Giant Sleep

Interview mit Giant Sleep – Länder verbindender Rock

Im Gespräch mit:
Patrick Hagmann (Gitarre) und Thomas Rosenmerkel (Gesang) von Giant Sleep

Mit ihrer Urgewalt verbindet die Musik von Giant Sleep nicht nur Länder, sondern auch diverse Genres. Man findet in den Songs düsteren Doom, fordernden Prog und elegischen Post-Rock – und trotzdem klingt die Band total eigen. Wie erreicht man eine solche Eigenständigkeit? Zeit, mal etwas genauer nachzufragen.

Michael: Monumental – so simpel lässt sich euer zweites Album „Move A Mountain“ beschreiben. Natürlich wird dieses Destillat der Musik nicht gerecht. Wie würdet ihr es nennen?
Patrick: Ich würde es zeitlos nennen – ein bunte Achterbahnfahrt von den 70ern bis heute, haha.
Thomas: In der Tat monumental, deshalb auch der monumentale Albumtitel und das Artwork.

Die Platte ist erst die zweite, die ihr als Giant Sleep aufgenommen habt. Wie kann man als Band so früh bereits eine solche Dichte im Klang erreichen?
Patrick: Ich denke, ein wichtiger Grund ist, dass wir insgesamt schon sehr lange in verschiedenen Bands und Stilrichtungen unterwegs sind. Mit Markus (Gitarre) habe ich viele Jahre bei bei Fear My Thoughts gespielt, leider ist er neulich ausgestiegen. Unser neuer Gitarrist ist übrigens Ex-Zatokrev-Gitarrist Tobi Glanzmann. Somit ist die Band selber zwar relativ jung, wir machen das aber schon seit Ewigkeiten. Thomas singt sicher schon seit 35 Jahren in Bands.

Eure Musik zehrt von Post-Rock, Stoner, Doom und vielen anderen Unterarten der harten Gattungen. Woher kommen diese Inspirationen?
Patrick: Wirklich jeder von uns hat einen sehr breit gefächerten Musikgeschmack. Ich stehe auf 70er Prog, Black- und Death Metal, Avantgarde-Zeugs, 80er Metal. All diese Einflüsse lassen wir zu, soweit sie von den anderen Mitgliedern auch mitgetragen werden können. Unser Drummer ist z.B. kein Metalfan, da haben meine Black Metal-Riffs eher keine Chance. Wir sind eine sehr demokratische Band, wir achten darauf, dass jeder mit dem Komponierten einverstanden ist.
Thomas: 1977 fand ich im Rinnstein eine Schlagermusikkassette, die jedoch überspielt war mit Musik von Black Sabbath und Golden Earing – seither bin ich Fan.

Ist es ein Einfaches, all diese Einflüsse unter einen Hut zu bekommen, oder baut ihr die Lieder bis zur Aufnahme viele Male um?
Patrick: Die Songs entstehen zum Grossteil sehr natürlich, wir folgen dem Flow und setzen uns wenig Grenzen. Es ist tatsächlich nicht schwer, unsere Einflüsse zu verbinden. Beim ersten Album war es noch so, dass wir vieles umgebaut hatten. Aber mit dem neuen Album waren wir schon so gut aufeinander eingespielt, dass das meiste so auf der Platte gelandet ist, wie es als erste „Rohfassung“ entstanden war.
Thomas: Mal so, mal so. Wir glauben eher an Gewürze als an Rezepte.

Wie geht ihr beim Songwriting denn vor? Ist es eine Klangfindung im Bandraum beim Jam, oder werden gesamte Passagen von einzelnen Mitgliedern erarbeitet und dann zusammengefügt?
Patrick: Ersteres. Wobei es schon vorkommt, dass jemand mit einem oder zwei Grundriffs von Zuhause ankommt. Damit wird dann herumgejammt, bis sich neue Ideen ergeben. Traditionellerweise beginnen wir jede Probe mit einem Aufwärmjam. Aus diesen Jams heraus haben sich schon einige Songs entwickelt. Ich geniesse diese Arbeitsweise sehr, da es in meinen anderen Projekten eher so aussieht, dass ich komplett alles arrangiere, aufnehme, produziere, programmiere und die Musiker, mit denen ich zusammenarbeite, dann das fertige Produkt vorgesetzt bekommen. Ich mag beide Herangehensweisen. Aber das gemeinsame Jammen hat natürlich etwas Organischeres.

