ging: Etwas Bitteres blieb haften, und schnell waren viele Dinge bereits wieder vergessen.

Die Schweiz liegt zwischen Schweden und dem Südtirol, Support Max von Milland brachte seine Heimat trotzdem in den grossen Saal. Auf Mundart spielte er hübsche und geerdete Lieder, lief dabei aber oft Gefahr, in Richtung Schlager-Pop abzudriften. Man schunkelte lieber, als sich mit Schmiss ins Konzert zu stürzen. Keyboarderin und Schlagzeuger setzten ihre Akzente, wundersames geschah aber nicht. Obwohl, falsch als Vorgruppe für a-ha war dies nicht unbedingt. Denn auch die Helden von früher wissen, wie man mit Bergen von Zucker umgehen muss. Max zeigte somit volksverbunden und wusste die Zuschauer schon bald zu packen. Seine ehrliche Art konnte man nur mögen.

Wobei das wahre Schauspiel und Theater natürlich erst mit der Synth-Pop Band aus dem Norden begann. Plötzlich hallte lautes Donnergrollen durch das Stadion, und unter Lichtblitzen betraten drei Musiker und eine Sängerin die Bühne. Erstaunlich, dass sich a-ha live von einer solch grossen Band unterstützen lassen. Diese drückte gleich von Anfang an auf das Pedal und holte alles aus den Popsongs heraus. Der wahre Jubel galt aber natürlich dem Kerntrio, das sich kurz danach dazugesellte und den Abend mit „I’ve Been Losing You“ startete. Und plötzlich stockte alles. Frontmann Morten Harket bewegte sich kaum, verzog keine Miene und sang schier emotionslos. Auch Pal und Magne blieben meist an einem Fleck stehen, die Songs knallten ohne Begeisterung auf die Massen herunter. Als bei „Move To Memphis“ auf den Screens alte und halb zerfallene Gebäude gezeigt wurden, konnte man nicht anders, als dies als Sinnbild für a-ha zu sehen. Die Gruppe zeigte sich leider verloren und lustlos, das Konzert war vor allem zu Beginn ein merkwürdiger Mix aus älteren Liedern und neuen Langweilern. Eine Schlagerparty ohne Kraft, ein Pop-Konzert ohne Sexappeal.

Die Leute störte dies nicht gross, jeder Song wurde beklatscht. Wahre Euphorie kam jedoch erst gegen Schluss der Darbietung auf. Die meisten Zuschauer waren sowieso nur wegen Klassikern wie „The Sun Always Shines On TV“, „Hunting High Or Low“ und natürlich „Take On Me“ erschienen – und begannen jetzt endlich zu hüpfen und johlen. Zu spät, um den Abend zu retten, denn die Musik von a-ha ist eingerostet und nicht mehr relevant. Wobei sich die Band an diesem Abend zu viele Hürden selbst in den Weg gelegt hatte. Wieso nicht bereits in der Mitte des Konzertes ein paar solcher Knaller raushauen? Schliesslich versuchte auch die Lichtshow alles grösser zu gestalten, als es war. Man traf sich in der Mitte und sprach plötzlich nur noch von Erinnerungen – und nicht dem eben Erlebten.

Bilder von Anna Wirz: http://awfoto.ch/

Bilder von Anna Wirz: http://awfoto.ch/

Live: Ellie Goulding, Hallenstadion Zürich, 16-02-28

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Ellie Goulding
Support: Sara Hartman
Sonntag 28. Februar 2016
Hallenstadion, Zürich Oerlikon
Bilder: Miriam Ritler

Jeder grosse Popstar definiert sich auf eine spezielle Weise, hat ein bestimmtes Merkmal. Ellie Goulding war schon immer die Frau, die voller Vitalität nach vorne prescht. Nicht nur in ihrem Privatleben mit Ausdauersport und hartem Training, sondern auch als Musikerin. Ihre Konzerte sind geprägt von Ausdauer und Bewegungsfreude, auch im Hallenstadion in Zürich kam die Sängerin selten zur Ruhe. Eine Eigenschaft, die ihre Lieder aus der Masse der Popwelt hervorheben, auch wenn gewisse Stücke scheinbar über sich selber zu stolpern scheinen. Doch genau darum ist die Musik von Frau Goulding so reizvoll und behauptet sich gegen viele andere.‎