Text und Melodie halten sich bei euch gut die Waage – besteht oft die Gefahr, dass etwas zu viel Gewicht erhält und die Lieder somit anders wirken?
Thomas: Da die Texte und Gesangsmelodien alle von mir sind, muss ich wohl mit dieser Gefahr leben. Aber ein bisschen Gefahr ist ja auch spannend.

Beim Gesang werden oft prägnante Sätze mehrmals wiederholt – etwas, das man mit Gitarren für die emotionale Steigerung ebenso einsetzt. Ist die Stimme also ein weiteres Instrument?
Patrick: Diese Wiederholungen haben für mich etwas archaisches, rituelles – ohne jetzt in die okkulte Ecke abdriften zu wollen. Sie versetzen mich und vielleicht auch den Hörer tatsächlich manchmal in Trance-ähnliche Zustände. Der Thomas ist fast schon ein Schamane.
Thomas: Wiederholungen von Phrasen sind halt ein alter Blues-Trick, aber auch schon die Wikinger haben Stab-Reime benutzt. Die Stimme ist das archaischste aller Instrumente. Gesungen wurde schon, bevor das erste Tier getötet wurde. Das Material für Trommeln, Pfeifen und Saiteninstrumente gab es erst danach.

Ihr spielt gerne mit der Verbindung zwischen der Schweiz und Deutschland, auch da ihr Musiker aus beiden Ländern dabeihabt. Doch was hat es sich mit dem „Last Exit Aargau“ denn genau auf sich?
Thomas: Ja, wenn ich am strahlend blauen Himmel das Leibstadtwölkchen sehe, dann weiss ich, im Helvetiapark ist alles in Ordnung, der Reaktor kühlt noch. Ich bin sehr schweizophil. Wir wollten schon mal einen Tunnel unterm Rhein graben und abhauen. Die Polizei hat uns aber gestoppt. „The Last Exit Aargau“ ist ein Heimatlied und sollte ein bisschen Werbung für die Sterbe-Hilfe-Klinik sein, um einige Leute dazu zu bewegen, sich dort anzumelden, z.B. Herrn Trumputin.
Patrick: Thomas, Markus und ich sind direkt an der Schweizer Grenze aufgewachsen. Mein Vater, mein Onkel, meine Frau, viele Freunde, alles Grenzgänger. Das prägt die ganze Region hier schon etwas. Also nicht wirklich tiefgreifend, aber die Konstellationen, Chancen, Begegnungen und Annäherungen, die sich durch diese Lage im Dreiländereck ergeben, sind einfach spannend. Wir spielen gerne etwas mit der Tatsache, dass wir aus verschiedenen Kulturkreisen kommen. Alleine dass wir zum Proben in ein anderes Land müssen und unsere Gitarren oder Amps eigentlich deklarieren müssten, ist doch schon etwas Besonderes (lacht). Bis vor kurzem war die Bandkonstellation: Drei Deutsche in Deutschland, ein Deutscher in der Schweiz und ein echter Schweizer. Jetzt sind es zwei Schweizer, zwei Deutsche und einer 50/50. Das ist doch eine schöne Balance.

Mit „12 Monkeys“, „Love Your Damnation“ oder „Forever Under Ground“ werden nicht unbedingt sehr positive Bilder gezeichnet. Ist die Melancholie der heutigen Zeit einfach zu verlockend?
Thomas: Wie gesagt, ich liebe Doom und düstere Musik. Doch in der heutigen Zeit meine ich eher Dummheit als Melancholie zu erkennen.
Patrick: (lacht) Ich glaube, der Thomas schreibt schon seit den 80ern in diesem Stil. Ist die heutige Zeit melancholisch? Ich weiss es nicht. Die 80er im Schatten des Kalten Krieges, Tschernobyl etc. war sicher auch sehr von Angst, Pessimismus und  Melancholie geprägt. Gab es überhaupt mal eine Epoche der Menschheitsgeschichte, die frei von Krieg und Leid war? Wahrscheinlich nicht, das ist einfach die menschliche Seele.