Mit der Welttour zu ihrem neusten Album „Delirium“ hat die Frau nun endlich eines ihrer Ziele wahr gemacht: die Konzerte finden in ganz Europa in grossen Hallen statt, tausende von Menschen feiern mit und auf der Bühne bewegen sich nebst der Band auch Tänzer und viele Lichtpunkte auf überlebensgrossen Screens. Ellie hatte schon immer den Anspruch, ihre Musik an grosse Menschenmengen zur überreichen. Wundervoll ist dabei, dass bei ihren Konzerten immer noch Intimität und Ehrlichkeit vorhanden sind. So wandte Ellie sich zwischen den Liedern immer vor Freude sprühend an die Fans, kleidete sich in einer Schweizer Flagge, hüpfte hin und her und tanzte verführerisch. Allgemein weiss sich die Frau perfekt zu präsentieren. In engen und knappen Outfits sang sie alte und neue Hits, Kostümwechsel inklusive. Die Künstlerin wechselte zwischen Hotpants, hautengen Spandexanzügen und einem Hochzeitskleid.

Dabei passte sich auch immer die Atmosphäre der Show an, mal in wild blitzenden Neonfarben und zerrissenen Animationen, dann wieder ganz introvertiert mit Akustikgitarre und einzelnen Scheinwerfern. Egal ob die rollenden Beats zu „Something The Way You Move“ über die Köpfe polterten oder „Outside“ mit seinen Synths das Hallenstadion in einen Club verwandelte – man fühlte sich ernst genommen, willkommen und verstanden. Ellie Goulding freute sich ehrlich über das begeisterte Publikum und liess ihre gesangliche Leistung vom Standard der Studioversionen abweichen. In bester Verfassung betörte mit ihrer sehr eigenen Stimme, egal ob hoch oder tief.

Erstaunlich war, wie gewaltig die Show daher kam. Mit vielen Spielereien, Glitzernebel, Choreographien, sich bewegenden Podesten und Flaggen. Was gegenüber den Auftritten vor ein paar Jahren etwas überhand genommen hat, ist aber nur eine logische Fortsetzung. Ellie landete in der Schweiz schliesslich Hit um Hit und holt sich nun die verdienten Lorbeeren ab. Denn obwohl ihr Synth- und Dance-Pop die Welt nicht neu erfindet, haben ihre Lieder Ecken und Kanten und das zwingende Element. So jubelte man zu „Figure 8“, jauchzte bei „Don’t Panic“ mit oder schwang die Hüften zu „Keep On Dancin'“. Und als sie dann mit dem Zuschauerwunsch „Lights“ überraschte, waren die Leute noch fast euphorischer als beim Abschluss mit „Love Me Like You Do“. Was während dem Konzert aber zu jedem Zeitpunkt klar war: Ellie Goulding ist einfach umwerfend, nicht nur wegen ihrem Aussehen. Die Frau ist real, gibt sich nahe und zeigt ihre Liebe zur Musik und den Menschen. „Army“ zeigte dies perfekt und berührte mit Bildern des Publikums, von Ellies Freunden und dem mitreissenden Schluss. Perfekter Pop? Nein, aber genau darum so grossartig und voller Energie. Wir sind eins.

‎Schön war auch, dass sich diese Verbundenheit und Freude bereits bei Sara Hartman zeigte. Die 20-jährige Amerikanerin lebt in Berlin und durfte den Abend einläuten. Mit sanften Liedern voller Gitarre, toller Stimme und intimen Texten gefiel sie. Und wer ein Lied von Jamie XX mit so viel Klasse covert, der verdient es, auf einer solch grossen Bühne zu stehen. ‎‎

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