Giant Sleep haben ein sehr eigenes Klangbild, eure Musik lässt sich selten mit anderen Bands direkt vergleichen. Gibt es denn auch Pläne, euer restliches Auftreten (Design, Bühnen-Outfit etc.) als durchdachtes Paket zu gestalten?
Patrick: Da gibt es durchaus Überlegungen. Aber irgendwie sind wir nebenher auch so sehr mit unserem Tagesgeschäft beschäftigt, dass wir all unsere freie Zeit lieber in das Proben und Schreiben investieren. Zudem hat sich auch herausgestellt, dass jeder komplett andere Vorstellungen von „coolem Bühnenoutfit“ hat. Wir sind schon froh, dass Markus immer das Design übernommen hat, er macht dies hauptberuflich.

Ihr habt alle bereits in anderen Bands gespielt. Wie fühlt es sich denn an, mit Giant Sleep noch einmal „neu“ zu starten?
Patrick: Es fühlt sich sehr gut an. Wir haben mit unseren alten Bands viele Erfahrungen gemacht und wissen heutzutage ganz genau, was wir wollen. Das bringt eine gewisse Gelassenheit mit sich, die sich sehr positiv auf die ganze Band-Atmosphäre auswirkt. Wir sind uns auch alle bewusst, dass wir ein Haufen alter Säcke sind, die sicher nicht der nächste heisse Scheiss werden. Diese Gewissheit nimmt uns Druck. Wir wollen einfach eine gute Zeit zusammen haben, ob im Proberaum oder auf der Bühne. Wenn das ein paar Leute geil finden, super!
Übrigens: Wir suchen Konzerte! Booker, meldet euch!
Thomas: Es macht mich froh und dankbar, mit so fähigen Musikern und grossartigen Charakteren Musik machen zu dürfen.

Welcher Berg müsste eurer Meinung nach bewegt werden?
Thomas: Das ist, glaube ich, individuell verschieden und jeder muss wahrscheinlich selbst wissen, wann und wo die Revolution beginnt.

Wann holen sich die Musiker von Giant Sleep denn den grossen Schlaf?
Patrick: Vier Fünftel der Band haben Kinder. Der grosse Schlaf ist das utopische Ziel, das unglaublich grosse Verlangen, mal wieder anständig schlafen zu können. Ich glaube, Thomas hat noch eine andere Theorie. Die klingt mysteriöser.
Thomas: Giant Sleep ist eine Metapher für den Tod und „bedenke du bist sterblich“ – irgendwann ist halt Sense.

Besten Dank für eure Zeit und weiterhin viel Erfolg.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Giant Sleep – Move A Mountain (2017)

Giant Sleep – Move A Mountain
Label: Eucalypdisc, 2017
Format: Download
Links: Bandcamp, Band
Genre: Prog, Stoner Rock, Post-Rock

Merkwürdig, die Alpen stehen doch gar nicht zwischen Südwest-Deutschland und der Nordwest-Schweiz, trotzdem erwartet einem bei der Musik von Giant Sleep eine wahre Kette an Bergen zum erklimmen. Die fünf Herren stellen uns aber nicht nur Steigeisen zur Verfügung, sie zeigen mit ihrem zweiten Album „Move A Mountain“ auch gleich, dass solche Felsen nicht nur beweglich sind, sondern man diese auch nach eigenem Gutdünken formen kann. Schliesslich geschieht dies hier auch mit den Stilrichtungen – und etwas völlig eigenes und fesselndes entsteht.

Bereits bei „12 Monkeys“ ist schnell klar, Giant Sleep sind keine übergrosse Eintagsfliege – viel mehr ist ihr innovatives Gebräu aus hartem Stoner Rock, den wechselnden Ideenbögen des Prog und den Ausschweifungen des Post-Rock auch auf „Move A Mountain“ fordern und extrem mitreissend. Dies ist dem grossartigen Songwriting zu verdanken, dass aus schweren Riffs, ungeraden Takten und dem leidenschaftlichen Gesang von Thomas Rosenmerkel ein extrem mitreissendes Album formt. Alles hält sich perfekt in Waage, Blues und Metal schleichen sich zwischen die Strophen.

Mit dem Epos „Forever Under Ground“ und dem leidensfähigen Highlight „Love Your Damnation“ zeigen Giant Sleep nicht nur, dass man die Rockmusik immer noch komplett neu gestalten kann, sondern dass Leidenschaft und Intensität immer am besten funktioniert, wenn Musik und Texte komplett ehrlich daherkommen. „Move A Mountain“ ist somit eine dieser Platten, die man zwar stilmässig nirgends richtig einordnen, dafür für alle ihre Facetten inbrünstig liebt. Dieser Heavy Rock wird unser aller neuer Gott.

Anspieltipps:
12 Monkeys, Forever Under Ground, Love Your Damnation

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Wasteland Fest, Stadionbrache Hardturm Zürich, 17-06-24

Wasteland Fest
Bands: Dead Lord, The Monsters, Gloria Volt, Giant Sleep, Sexy, King Zebra, Joules, Bruno, The Monofones
Stadionbrache Hardturm, Zürich
Samstag 24. Juni 2017

Was gibt es schöneres, als die Brache von einem ehemalig wichtigen Gebäude dazu zu nutzen, um alternative Kultur aufleben zu lassen? Erstmalig durfte man diesen Juni nämlich auf der Stadionbrache Hardturm in Zürich vergessen, für was diese harten Asphaltböden eigentlich gedacht sind, und ohne Hemmungen Luftgitarre spielen. Das Wasteland Fest öffnete seine Tore und lud ein zu Hard Rock, Pogo, kühlem Bier und leckerem Essen. Für einen Tag eroberten die Headbanger das Areal!

Glücklicherweise schaute die Sonne dem Treiben meist durch kleinere Wolken zu und verschonte alle Besucher einigermassen vor Sonnenbrand – und das schützende Zirkuszelt bei der Bühne tat den Rest. So wagte man sich bereits bei der ersten Band Joules aus Zürich vor die Lautsprecher und schaute der Truppe auf die Finger. Deren Stoner Rock war so staubig wie die Umgebung und endete in psychedelischen Affären. Davon liessen King Zebra lieber die Finger, machten aber sonst alles wie in den guten alten Zeiten des Glam Rock – und ehrten sogar Neil Young.

Ab diesem Punkt übernahm der harte Rock’n’Roll das Fest komplett und sogar der Aargau liess sich dazu hinreissen, alle Rockposen aus dem Lehrbuch perfekt an das Wasteland Fest zu übertragen. Sexy aus Zofingen zeigten nicht nur ihre Oberkörper, sondern auch ihren leidenschaftlichen Umgang mit den Instrumenten – da blieb keiner trocken. Gut, dass man sich bei den wuchtigen und langen Stücken von Giant Sleep etwas erholen konnte. Der Stoner-Post-Rock rüttelte an den Zeltstangen und liess die Steine am Boden erzittern.

Perfekt für Gloria Volt, um alle Überlebenden mit ihrem biergetränkten Hard Rock noch einmal kräftig durchzuschütteln. Die Winterthurer wurden mit jedem Song etwas zügelloser und das Publikum dankte ihnen mit lautem Gesang, wilden Tänzen und Crowdsurfer. Plötzlich vergassen alle, das man eigentlich lieber gemütlich im Schatten liegen möchte. Ein solcher Auftritt weckte bei allen ungeahnte Kräfte. Und das war auch nötig, zeigten die Berner The Monsters mit ihrem Hardcore Punk Trash schliesslich, dass alle anderen Bands doch in den Kindergarten gehören.

Unter ihrem schönen Kitteln lauerte unbezwingbare Zerstörungswut und zwei Schlagzeuger klopften alles klein. Dass nach einer solchen Darbietung die Leute immer noch nicht genug hatten, sprach eindeutig für die Organisation des Wasteland Fest. Mit viel Leidenschaft und Liebe wurde aus diesem spröden Areal ein Tummelfeld für Fans, Freaks und Familien – und alle versammelten sich friedlich, um die Gitarrenmusik zu zelebrieren. Da war es verdient, gab es mit Dead Lord eine Belohnung aus Schweden, die mit ihrem kraftvollen und gerne auch düsteren Hard Rock alle glückseelig stimmten.

Nun hatte sich auch die Sonne verabschiedet und das Fest liess sich bunt erleuchten und endete mit einem Höhepunkt. Und wieder einmal hat sich gezeigt, dass die besten und schönsten Festivals eben doch die kleinen sind. Falls sich dieses Treffen also einmal wiederholen wird, ich bin bestimmt wieder mit dabei.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.